Wenn die Sonne hinter dem Horizont versinkt und das helle Blau des Himmels langsam dunkler wird, macht sich das Firmament für ein Schauspiel der besonderen Art bereit. Der erste Akteur ist bereits am Horizont aufgetaucht, noch klein und undeutlich in der einsetzenden Dämmerung, doch die Dunkelheit und das samtene Schwarz des Nachthimmels werden ihm bald zu wahrer Pracht verhelfen: Der Abendstern kündigt den Beginn eines zwar lautlosen, aber umso prachtvolleren Spektakels an. Keine Wolke ist zu sehen und die Lichtverschmutzung hält sich in Grenzen – gute Voraussetzungen, das nächtliche Lichtermeer hoch über unseren Köpfen zu genießen und zu bestaunen - so weit entfernt, so atemberaubend schön, so faszinierend.

Frühe Hinweise

Immer mehr werden es, kleine und größere Lichtpunkte, die wohl bereits prähistorische Menschen betrachtet und sich Geschichten dazu ausgedacht haben. Vermutlich haben sie schon Sternbilder erkannt oder zumindest auffällige Konstellationen: Forscher glauben, dass eine Ansammlung von schwarzen Punkten in der rechten oberen Ecke einer bemalten Felswand im "Saal der Stiere" in der Höhle von Lascaux der Sternhaufen der Plejaden, auch bekannt als die "Sieben Schwestern", sein könnte. In einem weiteren Bereich, dem "Schacht des toten Mannes", vermuten sie in einer Anordnung von Punkten das Sommerdreieck Vega, Deneb und Altair. Wahrscheinlich hatten die frühen Menschen andere Namen – oder keine – für das, was sie am nächtlichen Himmel beobachteten, doch es scheint sie derart beeindruckt zu haben, dass sie es in ihrer Kunst verewigt haben.
Etwas mehr wissen wir über die Himmelsscheibe von Nebra: Die kreisrunde, grüne Bronzeplatte, die 1999 in Sachsen-Anhalt gefunden wurde, zeigt Einlegearbeiten aus Gold, die unterschiedlich interpretiert werden: als Voll- und Halbmond mit den Plejaden und anderen Sternen; als Sonne und Halbmond; als Versuch der Annäherung von Sonnen- und Mondjahr – wie auch immer, diese Scheibe ist die bislang älteste bekannte und erhaltene Himmelsdarstellung. Da jedoch schriftliche Dokumente fehlen, bleiben die Inhalte von Bildern und Gegenständen aus prähistorischer Zeit lediglich Deutungen und Interpretationen.

Die Magie der Sternbilder

Wer sich ein wenig mit den Gestirnen beschäftigt, der findet viele der heute bekannten Sternbilder recht leicht: Großer und Kleiner Wagen, Cassiopeia, Adler, Stier, Wassermann, Löwe, Orion, Leier, Pfeil… Doch wer hat‘s erfunden? Und was sind Sternbilder überhaupt?
Die Astronomie versteht unter einem Sternbild eine Region des Sternenhimmels, die in Bezug auf einen sogenannten Sternenzug, also eine Folge von Sternen auf gedachten Linien, von anderen Himmelsregionen abgegrenzt ist. Als weiteren Begriff führt die Sternkunde den des Asterismus auf: Das ist eine Gruppe von meist hellen Sternen, die, durch Verbindungslinien verknüpft, eine deutlich erkennbare Figur oder Form am Himmel bilden. Eine solche Gruppe kann Teil eines Sternbilds sein (etwa der Große Wagen, der Teil des Großen Bären ist), ein Asterismus kann aber auch besonders auffallende Sterne verschiedener Sternbilder zu einer speziellen Formation zusammenführen, etwa das Sommer- oder das Winterdreieck, die sich jeweils über eine große Fläche verteilen. Lichtschwache Sternbilder sind jedenfalls keine Asterismen, dagegen werden mitunter historische Sternbilder wie "Argo", also das Schiff der Argonauten, als Asterismen bezeichnet.

Leicht zu finden – der Große Wagen, der ein Teil des Sternbildes "Großer Bär" (Ursa Major) ist. 
- © fascinadora / stock.adobe.com

Leicht zu finden – der Große Wagen, der ein Teil des Sternbildes "Großer Bär" (Ursa Major) ist.

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Die heutigen Sternbilder gehen zurück auf zwölf babylonische Tierkreiszeichen, die im antiken Griechenland auf 48 erweitert wurden. Astronomen und Gelehrte fügten zwischen 1600 und 1800 weitere hinzu. Seit 1922 werden international 88 Sternbilder anerkannt: Dafür hat die Internationale Astronomische Union (IAU) Sternbildgrenzen nach Himmelskoordinaten festgelegt, um sie etwa zur genäherten Ortsangabe veränderlicher Himmelsobjekte wie Meteore verwenden zu können.

Die ersten schriftlichen Aufzeichnungen zu Sternbildern stammen von den Sumerern. Die Namen, die sie ihnen gegeben hatten, tauchen dann gemeinsam mit denen von 66 einzelnen Sternen auf zwei mesopotamischen Keilschrifttafeln aus der Zeit um 1.000 vor Christus auf. Sie alle gingen in der ägyptischen und vor allem der griechischen sowie der römischen Kultur auf und seit der Antike mythischen Gestalten, Tieren oder Gegenständen zugeordnet. Es sind fantastische Geschichten voller Liebe, Hass, Hochmut, Schönheit; göttliche, halbgöttliche und menschliche Verwicklungen und Verstrickungen, mit denen man vermutlich mehr als nur ein Himmelszelt füllen könnte. So darf die Ziege Amaltheia, die einst den kleinen Zeus säugte, nun am Himmel grasen, der Adler, der jeden Tag von Tantalus‘ Leber gefressen hatte, wird nicht mehr vom Pfeil getroffen, obwohl beide Sternbilder nahe beieinanderstehen, Perseus und Pegasus jagen stets neuen Abenteuern nach, der Jäger Orion wird nie wieder seines Augenlichts beraubt und der Große und der Kleine Bär, die in Wahrheit Mutter und Sohn sind, sind endlich für immer vereint. 88 Sternbilder, 88 Geschichten, die bis heute in ihren Bann ziehen…

Tierkreiszeichen

In enger Verbindung zu den Sternbildern stehen die Tierkreiszeichen. Die ersten findet man im 3. Jahrtausend vor Christus, der erste vollständige Tierkreis entstand um 410 vor Christus. Der Tierkreis, auch als Zodiak bekannt, ist eine etwa 20 Grad breite Zone um die Ekliptik (die scheinbare Sonnenbahn), innerhalb derer die scheinbaren Bahnen von Sonne, Mond und Planeten verlaufen. Die Ekliptik selbst schneidet die dreizehn Ekliptiksternbilder. Die Astrologie, aber auch die Astronomie, teilte bis ins 19. Jahrhundert den Tierkreis in zwölf gleich große Abschnitte, daher stammen unsere zwölf Tierkreiszeichen. Sie liegen allerdings aufgrund der Präzession, das ist die Richtungsänderung der Erdachse aufgrund der Gravitation des Mondes und der Sonne in Verbindung mit der nicht komplett kugelförmigen Gestalt der Erde, heute nicht mehr in den gleichnamigen Tierkreiszeichen. Das erwähnte dreizehnte Sternbild ist der Schlangenträger, von ihm ragt allerdings nur ein Fuß über die Ekliptik.

Doch nicht nur die Griechen und Römer studierten den Himmel und verbanden ihre Beobachtungen mit glitzernden Geschichten, auch im Nahen Osten wurde der Himmel erforscht. Der Almagest, eines der Hauptwerke der antiken Astronomie, das auf den griechischen Gelehrten Claudius Ptolemäus zurückgeht, ist zunächst nur in der arabischen Welt bekannt und wird erst ab dem 12. Jahrhundert durch Übersetzungen aus dem Griechischen und Arabischen auch in der lateinischen Welt bekannt. Darin sind die zu den Bildern gehörigen Sterne aufgeführt. Zwar gehen viele dieser auch heute benutzten Sternnamen auf arabische Gelehrte zurück, jedoch keine Sternbilder. Diese übernahm die islamische Welt aus der Antike, ältere präislamische Sternbilder sind nur teilweise bildhaft überliefert: So kennt man etwa Cassiopeia zusammen mit dem Beduinensternbild Kamel.

Bis ins 16. Jahrhundert beschrieben die Gelehrten nur die Sternbilder der nördlichen Hemisphäre, denn die südliche kannte man nicht. Erst 1603 listet Johann Bayer in der "Uranometria" einige Sternbilder der Südhalbkugel auf. Er hatte sie von den Himmelsgloben von Petrus Plancius übernommen, der die Beschreibungen niederländischer Seefahrer bildlich umgesetzt hatte. Interessanterweise ist das bekannteste, das "Kreuz" oder "Kreuz des Südens", nicht dabei.

Immer mehr, aber nicht immer besser

Je besser die technischen Hilfsmittel wurden, mit denen man den Himmel genauer studieren konnte, und je mehr Menschen sich mit Astronomie beschäftigten, desto größer wurde der Drang, neue Sternbilder zu "erfinden". Das nahm mitunter skurrile Züge an: So begründete 1799 Jérôme de Lalande, ein französischer Mathematiker und Astronom, das Sternbild "Katze" (Felis), angeblich weil er Katzen liebte, wohl eher aber, weil er dem Philosophen Voltaire damit eines auswischen wollte, der mit Genugtuung gesagt hatte, dass einzig die Katze nicht als Tiersternbilder am Himmel verweigt sei (Voltaire mochte keine Katzen).
Schon mehr als ein Jahrhundert davor hatte der deutsche Jurist und Astronom Julius Schiller versucht, die heidnischen Sternbilder durch christliche zu ersetzen. In seinem "Coelum Stellatum Christianum" gibt es Heilige und Figuren aus der Bibel, aus den zwölf Tierkreiszeichen wurden die zwölf Apostel. Sein Versuch stieß allerdings auf keine Gegenliebe und sein christlicher Sternkatalog wird heute höchstens noch als Kunstwerk angesehen.

Meistens hatte die Einführung neuer Sternbilder aber praktische Gründe, denn die Erfindung des Teleskops bescherte den Astronomen neue Einblicke und damit neue Erkenntnisse. Mit der Einführung neuer Sternbilder wollte man die Übersicht bewahren, auch, da antike Sternbilder Teile des Himmels auslassen, die den Betrachtern als nicht auffällig genug erschienen. Es stellte sich jedoch bald heraus, dass ein stetiges Mehr nicht unbedingt gut bedeutete, und so wurden viele der neueingeführten Sternbilder wieder aus den Katalogen gestrichen. In einem Sternatlas des deutschen Astronomen Johann Elert Bode aus dem Jahr 1801 finden sich aber immer noch 99 Sternbilder, darunter die "Buchdruckerwerkstatt" oder der "Heißluftballon". Heute gibt es – wie bereits erwähnt – 88 international anerkannte Sternbilder.

Alle haben ihre eigene Sicht

Der Himmel mit seinen Sternen, Planeten und anderen Erscheinungen hatte für alle Kulturen große Bedeutung, die Interpretation war jedoch durchaus unterschiedlich, vor allem was die Sternbilder angeht. So erzählen die australischen Aborigines und die afrikanischen San über den Emu und den Strauß, die sie allerdings nicht durch die Verbindung einzelner Sterne wahrnehmen, sondern in den dunklen Räumen dazwischen. Die Maya und Azteken hatten ebenfalls ihre eigenen Sternbilder, aus welche Sternen sie gebildet wurden, ist allerdings heute umtritten. In der indischen und chinesischen Astronomie finden wir besondere Kartiersysteme und die First Nations und Native Americans Nordamerikas wiederum haben ganz eigene Geschichten rund um Sternbilder, die zwar aus den gleichen Sternen wie hierzulande bestehen, aber andere Namen tragen.

Langsam weicht das samtene Nachtschwarz der Morgendämmerung, und in ihrem blassen Licht verschwinden die Sterne. Es war eine wunderbare Nacht zum "Sternderl schaun", wie es Ludwig Hirsch schon 1991 so treffend besungen hat, doch die Frage aus dem Volkslied des deutschen Pfarrers und Dichters Wilhelm Hey, "Weißt du, wie viel Sternlein stehen, an dem blauen Himmelszelt?", werde ich nie beantworten können. Das ist auch völlig irrelevant, solange ich mich Nacht für Nacht an ihrer Pracht erfreuen kann…