Gut, die Filmszene ist nicht gerade aus dem Leben gegriffen. Doch ganz unnachvollziehbar ist es nicht, was sich in der Mitte der Komödie "Die nackte Kanone 2 ½" abspielt. Ein Killer schleicht ins Badezimmer von Jane Spencer (Priscilla Presley), sein Blick ist grimmig, die Pistole geladen. Als die Frau unter der Dusche jedoch Marvin Hamlischs "The Way We Were" anstimmt, erweicht sich der Blick des Unholds alsbald. Und schon wenig später stimmt er lauthals mit ein in diese Ballade über eine verflossene, einst so schöne Liebe: "Can it be…that it was all so simple then?"

Gäbe es eine Rangliste der gefühlslastigsten Themen, käme nach der Liebe wohl gleich die Erinnerung. Das wissen freilich auch die Songschreiber dieser Welt und beackern das Gebiet emsig. Mehr als eine Million Treffer fördert eine Google-Suche nach den Begriffen "Memory" und "Popsong" zutage. Dabei lassen sich die Lieder grob in drei Bereiche unterteilen: Songs über eine verblasste Liebe, Nummern der Neigungsgruppe Nostalgie – und Stücke, die jemandem ein musikalisches Denkmal setzen.

Das Prunkstück der ersten Kategorie ist wohl der Beatles-Klassiker "Yesterday". Bedenkenträger mögen zwar anmerken, dass sich die Nostalgie hier in engen Grenzen hält – der Sänger denkt ja bloß an den Vortag zurück. Doch 24 Stunden können ausreichen für jenen Kapitalschaden, den die Liebes-Erinnerungslieder beklagen: Die Zeit hat sich wie eine Barrikade zwischen ein blühendes Herzensglück und welke Trauer geschoben. "A love once new has now grown old", heißt es schlicht am Ende von Simon & Garfunkels "April, Come She Will".

Wobei: Nicht jedes Liebes-Rückblickslied muss unbedingt im Trauerflor antreten. Manch eines erfreut sich schlicht an hübschen Erinnerungen – und animiert dazu, eine flotte Sohle aufs Tanzparkett zu legen, so wie Michael Jacksons "Remember The Time". Ein Song, der nur leider reichlich platt geraten ist. Die lohnende Alternative: Earth, Wind and Fire mit "September" (mit dem naheliegenden Reim "Remember"). Zwar spukt auch durch diesen Text nicht der Geist von Rilke ("Ba-du, ba-du…yeah!"), dafür zählt die Nummer zu den Glanzstücken des Disco-Funks.

Im Regelfall feiert der Pop die Erinnerung aber lieber im bedächtigen Tempo. Das gilt auch für die Gattung der Würdigungsnummern. Prachtbeispiel: Der Huldigungssong "Unforgettable": Die Ballade verdankte ihren Erfolg dem singenden Jazzpianisten Nat King Cole und geriet dann auch für seine Tochter Natalie zum Hit. Die sang das Lied 1991 im Duett mit der Stimme des verblichenen Vaters ein – und verhalf diesem damit zu neuen Ehren. Im Jazz übrigens keine Seltenheit, einen Musiker ins Song-Zentrum zu stellen. So hat der Unfalltod von Trompeter Clifford Brown den Saxofonisten Benny Golson zum Tribut "I Remember Clifford" animiert, und die Bigband-Koryphäe Ellington bekam noch zu Lebzeiten die Würdigung "I Remember Duke" auf den Leib geschrieben.

Aber kehren wir zur Popmusik zurück, die lieber auf zugkräftige Emotionen setzt als auf kennerhafte Reverenzen. Und kommen wir zur Gruppe der Nostalgie-Nummern. Beschwingte Beats gehen hier vor allem mit der Botschaft einher: Hurra, waren das Zeiten! Mann, waren wir damals toll! Bryan Adams‘ "Summer of ´69" hat diesen "best days of my life" eine klischeesatte Bühne bereitet, und Cat Stevens hat sich noch weiter zurückgeschwärmt – bis in den "Old Schoolyard" einer Bilderbuchkindheit, in der es noch "Simplicity" gab, "warm toast for tea" und allenthalben Frohsinn. So schön, schön war die Zeit: Das raunen einem die Freddy Quinns der Popmusik seit jeher zu. Und, zugegeben: Je mehr sich das eigene Lebensschiff von den Jugendstürmen entfernt und auf die stillen Gewässer der Saturiertheit zutreibt, desto mehr ist man versucht, es zu glauben. Besser eine grandiose Vergangenheit im Kopf als gar keine Abenteuer mehr!

Gehaltvoller wirken allerdings jene Lieder, die nicht nur Nostalgiezucker auftischen, sondern auch eine Prise Wehmut beimengen. Wehmut über die Unwiederbringlichkeit der Jugend – und über die Endlichkeit des eigenen Seins. Kaum einer hat dieses bittersüße, eigentliche Aroma der Nostalgie hinreißender angestimmt als Frank Sinatra, als er den epischen Lebensrückblick "It Was A Very Good Year" durchmaß. Auch in der Art, wie Harry Belafontes Gesang durch die karamellsüße Ballade "Try To Remember" gleitet, schwingt ein Hauch Bitternis mit über den Umstand, dass jeder Lebenssommer vergeht. Der Rockstar Bruce Springsteen hat diesen Sachverhalt später deutlich ruppiger ausgedrückt: "Die ruhmreichen Tage verlassen dich", heißt es in seinen "Glory Days". Der Song donnert mit einem robusten 80er-Jahre-Schlagzeug vor sich hin, erzählt aber gleichwohl von fragilen Charakteren im Sturm der Jahre. Ein Thema, das auch Billy Joel in seinen Episodenfilm-artigen "Scenes From An Italian Restaurant" beleuchtet: Das Einzige, was einem sonderbaren Ding namens Zeit hier trotzt, ist die titelgebende Trattoria.

Natürlich: Die (ehrlichen) Songschreiber wissen schon, dass früher nicht alles besser war – und Vergangenes nicht zwangsläufig in Verklärung münden muss. Diese Haltung ist es wohl, gepaart mit grobkörniger Rockmusik, die "When I Was Young" von Eric Burdon and the Animals so viel Energie verleiht: "The rooms were so much colder then / my father was a soldier then / and times were very hard / when I was young", erinnerte sich der britische Rockstar an seine Kriegskindheit. Aber er entsann sich auch, dass dieses Leben viel intensiver war, der Schmerz schmerzvoller, das Lachen lauter. Ein herbes, aber genau darum so hörenswertes Erinnerungsstück einer Welt von gestern.