In Gleinstätten, einer von pittoresken Bergen umgebenen Gemeinde im Sausal an der Südsteirischen Weinstraße lebt und wirtschaftet Karl Schnabel mit seiner Frau und den drei Söhnen. Schnabels rund 30 Meter lange "Keischn", wie man ein Bauernhaus in der Gegend traditionell zu nennen pflegt, ist ein Langzeitumbauvorhaben. In den 1970er-Jahren wurde das Haus bei Umgestaltungen "verhaut", wie Schnabel sagt. Schritt für Schritt wird der "Ermihof", so der alte Hausname, unter Verwendung traditioneller Materialien wie Kalk, Lehm, Holz und gebrannten Ziegeln nun wieder weitgehend in den alten Zustand rückversetzt.

Nicht selten ist Karl Schnabel im Schweiße seines Angesichts mit der Sense oder mit der Haue zwischen den Rebzeilen seiner fünf Hektar umfassenden  Anbaufläche unterwegs. Traktoreinsatz und sonstige mechanische Unterstützung kommt für ihn in den Weingärten nicht infrage. In der "Gasse" zwischen den Rebzeilen darf das Grün wuchern wie es will. Auf diese Weise wird nach dem Willen des Weinbauern, der die Bezeichnung "Winzer" für sich ablehnt, auch die Biodiversität gefördert. Hingegen achtet Schnabel strikt darauf, dass die unmittelbare Umgebung der Reben gärtnerisch gepflegt bleibt.

Hinderwälderkuh Luna vor Sausaler Weinlandschaft. 
- © Jürgen Schmücking

Hinderwälderkuh Luna vor Sausaler Weinlandschaft.

- © Jürgen Schmücking

Die tägliche Körperertüchtigung ist Schnabel auf einen Blick anzusehen. Drahtig und muskelbepackt schwingt er seine Sense. Mit solcher Konstitution ausgestattet ist ihm auch das anstrengende Hauen der Junganlagen nicht zu mühsam. Andererseits ist der Mann, der sich freiwillig unter Verzicht auf fortschrittliche Arbeitsbehelfe in solcher Weise abmüht, nicht nur ein Hauer und "Hackler". Als junger Erwachsener hat der heute 56-Jährige an der Universität für Bodenkultur Wien das Studium der Agrarökonomie absolviert. Am Studienort hat er auch seine heutige Ehefrau Eva kennengelernt, die dort an der Wirtschaftsuniversität ein Studium absolvierte. Diese steht ihm heute tatkräftig im Betrieb zur Seite.

Das Sortiment von Karl Schnabels Naturweinen umfasst Blaufränkisch, Pinot Noir, Rotburger, Sauvignon Blanc, Morillon und Riesling. 
- © Johann Werfring

Das Sortiment von Karl Schnabels Naturweinen umfasst Blaufränkisch, Pinot Noir, Rotburger, Sauvignon Blanc, Morillon und Riesling.

- © Johann Werfring

Das Leben im Einklang mit der Natur haben die Eheleute zur Maxime erhoben. Unterstützt werden sie von ihren Rindern, welche die Weingärten mit Dung versorgen. Im Winter spazieren die Kühe sogar zwischen den Rebzeilen umher und kümmern sich ums Ausputzen der aufwachsenden Junggehölze. Was die zuweilen sich einstellende Wühlmausplage anlangt, gibt es Verbündete aus der wilden Natur: Gleich mehrere Schlangenarten lauern den ungebetenen Gästen aus dem Erdreich auf. "Für jeden Feind gibt es einen helfenden Freund", sagt Schnabel. Er liebt das ganzheitliche Einssein mit der Natur und ist von der seit langem gelebten "Kreislaufwirtschaft" überzeugt. Das Wesentliche, was er für seine Rebstöcke benötigt, soll aus der unmittelbaren Umgebung und der Arbeit seiner Hände stammen, wohingegen "Fremdenergie" nach Möglichkeit vermieden werden soll. Ganz wichtig ist ihm der stetige Humusaufbau, wobei der Grundsatz gilt: "Man düngt nicht die Pflanze, sondern den Boden – wenn der Boden in Ordnung ist, fühlt sich die Pflanze wohl". Auch Mensch und Tier sollen sich wohlfühlen. Man kann mit dem Naturmenschen Karl Schnabel stundenlang beisammensitzen und plaudern. Er lässt sich feinfühlig auf sein Gegenüber ein und weiß selber vielerlei Interessantes zu berichten. Manch einem gilt er als eigenwilliger Kopf. Nur schwer lässt sich diesem Mann, der einerseits ein Bauer und ausgesprochener "Hackler", andererseits ein gebildeter Akademiker mit vielfältigen Interessen ist, ein Etikett auf die Stirn drücken.

Verkostungsrunde beim Diskutieren über Schnabel-Weine im Naturkostladen St. Josef in der Zollergasse in Wien-Neubau: der Wiener Weinfachmann Alexander Herwei (links), Vinaria-Verkostungsleiter Viktor Siegl (rechts hinten) und der Autor. 
- © Johann Werfring

Verkostungsrunde beim Diskutieren über Schnabel-Weine im Naturkostladen St. Josef in der Zollergasse in Wien-Neubau: der Wiener Weinfachmann Alexander Herwei (links), Vinaria-Verkostungsleiter Viktor Siegl (rechts hinten) und der Autor.

- © Johann Werfring

Nicht nur was seine weingärtnerische Tätigkeit, sondern auch seine Kelleraktivität betrifft, ist Schnabel ein Wandler zwischen den Welten. Auf erstaunliche Weise vermag er alte Traditionen mit modernen Erkenntnissen und Errungenschaften zu verbinden. Ebenso wie seine Ahnen erzeugt er die Weine ohne Einsatz von Chemie und ohne technische Manipulation. Ausgestattet mit neuestem Know-How generiert er indes Tröpfchen, die sich gewaltig von jenen der Vorfahren unterscheiden.

Schnabels Gewächse sind durchwegs als puristisch zu bezeichnen. Bemerkenswerterweise vermag er als Südsteirer Rotweine auf einem Niveau zu erzeugen, das man noch vor 15 Jahren einem Erzeuger des Gebietes nicht zugetraut hätte. "Der Blaufränkische ist ein Spiegel des Bodens", so Schnabel. Der Blaufränkische aus der auf 520 Meter Seehöhe hinaufreichenden schieferdurchsetzten Ried Koregg ist ganz besonders feinkörnig geprägt. Schnabel vergleicht ihn mit der Musikrichtung Blues, während er dem Blaufränkischen von der Ried Hochegg, wo grobes silicatisches Urgestein vorhanden ist, eine Affinität mit dem Jazz und der klassischen Musik bescheinigt. Höchst bemerkenswert ist auch der Rotburger (Zweigelt), der dank des Siliciumbodens der Ried Kreuzegg eine für die Sorte ungewöhnliche Struktur aufweist.

Sämtliche Weine verfügen über ausgesprochen niedrige Alkoholwerte – hauptsächlich zwischen 12 und 12,5 Volumenprozent. "Weil traditionell im offenen Bottich vergoren wird, wobei der Alkohol verdampft", verrät Schnabel. Er habe keine Angst vor Oxidation, weil er absolut gesundes Traubenmaterial verwendet. Schwefelbeigabe lehnt er kategorisch ab. Die Weine sind dennoch stabil. Besonders wichtig ist Schnabel die Bekömmlichkeit seiner Gewächse. Diese konnte kürzlich bei einer Degustation im Naturkostladen St. Josef in der Wiener Zollergasse bestens nachvollzogen werden.

AUS DEM SORTIMENT:

2019 Blaufränkisch Kor
(aus der Ried Koregg), 12 Vol. % Alk., 34,90 Euro)
Elegante Nase nach Kirschen und Heidelbeeren, kühlfruchtig, fein ziseliert und zugleich tiefgründig, vibrierende Vitalität, balanciert und in jeder Phase stimmig, ausgesprochen bekömmlich, ein feiner Individualist.

2019 Rotburger Kreuz
(Zweigelt aus der Ried Kreuzegg), 12 Vol. % Alk., 27,90 Euro)
Dunkelbeerige Nase nach Zwetschke, Johannisbeeren und Preiselbeeren, etwas Graphit, reichhaltig und strukturiert, feinmaschig, herzhaft, voller Leben, man wird nicht müde ihn zu trinken.

2019 Pinot Noir Hoch
(aus der Ried Hochegg, 12 Vol. % Alk., 39,90 Euro)
Eisenkraut, weißer Spargel und etwas Brombeere in der Nase, hintennach auch Minze, frisch und akzentuiert, gute Dichte, fein strukturiert, herzhaft und rassig, schöne individuelle Pinot Noir-Interpretation. Am besten dem Wein noch einige Lagerzeit gönnen; bei sofortiger Konsumation empfiehlt sich ausreichende Belüftung, vorteilhaft ist der Genuss aus feinwandigen Burgundergläsern.

2019 Sauvignon Blanc Legionärin
(12,5 Vol. % Alk., 24,90 Euro)
Elegantes Bouquet nach Grapefruit, Orangenschalen, Stachelbeeren und Blüten, hintennach Kräuterwürze und zarte Maischeanklänge, feinkörnig und leichtfüßig-verspielt, fest und pikant, geschliffene Säure, durchgehend trinkvergnüglich, salziger Abgang.

2020 Rosé
(11,5 Vol. % Alk., 24,90 Euro)
Einladende Kirschanklänge in der Nase, hintennach auch rote Ribiseln und Kräuterwürze, klar und zart, reichliches Trinkvergnügen, rassiger Charakter, hefiger Abgang.

Info: www.karl-schnabel.at
Bezugsquelle in Wien: Naturkost St. Josef, Zollergasse 26, 1070 Wien

Print-Artikel erschienen am 20. August 2021
In: "Wiener Zeitung", Beilage "Wiener Journal", S. 22–23