Extreme Hitze, verbunden mit ausbleibenden Regenfällen und Dürre, auf der anderen Seite Starkregen mit gigantischen Überschwemmungen, dazu heftige, zerstörerische Stürme, Winter mit Rekordtemperaturen sowohl nach oben als auch nach unten – die Erde und all ihre Bewohner erleben derzeit einen Klimawandel, der so rasch vor sich geht, dass Anpassungen oder eine Transformation nicht möglich scheinen. Aus Erd-erwärmung und Klimawandel ist mittlerweile eine Klimakrise geworden – mit allen ökologischen, gesellschaftlichen und politischen Auswirkungen der stetigen Erderwärmung.

Die Ausmaße dieser Krise werden immer deutlicher sichtbar und verlangen immer dringender nach Lösungen und Taten. Ideen, Vorschläge und Diskussionen gibt es zwar genug, doch handfeste Aktionen und Umsetzungen fehlen; seit dem Pariser Klimaabkommen von 2015 ist nicht viel passiert. Mitverantwortlich dafür machen Wissenschafterinnen und Forscher unter anderem die stetig größer werdende Schere zwischen Arm und Reich sowie eigennützige Interessen verschiedener Industrien, aber auch Gesellschaftsschichten. Die existenzielle Bedrohung aller durch die Klimakrise erfordert laut Experten daher unter anderem eine tiefgreifende, rasche gesellschaftliche Veränderung in Richtung Fairness und Gerechtigkeit sowie ein Zusammenarbeiten aller Länder und Kulturen.

Düstere Wolken am Horizont

Weltweit hat sich die Erde laut National Oceanic and Atmospheric Administration (NOAA), der US-Wetter- und Ozeanografiebehörde, von 1881 bis 2017 durchschnittlich um ein Grad Celsius erwärmt. Da deshalb auch die Meerestemperaturen ansteigen, verdunstet mehr Wasser. Und weil warme Luft mehr Feuchtigkeit aufnehmen kann als kalte, wird mehr Wasser in den Wolken gespeichert – was auf der einen Seite Starkregen, auf der anderen Dürre bedeutet. In beiden Fällen werden Ernten und ganze Landstriche vernichtet beziehungsweise verwüstet, Ökosysteme werden massiv verändert – das gesamte Leben auf unserem Planeten ist betroffen und gefährdet.

Auch der jüngste Berichtsentwurf des Weltklimarates (Intergovernmental Panel on Climate Change, IPCC) warnt vor vermehrt auftretenden schweren Naturkatastrophen, wenn die Erderwärmung nicht eingedämmt wird. Wasser- und Lebensmittelknappheit sowie Krankheiten würden in den kommenden Jahrzehnten immer schneller um sich greifen, die Zahl der Klimaflüchtlinge rapide steigen, so der IPCC. Die Endfassung mit allen Studienauswertungen und Schlussfolgerungen wird frühestens im Frühjahr 2022 vorliegen.

Die Emission von Kohlendioxid muss drastisch reduziert bzw. sogar gestoppt werden, um einen Klimakollaps zu verhindern. 
- © imageBROKER / Holger Weitzel / Getty

Die Emission von Kohlendioxid muss drastisch reduziert bzw. sogar gestoppt werden, um einen Klimakollaps zu verhindern.

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"Fit for 55"

Die Europäische Kommission hat vor kurzem ein Paket von Vorschlägen präsentiert, mit dem die EU-Politik in den Bereichen Klima, Energie, Landnutzung, Verkehr und Steuern so gestaltet werden soll, dass die Netto-Treibhausgasemissionen bis 2030 um mindestens 55 Prozent (daher der Paket-Name "Fit for 55") gegenüber 1990 gesenkt werden und Europa sein Ziel, bis 2050 der erste klimaneutrale Kontinent der Welt zu werden, erreicht. Dieses Paket beinhaltet auch etliche Einzelgesetze, mit denen die Verwirklichung der im Europäischen Klimagesetz vereinbarten Ziele durchgesetzt werden soll. "Fit for 55" muss allerdings erst debattiert und dann von den Mitgliedsländern und dem Europaparlament beschlossen werden, was bis zu zwei Jahre dauern kann.

Bei Umwelt- und Klimaschutzorganisationen stießen weder die Vorschläge noch der Zeitrahmen auf Gegenliebe: "Zu wenig und zu spät", kommentierte der WWF, "noch viel Luft nach oben" sieht Global 2000. Das Europäische Umweltbüro (EEB) kommt zu dem Schluss, dass das Paket für die Einhaltung des 1,5-Grad-Ziels nicht ausreiche und aus gesellschaftlicher Sicht nicht gerecht sei. Dem Climate Action Network (CAN) Europe sind die Vorschläge der EU-Kommission, zum Beispiel für die Lastenteilung, für den "alten" Emissionshandel (Industrieanlagen, Energiesektor) und den "neuen" Emissionshandel (Heizen und Kühlen von Gebäuden, Straßenverkehr) zu gering angesetzt, um die Erderhitzung auf durchschnittlich 1,5 Grad zu begrenzen. Mark Breddy, Kommunikationschef des europäischen Greenpeace-Büros, kritisierte, dass das Paket nur auf eine Netto-Reduktion der Treibhausgase um 55 Prozent abziele, was im Endeffekt allerdings eine globale Erwärmung von mehr als zwei Grad zur Folge hätte. Um die Erwärmung auf 1,5 Grad zu beschränken, seien bis 2030 bei den Emissionen minus 65 Prozent nötig, sind sich Klimaschutzorganisationen einig.

Fatale Umkehrung

Einen wichtigen Beitrag zur Reduktion der Treibhausgase sollen weiterhin Wälder und Moore leisten, die die EU vermehrt schützen und erhalten will. Doch eine der größten Kohlenstoffsenken der Welt ist gerade dabei, zu einer Kohlendioxid-Quelle zu werden: der Amazonas-Regenwald. Denn durch Klimawandel, Abholzung und Brände werden in der Region inzwischen größere Mengen des Stoffs freigesetzt, als die Vegetation aufnimmt. Zu diesem Ergebnis kommt eine kürzlich in der Fachzeitschrift "Nature" veröffentlichte Studie.

Jahrzehntelang entzog der größte Regenwald des Planeten der Atmosphäre durch Fotosynthese große Mengen Kohlendioxid (CO₂) und dämpfte so den Klimawandel. Doch nun gebe vor allem der östliche Teil der Region speziell in der Trockenzeit mehr davon ab, als er bindet, berichtet das Team um Luciana Gatti vom brasilianischen Nationalen Institut für Weltraumforschung (Inpe).

Für die Studie zwischen 2010 und 2018 nahmen die Forscher insgesamt 600 Luftproben aus verschiedenen Höhen. Das Ergebnis: In diesem Zeitraum gelangten pro Jahr etwa 290 Millionen Tonnen Kohlenstoff in die Atmosphäre, vor allem wegen der vielen Brände. Die Pflanzendecke entzog der Luft jedoch nur einen Bruchteil dieser Menge. Von den Emissionen gingen fast drei Viertel (72 Prozent) auf das Konto der östlichen Regionen, obwohl die nur ein knappes Viertel des Gesamtgebietes des Amazonas stellen (24 Prozent).

Verantwortlich für die schlechte Kohlenstoff-Bilanz sei ein Mix aus Klimawandel, Abholzung und Bränden, so das Forschungsteam. Es gibt jedoch Schwächen in der Analyse, vor allem die fehlenden Daten aus den Jahren 2019 und 2020, in denen besonders viele Brände verzeichnet wurden. Rico Fischer vom Leipziger Helmholtz-Zentrum für Umweltforschung hegt daher den Verdacht, dass die Kohlenstoff-Emissionen sogar über dem in der Studie gezeigten Niveau liegen könnten. Außerdem würden weiterhin große Waldflächen verlorengehen – und somit ihr Potenzial zur Kohlenstoff-Speicherung. Allerdings warnt Fischer, dass die Rückschlüsse auf den Ursprung des gemessenen CO₂ angesichts der komplexen Luftströmungen in verschiedenen Höhen mit Unsicherheiten verbunden seien und die Feststellung, dass die Ostregion des Amazonasregenwaldes tatsächlich bereits eine Kohlenstoff-Quelle sei, noch mit Vorbehalt betrachtet werden müsse.

Tod im Meer

Die Hitzewelle, die vor kurzem den Westen der USA und Kanadas heimgesucht hat, hat nicht nur die Menschen, die Natur und die Tiere an Land an ihre Grenzen gebracht, sondern auch die Lebewesen in den Binnengewässern und an der Pazifikküste. Christopher Harley, Meeresbiologe an der University of British Columbia im kanadischen Vancouver, hat seine Beobachtungen in der "New York Times" veröffentlicht. Er habe bei seinen Wanderungen am Strand zahllose tote Meerestiere gesehen, vor allem Muscheln und Seesterne. Auch andere Lebewesen wie See-
pocken, Einsiedlerkrebse, verschiedene Würmer, etwa winzige Seegurken, seien massiv betroffen. Ihr Schicksal will der Forscher nun in detaillierten Studien untersuchen.

In den USA waren vor allem Süßwasserfische betroffen. Am Snake River im Bundesstaat Idaho wurden sogar seltene Lachse gezielt gefangen und per Tankwagen in Aufzuchtstationen gebracht. Dort sollen die Bedingungen für ihr Überleben besser gestaltet werden. In Kalifornien dagegen mussten die Lachse wegen einer Talsperre am Sacramento-River ihre Eier am unteren Flusslauf ablegen – Experten fürchten nun, dass 90 Prozent der Eier und Jungtiere sterben könnten, weil es dort zu warm ist.

Die Abholzung der Regenwälder für Viehzucht oder Sojaanbau zerstört wichtige Ökosysteme und hat großen Einfluss auf unser Klima. Kann sie bald unter Strafe stehen? 
- © Kevin Schafer / Getty

Die Abholzung der Regenwälder für Viehzucht oder Sojaanbau zerstört wichtige Ökosysteme und hat großen Einfluss auf unser Klima. Kann sie bald unter Strafe stehen?

- © Kevin Schafer / Getty

Strafe für Mord am Planeten?

Mutwillige Naturzerstörung könnte bald als Straftatbestand festgeschrieben werden. Einen ersten Vorschlag gibt es bereits und so könnten vor dem Internationalen Gerichtshof in Den Haag bald Konzernchefs oder hochrangige Politiker sitzen, die verantwortlich für Umweltkatastrophen besonderen Ausmaßes sind. Ins Rollen gebracht hat die Initiative die Gruppe "Stop Ecocide", die Ökozid als fünftes Verbrechen (neben Kriegsverbrechen, Verbrechen gegen die Menschlichkeit, Verbrechen der Aggression und Völkermord) gegen den Frieden definieren will.

Laut den Anwälten und Aktivistinnen der Gruppe liegt ein Ökozid vor, wenn "rechtswidrige oder mutwillige Handlungen" begangen werden, durch die eine "erhebliche Wahrscheinlichkeit für schwere, weit verbreitete oder langfristige Umweltschäden" bestehe, heißt es in dem Dokument. Beispiele dafür sind die Ölpest im Nigerdelta, die Abholzung der Regenwälder am Amazonas oder in Indonesien, die Atomkatastrophe in Fukushima oder der Chemieunfall im indischen Bhopal 1984. Es wäre das erste Mal, dass Umweltverbrechen im internationalen Strafrecht mit Verbrechen gegen die Menschlichkeit gleichgestellt werden. "Stop Ecocide" setzt sich seit 2017 für deren Aufnahme ins Römische Statut ein, für die mindestens zwei Drittel der Mitgliedstaaten stimmen müssen.

Große Unterstützung dürfte die Initiative von Frankreich bekommen. Dort hat das Parlament bereits im April beschlossen, den Straftatbestand "Ökozid" einzuführen. Bei einem Verstoß drohen in Frankreich nun bis zu zehn Jahre Haft sowie Bußgelder von bis zu 4,5 Millionen Euro.