Dublin befand sich im Lockdown. Alle Straßen waren abgeriegelt, und zwischen Mitternacht und fünf Uhr morgens galt eine Ausgangssperre. Der Unabhängigkeitskrieg gegen die britische Regierung tobte bereits im zweiten Jahr. Es hätte günstigere Zeiten gegeben, seinem Hobby zu frönen, doch der Blue-Terrier-Club veranstaltete allen Widrigkeiten zum Trotz am 16. Oktober 1920 die allererste Hundeshow in seiner Vereinsgeschichte. Initiiert wurde sie von dem Mann, der am selben Tag seinen 30. Geburtstag feierte und auf den die Briten ein Kopfgeld von 10.000 Pfund ausgesetzt hatten – Michael Collins.

Rebell mit Hundespleen

Collins, Spitzname: The Big Fellow, war einer der wichtigsten Führer des Unabhängigkeitskampfes, Vorstandsmitglied von Sinn Féin und Leiter des IRA-Geheimdienstes.

Michael Collins – irischer Held mit Hundespleen. 
- © Michael Collins Centre, Castleview, West Cork, Ireland

Michael Collins – irischer Held mit Hundespleen.

- © Michael Collins Centre, Castleview, West Cork, Ireland

In jedem Dorfpub, das etwas auf sich hält, findet man noch heute eine gerahmte Fotografie von Michael Collins in Uniform. Als Soldat und charismatischer Staatsmann ist er im kollektiven Gedächtnis Irlands gespeichert, doch an den leidenschaftlichen Hundezüchter Michael Collins erinnern sich nur noch wenige. Ein besonderes Faible hatte er für Kerry Blue Terrier. Nach Erreichen der Unabhängigkeit von Großbritannien wollte Collins diese Rasse sogar zum Nationalhund des neuen irischen Freistaats ernennen, und soll angeblich selbst die Gesetzesvorlage zur Abstimmung im Parlament bereits vorbereitet haben.

Ungewöhnliches Äußeres

Welch Karriere für ein Tier, das keinen eindeutigen Abstammungsnachweis erbringen kann. Die genaue Herkunft der Kerry Blues liegt im Nebel irischer Geschichte verborgen. Die Legende besagt, dass es einem portugiesischen Wasserhund, der sich auf einem Schiff der Spanischen Armada befand, nach dessen Kentern gelungen war, sich an die Küste der Grafschaft Kerry zu retten. Das samtweiche Fell des Tieres begeisterte die örtlichen Bauern so sehr, dass er sich mit allen Hündinnen der Wheaten-Terrier-Rasse paaren durfte. Heraus kam der Kerry Blue, ein mittelgroßes Tier mit flachem Schädel, tiefer Brust und einem weichen, lockigen Fell in verschiedenen Blauschattierungen, der sich als perfekter Rattenfänger, Hüte- und Jagdhund entpuppte.

Wegen seiner kleinen Knopfohren und dem zottigen Kinnbart wirkt er nicht gerade heldenschön, sondern eher clownesk, aber wie die Iren zu sagen pflegen: "It takes all kinds to make a world" – "Es braucht alle Arten, um eine Welt zu schaffen", und schließlich galt Michael Collins' Bewunderung für diese Hunde weniger ihrem Aussehen als ihrem Wesen: absolut loyal, temperamentvoll, furchtlos und eigensinnig, echte Iren eben. Tatsächlich sah Collins in den Kerry Blues die vierbeinige Verkörperung des irischen Geistes und stellte den Patriotismus damit auf vier Pfoten.

Unabhängigkeitskampf im Zeichen des Hundes

Deshalb muss auch die Dubliner Hundeausstellung im Oktober 1920 als Teil seines Unabhängigkeitskampfes gesehen werden. Nun könnte man meinen, dass lockige Hütehunde sich zur Revolution etwa so verhalten wie Kamillentee zu Kokain oder Glühwürmchen zum Blitz, doch schon die Gründung des irischen Terrier-Clubs war der erste Schritt einer kynologischen Rebellion gegen die britische Herrschaft. Bis dahin bestimmten ausschließlich englische Vereine die Zuchtstandards, sodass die Rassehundewelt vom britischen Establishment dominiert wurde.

Um das zu ändern, riskierte einer der meistgesuchten Männer Irlands also seine Tarnung und nahm an der Hundeshow mit seinem Kerry Blue namens "Convict 224" teil, eine Referenz an einen anderen Unabhängigkeitskämpfer, der diese Nummer als Gefängnisinsasse trug. "Convict 224" setzte sich durch gegen alle anderen Hunde und deren überwiegend britische Besitzer, darunter auch Staatssekretär Sir James McMahon, und belegte den ersten Platz.

Ein waschechter Kerry Blue Terrier. 
- © Catherine Ledner / Getty

Ein waschechter Kerry Blue Terrier.

- © Catherine Ledner / Getty

Den Siegerpokal nahm Collins ausgerechnet aus den Händen des britischen Hauptmanns
Wyndham Quinn entgegen. Wie die Mehrzahl der anwesenden Briten hätte wohl auch Quinn den Iren am liebsten tot gesehen, daher ist es kaum vorstellbar, dass Michael Collins während der Show von niemandem erkannt worden sein soll.

Waffenstillstand wegen der Terrier

Will man irischen Terrier-Freunden glauben, hat das Hundezüchter-Ethos dazu geführt, dass sich die Liebe zum Vierbeiner einen Abend lang über alle menschlichen Feindschaften hinwegsetzte und es zu einem Waffenstillstand kam. Zwei Inselvölker, geeint darin, auf der falschen Seite Auto zu fahren, bei 13 Grad ein Sonnenbad in Unterwäsche zu nehmen und an eine Volksmedizin zu glauben, die gegen Keuchhusten empfiehlt, drei Mal unter dem Bauch eines Eselfohlens hindurch zu krabbeln – warum sollte man daran zweifeln, dass sie einen mit äußerster Brutalität und Guerillataktiken geführten Krieg aussetzen, um sich gegenseitig ihre Terrier zu zeigen?

Dank Michael Collins’ Hundespleen galt der Kerry Blue irischen Nationalisten jedenfalls bald als Maskottchen der Revolution, und Collins selbst trug noch zur Steigerung der Beliebtheit bei, indem er die Hunde verschenkte. Sogar Lord Birkenhead, ein Mitglied der britischen Delegation, mit der Collins den Anglo-Irischen-Vertrag aushandelte, bekam einen kleinen Terrier als Präsent. Als das Abkommen, das die Gründung eines irischen Freistaats vorsah, am 6.12.1921 endlich geschlossen wurde, war es ausgerechnet jener Lord Birkenhead, der bemerkte, dass Michael Collins womöglich sein politisches Todesurteil unterschrieben habe, woraufhin dieser erwiderte: "Ich habe womöglich mein tatsächliches Todesurteil unterschrieben."

Zwar brachte der Vertrag einem Großteil der Insel die Unabhängigkeit von Großbritannien, enttäuschte die Erwartungen vieler Iren aber dennoch, da sie einen Ausverkauf ihrer Interessen fürchteten. Der Dominionstatus ihrer Insel, der Treueeid auf den britischen König und das Recht der Briten, weiterhin viele irische Häfen zu nutzen, weckte den größten Widerstand, der im Sommer 1922 zum Ausbruch des Irischen Bürgerkriegs zwischen den Vertragsgegnern auf Seiten der IRA und den Truppen des Freistaates führte.

Ruhmeshalle ohne Hund

Ende August desselben Jahres reiste Michael Collins durch die Grafschaft Cork, eine Hochburg seiner Rivalen. In jedem der hiesigen Pubs finden sich dutzende Gäste, die einem erzählen können, wie der Big Fellow seine Wagenkolonne anhalten ließ, nachdem er in Bandon eine Frau gesehen hatte, die dort mit ihrem Kerry Blue spazieren ging. Er sprach mit ihr über ihren Hund, streichelte ihn ausgiebig und setzte seine Fahrt fort in Richtung Béal na mBláth, ein kleines Dorf südlich von Macroom. Dort geriet er in einen Hinterhalt der IRA und wurde beim Schusswechsel tödlich am Kopf getroffen. Michael Collins starb mit nur 32 Jahren. Nur das Herrchen zog in die Ruhmeshalle der irischen Geschichte ein, sein Lieblingshund musste draußen bleiben. Nicht schlimm, finden Fans des Kerry Blue. Nicht nur, dass den Terriern das Schicksal eines Modehundes erspart geblieben ist, es sei auch nicht jedem gegeben, "to be owned by a Kerry", einem Kerry zu gehören. Um sich als Eigentum eines Hundes zu begreifen, ohne Minderwertigkeitskomplexe zu entwickeln, braucht es mindestens die Größe eines irischen Nationalhelden, eines Big Fellow eben.