Helles Mauerwerk, ein graues Spitzdach mit Lärchenschindeln – ein Kirchturm wie Hunderte andere in Südtirol. Doch das Ringsherum macht den Unterschied: nichts als Wasser. Mit einem Bimmeln der Schiffsglocke legt die "Hubertus" ab und steuert auf das bizarre Monument zu, das aus den Fluten des Reschen-Stausees ragt. Welche Flutkatastrophe Pate für diesen Anblick stand? Nicht etwa ein Tsunami, sondern eine geplante, wie der junge Kapitän Elias Winkler den Passagieren des kleinen Oldtimer-Dampfers erzählt.

Ein versunkener Kirchturm …

Vor 71 Jahren verwandelte sich die fruchtbare Hochebene zwischen Reschen und St. Valentin in einen sechs Kilometer langen Stausee. Pläne zur Stromerzeugung hatten schon Ingenieure der k.u.k.-Monarchie gewälzt, doch die Italiener, seit 1919 Herren über Südtirol, hatten ein Mega-Projekt im Sinn. Statt um fünf Meter sollte das Wasser nun um bis zu 22 Meter steigen. Als das kurzfristig verlautbart wurde, erhob sich ein Proteststurm. Vergebens. 500 Hektar Kulturfläche verwandelten sich in eine Wasserwüste, 180 Gebäude wurden gesprengt, 1.000 Menschen verloren ihr Dach über dem Kopf, als im Sommer 1950 die Schleusen geschlossen wurden.

Am härtesten traf es das Dörfchen Graun. "Das einzige, was sie stehen ließen, war der Kirchturm, weil der rechtzeitig unter Denkmalschutz gestellt wurde", erklärt Kapitän Winkler. Adäquaten Ersatz für Wohnraum und Nutzflächen gab der Siedlungsraum kaum her. Und so blieb den meisten Familien nichts anderes übrig, als sich mit den mickrigen Entschädigungen andernorts eine neue Existenz aufzubauen.

… als Mahnmal und touristisches Zugpferd

Das letzte Überbleibsel von Alt-Graun ist für die älteren Generationen ein Symbol staatlicher Willkür, der die deutschsprachigen Südtiroler in den ersten Jahrzehnten unter Italiens Herrschaft ausgesetzt waren. Seither ist jedoch viel Wasser die Etsch hinuntergeflossen und auch der Aufstieg zur Tourismusdestination hat die "Tragödie vom Reschensee", wie sie auf Infotafeln an der Uferpromenade beschrieben wird, in den Hintergrund treten lassen. Den meisten Besuchern von heute präsentiert sich der Turm als pittoreske Sehenswürdigkeit. Mehrmals am Tag bricht die "Hubertus", Baujahr 1931, zur Stausee-Erkundung auf. Kundschaft kommt vom großen Parkplatz, wo Abertausende Durchreisende auf dem Weg nach Süden Stopp machen, um das "alpine Atlantis" genauer in Augenschein zu nehmen.

Relikte einer oft dramatischen Vergangenheit hat der Vinschgau im Überfluss zu bieten – besonders für jene, die zu Fuß unterwegs sind. Hoch über dem See, zwischen Latschen, Zirben und Lärchen, stoßen Wanderer auf verfallene Bunker und rostende Panzersperren. Benito Mussolini ließ die Bollwerke in den 1930er Jahren anlegen, weil er Hitler-Deutschland nicht über den Weg traute. Die europäische Integration hat Befestigungswerke wie diese längst überflüssig gemacht. Heute können Wanderer, die von Nauders in Nordtirol starten, kaum mehr verorten, wo sie ihre ersten Schritte auf italienischem Gebiet setzen oder – wie am panoramaträchtigen Dreiländerstein – gar ein Stück auf Schweizer Boden wandeln.

Südtirols Waale – ein uraltes Kulturgut

Noch tiefer in die Vergangenheit taucht man auf den Waalwegen ein, die den Vinschgau vom Reschensee bis nach Meran durchziehen. Die Süd-Ausläufer der Ötztaler Alpen sind besonders niederschlagsarm. Um sie urbar zu machen, legten die Bauern bereits im Mittealter Kanäle an – und verfeinerten diese "Waale" zu einem der innovativsten Bewässerungssysteme der Welt.

Waalwandern Schluderns  Meran: Hier fließt der Leitenwaal unter einen Felsblock dahin. Schwerstarbeit wurde bei der Errichtung der Waale geleistet. 
- © Stefan Spath
Waalwandern Schluderns  Meran: Hier fließt der Leitenwaal unter einen Felsblock dahin. Schwerstarbeit wurde bei der Errichtung der Waale geleistet.

- © Stefan Spath

"Jedes Fleckchen Grundstück im Vinschgau, das nicht bewässert werden kann, ist nichts wert, weil es kaum Ertrag bringt", erklärt Josef Ruepp, der viele Jahre im Auftrag der Forstverwaltung für die grundlegende Instandhaltung der Waale über seinem Heimatort Schluderns zuständig war.

Am drei Kilometer langen Leitenwaal lässt sich ihre Bauweise gut studieren. Schmale Rinnen wurden gegraben und mit Steinplatten eingerahmt, Felsen untertunnelt und Gräben mit Holzrinnen überbrückt. Über ein System von Wehren, Nebengerinnen und Weihern findet das Nass seinen Weg zu den Abnehmern. Waalschellen, angetrieben durch ein Wasserrad, signalisierten über große Distanzen, dass das Wasser störungsfrei lief. 30 Hektar Weiden, Wiesen und Obstgärten bedient der Leitenwaal bis heute, erläutert der Pensionist.

Wassermusik und grünes Band

Die Wege zur Betreuung der Kanäle sind längst für Freizeitvergnügen adaptiert worden und stehen für geruhsame Touren mit leichtem Gepäck. Grandios ist das Landschaftserlebnis: Der Leitenwaal hebt sich als grünes Band von den kahlen Hängen des Sonnenbergs ab. Die knorrigen Lärchen, die über dem Wasserschatz wachen, haben 300 bis 400 Jahre auf dem Buckel. Das feuchte Mikroklima hat ihnen Baumbärte in Grau und Grün sprießen lassen. Wassermusik in allen Tempi begleitet die Waal-Wanderer. Es murmelt, gluckert und plätschert, und an der Fassungsstelle rauscht der Saldurbach in Prestissimo zu Tal.

Das große Waale-Sterben

Etwa zwei Dutzend Waale strömen heute im Vinschgau noch offen durch die Landschaft, 1939 waren es etwa zehnmal so viele. Seit der Umstellung vom Wassern auf arbeitssparende Beregnungssysteme, die nach dem Zweiten Weltkrieg einsetzte, verlaufen die meisten der künstlichen Wasseradern in Südtirol verrohrt unter der Oberfläche. Zum Klangbild gehört seither das Zischen der Spritzen, die das Wasser in erster Linie über die gigantischen Obstplantagen verteilen. Allein im Vinschgau werden jährlich an die 300.000 Tonnen Äpfel erzeugt. Mancherorts wogt in der Talsohle ein Ozean an Apfelbäumen und verleiht den Dörfern  Inselcharakter – ähnlich dem Kirchturm, der aus dem Reschensee ragt.

Auf zu einem Kultur-Schlenker!

Landschafts- und Kulturerlebnis gehen am Oberlauf der Etsch Hand in Hand. Mit der Vinschger Bahn steht Besuchern ein dicht getaktetes Verkehrsmittel zur Verfügung, um ihre Touren mit Sightseeing zu verbinden und am Ende des Tages bequem zurück in ihr Quartier zu gelangen. In Schluderns macht die mittelalterliche Churburg Kunstinteressierten schon von Weitem schöne Augen. Ihre Arkaden mit dem Stammbaum der Vögte von Matsch und der Grafen Trapp sowie ihre Rüstkammer mit blank polierten Harnischen sind durch Führungen erschlossen.

Die Churburg über Schluderns ist eines der am besten erhaltenen Schlösschen Südtirols.  Im Sommer steht sie für Besichtigungen offen. 
- © Stefan Spath
Die Churburg über Schluderns ist eines der am besten erhaltenen Schlösschen Südtirols.  Im Sommer steht sie für Besichtigungen offen.

- © Stefan Spath

Ein paar Bahnstationen weiter, in Tschars, windet sich ein Waalweg zum Schloss Juval empor, wo der Südtiroler Höhenpionier Reinhold Messner von seiner Leidenschaft für die Berge der Welt erzählt. Und in Laas spannt eine blütenweiße Marmorbüste von Kaiser Franz Joseph einen Bogen ins ferne Wien.

Prunk aus Laas für die Wiener Ringstraße

Was es damit auf sich hat? Auf einem kunsthistorischen Spaziergang erfährt man, dass aus Laaser Marmor bereits Meilensteine für römische Fernstraßen gehauen wurden. Mit der systematischen Erschließung der Steinbrüche hoch über Laas Mitte des 19. Jahrhunderts verbreitete sich der Ruf des "weißen Goldes" in Europa. Bald fanden tonnenschwere Blöcke aus Laaser Marmor ihren Weg nach Wien, wo sie Künstler und Steinmetze der Ringstraßen-Ära zu Monumenten von zeitloser Schönheit verarbeiteten – Beispiele dafür sind der Pallas-Athene–Brunnen des Parlaments oder das Kaiserin-Elisabeth-Denkmal im Volksgarten. Härte, Reinheit und einzigartiger Glanz machen den Naturstein bis in die Jetztzeit begehrt – so wandelt etwa über Laaser Marmor, wer in New York am 2016 neu eröffneten Oculus-Bahnhof neben den einstigen Türmen des World Trade Center umsteigt.

Marende: Gut fürs Bauchgefühl

Zügig fällt die Etsch ab, auf den gut 70 Kilometern bis nach Meran überwindet sie 1.200 Höhenmeter. Pfeift am Reschenpass häufig ein kühler Wind, so wird es von Dorf zu Dorf lieblicher – und das Wandern nimmt den Charakter von Spazierengehen an. Zusehends mischen sich Weinberge in das Bild, die Zahl der Buschen- und Hofschänken nimmt zu. Das Bauchgefühl rät gerne zu einer klassischen Marende mit Speck, Kaminwurzen, Käse und Bauernbrot. Je näher es gegen Meran geht, desto öfter laden auch Restaurants mit Südtiroler Gourmetküche zum Einkehrschwung.

Wo die Etsch endgültig nach Süden schwenkt, rückt die Tappeiner-Promenade das Städtchen Meran in nostalgisches Licht. Benannt ist der Höhenweg nach dem Arzt und Botaniker Franz Tappeiner, der Ende des 19. Jahrhunderts den Aufstieg Merans zu einem der angesagtesten Kurorte der Donaumonarchie förderte. Pinien, Kakteen, Agaven, Zypressen und Olivenbäume stimmen auf die Leichtigkeit des Südens ein. Der mächtige Turm der Nikolauskirche scheint zum Greifen nah. Und wer sich auf den Vinschgauer Wanderwegen verausgabt hat, kann dem Aktivurlaub noch einen Wellness-Aufenthalt folgen lassen.

Compliance-Hinweis: Der Autor war auf Einladung von Eurohike im Vinschgau unterwegs.