Und, habt‘s schon Mittag gegessen?" "Hamma die Tabletten schon genommen?" "Wie war der Stuhlgang?" Das Leiden im Älterwerden erschöpft sich meist nicht nur in körperlichen Einschränkungen, sondern etwa auch in einem anderen Umgang mit Mitmenschen.

Intimität, Abgrenzung und persönliche Freiheiten sind gerade in der Coronapandemie sichtbar geworden und in den Mittelpunkt getreten. Was brauchen Menschen im Alter und wie kann man reifen? Wie will man eigentlich altern? Und welche Veränderungen sind zu erwarten, um nicht einer infantilen Spezialbehandlung ausgesetzt zu sein?

Der vermutlich älteste Mensch der Welt: die Französin Jeanne Calment bei ihrem 120. Geburtstag. 
- © Sygma via Getty Images, Eric Fouger

Der vermutlich älteste Mensch der Welt: die Französin Jeanne Calment bei ihrem 120. Geburtstag.

- © Sygma via Getty Images, Eric Fouger

Insgesamt 1.421 Menschen (218 Männer und 1.203 Frauen) waren am 1. Jänner 2021 mindestens 100 Jahre alt. Das Durchschnittsalter der Bevölkerung lag mit 43,1 Jahren zu Jahresbeginn 2021 um rund 0,2 Jahre über dem Niveau des Vorjahres, so die Statistik Austria. Am 1. Jänner 2021 lebten in Österreich 1,720.737 Kinder und Jugendliche unter 20 Jahren (19,3 Prozent der Gesamtbevölkerung), 5,495.640 Personen (61,5 Prozent) waren im Haupterwerbsalter von 20 bis unter 65 Jahren und 1,716.287 Menschen (19,2 Prozent) waren 65 Jahre oder älter. Und die Menschheit wird auch immer älter werden, so die Fachleute. "Das ewige Leben" ist etwa im US-amerikanischen Silicon Valley, dem Zentrum der IT-Industrie, ein großes Thema. Unsterblichkeit, Selbstoptimierung und die Entwicklung einer Lebensweise, die es Menschen ermöglichen soll, die biologische Uhr nach hinten zu drehen, treiben viele Unternehmen an. Wer will schon 1.000 Jahre alt werden? Aber wenn auch die Freunde so alt werden und die Beschwerden erst gar keine werden, könnte man diese Ansicht ja durchaus überdenken... Trotz Klimawandel und geringer Pension.

Der 1.000jährige unter uns

Die 1.000 Jahre sind übrigens nicht aus der Luft gegriffen, der Altersforscher und Biogerontologe Aubrey de Grey will das Altern abschaffen und meint, dass der erste Mensch, der 1.000 Jahre alt wird, schon geboren ist. "Wir werden die Lebenserwartung extrem ausweiten", so sein Credo. Aufmerksamkeit erhielt er mit seiner These, dass unbeschränkt langes menschliches Leben in 25 Jahren potenziell zu erreichen sei. De Grey argumentiert, dass das nötige Grundlagenwissen für die Entwicklung von Therapien zur Bekämpfung des Alterns heute bereits weitgehend existiere. Seine Ansichten sind allerdings umstritten. Seine Überlegungen fußen auf der Annahme, dass die Behandlungen, die Altersschäden reparieren, schon ziemlich nahe und in den nächsten 15 bis 20 Jahren einsatzbereit sind. Diese werden uns nicht per se 1.000 werden lassen, aber ein 20 oder 30 Jahre längeres Leben ermöglichen. Man erkauft sich Zeit und 30 Jahre später werden die Behandelten gealtert sein, weil wir bestimmte Schäden nicht aufhalten konnten. Dann wird es neue Medikamente geben, mit denen wir uns wieder verjüngen können. Und so weiter – wir werden dem Problem immer einen Schritt voraus sein, meinte De Grey kürzlich in einem Interview.
Die Hoffnungsträger für "ewiges Leben" sind Stammzellentherapie und die sogenannten "Telomere", das sind die aus repetitiver DNA und assoziierten Proteinen bestehenden Enden linearer Chromosomen.

Was ist realistisch?

Als der wahrscheinlich bislang älteste Mensch der Welt gilt Jeanne Calment, die auf ein bewegtes und beeindruckendes Leben zurückblicken konnte: Als Kind verfolgte sie den Bau des Eiffelturms, traf als Jugendliche den Maler Vincent van Gogh. Sie überlebte zwei Weltkriege sowie den Kalten Krieg. Mit 85 Jahren begann sie zu fechten und fuhr, bis sie hundert war, mit dem Fahrrad, Das Rauchen beendete sie, man weiß nicht warum, erst im Alter von 119 Jahren und starb schließlich 1997 mit 122 Jahren.
Wie alt kann man denn nun eigentlich werden? Laut einer kürzlich erschienenen Studie der University of Washington besteht in reichen Ländern bis zum Ende des Jahrhunderts eine 68-prozentige Wahrscheinlichkeit, dass jemand 127 Jahre alt werden wird, und eine 13-prozentige Wahrscheinlichkeit, dass ein Mensch 130 Jahre oder älter wird. Bis 2050 könnte sich die Zahl der über Hundertjährigen von derzeit rund 500.000 Menschen auf fast 3,7 Millionen Menschen erhöhen. Eine weitere Studie, die Anfang des Jahres veröffentlicht wurde, bei der rote und weiße Blutkörperchen von mehr als 70.000 Menschen analysiert wurden, kam zu dem Ergebnis, dass Menschen, die in einer stressbefreiten Umgebung und ohne Krankheiten leben, theoretisch zwischen 120 und 150 Jahre alt werden können. Spätestens ab diesem Zeitpunkt aber versage das körpereigene System – egal welche Gene oder Gesundheit der Mensch habe. "Wir gehen davon aus, dass die maximale Lebensspanne beim Menschen bei etwa 120 Jahren liegt", sagt Johannes Grillari, Experte für Biotechnologie und Altersforschung am Ludwig-Boltzmann-Institut für Traumatologie und an der Universität für Bodenkultur in Wien.

Alterungsprozess umkehren

Im vergangenen November konnte sich der israelische Wissenschafter Shai Efrati auf Twitter kaum halten: "Zum ersten Mal ist es uns gelungen, den Alterungsprozess menschlicher Zellen nicht nur zu stoppen, sondern sogar umzukehren", schrieb er. Die Entdeckung des Shamir Medical Center könnte uns künftig nicht nur Falten, Hüftleiden und Demenz ersparen, sondern vielleicht sogar unsterblich machen. Denn die hyperbare Oxygenierung (Sauerstoffbehandlung) der israelischen Wissenschafter stoppt den Prozess, der für das Altern verantwortlich gemacht wird: die Verkürzung der Telomere an den Enden unserer DNA-Stränge (mit jeder Zellteilung werden Telomere kürzer). "Telomere schützen das Erbgut. Mit dem Alter verkümmern sie oder verschwinden – und die Zelle kann ihre Aufgaben nicht erfüllen und geht zugrunde", so Efrati. Sein sensationelles Studienergebnis: In einer dreimonatigen Testreihe wurden die Telomere der Probanden nicht nur am Verkümmern gehindert, sondern sie wuchsen sogar.

Der Arzt ist immer dabei

Ein großer Unterschied zwischen der aktuellen Generation älterer Menschen und der kommenden findet sich im Umgang mit Technologie. Derzeit sehen viele Senioren den Einsatz von Technologien und elektronischen Helfern eher als Zeichen von Schwäche oder fühlen sich durch deren Nutzung überfordert. Das Hörgerät als sichtbarer Beweis der Vergänglichkeit, na dann lieber nichts hören, scheint vielfach noch die Devise. Und den alles kontrollierenden Blechtrottel am Handgelenk braucht es auch nicht. Wer allerdings mit Smartphone und Co. aufgewachsen ist, sieht dies weniger schlimm beziehungsweise als eine Erleichterung im Alltag.

Der Schrittzähler am Handgelenk, Apps, die Tabletteneinnahme oder Wasserkonsum überwachen, Herzfrequenzmessungen nebenbei und vieles andere mehr. Fitness-Tracker und smarte Ringe messen zwar schon jetzt unsere Gesundheitsdaten, künftige Apps werden aber noch viel präziser arbeiten und zuverlässig Schlaganfälle oder Herzinfarkte verhindern. Ganz zu schweigen von Standortdaten, die nicht nur zur Orientierung genutzt werden können, sondern auch zum Auffinden – etwa bei Demenzkranken. Und an Telemedizin und virtuelle Besuche beim Arzt hat man sich in Lockdown-Zeiten schon gewöhnen können.

Menschen für Menschen

Das kalifornische Unternehmen AliveCor forscht dafür an der Kombination von medizinischen Geräten und Künstlicher Intelligenz. Ihr winziges tragbares EKG-Gerät ist schon jetzt am Markt. Seine Software passt sich automatisch an die Eigenheiten des Users an und erkennt Herzrhythmusstörungen anhand von 300.000 individuellen Parametern. "Damit ist nicht nur eine Gesundheitsüberwachung möglich", sagt AliveCor-Gründer Dr. David E. Albert, "sondern auch eine Aufzeichnung aller Daten über längere Zeit. Was etwa die Überwachung des Genesungsprozesses revolutioniert."

Wesentlich für das Wohlbefinden im Alter sind aber auch und gerade soziale Komponenten und eine deutliche Reduktion von Stress schon in jüngeren Jahren. Haustiere in Altersheimen oder auch ein Ersatz selbiger in Form von Robotern, zudem entsprechende Bewegungsmöglichkeiten, werden in den kommenden Jahren deutlich mehr Aufmerksamkeit bekommen müssen. Apropos Roboter: Die menschliche Komponente in der Pflege wird man sicherlich nicht dadurch ersetzen können, wohl aber Hilfsdienste und unterstützende Tätigkeiten. Und beim Thema Mensch, auch das zeigte Corona eindringlich, wird es ohne eine deutliche Aufwertung der Berufe im Sozial- und Pflegebereich, sowohl monetär, aber auch in der gesellschaftlichen Anerkennung, nicht zu schaffen sein. Hier müssen sehr bald die Weichen gestellt werden, um den Herausforderungen der Zukunft gewachsen zu sein.

Eine alternde Gesellschaft wird sich auch den großen Fragen bei Tabuthemen nicht verschließen können: Vom selbstbestimmten Sterben bis hin zu Sexualität im Alter. Wie man leben und altern will, bedeutet in weiterer Folge, auch über sein Sterben entscheiden zu können. Und auch viele kleine Tode sollen im Alter noch möglich sein. Hier gilt es, die Erfahrungen aus dem Alltag in Seniorenheimen in einer breiten Öffentlichkeit zu diskutieren. Denn Sexualität gehört nun einmal zu den elementaren Bedürfnissen.