Als Caro Zierold das erste Mal losging, ging sie einfach los. Mit einem simplen Reiseführer für den GR11. "Ich hatte keine Karten, kein Smartphone, nichts." Der Gran Recorrido ist 820 Kilometer lang und führt auf der spanischen Seite der Pyrenäen vom Atlantik zum Mittelmeer. Wenn man sich nicht verläuft. So wie Caro Zierold. "Das Gute ist: das macht nichts", sagt sie. "Wenn man es geschafft hat, ist man richtig stark und richtig stolz."

Vor sieben Jahren auf dem GR11 hat sie sich nicht nur einmal verlaufen, sondern gleich mehrmals. Sie kam auch in ein Gewitter. In der Nacht. "Ich hatte mein Zelt unter einem Baum. Das Gewitter ging los, es schüttete. Ich wusste nicht, soll ich jetzt mein Zelt abbauen oder lieber nicht. Irgendwann habe ich nur noch geheult vor lauter Panik und schließlich meinen Freund angerufen, der aber natürlich auch nichts machen konnte." Auch das hat sein Gutes: "Danach ist man irgendwie abgehärtet."

Caro Zierold auf dem Te Araroa Trail.  
- © Caroline Zierold

Caro Zierold auf dem Te Araroa Trail. 

- © Caroline Zierold

Caro Zierold ist seit dem ersten Abenteuer noch viele tausende Kilometer weiter gegangen. Den GR10, der ist auf der anderen Seite der Pyrenäen, in Frankreich. 3.000 Kilometer quer durch Neuseeland auf dem Te Araroa Trail. Den Salzalpensteig. Die mehrwöchigen Wanderungen, das sei "die absolute Freiheit": "Du entscheidest, wo du hingehst, ob du weitergehst, ob du eine Pause machst. Es ist alles deine Entscheidung."

Diese absolute Freiheit sollen auch andere Frauen erleben, ohne Angst: Seit kurzem bietet Zierold Onlinekurse an und berät Frauen, die sich allein auf einen längeren Wanderweg machen wollen.

Es gibt eine ganze Reihe von Frauen, die allein losziehen, um allein loszuziehen. Robyn Davidson hatte zwar 1977 bei ihrer Durchquerung der australischen Wüste vier Kamele, einen Hund und zeitweise einen Fotografen bei sich, aber im Wesentlichen war sie allein. Sarah Marquis aus der Schweiz durchwanderte 2000 allein die USA, von Norden nach Süden und hat seither die Welt umrundet, ihre längste Wanderung dauerte mehr als drei Jahre. Die Schweizerin Sandra Wüthrich ging 2019 den Pacific Crest Trail, 4.300 Kilometer von Mexiko nach Kanada.

Allein mit sich und dem Weg sein zu wollen, ist immer noch begründungsbedürftig, wenn es nicht um Leistung geht, nicht darum, einen Berg zu bezwingen oder sich und/oder anderen etwas zu beweisen. Begründungsbedürftig, vor allem vor sich selbst.

"Fürchtest Du, allein als Frau zu wandern könnte zu gefährlich, zu schräg oder schlicht sozial unakzeptabel sein?", fragt eine britische Solowanderin auf ihrem Blog "A Woman Afoot", um sogleich einzugestehen: "Das fürchte ich auch!". Und sie tut es trotzdem und gibt auf ihrem Blog ganz praktische Tipps fürs Solowandern, denn: "Es gibt einen Weg für jeden und jede. Egal welches Alter, welche Geschlechtsidentität oder welches Gesundheitsproblem. Ich hoffe, dass noch mehr marginalisierte Personen (insbesondere Frauen) ihren Platz in den Big Outdoors beanspruchen."

Eine Alpendurchquerung 2017, in sechzig Tagen von Ost nach West, von Ljubljana nach Grenoble, war für Ana Zirner ein Wendepunkt im Leben oder, besser, der erste von vielen Wegen, die sie seither gegangen ist, nachdem sie eine Karriere als Film- und Theater-Regisseurin und als Kulturmanagerin hinter sich ließ und (geprüfte) Bergwanderführerin und Bergsportlerin wurde. "Alpensolo" heißt das Buch, das sie über diese erste Erfahrung geschrieben hat, und inzwischen kann sie sich als die Bergsportlerin sehen, die sie – auch – ist: "Es hat eine Zeitlang gedauert, bis ich mir eine eigene Selbstdefinition zurechtgerüttelt hatte", sagt sie. Es war vor allem Abgrenzungsarbeit.

Am Colorado River. 
- © Anas Ways Bryce National Park

Am Colorado River.

- © Anas Ways Bryce National Park

Allen Ausbildungen und Touren zum Trotz fragte sich Ana Zirner die längste Zeit, was sie zur professionellen Bergsportlerin macht, ob sie überhaupt eine Sportlerin ist. Oder sein will. "Ich bin keine besonders gute Kletterin, ich bin nicht besonders krass unterwegs, ich habe sicher eine bessere Kondition als viele, aber ich bin keine Ultramarathonbergläuferin. Die Fähigkeiten, die mich professionell machen, sind im Kopf und im Herzen. Sie haben damit zu tun, dass ich Intuition habe, dass ich hingucken kann." Das Hingucken hat sie unter anderem bei ihren Solotouren gelernt. "Es geht auch um Sport, aber auch um viel mehr. Dieses viel mehr hat damit zu tun, was es mit mir als Mensch macht."

Ana Zirner ist gerade dabei, wieder ihre Sachen zu packen, Ende Juni geht es los. Sie plant jedes Detail. Das Tarp, eine leichte Zeltplane, die sie in der Nacht vor Regen schützen wird, näht sie selbst. "Sonst wird es nicht so, wie ich das brauche." Sie wird den Kaukasus von Ost nach West durchqueren. Zweieinhalb Monate hat sie sich für die Strecke von 1.300 Kilometern Luftlinie gegeben. "Zum Glück gehe ich ja nicht Luftlinie, es wird also viel weiter. Die dünnere Luft der großen Höhe wird das Gesamterlebnis sicher sehr prägen." Der Kaukasus ist das höchste Gebirge Europas.

Was passiert, wenn man allein sehr weit geht, tage- oder wochenlang im Zelt oder unter freiem Himmel unterwegs ist? Caro Zierold spricht davon, dass "manche das vielleicht langweilig finden", aber für sie ist es so: "Du gehst, du isst, und du schläfst. Das ist alles. Das zu erleben, macht dich so frei im Kopf. Das ist ein absolut cooles Gefühl."

Das coole Gefühl stellt sich nicht sofort ein. Bis es nicht mehr darauf ankommt, wie weit man an einem Tag kommt oder ob man etwas "schafft", vergehen einige Tage. Ana Zirner erklärt: "Es ist ein bisschen, als ob man eine Zwiebel schält. Zuerst muss das ganze Äußere, alles was piept, blinkt und den Alltag taktet, von einem abfallen. Dann fängt man an, nicht mehr so oft auf die Uhr zu schauen, das kommt nach einer Woche vielleicht. So geht es in Phasen, und dann, das ist das Allerschönste, kommt so ein Punkt, wo man das Gefühl hat, dass die Kapazitäten sich weiten. Es ist so euphorisierend, sich so fit zu fühlen. Ich könnte schwören, dass ich besser sehe, rieche, schmecke, höre. Man ist unterwegs, und da wo man ist, ist es gut."

Caro Zierold erinnert sich, wie sie einmal, 2019, in den französischen Pyrenäen die absolute beglückende Gewissheit empfand, in der Natur aufgehoben zu sein: "Ich bin aufgewacht und gleich in der Früh los, und ich habe gefühlt, die Natur tut mir nichts, sie ist einfach nur da, und sie ist mit mir. Ich habe gewusst, hier wird mir nie etwas passieren, hier bin ich sicher."

Ana Zirner. 
- © April Larivee

Ana Zirner.

- © April Larivee

Die Nähe und Verbundenheit zur Natur, die mit jedem Schritt wächst, ist nicht immer leicht zu ertragen. Ana Zirner hat seit ihrer Tour entlang des Colorado River beschlossen, nicht mehr zu fliegen. Zu sehen, wie der mächtige Fluss bei der mexikanischen Grenze nur noch ein trübes Rinnsal ist, war ein Trauma. "Es kam mir vor wie eine Amputation." Zirner kann dennoch mit dem Bewusstsein, dass der Klimawandel die Natur, wie sie sie kennt, zerstören wird, leben. Sie engagiert sich für POW (Protect Our Winters), und in einem ihrer Projekte geht es darum, die Erinnerung an die einstige Mächtigkeit der Alpengletscher wach zu halten, indem sie die Erzählungen von alten Alpenbewohnern aufschreibt und sie, gemeinsam mit einem Fotografen, in ihrem jetzigen Zustand fotografiert. "Um anderen zu sagen: ‚Schaut her, passt darauf auf, solange ihr könnt.‘"

Letztlich ist die Natur mächtiger als das menschliche Tun. Was beim allein weit gehen nämlich auch passiert: "Ich werde mir bewusst, dass ich eigentlich nur ein Staubkorn in diesem riesigen Universum bin. Ich bin völlig irrelevant im Verhältnis zu dieser Natur. Und das ist nicht beängstigend, sondern etwas sehr Schönes."