"Wir fahren jetzt über die ‚Sniper Alley‘", verkündet Elisabet-Joe Harriet. "Sie wird bis heute noch so genannt. Während der Belagerung von 1992 bis 1995 war das die lebensgefährlichste Straße von Sarajevo. Von allen Hügeln ringsum gut einsehbar. Wer hier durch musste, der rannte, immer in der Angst, von einem der Geschosse getötet zu werden."
Was für eine Einstimmung in eine Reise! Elisabeth-Joe Harriet wird der kleinen Gruppe Österreichern Sarajevo und Teile von Bosnien-Herzegowina zeigen. Sie lernte das Land kennen und lieben, als sie ihren Ehemann Friedhelm Boschert, Honorarkonsul von Bosnien und Herzegowina, auf seinen Reisen begleitete. Seither hat sie die Aufgabe einer Kultursprecherin und Kulturförderin übernommen.

Ich hatte nicht erwartet, in ein Postkriegsgebiet zu kommen, in dem Feindbilder und Erinnerungen an den Krieg jahrzehntelang überdauern und das Leben beeinflussen. Bin ich nun Kriegs-Voyeurin, historisch Interessierte oder einfach Touristin? Ehrlich gesagt, am ehesten letztere. Ich war in der Hoffnung gekommen, eine Stadt, ein Land kennenzulernen, das noch nicht vom Massentourismus kontaminiert ist. Außer auf der Brücke in Mostar sollte sich meine Hoffnung durchaus erfüllen.

In der Zeitschaukel

Gleich bei der Ankunft im Hotel sollte sich das Bild des kriegsgeplagten Sarajevo total ändern: In der eleganten Lobby konnte man in einer Auslage Designerschuhe vom Feinsten und Teuersten bewundern. Willkommen in der Welt der westlichen Marktwirtschaft, dachte ich. Das Gefühl, in einer Zeitschaukel zwischen Vergangenheit und Gegenwart hin- und hergeschoben zu werden, sollte mich von da an keinen Moment verlassen. Damit meine ich nicht die übliche Erlebnisweise einer Besichtigung: Hier ein Denkmal mit historischen Fakten und da wir, die Besucher, die Gegenwart. Sondern die Gleichzeitigkeit von andauernder Spürbarkeit und Sichtbarkeit der Kriegsmale und einer Gegenwart, die sich neu orientieren will.

Wir beginnen unseren Rundgang bei der Lateinerbrücke, der ältesten Steinbogenbrücke der Stadt. Zu Zeiten Jugoslawiens war sie nach Gavrilo Princip benannt, dem Attentäter von Erzherzog Franz Ferdinand und seiner Frau Sophie. Später bekam sie ihren ursprünglichen Namen zurück. Mitten auf der Brücke erinnern rote Flecken, die wie Rosenblätter aussehen, an die Menschen, die hier während des Krieges erschossen wurden. Solchen Malen werden wir immer wieder in der Stadt begegnen. Es sind Daseinsmetaphern, denen die Erinnerung an das Kriegsleid immanent ist.

Eindrucksvoll steht auf dem Brückenkopf die Vijecnica, wie das Rathaus und Sitz der Nationalbibliothek genannt wird. Dieser Prachtbau im pseudomaurischen Stil wurde im August 1992 von den Belagerern fast bis auf die Grundmauern zerschossen. Fazit des Angriffs: Zwei Millionen Bücher verbrannten, 22 Menschen starben. Hier beginnt auch die berührende Geschichte des Cellisten Vedran Smajlovic. Er soll in den Trümmern der Bibliothek zweiundzwanzig Tage lang jeden Nachmittag das Adagio von Albinoni gespielt haben. Der aus Vancouver stammende Autor Steven Galloway schrieb darüber den ergreifenden Roman "Der Cellist von Sarajevo". Heute erstrahlt das Gebäude in alter Pracht. Im lichtdurchfluteten Inneren erinnert nichts mehr an die Zerstörung. Die lebensgroßen Fotos von Erzherzog Franz Ferdinand und seiner Frau, die dem Rathaus knapp vor dem tödlichen Attentat einen Besuch abstatteten, berühren: In den Augen der beiden glaube ich eine Ahnung von der Tragödie zu sehen. Gerade waren sie einem Attentat entgangen. Beide bewahrten Haltung, aber die Ahnung einer drohenden Gefahr ist da. Etwa eine Stunde nach dieser Aufnahme wurde das Erzherzogpaar von Gavrilo Princip erschossen.

Das Rathaus in Sarajevo - ein imposantes Gebäude. 
- © Silvia Matras

Das Rathaus in Sarajevo - ein imposantes Gebäude.

- © Silvia Matras

Kunst kann heilen

Am 29. Juni 2014 wurde das renovierte Haus mit den Wiener Philharmonikern unter Franz Welser-Möst feierlich eröffnet. Das Fest begann mit der Nationalhymne von Bosnien und Herzegowina und endete mit dem Schlusssatz der 9. Symphonie Beethovens. Während wir unter der Lichtkuppel stehen, fällt ein Sonnenstrahl durch die Fenster. Ich meine, die letzten Töne von Beethovens Neunter zu hören. Anders als die Blutrosen auf den Plätzen und Straßen Sarajevos scheint mir die Kunst eine solide und echte Vermittlerrolle zwischen der noch immer brodelnden Kriegsvergangenheit und der fluiden Identität der Gegenwart zu bilden.

Die Architektur des Bosniak-Kulturinstitut symbolisiert diese Vermittlerrolle: Eingebettet in die Mauern eines türkischen Bades aus dem 16. Jahrhundert spiegeln sich die Kuppeln des Bades und die Fassaden der Bürgerhäuser in der modernen Glasfassade, die das Institut ummantelt. Architektur als sichtbarer Link zwischen Vergangenheit und Gegenwart. Das Institut beherbergt eine große Sammlung von bosnischen Malern, darunter die beeindruckenden Bilder von Mersad Berber (1940-2012). Es sind gewaltige Gemälde, die das Leid der Frauen thematisieren. Fast immer bedroht ein Pferd, das Symbol für männliche Macht, die Frauen. Ich weiß nichts über das Leben dieses Malers, aber aus den Bildern spricht die tiefe Bewunderung für die Leidensfähigkeit der Frauen. Sie sollen es sein, die die Sprache des Friedens in die noch immer gequälte Gegenwart tragen.

Mix aus Zeiten und Religionen

Sarajevo liegt in einem weiten Tal, umgeben von den Hügeln des Dinarischen Gebirges. Der Fluss Miljacka teilt die Stadt in zwei Hälften, die durch zahlreiche Brücken verbunden sind. Der Blick von einem der Hügel auf die Stadt lässt die Vielfalt der Religionen, die hier zusammenleben, erahnen. Über die vielen weißen Grabsteine eines muslimischen Friedhofs sieht man hinunter bis zur osmanischen Altstadt, aus deren Mitte die Husrev-Beg-Moschee herausragt. Sie wurde im 16. Jahrhundert gebaut und ist die älteste in Bosnien. Am Abend leuchten die Kuppel und das Minarett friedlich in den Nachthimmel. Am Morgen ertönt die leise (!) Stimme des Muezzins, der zum Gebet aufruft. Nicht weit hinter der Moschee ragen die Kuppeln der orthodoxen Kathedrale Mariä-Geburt aus den Dächern der Altstadt empor.

Im Stadtteil Stari Grad liegt die römisch-katholische Herz-Jesu Kathedrale. Besonders stimmungsvoll ist die serbisch-orthodoxe Kirche des Heiligen Erzengel Michael. Ihr Inneres verströmt Ruhe und lädt zur Andacht ein. Gegenüber der Husreb-Beg Moschee liegt die Koranschule. Nach dem Unterricht strömen Mädchen, alle mit Kopftuch und Schuluniform, lachend und Selfies machend, heraus. Sie zieht es vor allem in die süßen Ecken, ins "Mrvica" oder "Badem", wo sie sich vor üppigen Cremetorten oder Rieseneisbechern gegenseitig fotografieren. Die Burschen ziehen trendige Wasserpfeifencafés vor. Im Traditionscafé "Morica Han", der ältesten Karawanserei der Stadt, sitzen Einheimische und Touristen beim bosnischen Kaffee, der in kleinen Kupferkännchen serviert wird. "Orientflair" findet man auch in der Kupferschmiedgasse, wo noch immer nach den herkömmlichen Methoden Leuchter, Schöpfbecher, Kaffeetöpfe und Teller hergestellt werden. Der Klang der Hämmer ist die Musik, die alle Kriege überlebte.

Die Reise erfolgte auf Einladung von Elisabeth-Joe Harriet. www.elisabeth-joe-harriet.com