Was geschieht mit der Vergangenheit, mit der erlebten Geschichte, wenn sie medial vermittelt wird, fragte sich der Film- und Medienwissenschafter Thomas Elsässer 2002 in einer Überarbeitung seines Textes "Un train peut cacher un autre". Der Beitrag war 1995 zuerst erschienen.

Die Vergangenheit, die Geschichte, ist merkwürdig "scheintot", schreibt er: "(Die Geschichte) hat sich plötzlich verdoppelt, und dabei entsteht so etwas wie ein hohler Boden. Während Geschichte einst etwas war, worüber man sich informierte, aus der man Lehren zog oder, wie James Joyce meinte, der Alptraum war, dem man zu entkommen suchte, hat es nun den Eindruck, sie sei nur scheintot. Was man früher durch steinerne Monumente, geschriebene Dokumente oder andere Zeichen der Absenz und der Symbolisierung als einmal gewesen inspizieren konnte, ist dank der Lebendigkeit der Bilder, die die Geschichte (des 20. Jahrhunderts) hinterlassen hat, nicht wirklich "hinter" uns und doch kein Teil unserer Gegenwart."

1955 präsentiert Bundeskanzler Leopold Figl den österreichischen Staatsvertrag auf dem Balkon des Belvedere. 
- © Votava / Imagno / picturedesk.com

1955 präsentiert Bundeskanzler Leopold Figl den österreichischen Staatsvertrag auf dem Balkon des Belvedere.

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Die Massenmedien, das Fernsehen und allen voran der Film, verdoppeln aber nicht einfach das, was war, und halten es unversehrt am Leben. Sie machen es zu etwas anderem, es ist eine gänzlich andere Art der Erinnerung und der Geschichtlichkeit: "Zukünftige Generationen, die die Geschichte des 20. Jahrhunderts betrachten, werden mit den Medien als materiellen Zeugnissen kaum in der Lage sein, Fakten von Fiktionen zu unterscheiden. Doch wird ihnen diese Unterscheidung überhaupt noch etwas sagen?", schreibt Elsässer. Was machen Massenmedien also mit "Geschichte" und mit "Erinnerung"?

Dass sich mit dem Eintritt der Massenmedien in die Welt auch die Geschichte, die Vergangenheit und die Erinnerung verändern, war wohl schon in dem Moment spürbar, als es soweit war. Für die Historikerin Alison Landsberg kommt mit der Wende zum 20. Jahrhundert nämlich ein Phänomen in die Welt, das es vorher so nicht gab: prothetische Erinnerung. "Mit den Massenmedien werden Bilder und Narrative zugänglich, zu denen man eine persönliche Verbindung empfindet, auch wenn man die Ereignisse nicht persönlich durchlebt hat", sagt sie.

Die Erinnerungen sind in mehrfacher Weise "prothetisch": Das perspektivische Erzählen im Film oder auch in Fernsehserien ermöglicht es, nicht nur Erfahrungen zu machen, die man sonst nicht machen würde, sondern auch, diese Erfahrungen aus einer anderen Perspektive zu erleben; nämlich als eine andere Person. Anders als bei selbstdurchlebten Erfahrungen ist den so entstehenden Erinnerungen immer eine Künstlichkeit eigen, die, so Landsberg, bestehen bleibt. Sie sind, sagt sie, "persönlich empfundene öffentliche Erinnerungen. Es sind keine kollektiven Erinnerungen in dem Sinne. Es ist ein persönliches Erleben von Ereignissen, das aber zugleich aus dem eigenen persönlichen Erleben herausfällt."

"Das Gehirn ist kein objektiver Speicher"

Film und Fernsehen machen aus öffentlichen Ereignissen ein Narrativ. Eigentlich läuft dies der Form, wie wir uns erinnern, zuwider. Unsere persönlichen Erinnerungen sind fragmentarisch, nicht chronologisch, für sich selbst genommen ohne Sinn und Struktur. Ob Erinnerungen echt sind oder nicht, spielt für das Gehirn keine Rolle. "Man muss verstehen, dass unser Gedächtnis, auch unser Langzeitgedächtnis, kein objektiver Speicher ist. Was wir erfahren, wird immer mit schon vorhandenen Gedächtnisinhalten vermischt, es wird immer aktualisiert. In dem Moment, wo wir uns erinnern, ist die Erinnerung bereits verändert", sagt Gerhard Roth.

Nach den Anschlägen vom 11. September 2001 in New York. 
- © APA / AFP / Reuters Pool Brad Rickerby

Nach den Anschlägen vom 11. September 2001 in New York.

- © APA / AFP / Reuters Pool Brad Rickerby

Erinnerungen haben für sich genommen keinen "Wert" aus biologischer Sicht. Das Gehirn will nicht in der Vergangenheit schwelgen, es will Probleme lösen. "Es geht darum, herauszufinden, was jetzt am besten zu tun ist." Für den Neurowissenschafter ist es wenig erstaunlich, dass Bilder und Filme Vergangenheit mindestens ebenso sehr herstellen wie sie sie abbilden. Die "Künstlichkeit" der prothetischen Erinnerung mag uns bewusst sein, aber diese Bewusstwerdung ist eine intellektuelle Anstrengung, ein bewusstes sich in die Gegenwart versetzen. "Jede Erinnerung ist sozial überformt", so Roth. "Je öfter wir eine Erzählung hören oder Bilder und Filme sehen, desto mehr gräbt sich das Wahrgenommene in die eigene Erinnerung ein. Letztlich wird es ununterscheidbar, zumindest können wir uns nicht hundertprozentig darauf verlassen, dass das, was wir erinnern, der Wahrheit entspricht, und nicht einmal, dass wir es selbst erlebt haben."

 

Der Film setzt an die Stelle der intellektuellen Vergegenwärtigung von Vergangenem in Wort und Schrift eine affektive, gefühlsbestimmte Bindung zum (fiktiven oder fiktionalisierten) Geschehen. Landsberg untersucht derzeit als Historikerin wie Fernsehserien und Filme große nationale Narrative verändern und damit auch verändern, wie eine Gesellschaft über sich selbst denkt.

Während der Soziologe Maurice Halbwachs, auf den der Begriff kollektive Erinnerung zurückgeht, überzeugt war, dass jede Erinnerung eine kulturelle und sozial geteilte Erinnerung ist, weil Erinnerungen der bevorzugte Weg sind, wie sich Gesellschaften reproduzieren, gilt Landsbergs Interesse dem disruptiven und verändernden Potenzial von Erinnerung. Sie untersucht Filme und Fernsehserien wie "Watchmen" oder Jordan Peeles Horrorfilm "Get out" und ihre Kraft, etwa den Mythos eines Amerika, in dem die Hautfarbe keine Rolle spielt und die Vergangenheit als Sklavenhaltergesellschaft als "überwunden" gilt, als einen solchen Mythos zu zeigen. Dieser Mythos eines "postracial America" ist problematisch, so Landsberg, denn er lenkt den Blick weg von den Kontinuitäten des Rassismus und der geteilten segregierten USA. Filme können aber diese Kontinuität sichtbar machen. Nicht als Vergangenheit, sondern als Schlaglicht auf die Gegenwart: "Die Massenmedien haben eine Art Feel-good-Erzählung über das moderne Amerika verbreitet, aber das beginnt sich nun zu verändern."

"Watchmen", eine HBO-Serie nach einem Marvel-Comic, rückte das Massaker von Tulsa, bei dem ein weißer Lynchmob 1921 ein schwarzes Stadtviertel niederbrannte und 300 Menschen ermordete, wieder in das öffentliche Bewusstsein und stellt damit die dominierende Erzählung über das postracial America in Frage. "Es wird sichtbar, dass Geschichte nicht als lineare Entwicklung lesbar ist, sondern auch als ein radikales Projekt", sagt Landsberg. Wenn Jordan Peele in "Get out" die Auktion eines afroamerikanischen Mannes in einem Garten irgendwo im Staat New York stattfinden lässt, holt dies schlagartig die Sklaverei in die Gegenwart. "Solche Bilder haben eine sehr starke Macht, sie lassen uns völlig anders über die Gegenwart denken."

"Get out" von Jordan Peele. 
- © Justin Lubin /Universal Pictures "Get Out" auf 4K Ultra HD, Blu-ray, DVD und Digital erhältlich (Universal Pictures)

"Get out" von Jordan Peele.

- © Justin Lubin /Universal Pictures "Get Out" auf 4K Ultra HD, Blu-ray, DVD und Digital erhältlich (Universal Pictures)

Bis zu einem gewissen Grad stehen Bilder und Filme heute für das Ereignis selbst. Die Erinnerung ist untrennbar mit der medialen Erinnerung verbunden, soweit, dass das Medium an die Stelle der Erinnerung tritt. "Die (erste) Große Depression der USA ist Dorothea Langes Migrant Mother, und der Vietnamkrieg ging in die Erinnerung ein als das Foto eines nackten Mädchens mit von Napalm verbrannter Haut, mittlerweile unter ihrem richtigen Namen Kim Phuc bekannt. Solche in den Medien immer wieder zitierten und zirkulierenden Bilder sind es, die die Grenzen verschieben, welche einst Erinnerung (als die Wahrnehmung der Vergangenheit durch ein lebendiges Bewusstsein) von Geschichte (als die professionell legitimierte oder kollektiv ausgehandelte Version jener Vergangenheit) trennten", heißt es bei Thomas Elsässer in einem Beitrag aus dem Jahr 2012. Der Filmhistoriker machte sich aber bereits 2002 über die Fragmentierung des kollektiven Erlebens und Erinnerns Gedanken, weit vor Social Media. "Der Widerspruch, der sich auftut, ist der einer sich immer mehr monadisierenden Gesellschaft, die ihre Mitglieder über die Medien aneinanderbindet, was bedeutet, sie emotional an einer Vielzahl von Geschichten zu beteiligen, die nicht die ihren sind, während zugleich der Glaube an das Singuläre, Zusammenhängende und Individuelle bekräftigt wird", schrieb er in "Un train peut cacher un autre". Und: "Nun, da die audiovisuellen Medien nicht nur ‚Geschichte schreiben’, sondern dabei selbst ihre eigene Geschichte mitschreiben und eine Art Erinnerung der zweiten Ordnung erzeugen, ist es diese Darstellung, sind es diese Bilder, die zur Realität zweiter Ordnung geworden sind. Wenn wir fragen, ‚Erinnerst Du Dich an den Tag, an dem John F. Kennedy erschossen wurde?‘, meinen wir nicht in Wirklichkeit, ‚Erinnerst Du Dich an den Tag, an dem Du im Radio davon gehört hast, dass John F. Kennedy erschossen wurde?‘"

 

"Migrant Mother" von Dorothea Lange 1936. 
- © By Dorothea Lange United States Library of Congress

"Migrant Mother" von Dorothea Lange 1936.

- © By Dorothea Lange United States Library of Congress

Doch die Medien sind nicht gleich: Für Alison Landsberg besteht der wesentliche Unterschied zwischen Foto und Film indes darin, dass Fotografien ohne Narrativ auskommen. Dem Film begegnet man von der Subjektposition aus, in die einen der Film hievt. "Der Film lässt einen die Geschichte durch die Augen und aus dem Blickwinkel einer anderen Person sehen", so Landsberg. "Das tut ein Foto nicht. Dem Bild begegnen wir immer als wir selbst."

Das Problem mit den auf Social Media zirkulierenden Bildern ist nun, dass sie ihre eigene Vermitteltheit verleugnen. Anders als die audiovisuellen Medien bei Elsässer lassen sie keine Distanz zwischen Wahrnehmendem und Medium zu. Die Bilder tun so, als seien sie keine Medien. Sie zeigen die Welt scheinbar so, wie sie ist. "Das ist wahrscheinlich ein Grund, warum sie so gern geteilt werden", sagt Landsberg. "Sie wirken so unvermittelt." Bilder stellen damit auch die Perspektive des Betrachters nicht in Frage und tragen so still dazu bei, dass Narrative sich nachhaltig halten können. Bilder, so kann man interpretieren, sind konservierender als Film, aber Medien evozieren eine Vergangenheit, die (so) nie war.

Was geschieht mit der Vergangenheit in der Zukunft? "Ich denke nicht, dass die großen nationalen Erzählungen verschwinden. Ich denke auch nicht, dass mit Social Media die kollektive Erinnerung verschwindet oder die öffentliche Erinnerung. Aber unter der Oberfläche gibt es sehr wenig Konsens darüber, wer wir sind oder wohin wir als Gesellschaft gehen."