Bevor wir die Rebsorte Sauvignon und die Südsteiermark groß zu erklären beginnen, reden wir lieber und vergnüglich von jener Lage, die österreichischen Sauvignon Blanc im In- und Ausland vor rund 30 Jahren bekannt gemacht hat. Damals, als großer Sauvignon – das Blanc sparen wir uns von nun an – für die Weinwelt ausschließlich von der Loire und zu einem geringen Teil noch aus dem Bordelais kam. Diese Zeiten sind vorbei. Nun gibt es auch weltbekannte Sauvignons aus Österreich. Und mehr und mehr werden diese, trotz geringer Verfügbarkeit, die weltbekanntesten.

Zieregg, so heißt die Lage, von der die Rede sein soll, die ist ein Hang eines Hügels mit steiler Südwestausrichtung in Berghausen, Gemeinde Ehrenhausen, auf dem neben Sauvignon auch Morillon (Chardonnay) angebaut wird; Trauben, die dank des Terroir, zu dem auch das Kleinklima gehört, für sehr kräftige und ungeheuer saftige Weine verantwortlich zeichnen. Der Name Zieregg kommt übrigens vom slowenischen Cirnik, die Lage streckt sich auf dem Gebiet von zwei Nationen. Zum slowenischen Teil der Zieregg kommen wir später.

Die Zieregg gilt als einer der besten Weinhänge der Steiermark und ist als "Große STK-Lage" auf den Flaschen vermerkt, eine neue Kennzeichnung der neuen DAC-Regelung für die Steiermark, die es den Konsumenten erleichtern soll, die Qualität der Weine schneller zur erkennen. Manche halten diese Regel für hilfreich, andere aber sehen in ihr auch eine Blockade gegenüber andersartigen Weinen, die trotz gering populärer Hänge ebenso hohe Qualität erreichen. Hier gilt der sonst so töricht inflationierte Begriff: Der Markt wird es richten.

Von der Lage Zieregg hat man lange Jahre kaum etwas gehört, den Namen nie auf Etiketten geschrieben gesehen. Bis Manfred Tement kam und die Zieregg Stück für Stück okkupierte. Das war vor bald 35 Jahren. Seither macht Tement aus dem Hügel an der Grenze und über die Grenzsteine hinaus einen Wallfahrtsort für Sauvignon-Fans aus der ganzen Welt. Seine ebenso grandiosen Zieregg-Morillons gehen manchmal im Hype um den Sauvignon unter. Das macht aber nichts, denn von den Morillons gibt es ohnehin viel zu wenige Flaschen.

Das Werk des Erzherzogs

Der moderne Weinbau in der Steiermark ist ohne Einfluss des neben Arnold Schwarzenegger berühmtesten Steirers, Erzherzog Johann, undenkbar. Der Mann trank viel. Und wollte besser trinken.
Erzherzog Johann, alias Johann von Österreich, ein halber Spanier, strandete in den Wirren der napoleonischen Jahre in der steirischen Provinz. Und blieb. Er liebte Land und Leute. Und sie liebten ihn, denn Johann von Österreich war ein Mann, der die Einstellung "leben und leben lassen" pflegte – so gut das in der damaligen Zeit eben ging. Wien wurde nie seine Stadt. So bekam Graz eine besondere Rolle.

Johann beschäftigte sich mit vielen Dingen sehr genau. Er galt als vielseitig interessiert und mitunter auch als nervtötender Detailfanatiker. Dem steirischen Weinbau, damals mit rund 35.000 Hektar ein großer und wichtiger Wirtschaftsfaktor der Region und des Reiches, schenkte er ein Weingut zum Ausprobieren. Hier pflanzten seine Agrarier 425 verschiedene Rebsorten an, um zu sehen, welche Ergebnisse die Traubensäfte im Klima der Steiermark erzielen konnten.
Die meisten Sorten gerieten schnell in Vergessenheit, doch Sauvignon und Morillon (Chardonnay), beide aus Frankreich geholt, blieben im Lande. Dafür verabschiedete man sich Jahr für Jahr von mehr und mehr Rebflächen Sylvaner, der fast komplett nach Franken, heute ein Teil Bayerns, migrierte – eine im Weinbau einzigartige Wanderbewegung.

Manfred Tement erkannte das Potenzial der Zieregg. 
- © Weingut Tement

Manfred Tement erkannte das Potenzial der Zieregg.

- © Weingut Tement

Der Familie Tement gehören 14 Hektar der Zieregg. Auf etwa zehn Hektar wurzelt Sauvignon, auf ungefähr drei Hektar Morillon und ein paar versprengte Stöcke anderer Rebsorten. Oben, on the top der Zieregg, steht das hochmoderne Weingut der Tements, wo seit einigen Jahren schon die jungen Söhne Armin und Stefan die Mehrheit des Kommandos übernommen haben. Vater Manfred, im beginnenden Pensionsalter, macht gerne den Außenminister und prüft natürlich nach, was da im Keller liegt. Aber er lässt seinen Kindern den Vortritt. Eine kluge Entscheidung war es auch, Armins Frau Monika rasch massiv in das Weingut zu integrieren – der Familienbetrieb wirkt frei von Zwängen, ein Hort guten Kelterns.

Die Grenzlage zu Jugoslawien war es, die die Lage Zieregg so lange in der Unbekanntheit abgetaucht ließ. Als die Grenzkommission der Siegermächte die Donaumonarchie der Habsburger nach Ende des Ersten Weltkriegs komplett in Nationalstaaten zerschlug, da zogen sie die territorialen Grenzen des neuen Österreich fast immer dort, wo eine Mehrzahl der Bevölkerung Deutsch sprach, oder sich zur deutschen Sprache bekannte – so wurde es im Vertrag von St. Germain niedergeschrieben und festgemacht. Warum diese auch heute noch gültige Staatsgrenze ausgerechnet durch die Lage Zieregg laufen muss, kann niemand mehr genau erklären. Offenbar lag es an einem einzigen Bauern. Egal, denn die Europäische Union macht die alten Steine und neuen Schilder einzig nur zum Hinweis, in welchem Land man sich befindet.

Sortenreinheit als Prinzip

Erzherzog Johann war es, der nur sortenreine Weine trinken wollte. Also keine Cuvées, keine Vermischungen verschiedener Moste verschiedener Sorten, wie sie etwa der damals beliebte Gemischte Satz darstellt. Das Reinsortige hatte Johann im Burgund gesehen, das sich in Sachen Weingestaltung auch heute noch massiv vom Bordelais (Bordeaux) unterscheidet. Reinsortig erschien Johann, so sagen die Aufzeichnungen, als logisch, als pragmatisch; die Cuvée hingegen als unnötig viel Aufwand und als für große Weine nicht zielführend – ein Irrtum. Auch die kleinen französischen Holzfässer ließ Johann in der Steiermark binden und die neuen Weine darin reifen. Das Barriquefass hat so in der Region eine wahrlich lange Tradition, in Österreich die weitaus längste.

Nach der Reblausplage, die den europäischen Weinbau fast vollständig vernichtete, begann man in der Steiermark, wie überall in Europa, mit immunen, amerikanischen Unterlagsreben zu arbeiten. Seine alte Flächenausdehnung aber erreichte der steirische Weinbau nie wieder und es sollte bis in die Achtzigerjahre des letzten Jahrhunderts dauern, bevor steirischer Wein wieder überregional von sich reden machte.

Jetzt, in dieser frischen Gegenwart, macht Erzherzog Johanns Erbe, das Reinsortige, die Fasskultur, die Ausrichtung auf Lagen, richtig Sinn.
Die Winzer in Berghausen wussten nach 1945 sehr wohl von der Güte der Lage Zieregg, doch Titos Grenzer waren den österreichischen Weinbauern nicht immer freundlich gesinnt. Kurz gesagt: Die Zieregg war eine Art Problemlage. Zu dicht an einem für viele Menschen hier schwer berechenbaren Nachbarland. Es gab Tage, da standen die jugoslawischen Grenzer, meist aus dem agrarischen Süden des Landes rekrutiert, nervös mit der entsicherten AK-47 in der Hand in den Weingärten. Das minderte den Wert der Zieregg (und anderer Grenzlagen) enorm.

Der junge Manfred Tement aber wusste, wo seine Reben standen. Und er vertraute der politischen Entwicklung, der Öffnung im Osten, die auch Jugoslawien erfasste, das nach Titos Tod langsam zu einer Art europäischer Demokratie zu mutieren schien. Die Grenzer waren nach 1985 längst nicht mehr so rigoros, es zog eine Art Laissez-faire ein. Bis 1991 der jugoslawische Bürgerkrieg begann, der Jugoslawien als Land beendete. Ein Krieg, aus dem sich Slowenien in nur zehn Tagen befreien konnte.

Diese Befreiung befreite auch die Zieregg und Manfred Tement konnte Teile der slowenischen Zieregg, der Ciringa, zukaufen, seine Pläne umsetzen, seine Zieregg formen, auf seine Art Weine aus den Trauben der Lage machen. Es ist die Auswirkung großer Geschichte, sogar eines Krieges, die diese kleine Meisterleistung möglich machte. Mit dem Ende Jugoslawiens begann der Aufstieg des Weinguts Tement und die weltweite Bekanntheit der Weine aus der Lage Zieregg, die der Südsteiermark einen Hype bescherte, von dem der gesamte Weinbau mit all den anderen, so vielfältigen Sauvignon-Lagen profitierte.

Die Essenz der Parzelle

Was Manfred Tement Ende der Achtzigerjahre in der Zieregg erkannte, das war das Potenzial eines wunderbar gelegenen, warmen, stark von der Sonne beschienenen Hangs, der 16 verschiedene Parzellen mit verschiedenen Kleinklimazonen sein Eigen nennt. Die Böden der Zieregg-Parzellen sind vielfältig: lockere, braune Erde, Kalkmergel, Urgestein, sogenannter Opok, dazu noch jede Menge Fossilien aus dem Meer, das hier mal für Jahrtausende die Hügelketten unter Salzwasser setzte. Im Hang selber gibt es kleine Wellen, die wieder für kleine Unterschiede im Lesematerial sorgen. Und die Zieregg ist zudem durch einen gegenüberliegenden Hang vor Extremwetter geschützt. Außer vor Hagel, denn der lässt sich nie vorschreiben, wo er sein Unheil anrichtet.

Seit wenigen Jahren bauen die Tements diese Parzellen auch einzeln aus. Und wer erfahren will, was eine Lage ausmacht, wie verschieden Weine aus einer Lage schmecken können, sollte die Weine der Zieregg sowohl als Lagencuvée als auch als Parzellenweine, etwa aus den Parzellen Hausweingarten, Karmeliter Kapelle oder Unterer Steilriegel, trinken. Selten erkennt man die Möglichkeiten durch Diversifikation mehr als bei diesem weltweit fast singulären Experiment.

Die Tements machen mit dem Kauf weiter Teile der Ciringa auch Geschichte rückgängig. Das alles für einen Hügel, der ihre Identität ist, einen Hang, der mit seinen Bodensalzen die großen, im kleinen und mittleren Holz ausgebauten Weine oft nachhaltiger beeinflusst als das in früheren Jahrgängen oft überbordende Toasting der Fässer. Für die Tements ist die Zieregg die bestimmende Scholle. Und eine Lage der Ehre.