Vimmerby liegt im nördlichen Smaland und ist längst zur Kultstätte für Alt und Jung geworden: Für Eltern auf der Suche nach ihrer Kindheit, als viele kleine Pippi Langstrümpfe und Karlsons vom Dach die Kindermaskenbälle bevölkerten. Als "Michael aus Lönneberga" im Vorabendfernsehen lief und die Welt in Ordnung war, auch wenn der Lausejunge aus Katthult wieder einmal an einer Holzfigur schnitzen musste, weil er bisweilen Suppenschüsseln aufsetzte und kleine Schwestern flaggte, was seinem Vater Anton keine große Freude bereitete.

Astrid Lindgren hat über 145 Millionen Bücher verkauft und zählt zu den bekanntesten Kinderbuchautorinnen der Welt. 1907 geboren, verbrachte sie ihre Kindheit im Pfarrhof Näs und scheint halb Vimmerby in ihren Geschichten verewigt zu haben, nicht nur die Polizeiwache aus "Kalle Blomquist" und den Limonadenbaum im Park vor ihrem neuen Museum.

Die Drehorte der Verfilmungen manch ihrer Erzählungen liegen nicht weit weg, hinter waldigen Hügeln und versteckten Weihern, die goldig-torfig glänzen, wenn die Abendsonne im Sommer schräg steht. Dann, wenn kleine Kinder eigentlich schon schlafen sollten, irgendwann gegen zehn am Abend.

Kinderfreuden: Schürfen, Paddeln, Planschen.  
- © Günter Spreitzhofer

Kinderfreuden: Schürfen, Paddeln, Planschen. 

- © Günter Spreitzhofer

Lönneberga gibt es übrigens wirklich, ein kleiner Weiler hinter Sevedstorp, zwischen Pelarne und Mariannelund, der von Astrid Lindgren Bullerby genannt wurde: Hier wurden in den 1970ern die "Kinder von Bullerbü" verfilmt, eine Ode an unbeschwertes Landleben zwischen Nordhof, Mittelhof und Südhof. Heute sind die schmucken roten Holzhäuser Privatbesitz und nur von außen zu betrachten.

Kult um Katthult

Der Katthult-Hof, Heimat von "Michael aus Lönneberga", heißt eigentlich Gibberyd und liegt in Rumskulla, 20 Kilometer westlich von Vimmerby. Der Bauernhof ist auch heute bewirtschaftet, mit Pferden und Schafen auf den Wiesen rundum, doch mit Ausnahme des Haupthauses lässt sich's auf dem gesamten Gelände frei bewegen: Von der kleinen Schreinerwerkstatt mit ihren alten Werkzeugen bis zum Haus von Knecht Alfred, vom Plumpsklo (außer Betrieb) bis hinunter in den großen Erdkeller (sehr wohl in Betrieb). Michael, der blonde Lausejunge aus ‘nem Dorf in Schweden, heißt hier übrigens Emil i Lönneberga, da Astrid Lindgren für den deutschen Sprachraum keine Konkurrenz für Erich Kästners "Emil und die Detektive" schaffen wollte.

Die Leute dort leben jedenfalls gut vom Kult um Katthult, der schon über eine Million Menschen angezogen hat: Hof und Scheune sind da wie immer, Michaels Schnitzfiguren, die Wolfsgrube natürlich und auch die Fahnenstange, an der die kleine Schwester Ida gehisst wurde. Und in der Souvenirbude am Eingang finden sich Emil-Stöcke, Emil-Poster und Emil-Schnitzfiguren in vielerlei Größen, zu so fantasievollen Preisen, dass nicht nur Schweden manchmal rot werden.

 

Der Limonadenbaum vor dem Lindgren-Museum in Vimmerby spendet Schatten, löscht aber keinen Durst.  
- © Günter Spreitzhofer

Der Limonadenbaum vor dem Lindgren-Museum in Vimmerby spendet Schatten, löscht aber keinen Durst. 

- © Günter Spreitzhofer

Rund um Vimmerby gibt es eigentlich sehr viel Schweden aus dem Bilderbuch. Die Wassermühle von Stenfors etwa, an einem idyllischen See voller Seerosen. Oder Norra kvill, Schwedens kleinster Nationalpark, mit einer alten Papiermühle in Ösjöförs. Dazu Tusenarsäken, die größte Eiche des Landes mit einem Stammumfang von 14 Metern, die Schiffssetzungen von Storebro oder die Djursdala kyrka, eine Holzkirche mit einzigartigem Altarschrein.
Astrid Lindgrens Welt

Doch Kindern ist das alles meist egal: Denn am nördlichen Ortsrand von Vimmerby liegt "Astrid Lindgrens Värld", ein Freizeit- und Erlebnispark, wo alles dicht beisammen ist, was Kinder und Junggebliebene auch vierzig Jahre danach noch lockt: Live-Shows und Filme die einen, verklärte Erinnerungen die anderen – und Karamelbonbons für alle. Eigentlich sind es viele Welten, die sich bei einem Marsch durch das Riesengelände auftun, vorbei am Kirschtal und der Mattisburg, wo Karlson und der Landstreicher Paradies-Oskar gerade einträchtig Palatschinken jausnen, bevor ihre Showauftritte wieder weitergehen. Rund 475.000 Besucher pro Jahr machen das Areal zu einem touristischen Hotspot: während der Hochsaison werden über 450 Mitarbeiter in Astrid Lindgrens Welt beschäftigt, davon über 120 im täglichen Theaterbetrieb.

An die 50 kurze und längere Aufführungen finden über den Tag verteilt auf den Bühnen der verschiedenen "Welten" statt – von Katthult und Birkenlund über die Mattisburg und die Villa Kunterbunt bis zum spektakulären Drachenkampf der Brüder Löwenherz im Heckenrosental. Auf 120.000 Quadratmetern lohnt ein Flanieren durch die eigene Kindheit, von Schauplatz zu Schauplatz der beliebtesten Kinderbücher von Astrid Lindgren. Wer will nicht Karlsons Dach sehen, oder Nils Karlsson Däumlings Haus, oder die Scheune von Rasmus? Da zum richtigen Moment am richtigen Ort zu sein, ist Herausforderung genug, wenn das Mittagessen in einem der vielen Restaurants nicht und nicht kommen will und die Picknickplätze aus allen Nähten zu platzen drohen. Viele Rezepte dort sind småländische Klassiker, zum Beispiel Kartoffelpuffer mit Speck, eines der beliebtesten Gerichte. Dass Köttbullar – typisch schwedische Fleischbällchen – nicht fehlen dürfen, versteht sich von selbst, obwohl der nächste Ikea weiter ist als man glauben will. Und der Limonadenbaum ist zum Automaten geworden, kein Wunder bei dem Andrang an Mitsommerwochenenden und auch sonst.

Die Villa Kunterbunt: Showbühne für Streiche aller Art. 
- © Günter Spreitzhofer

Die Villa Kunterbunt: Showbühne für Streiche aller Art.

- © Günter Spreitzhofer

Seit 1981 werden das Gelände und das Programm stetig erweitert: Die Villa Kunterbunt etwa, wo Pippi Langstrumpf mehrmals täglich die Polizisten Kling und Klang verulkt und danach wirklich jedes Kind auf dem Kleinen Onkel sitzen will, dem Pferd von Pippi, liegt längst an einem kleinen See, um auch ein wirkliches Piratenschiff ins Takatuka-Land fahren zu lassen. Die Mattisburg ist kaum zu finden, das Schloss von "Ronja Räubertochter", mit abenteuerlichen Gefechten tief im Wald. Auch ein Nachbau von Katthult ist da, wo Knecht Alfred und Magd Lina ihre liebe Not mit Emil haben, der in der Pferdekutsche dreimal täglich unterwegs zum Arzt ist. Seit 2007 gibt es mit "Ferien auf Saltkrokan" den ersten Schauplatz unter Dach, sollte das Wetter einmal nicht mitspielen, was in Skandinavien bisweilen vorkommen soll.
Dazu locken Labyrinthe zum Verstecken, Klettern wie Herr Nilson – Pippis Äffchen – und das Städtchen Vimmerby im Minimundus-Format: Die Häuser sind für Kinder gebaut, die darin nach Herzenslust Unfug machen können, bis der Park sperrt und im Feriendorf daneben die ersten Grillwürste brutzeln. Gut jedenfalls, dass das Gute hier drinnen immer siegt. Und schön, dass es Astrid Lindgrens Welt noch gibt. Nicht nur im Themenpark von Vimmerby, sondern auch drumherum. Bullerbü ist überall.