Für viele ältere Menschen löst das Wort "Seniorenheim" immer noch Gänsehaut und Schrecken aus. Das Ende der Individualität, ein Gefühl des Abgeschobenwerdens, der Einsamkeit, das Herausgerissenwerden aus der vertrauten Umgebung und Essen, das man nicht mag.

Auf dem Weg zum Seniorenheim der Zukunft sind tatsächlich noch eine Vielzahl von Schritten notwendig. Es reicht nämlich bei Weitem nicht aus, wenn man sich den technologischen Innovationen und Möglichkeiten widmet, Menschen durch Roboter ersetzt oder Wände begrünt. Ein Raum zum Leben und Noch-Älterwerden muss für alle Beteiligten neu gedacht werden – das meinen nicht nur die Bewohnerinnnen und Bewohner, sondern auch das Pflegepersonal. Und es ist eine Frage der Finanzierung. Eines der größten Themen ist die Zeit.

Zukunft neue Ansätze zu suchen sein, wie man die Mobilität und damit die körperliche und auch geistige Gesundheit fördern und finanzieren kann. 
- © faustino - stock.adobe.com

Zukunft neue Ansätze zu suchen sein, wie man die Mobilität und damit die körperliche und auch geistige Gesundheit fördern und finanzieren kann.

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Nicht jene, die man noch zu leben hat oder die, die vergeht, sondern die Zeit, die man mit sozialen Kontakten verbringt oder auch verbringen will. Der Fokus vieler innovativer Ansätze liegt daher auch darin, dass man die zwischenmenschliche Zeit fördert und dabei auf die Bedürfnisse der Bewohner ebenso eingeht wie auf die Möglichkeiten des Personals. Man stelle sich ein Pflegeheim vor, Menschen mit Demenz zum Beispiel, die schon in der Corona-Krise nicht wussten, warum die Verwandten nicht mehr zu Besuch kamen. Man stelle sich weiter vor, diese Menschen haben weitere körperliche Einschränkungen, die es unmöglich machen, dass sie allein vor die Türe gehen. Wenn nun ein paar Raucher dabei sind, bedeutet dies einen enormen zusätzlichen Aufwand für das Pflegepersonal. Eine 5-Minuten-Zigarette wird schnell zu einem kleinen Ausflug.

Unterschiedliche Ansätze

Geht es um ein selbstbestimmtes Älterwerden, so sind die Möglichkeiten vielfältig. Solange es möglich ist, kann eine Haushaltshilfe in den eigenen vier Wänden, mit moderner Technik, die auch stets die gesundheitlichen Parameter überwacht, mit Apps, die an Wassertrinken und Tabletteneinnahme erinnern und Lieferungen von Essen sowie Einkäufen, ein möglichst langes, selbstbestimmtes Leben in den eigenen vier Wänden ermöglichen. Die Palette reicht weiter von einer Senioren-WG mit Unterstützung und Gemeinschaftsräumen und dem klassischen Altersheim (in ganz unterschiedlichen Varianten, wie Sie gleich lesen werden), das eine Erweiterung der Möglichkeiten und möglichst wenige Einschränkungen bringen soll, bis hin zum Pflegeheim, an dem der technologische Wandel ebenfalls nicht vorbeigehen wird.

Zuvor müssen allerdings alte, verkrustete Denkweisen aufgebrochen werden. Die "alternde Gesellschaft" stellt Pflege, Soziologie, aber auch Architektur und Stadtplanung vor neue Herausforderungen. Pflegeberufe müssen aufgewertet werden: Zu wenig und zudem noch überlastetes und unterbezahltes Personal kann nicht die Zukunft sein. Zudem muss Altern als Chance begriffen und die Umwelt erlebbar gemacht werden. Das heißt, dass viele ältere Semester voller Tatendrang und Interessen sind, dies jedoch nicht aus- und erleben können, weil die Möglichkeiten nicht mehr gegeben sind - Mobilität ist dabei ein großes Schlagwort.

Das Potenzial an Ideen, Erfahrungen und auch Neugier ist riesig – erschöpft sich in der Gesellschaft derzeit allerdings höchstens im "konsumieren sollen". Es sollte jedoch Engagement, Teilhabe und Lebensfreude in ganz unterschiedlichen Zusammenhängen und Umgebungen geben. Es stellt sich die Frage, wie eine Umgebung gestaltet sein sollte, in der die Generationen vernetzt sind, in der gehandicapte, hochbetagte und Menschen mit Demenz in der Mitte der Gesellschaft leben können – und nicht mehr in Einrichtungen "institutionalisiert" werden. Menschen als Verschlusssache – in vielen Bereichen hat Corona wie ein Brennglas die Mängel offensichtlicher werden lassen.

Eine alternative Form des Zusammenlebens hat in den letzten Jahren als sogenannte Mehrgenerationenhäuser zugenommen. Dies bedeutet nicht, dass die pensionierte, ehemalige Kindergärtnerin auch im Alter auf Kinder aufpassen muss, außer sie will, sondern dass sich eine Wohngemeinschaft vom Kleinkind bis zum Senior findet und bildet. Wissenstransfer, Neugierde und Wertschätzung für andere Altersgruppen sind hier positiv hervorzuheben. Probleme gebe es aber auch in dieser Wohngemeinschaft, gerade der Umgang mit dem Tod müsse erst gelernt werden, heißt es in diversen Studien zu dem Thema. Sowohl im kommunalen Wohnbau wie auch in der Wiederbelebung von Dorfgemeinschaften spielt diese Wohnform eine spezielle Rolle - als Keimzellen nicht nur für die Revitalisierung ganzer Ortschaften, sondern auch für die innerstädtische Grätzlbildung.

In den Niederlanden und Deutschland haben sich bereits vor geraumer Zeit Studenten und Senioren zu Wohnpartnerschaften zusammengefunden. Zunächst als Wohngemeinschaften, die sich aus der Tatsache ergeben, dass viele ältere Menschen in großen Wohnungen wohnten und die studentischen Zuzügler sich keine Wohnungen in den Universitätsstädten leisten konnten. Mittlerweile gibt es schon eigene Wohnbauten, die Studentenwohnheim und Seniorenheim kombinieren. In einigen Fällen können die Studenten ihre Mieten senken, wenn sie Aufgaben für die Gemeinschaft übernehmen. Diese Wohnformen ermöglichen zu überschaubaren Kosten mehr Flexibilität und soziale Interaktion.

Auch Senioren-WGs erleben einen Aufschwung. Jeder Bewohner in seinem Einzelzimmer, dazu ein paar Gemeinschaftsräume, meist eine große Küche, ein Fernsehraum und auch Tiere sind erlaubt. Gerade das Thema Haustier stellt in den meisten Senioren-, aber auch Pflegeheimen ein großes Problem dar. Ein Manko ist aber der hohe Kostenrahmen. Entsprechende Wohnpartnerschaften in einem Haus ermöglichen dann noch einen Gemeinschaftsgarten – ebenfalls ein großer Wunsch im Alter.

Haustier, Garten und Schwimmbad – dies sind oft jene Punkte, die vielen Senioren in entsprechenden Einrichtungen fehlen. Und genau diese Annehmlichkeiten sind es, die aus Kostengründen schwer zu realisieren sind. Wer kümmert sich um Hund und Katz, wer um den Garten? Und die Kosten für ein Hallenbad sind schwer zu stemmen. Nichtsdestotrotz sind es gerade Bewegung und Aktivitäten, die jung halten. Auch hier werden in Zukunft neue Ansätze zu suchen sein, wie man die Mobilität und damit die körperliche und auch geistige Gesundheit fördern und finanzieren kann. Schwimmbäder für Kinder und Senioren könnten in kleineren Gemeinden Abhilfe schaffen, samt Transportservice für alle Altersgruppen.
Ein Kindergarten in einem Altersheim mutet auf den ersten Blick vielleicht seltsam an – doch haben Menschen zu Beginn und am Ende ihres Lebens durchaus ähnliche Bedürfnisse und Aufmerksamkeitsbedarf.

Der US-Wissenschafter Nir Barzilai, bekannt für seine Studien mit Hundertjährigen, untersuchte in einer TV-Serie den Besuch von Vierjährigen im Altersheim: Malen, Singen, Lachen und mehr standen am Programm. Das ärztliche Fazit nach nur sieben Wochen: dramatische Stimmungsaufhellung, Gleichgewichtssinn um 50 Prozent verbessert, Schrittzahl und Griffstärke verdoppelt. Kein Wunder, dass man verschiedene Altersgruppe und deren Institutionen verbindet: Zusammen ist man weniger alt.