Angekündigt war eine Mountainbike-Tour zu den Holleralmen rund um Fuschl. Geworden ist es das Zwölferhorn Auch wer mit den Örtlichkeiten des Flachgaus nicht vertraut ist, vermag schon am Wortklang zu ermessen, dass ein beträchtlicher Unterschied zwischen Holleralmen und Zwölferhorn besteht.

Die Ruhe vor der Anstrengung

Dass es sich bei der Unterkunft im Zentrum von Fuschl um ein Radlerhotel handelt, erkennt man spätestens an den klobigen, tropfenförmig nach oben gebogenen hellgrünen Plastik-Kleiderhaken im Zimmer, deren Zweck sich dem erklärt, der mit Fahrradhelm sein Zimmer betritt. Der Ankunftstag lässt noch ein gemütliches Wochenende erwarten. Lediglich ein Spaziergang zur nahen Rumingmühle steht auf dem Programm.

Ein paar Pensionisten und Familien, auch Einheimische, sind unterwegs zum hinter Efeu verborgenen Steinbau am Bach hinter dem Ort. Nächstes Jahr wird die kleine Bauernmühle 150 Jahre alt. Der Müller steht in einem niedrigen Raum, wo hinter einem Sichtfenster an der Wand das Mühlrad rumpelt und knattert wie ein alter Traktor. Es hat geregnet, und die hölzerne Zufluss-Rinne ist voll. Niemand muss das Mühlrad händisch in Bewegung setzen, um alte Zeiten auferstehen zu lassen.

Im vorderen Raum bereiten ein paar Frauen vor, was draußen unter ausladenden Schirmen bestellt wurde: Brettljause, Bauernkrapfen, Hollersaft. Um einen Euro ist eine Grillwurst erhältlich, die, aufgespießt auf einem Stecken, über einem glosenden Feuer im Steinring, einer Art Flachgau-Grill, gebraten werden darf.

Am Abend regnet es. Bizarres Licht zeichnet danach einen sandfarbenen Himmel, der mit dunklen Wolken wechselt. Sonderbar muss es gewesen sein, als voriges Jahr der Ort von Touristen überging, allesamt Urlauber aus Österreich. Irgendwie herzerwärmend, aber eben auch sonderbar. Was haben sich die Tiroler gedacht, als sie hierherkamen? Jetzt zieht wieder eine normale Sommersaison ins Land. Die Deutschen kehren zurück, aber auch ein paar Neo-Urlauber aus Österreich, die voriges Jahr die Heimat für sich entdeckt haben.

So geht das

Der nächste Tag beginnt mit einer Einweisung ins Mountainbiken. Es gibt viel zu bedenken. So etwas verwirrt mich leicht und löst unterschwellig Panik aus. Verschiedene Knöpfe und Hebel auf dem Rad entsprechen so gar nicht denen, die ich gewohnt bin. Statt der nächsten elektrischen Unterstützungsstufe erwische ich die automatische Höhenverstellung, wodurch mein Sattel augenblicklich zum gefährlichen Schleudersitz wird.

Erst geht es gemächlich dahin, doch als die Straße im Wald anzusteigen beginnt, weiß ich: Für gewöhnlich sitze ich vor diesem Gefälle ab. Unbezwingbar mit Rad. Überrascht klettere ich mit meinem Stromrad ziemlich mühelos bergan. Bald geht es mir vor der ersten Schotterweg-Steigung ebenso. Alles eine Sache der Umgewöhnung. Anfangs frage ich mich noch, was wohl steiler sein mag: die Johnstraße oder dieser Forstpfad?

75 Umdrehungen soll man in der Minute treten, sagt Franz, unser Tourguide. Dann höre man den Motor sirren, was bedeute, dass er optimal genutzt werde. Das erinnert mich an die Ergometrie bei der Internistin vor ein paar Tagen. Da musste ich zwischen 55 und 65 Watt treten. Den ganzen Tag über achte ich nun auf das Motorgeräusch. Denn ich möchte keinesfalls, dass der Strom zu früh weg ist und ich 24 Kilogramm Schlapp-Rad über einen Berg schieben muss.

Ein Hoch auf die Radlerhose

Gut, dass ich vor der Abreise erstmals in meinem Leben ein Radler-Dress erworben habe. Zwar fühlt man sich, gleichsam im Vorgriff auf eine hoffentlich noch ferne Zukunft, beim Gehen wie mit einer Windel ausgestattet, aber auf dem Rad sitzend spüre ich den Sattel kaum, und das sich sonst alsbald einstellende taube Gefühl um die Leibesmitte bleibt diesmal aus.

Zuerst hatte ich noch mit meiner Entscheidung, hier mitzutun, gehadert. Was muss ein in die Jahre gekommener Tastenhämmerer aufs Zwölferhorn radeln! Überhaupt: Zwölferhorn! Letztens habe ich auf 44 Kilometern die Donauinsel umrundet, oder besser: abgeradelt. Der Hintern tat weh, aber ich war zufrieden. Das ist meine Preisklasse, bretteben und auf Asphalt. Kein Vergleich mit jetzt.

Wir überholen Wanderer, über deren Inbesitznahme der gesamten Wegbreite ich mich insgeheim ebenso ärgere, als würde ich als Wanderer von Mountainbikern überholt werden. Nach etlichen Höhenmetern ist mein Oberteil atmungsaktiver als ich selbst. Auch beim E-Biken kommt man gehörig ins Schnaufen und Schwitzen. Und dann noch die jungen Rinder, die gemächlich unseren Weg kreuzen, gerade wenn ich Schwung für die nächste Steigung nehme! Hätte ich das geahnt, hätte ich mir kein rotes Trikot gekauft.
An der Bergstation des Zwölferhorns geht es zu wie in der Kärntner Straße zu Vor-Corona-Zeiten: Stelzengeher stelzen, Paragleiter gleiten, Paare kraxeln in Flip-Flops zum Gipfelkreuz, Kinder schreien, Musikanten spielen auf.

Von nun an geht's bergab

Und dann downhill, wie die Profis sagen. Davor hatte mir schon gegraut. Es gilt, das Kindheitstrauma eines blutigen Sturzes in einer geschotterten Tiroler Abwärtskurve zu überwinden. Alsbald fahre ich schon unbekümmerter frontal auf spitze Steine und tiefere Kiesmulden zu, nichts passiert, das Rad nimmt alles federnd auf. Ich bekomme das ungewohnte Fahrgefühl in den Griff. Wo es weniger geröllig ist, komme ich auf bis zu 20 Sachen. Doch der Blick auf den elektronischen Tacho birgt immer ein Risiko, das Rad über den Lenker zu verlassen.

Den Herrenradler von der Donauinsel schüttelt es gehörig durch, und er muss sich permanent auf den Weg konzentrieren. Hier spüre ich das raue Landleben unter dem Sitzfleisch. Der Guide vor mir springt mit seinem Gerät leichtfüßig von Felsbrocken zu Felsbrocken. Ich erkenne, dass ich unter mir keinen Drahtesel dahintreibe, sondern einen wilden Gebirgsbock zu bändigen habe. Zwar geht es nicht gerade über Stock und Stein, aber die Wanderwege bieten genügend Abwechslung, die ständige Aufmerksamkeit erfordern: Felsbuckel, kleine Rampen, vom Regen ausgewaschene Rinnen, durch Rinder vertretene Grasrücken.

Dann taucht jene Stelle auf, von der unser Guide schon beim Aufbruch gesprochen hatte, die einzige S2-Stelle des Parcours, dritter Schwierigkeitsgrad für Mountainbike-Routen. Allerdings trifft nur die angegebene Länge von etwa hundert Metern zu: Eine verzweigte Geländekante aus Felsbrocken, zwischen denen ich mich auch als Wanderer nur tastend abwärts bewegen würde. Ich schäme mich nicht, meinen schweren Gaul gleichsam am Halfter über die Schikane zu führen. Es warten ohnedies noch andere Herausforderungen: unter geschlossenen Schranken hindurch, an Fahrzeugen zur Waldarbeit vorbeizwängen, das Rad über Weidezäune heben. 1.300 Höhenmeter und 30 Kilometer lauten die Eckdaten der Tour, die Franz am Schluss unseres Ausflugs bekanntgibt.

Kraft und Most tanken auf der Hatzenalm. 
- © Stefan May

Kraft und Most tanken auf der Hatzenalm.

- © Stefan May

Mach mal Pause!

Vor der Hatzenalmhütte stehen Holzbänke unter Schirmen: Das Genießen von Natur und deftiger Kost verdrängt langsam den blanken Überlebenswillen. Kas-nocken und gebackene Mäuse sind zwar nicht gesunde Naturkost, aber Aufbauhilfe für die geschundene Physis. Der Blick streicht entzückt über die Wiese mit den darin hingetupften Blumen wie auf einem Bild von van Gogh – man möchte sich darin wälzen. Warum bin ich nicht hierher gewandert und nach dem Essen wieder zurück? Muss man alles im Leben kennenlernen?

Und immer schön aufrecht!

Offenbar, denn ein paar Stunden später stehe ich am Strand des spiegelglatten Fuschlsees und blicke nach Westen, ans andere Ufer in vier Kilometer Entfernung, wo sich die Sonne gerade anschickt, hinter dem Schlosshotel Fuschl unterzugehen. Standup-Paddeling kündigt das Programm an. Kein Wunder, dass ich keine zwei Sekunden aufrecht stehe und schon wieder ins Wasser plumpse. Und kaum mehr Kraft habe, mich zurück aufs Brett zu hieven. Schließlich paddle ich aber ganz wacker im Sitzen und Knien, und das ist auch in Ordnung.

Später fixieren wir unsere Bretter mit den quergelegten Paddeln miteinander, lassen die Beine ins Wasser hängen, reiten mittels Obstmost als Sun-Downer eine Cider-Attacke und blicken verzückt auf die glühend hinter dem still und starr ruhenden See versinkende Sonne.

Und weiter geht's...

Nach immerhin neun Stunden tiefen Schlafs frage ich mich, wie ich das für heute angesetzte Rennradeln, das ich ebenfalls noch nie probiert habe, überstehen soll. Für unseren Guide, den Wirt des Hauses, der zwar nicht viel jünger ist als ich, aber hobbymäßig Ironman betreibt, ist die angekündigte Radtour zu Wolfgang-, Mond- und Fuschlsee wohl so etwas wie ein Sonntagsspaziergang. Glücklicherweise hat er mich gleich richtig eingeschätzt und mir ein E-Gravelbike aus seinem Rennradstall angeboten, ein elektrisch unterstütztes Rennrad mit breiten Reifen, sodass es auch geländetauglich ist. Und das war gut so, anders hätte ich an der ersten Steigung aufgegeben.

Mit 60 fängt das Leben erst an, sagen manche. Angesichts der Straße mit Sprungschanzen-Neigung hinunter nach Sankt Gilgen überlege ich: Mit 60 hört es manchmal auch auf. Nachdem ich mich aber mit dem neuen Gerät angefreundet habe, schaffe ich die 43 Kilometer Seenrundfahrt ganz gut, auch wenn es ein stetes Auf und Ab ist. Obwohl sich diese Salzburger Region Flachgau nennt.

Es bleibt daneben sogar Zeit zum Genießen des Alpenvorlands mit seinen fließenden Übergängen von Berg und Tal, den verstreuten Siedlungen und der Ruhe in den Walddurchfahrten. Ein wenig plagt mich allerdings das schlechte Gewissen, als ich auf den Serpentinen einer Bergwertung zwei in sich gekrümmte, schnaufende Rennradler aufrechten Oberkörpers und im Tret-Stakkato einer Nähmaschine strampelnd überhole.

Geruhsamer Ausklang

Der Nachmittag entspricht dann schon vollständig der mir gewohnten Schlagzahl: eine kontemplative Querung des Fuschlsees in einer elektrisch angetriebenen Motorzille. Milchig-grün ist das Wasser in Trinkwasserqualität, an den schattigen Ufern liegen Badelustige in der Sonne, dahinter steigen Bergleins sanft in die Höhe, dunkelwaldig überzogen mit kahlen Felsstellen dazwischen. Auch den Hausberg Zwölferhorn mache ich aus und bin stolz auf meine unerwartete Leistung. Geräuschlos wie mein Rennrad zieht die Zille dahin, und rundum gleiten Standup-Paddler über den See. Kunststück, wenn man erst einmal steht! Vielleicht sollte ich es nochmals probieren? Und das Mountainbiken und das Rennradeln? Jetzt, da ich die Geräte ja schon kenne...