Sie gehören zu den ikonischen Tieren Afrikas, prägen das Gesicht des Kontinents – und wecken Begierden: Schnitzereien aus Elefantenstoßzähnen gelten seit Jahrhunderten als wertvolle Statussymbole, das Horn der Nashörner wird als Potenzwundermittel eingesetzt, ein Leoparden- oder Löwenfell vor dem Kamin soll den Reichtum des Hausherrn demonstrieren und wer einen Silberrücken, einen mächtigen Berggorilla, erlegt hat, gilt als mutiger, furchtloser Jäger. Und das hat sich bis heute nicht geändert: Pro Jahr werden rund 100.000 Tiere in Afrika im Rahmen der Trophäenjagd getötet.

Mittlerweile setzen den mächtigen Pflanzenfressern und Raubtieren der afrikanischen Savanne und des Regenwaldes aber nicht nur Jagd und Wilderei schwer zu, auch der Klimawandel und vor allem der schwindende Lebensraum durch die immer dichtere Besiedelung des Landes durch den Menschen sowie Ackerbau und Viehzucht lassen die Bestände der Elefanten, Löwen oder Nashörner täglich kleiner werden.

Es war einmal ein Waisenelefant...

Dem deutschen Fotografen Joachim Schmeisser sind diese Tiere besonders ans Herz gewachsen. Begonnen hat die Liebe vor allem zu den Elefanten zuerst einmal aus der Ferne – seine Frau Kathrin hatte dem gemeinsamen Sohn 2009 eine Patenschaft für einen Elefantenwaisen geschenkt. Im selben Jahr reiste Schmeisser nach Ghana in Westafrika, um die Arbeit einer Gruppe von Ärzten eine Woche lang fotografisch zu begleiten und später aus dem Bildmaterial eine Dokumentation zu gestalten. Doch kaum stieg er aus dem Flugzeug, war es um ihn geschehen: "Das erste, was mich fasziniert hat, waren die rote Erde und das Licht – eine traumhafte Kombination für jeden Fotografen", erzählt er im Gespräch mit dem "Wiener Journal". Während seines Aufenthaltes lernte er Land und Menschen kennen, für die Tierwelt blieb allerdings wenig Zeit.

Das sollte sich bald ändern – bereits ein paar Monate später, im Herbst desselben Jahres, kam er erneut für drei Wochen nach Afrika – diesmal mit Familie. Nach ihrer Landung in Nairobi, Kenia, wollten sie ihr tierisches Patenkind namens Kibo in der Waisenstation des David Sheldrick Wildlife Trust besuchen – und sie hatten Glück: "Wir durften tatsächlich rein und waren eine Stunde mit unserem Waisenelefanten im Busch unterwegs – es war der reine Wahnsinn!" Diese Begegnung und die Ergebnisse seiner Recherche über das Leben dieser Tiere und die Aufzucht- und Waisenstation des Trustes waren letztendlich der Auslöser für Schmeissers Entschluss, sich für die Elefanten einzusetzen und durch seine Arbeit in Form von Ausstellungen und Fotoverkäufen auf ihre prekäre Lage aufmerksam zu machen. All das gipfelte in einem Buch, "Elephants in Heaven", das 2017 erschien und den Waisenelefanten und ihren Betreuern in Nairobi ein Denkmal setzte.

Fotos als Augenöffner

Doch es blieb nicht bei den grauen Riesen – seit 2009 war Schmeisser zumindest 25-mal in Afrika, vornehmlich in Kenia, Tansania und Ruanda, um seine riesigen Lieblinge, aber auch Nashörner, Löwen oder Giraffen zu fotografieren. Kenia eigne sich dafür besonders, denn dort seien die Tiere an die Anwesenheit von Menschen gewöhnt und die riesigen Wildparks seien ausnehmend gut geschützt: "Es ist, als ob die Tiere wüssten, dass sie dort nicht gejagt werden, dass man auf sie aufpasst und die Menschen, die in den Park kommen, ihnen nichts Böses wollen."

Für ein solches Foto eines prachtvollen Löwen muss Joachim Schmeisser oft viele Tage Suche in Kauf nehmen und dann geduldig warten... 
- © Joachim Schmeisser, www.immagis.de

Für ein solches Foto eines prachtvollen Löwen muss Joachim Schmeisser oft viele Tage Suche in Kauf nehmen und dann geduldig warten...

- © Joachim Schmeisser, www.immagis.de

Trotzdem ist es kein simpler Spaziergang; immer wieder ist er tagelang auf der Suche nach einem einzigen Tier – und findet es trotzdem nicht: "Manchmal wollen sie einfach nicht gefunden werden, manchmal wandern sie über die Grenze nach Tansania – und dort werden sie leider gelegentlich Opfer der Wilderer." Oft sind die Wege aufgrund des Wetters unpassierbar und lange Umwege werfen den ganzen Zeitplan über den Haufen. Doch Schmeisser hat Geduld, sucht, liegt oft stundenlang auf dem Boden oder hängt mit dem Oberkörper aus dem Auto, um den richtigen Zeitpunkt und die richtige Perspektive für das perfekte Foto zu erwischen. Er verwendet keine Remote-Kameras mit Fernauslöser, sondern wendet dasselbe Prinzip wie bei Porträts von Menschen an: kurze Brennweite, keine großen Teleobjektive. Und er macht keine Action-Fotografie, er hat Respekt vor den Tieren und achtet ihre Würde. Das sieht man in seinen Bildern: Egal ob Elefant, Gepard oder Gorilla, alle wirken entspannt, unbeeindruckt von der Anwesenheit eines Menschen, ein wenig neugierig vielleicht, aber niemals nervös, ängstlich oder aggressiv.

Die Faszination der Nähe

Und auch Schmeisser hat keine Angst, wenn die Tiere bis auf wenige Meter auf ihn zukommen, vor ihm stehenbleiben und ihn betrachten: "Eines meiner schönsten Erlebnisse war mit Big Tim, einem riesigen Tusker, also einem Elefantenbullen mit mächtigen Stoßzähnen. Ich lag vor dem Auto auf dem Boden, außer meiner Frau und meinem Guide niemand weit und breit, und dann kommt dieser ‚gentle giant‘, dieser sanfte Riese, direkt auf uns zu, als ob er durch den Wagen hindurchlaufen wollte. Er ging dann genau vor mir vorbei, so nah, dass er das Auto hätte berühren können. Ich kann gar nicht beschreiben, was da in mir vorgegangen ist, wie sich diese Macht, die Tim ausstrahlte, angefühlt hat, es war einfach nur unfassbar."

Ähnlich ist es Schmeisser auch mit dem Löwen Scarface ergangen: "Scarface war viele Jahre lang der dominanteste Löwe der Maasai Mara und bildete mit seinen drei Brüdern ‚die vier Musketiere‘. Als ich ihn im vergangenen Jahr beobachtete, dachte ich, dass ich seinen letzten Tag erleben würde, so schwach und abgemagert war er. Er lag den ganzen Tag im Gras, stand erst auf, als die Sonne schon unterging, doch dann war er wie ausgewechselt – all seine Macht, seine Größe und Schönheit waren plötzlich wieder da und obwohl er humpelte, war er in diesem Moment das majestätischste Tier, das mir je begegnet ist." Scarface ist mittlerweile im Alter von 14 Jahren gestorben und wurde unter großer Anteilnahme der Bevölkerung begraben – wie es einer Ikone gebührt.

Der riesige White-Rhino-Bulle ist eine echte Naturgewalt – und nicht zu unterschätzen. 
- © Joachim Schmeisser, www.immagis.de

Der riesige White-Rhino-Bulle ist eine echte Naturgewalt – und nicht zu unterschätzen.

- © Joachim Schmeisser, www.immagis.de

Aufregend war die Begegnung mit den Spitzmaulnashörnern: "Die sind schon ein Kapitel für sich, denn sie sind wesentlich aggressiver als etwa die Breitmaulnashörner. Ich hatte allerdings einen hervorragenden Guide, einen Massai, der die Tiere und deren Verhalten kannte wie kein anderer. Dennoch, wenn man auf dem Boden liegt, um die richtige Perspektive hinzubekommen und den richtigen Horizont, und dann kommt so ein 2,5 Tonnen schweres Tier relativ flott auf einen zu, hält man kurz den Atem an und bewegt sich nicht", erzählt Schmeisser über seine Fotosession mit einem gewaltigen Black-Rhino-Bullen.

Die Zärtlichkeit der Berggorillas

Berührt hat ihn auch die Begegnung mit den Berggorillas. Nach einer vier Stunden dauernden Wanderung auf über 2.500 Meter in den Vulcano Hills in Ruanda kam er zu einer Gruppe, die gleich drei riesige Silberrücken einschloss, "und da wird man sehr demütig. Doch dann beobachtete ich, wie ein kleiner Berggorilla einen der Silberrücken als Spielgefährten auserkor: Er trommelte auf dessen Kopf herum, ließ sich von einem Ast auf ihn herunterfallen, kurzum, er hatte seinen Spaß mit dem großen Männchen, das sich alles widerstandslos gefallen ließ. Doch irgendwann ging dem Kleinen die Energie aus und er setzte sich neben den Silberrücken. Der streckte seine Hand aus und strich dem Nachwuchs ganz zärtlich über den Kopf. Es hat mich unglaublich bewegt. Gleichzeitig war ich wütend und traurig, weil ich wusste, wie gefährdet diese Familie ist, denn der Wildtierhandel blüht und wer genug Geld hat, kauft sich einen kleinen Berggorilla für seinen Privatzoo daheim. Um an einen Babygorilla zu kommen, muss jedoch die ganze restliche Familie sterben, denn sie verteidigen ihr Junges bis aufs Blut."

Wer beobachtet hier wen? Der mächtige Silberrücken betrachtet sein Gegenüber genau... 
- © Joachim Schmeisser, www.immagis.de

Wer beobachtet hier wen? Der mächtige Silberrücken betrachtet sein Gegenüber genau...

- © Joachim Schmeisser, www.immagis.de

Die Berggorillas sind übrigens die einzige Art, deren Bestand sich in den vergangenen Jahren minimal erholt hat, doch die Ranger, die sich um ihren Schutz, aber auch den anderer afrikanischer Wildtiere kümmern, bezahlen ihren Einsatz immer öfter mit ihrem Leben, denn die Wilderer sind mittlerweile besser ausgerüstet als sie: "Die suchen mit Hubschraubern die Gebiete ab und mähen mit Maschinengewehren ganze Herden nieder. Dagegen haben die Ranger keine Chance. Ich habe die Ergebnisse der Wilderei fotografiert; wie diese Schlachtfelder aussehen, wollen Sie gar nicht wissen."

Außerdem haben die afrikanischen Länder, auf deren Gebiet sich große Wildparks befinden, oft nicht genug Geld, um für ausreichend Personal und Ausrüstung zu sorgen. "Besonders die Corona-Pandemie hatte furchtbare Auswirkungen", erzählt Schmeisser. "Wir waren in einem Camp in Kenia, in dem meistens sechzig und mehr Touristen nächtigen und von dem aus sie ihre Safaris machen. Doch im vergangenen Jahr waren meine Familie und ich die einzigen Besucher. Dass es trotzdem noch Menschen gibt, die sich für die bedrohten Tiere einsetzen, grenzt an ein Wunder."

Sein mulmigstes Erlebnis hatte Schmeisser zwar im Busch, jedoch nicht mit einem Tier: "Ich war mit dem Kenia Wildlife Service unterwegs, deren Mitarbeiter schwere Waffen tragen, um sich gegen Wilderer wehren zu können. Begleitet wurden wir von einem sogenannten Desnaring-Team, das sind Leute, die die Drahtschlingenfallen aufspüren und unschädlich machen. Mitten im Busch, im Nirgendwo, stießen wir auf eine kleine Hütte, die eindeutig Wilderern als Unterschlupf diente. Zum Glück war keiner da, aber die Ranger erklärten mir, dass, falls wir welche angetroffen hätten, diese auf alle Fälle bewaffnet gewesen wären und sofort auf uns geschossen hätten."

Wilderei, Übertourismus, Lebensraumschwund

Wobei kenianische Ranger immer noch besser dran sind als ihre Kollegen in Uganda, im Kongo oder in Südafrika – deren Blutzoll steigt von Jahr zu Jahr. Das hält sie jedoch nicht von ihrer Arbeit ab und Schmeisser weiß aus vielen Gesprächen, wie wichtig ihnen der Erhalt der Tierwelt Afrikas ist. Doch es ist eine Gratwanderung: "Viele Touristen bedeutet viele Einnahmen, auf der anderen Seite aber auch mehr Stress für die Wildtiere, denn Besucher nehmen oft keine Rücksicht auf Distanz oder Ruhezeiten und wollen, dass die Guides ganz nahe heranfahren, um bessere Fotos machen zu können. Die dürfen das zwar nicht, aber ein paar Dollar mehr in der Tasche erleichtern ihnen und ihren Familien das Leben für eine Woche. Wer sagt da schon nein? Und die Ranger, die kontrollieren sollen, dass die Guides auf den Straßen bleiben, können auch nicht überall gleichzeitig sein. Es ist ein komplexes Problem und eine Lösung nicht in Sicht", seufzt Schmeisser.

Wie so viele andere verfolgt er die Entwicklungen in Afrika in Sachen Wilderei und Lebensraumschwund mit Sorge und versucht sein Bestes, andere darauf aufmerksam zu machen – wie jetzt wieder: In seinem jüngsten Buch "Die letzten ihrer Art" erweist er Afrikas Tierwelt (oder zumindest einem Teil davon) seine Referenz: Schmeissers Schwarz-Weiß-Bilder sind kunstvolle und dennoch ganz natürliche Porträts von atemberaubender Schönheit, die auf den ersten Blick den Eindruck vermitteln, dass alles in Ordnung ist. Doch auf den zweiten Blick offenbart sich eine gewisse Traurigkeit, die sich vor allem im Licht ausdrückt: Manche Bilder wirken, als würde man dieses spezielle Tier zum letzten Mal sehen – was durchaus der Fall sein kann: "Jeden Tag werden drei Nashörner gewildert und alle 20 Minuten ein Elefant – wie lange soll das noch so weitergehen?" Das Paradies ist massiv bedroht, doch was wäre Afrika ohne seine tierischen Ikonen?