Österreich und Ungarn verbindet eine lange gemeinsame Vergangenheit. Und die war nicht immer freundschaftlich, auch wenn die neuere Geschichtsschreibung die Beziehungen beider Nationen verniedlicht. In Sachen Weinbau, das hören die Österreicher nicht gerne, wurde das gesamte Burgenland – und damit ein Gutteil der heute interessanten österreichischen Weinregionen – der ungarischen Nation zugeschrieben.

Ein Ruster Ausbruch stand noch 1920 als ungarischer Wein im Weinbuch des Hotel Savoy in London. Und er kostete mehr als ein Châteu Yquem aus dem Sauternes – heute einer der teuersten Süßweine der Erde. Auch firmierten Weine aus Istrien und Kroatien bis 1918 als ungarische Weine.
Gemeinsam mit den in der ungarischen Kernnation beheimateten Gebieten (Tokaj, Eger, Villany, Balaton, etc.) war Ungarn zwischen 1780 (dem Aufkommen der Glasflasche und der Haltbarmachung durch Schwefel) bis 1918 (dem Ende der Habsburgermonarchie), gemeinsam mit Frankreich, die vielfältigste Weinnation der Erde. Die einzigen beiden weiteren Anbauländer von Bedeutung waren in den 1920er Jahren nur Deutschland (Mosel, Saar, Rheingau) und Spanien (Rioja, Toro). Italien, auch wenn das heute erstaunen mag, spielte in der damaligen Weinwelt keine Rolle.

Ungarns in diesen Tagen einziger Nachteil: Die Briten, die damals mit den US-Amerikanern die wichtigsten Qualitätsweintrinker der Erde waren, hatten nie ein Mandat in Ungarn wie sie solche im Bordelais, im Porto-Gebiet oder um Jerez hatten. Daher waren ungarische Weine im Westen nie begünstigt und gingen fast immer gen Russland, zum dortigen Adel.

Mit den Ungarn tut sich der Österreicher leichter, da die Mentalitäten ähnlich sind. Die unbekümmerte Improvisationsfreude der Ungarn spricht den Österreicher mehr an als das Pragmatisch-technische der Tschechen und Slowaken, die auch in Angelegenheiten von Winzerkooperativen, (etwa Chateau Bela mit Egon Müller in der Slowakei) eher nach Nordwesten tendieren. Heute ist es die nationalistische Politik der Fidez-Partei Viktor Orbans, die österreichische Winzer abschreckt, weitere Investitionen in Ungarn zu tätigen, da Orban, dem EU-Recht widersprechend, öfter den Begriff Enteignung über ausländischen Agrarinvestitionen schweben lässt. Jahrelange Rechtsstreitigkeiten will sich kein österreichischer Winzer antun.

Wahr auch: Der ungarische Weinbau braucht längst keine Hilfe der Österreicher mehr, wie sie vor zwanzig Jahren noch willkommen war. Die Winzer Ungarns haben einen modernen, interessanten und eigenständigen Markt kreiert, der sich auf regionale und autochthone Rebsorten (Blaufränkisch, Furmint, Portugieser, Kadarka, Lindenblättriger oder Juhfark) festlegt. Es gibt in Ungarn zudem weniger spektakuläre Kreuzungen, weniger Cuvées und einen anderen Umgang mit uns bekannten Trauben, wie etwa dem Welschriesling, der in Ungarn oft zum Gewicht tendierend in großen Holzfässern ausgebaut wird. Daher findet man vor allem abseits der zum Export tendierenden Großregionen die wirklich interessanten, regionalspezifischen Spezialitäten, die Kreationen von Tüftlern und engagierten Quereinsteigern.

Der Bacchus-Brunnen am Hauptplatz in Tokaj. 
- © Richard Semik / stock.adobe.com

Der Bacchus-Brunnen am Hauptplatz in Tokaj.

- © Richard Semik / stock.adobe.com

Nehmen wir für diesen Text hier exemplarisch die prestigereichste Region Ungarns her: das Tokaj, das am Rande der Europäischen Union liegt – nur wenige Kilometer sind es von hier zur ukrainischen Grenze. Das Tokaj ist Ungarns berühmtestes Anbaugebiet, sein Ruhm hat nie aufgehört zu existieren. Selbst die Kommunisten brachten es nicht fertig, die Gegend zu ruinieren. Zwar lieferten mittelmäßige und schlecht arbeitende staatliche Kooperativen nur einen Abklatsch des Möglichen in die Welt – und da vor allem in die sozialistischen Bruderstaaten –, doch schon knapp nach der politischen Wende fand die Region schnell zu ihrer Tradition zurück und einige internationale Investoren zogen gleich los, um sich die besten Lagen zu sichern. Seitdem ist aber nicht viel geschehen. Denkt man.

Denn sieht man genau hin, fand ein fast unfassbarer Paradigmenwechsel statt, den kaum jemand so richtig mitbekommen hat, außer den Winzern selbst, den neuen Konsumenten der ungarischen Mittelschicht und einigen Sommeliers im Lande. Denn im Tokaj macht man nun auch trockene Weine. Und das als Mehrheit der abgefüllten Flaschen.

Das Gebiet, das bislang für seine edelsüßen Auslesen aus Furmint, Muskat und Lindenblättriger bekannt war, die Gegend, die jahrhundertelang das "süße Gold" an alle namhaften Häuser Europas lieferte, dieses Gebiet keltert nun trockenen Wein, vor allem trockenen Furmint. Und der ist auch noch teuer. Wie soll das funktionieren?

Um das herauszufinden, muss man sich zum besten Winzer des Tokaj begeben, manche sagen zum besten Winzer Ungarns überhaupt, zu Istvan Szepsy und seinem gleichnamigen Sohn, die sich gemeinsam einen beträchtlichen Wohlstand aufgebaut haben und mitsamt restlicher Familie in einem neu gekauften, renovierten alten Haus wohnen.

Istvan Szepsy sen. ist kein Patriarch alten Musters; Szepsy war immer ein Innovator, einer, der die Grenzen sprengte und schnell berühmt wurde. Sein Geld hat er sofort investiert, nachdem es am Konto war, hat immer neue Flächen dazugekauft, immer stärker auf Selektion und Qualität gesetzt. So bewirtschaftet er heute 58 Hektar. Und keltert daraus rund 60.000 Flaschen.
Für diese Fläche ist das nichts.

Die Flaschen sind teuer, der einfachste Furmint kostet um die zwölf Euro, die exklusivste Flasche im Handel, eine Auslese, etwa hundert Euro. Von den Essenzen ganz zu schweigen, die nur mehr ein paar handverlesene Kunden zugeteilt kriegen. Szepsy junior preist, im Feld stehend, die Einzelstock-Kultur, die das Weingut seit einigen Jahren bei Neuauspflanzungen präferiert. Auch die ist teuer.

Die Zukunft, so der alte Szepsy, soll im Tokaj dem terroirbasierten Wein gehören, der Boden soll deutlicher bemerkbar werden, ein spezieller vulkanischer Boden, der den trockenen Weinen eine eigene Note gibt. Furmint, so Szepsy, kann man nicht mit Chardonnay vergleichen, eher mit Riesling; Furmint ist die Traube, die das Terroir verkauft.

Dabei war Szepsy einst einer der erbittertsten Gegner trockenen Weins im Tokaj. Was hat ihn umdenken lassen? "Die Zeit", sagt Szepsy, dann lachend, "und ein bisschen auch die Langeweile." Diese trockenen Tokajer von Szepsy, die inzwischen dutzende hervorragende Nachgänger ebenso gut und etwas günstiger keltern, sind Beweis, dass man ein ganzes Gebiet in die önologische Moderne führen kann. Auch oder vielleicht eben nur in Ländern, in denen ein Umbruch greift. Der Stolz auf diese Leistung hat einen neuen ungarischen Inlandsmarkt kreiert, für den vor allem junge Winzer keltern, die ein liberales und modernes Bild des Landes zeichnen. Wir sollten wieder die eine oder andere Flasche aus Ungarn öffnen.