Der erste Schluck fließt runter wie Feuerwasser. Ebenso der zweite. Bis das Glas leer ist, brennt’s im Rachen. Zurück bleibt eine erdige Fruchtnote. River Antoine oder Rivers, wie der Rum aus Grenada auf der Karibikinsel heißt, zählt wahrlich nicht zu den Edeltropfen. Er erinnert an ein Fossil, das erahnen lässt, wie Seefahrern und Piraten Rum im 18. Jahrhundert geschmeckt hat. Jeder Tropfen birgt Nostalgie, schickt die Sinne in die Vergangenheit.

Jahr für Jahr wird Rum populärer, doch was die Wenigsten wissen: Rum ist nicht gleich Rum! Will man den Unterschied zwischen industriell hergestelltem Rum und dem alkoholhaltigeren Original aus frisch gepresstem Zuckerrohrsaft verstehen, empfiehlt sich eine Reise in den Nordosten der Karibikinsel Grenada. An jene Quelle, wo rhum agricole auf traditionell-landwirtschaftliche Weise produziert wird, mit den gleichen Mitteln wie vor über 230 Jahren. Alles in Handarbeit.

Rum-Produktion wie vor hundert Jahren

Die Zeitreise führt nach La Poterie, eine winzige Ortschaft im Schatten eines mächtigen, von dichtem Urwald gesäumten Vulkankraters. Tief hinein in meterhohe Zuckerrohrfelder, aus denen die roten Dächer der Rivers-Brennerei in den Himmel ragen.
Hier empfängt die Besucher das breite Grinsen von Withfield Lyons, dessen Zähne in der gleißenden Karibiksonne weiß strahlen. "Willkommen am Ursprung", sagt der Grenader.

Kein Eingangsschild, das darauf hinweist, welchen Ort, welches Zeitalter der Besucher betritt. Rostige Geräte, die an eine Epoche erinnern, als Mensch und Tier im Einklang technische Wunder schufen. Raue, meterdicke Steinmauern, von Salz und Wind angefressen – was davon übrig blieb, überzog eine Kruste aus Ruß und Dämpfen gärenden Zuckerrohrsaftes. Dazwischen zeugen einzig bunte Shirts, Kappen und Turnschuhe der Mitarbeiter von der Moderne. Egal, ob an der alten Mühle, in der das Zuckerrohr gepresst wird, am hölzernen Handwagen, der mit den Resten der gewalzten Stangen gefüllt ist, am Ofen, der mit ebendiesen beheizt wird, oder an den wuchtigen Kupfertöpfen, in denen der gewonnene Saft zu Sirup aufgekocht wird, bevor er in tiefen Gärtanks zu Alkohol fermentiert: Fleißige Männer, die täglich jene Zeitmaschine anwerfen, deren Technik nicht über die Funktion von Rad, Feuer, Hebelkraft und anderen Naturgesetzen hinausgeht, über deren Ergebnis sie aufgrund des musealen Charakters immer wieder aufs Neue staunen.

Über dem Anwesen liegt eine Duftwolke aus Meersalz und vergorenem Fruchtzucker. Süß und schwer riecht die Luft, wie fauliges Holz. Übertüncht wird der Geruch nur von Withfield Lyons frischem Aftershave. "Mittlerweile habe ich jeglichen Geruchssinn verloren", witzelt er, der den Großteil seiner dreiundvierzig Lebensjahre in der Brennerei verbracht hat.

Von Kindesbeinen an

Als Kind schon trug er seinen Eltern regelmäßig das Mittagessen in die Destillerie: Eintöpfe aus Bohnen, Brotfrucht, Spinat und Kokosmilch. Lag der riesige Apparat am Nachmittag still, tollte er mit Freunden auf dem Grundstück herum. Zu seinem Job in der Brennerei kam er später durch Zufall. Seine Verlobte, die selbst bei Rivers arbeitete, empfahl ihn für eine ausgeschriebene Stelle. Lyons zögerte, ging der Zukünftigen zuliebe aber hin. Mit seinem Wissen über die Produktionsstationen überzeugte er nach wenigen Minuten. Das war 2001, seitdem kümmert er sich bei seinen Touren um Touristen und Delegationen aus aller Welt, die bevorzugt die weißen Strände im Südwesten der Insel aufsuchen – und nur für die Brennerei das hügelige Hinterland Grenadas durchqueren. Auch wenn Lyons blind über das Gelände führen kann, rührt er Rivers und anderen Alkohol nicht an. Seine Mutter starb vor fünf Jahren an den Folgen jahrzehntelangen Alkoholkonsums.

Arbeiter bringen die Zuckerrohr-Bündel vom Truck in die Destillerie zur Weiterverarbeitung. 
- © Julian Walter

Arbeiter bringen die Zuckerrohr-Bündel vom Truck in die Destillerie zur Weiterverarbeitung.

- © Julian Walter

Einst war Rivers das Getränk der Zuckerrohrschneider wie auch Lyons’ Eltern, also jenen Männern und Frauen Grenadas, die den Rohstoff für diese hochprozentige Substanz ernteten, schnitten und entblätterten. Heute ist der Rum auf der ganzen Insel beliebter denn je, wird bei lautstarken Calypso-Musik-Partys ebenso ausgeschenkt wie in den unzähligen Rum-Shops, die über ganz Grenada verstreut sind. "Vielleicht hat er nicht den besten Geschmack oder den besten Geruch", sagt Lyons, "aber definitiv die besten Nachwirkungen – nämlich gar keine." Denn Rivers sei – trotz seines über achtzig Prozent hohen Alkoholgehalts – natürlich und organisch, ein Produkt, das nicht gepanscht wird und daher keinen Brummschädel verursacht. Anders als andere Rumsorten...

Vom Fusel zum Kultgetränk

Als billiger Partydrink mit üblem Kater und als Spirituose, die nicht ernst genommen werden kann, war Rum die längste Zeit in Verruf. Allen voran Bacardi, der weltgrößte Rumproduzent, sorgte dafür, da er seinem Getränk jeden Geschmack entzog, um es leichter mischen zu können. Das ließ nicht nur die Menschheit in dem falschen Glauben, dass Rum wirklich so schmecke, es erschwerte anderen Produzenten, ihr Erzeugnis ernsthaft anzubringen.

Seit 2010 aber gibt es einen wiederkehrenden Hype um die Zuckerrohr-Spirituose, ausgelöst durch amerikanische und britische Gastronomen, Barkeeper und Connaisseurs, die gemeinsam die Rum-Fahne hochhielten. Damals wurde mehr Rum in den USA konsumiert als je zuvor.

Seitdem zelebriert die Welt wiederholt das "Jahr des Rums". 2017 überschritt der Absatz von Rum in Großbritannien erstmals die Marke von einer Milliarde Pfund. In den vergangenen zehn Jahren verdreifachten sich dort landesweit die Marken. Auch in Österreich nimmt die Zahl der heimischen Rum-Produktionen seit 2015 zu. Dabei steht der große Moment erst aus, da das Getränk gerade dabei ist, richtig im Premium-Sektor anzukommen. Vermutlich irgendwann zwischen 2022 und 2024, tippt Benjamin Jones – einer, der es wissen muss. Als Direktor von Spiribam, einem amerikanischen Feinkost-Rum-Anbieter und Tochterunternehmen mehrerer karibischer Rumproduzenten, gilt Jones in der Spirituosenwelt als Autorität. "Die Möglichkeit, dass Rum die Welt entzündet, war in der Vergangenheit immer da, die Streichhölzer waren bloß feucht. Nun gibt es mehr neugierige Konsumenten, Vielfalt und Qualität am Markt, sodass Rum nichts mehr im Weg steht, zu explodieren."

Der echte rhum agricole

Im tropisch-feuchten Grenada lassen diese Trend-Vorzeichen die Bewohner genauso kalt wie Jahreszahlen und die Zukunft im Allgemeinen. Oder Fakten: Ja, der Rum aus Barbados ist tatsächlich älter als die Rivers-Brennerei. "Aber", sagt Withfield Lyons, "unsere Nachbarn machen keinen rhum agricole, sondern rhum industriel."
Rhum agricole, also landwirtschaftlich erzeugter Rum, entsteht aus gepresstem Zuckerrohr und macht nur drei Prozent des Weltmarktes aus. Rhum industriel hingegen wird aus Melasse gewonnen, einem Nebenprodukt aus der Zuckerrohrherstellung. Daraus resultiert jenes Getränk, das wohl jeder kennt, der schon einmal in einer Bar war, sei es in Form von Havana Club, Bacardi oder Captain Morgan.

Die 1785 erbaute Rivers-Brennerei gilt damit als älteste noch operierende Destillerie der Welt, die landwirtschaftlich erzeugten Rum herstellt. Eine ökologische Auszeichnung, die viele Grenader mit Stolz erfüllt. Dabei ist die Entstehungsgeschichte geprägt von Kolonialismus und Sklaverei.

Dass auf der Isle of Spice, der Gewürzinsel, beinahe jeder Samen gedeiht, den man in den vulkanischen Boden streut, erkannten auch die französischen Kolonialisten. Ende des 18. Jahrhunderts errichteten sie an Grenadas palmengesäumter Nordostküste eine Brennerei, wo sie mittels Sklavenarbeit stark alkoholhaltigen Rum herstellen ließen, um diesen nach Übersee zu verschiffen. Als Namensträger diente der nahegelegene Fluss, der einen Steinwurf entfernt in den Atlantik mündet: Antoine.

Viel ist seitdem passiert auf der Gewürzinsel: Herrschaftswechsel, Sklavenaufstände, Revolutionen, Invasionen und Naturkatastrophen. Auf dem über 160 Hektar großen Areal der Brennerei hingegen steht die Zeit still. "Bis auf ein paar Pumpen und Plastikrohre ist alles noch wie früher", sagt Lyons und zeigt das Herzstück der Brennerei: ein sieben Meter hohes Wasserrad, das seit 1840 in Betrieb ist. Sein Treibstoff: ein umgeleiteter Seitenarm des Flusses Antoine. Drei Truckladungen Zuckerrohr werden am Ende eines jeden Tages von den Mahltrommeln ausgequetscht, 120 Gallonen Rum, rund 450 Liter, produziert sein.

Davon verkauft Rivers jede einzelne Flasche – vom geschäftlichen Standpunkt her ein Riesenerfolg. Von Export kann keine Rede sein. "Damit decken wir nicht einmal den lokalen Bedarf", sagt Lyons, dessen Heimatland mit Platz 13 eine der höchsten Alkoholkonsumraten der Welt aufweist. "Mehr geht einfach nicht. Unser Rum entsteht in Handarbeit. Ein Markenzeichen, das man kaum woanders findet."

Handarbeit

Am Ende der Produktionskette sitzt Veronica Augustine McSween, klebt Etiketten auf die leeren Flaschen und befüllt diese mit dem klaren Flüssig-Gold. Jede einzeln. Rund fünfhundert Flaschen täglich, fünf Tage die Woche, seit 38 Jahren. In Grenada hat wohl fast jeder der einhunderttausend Bewohner schon einmal Rivers getrunken, den McSween zuvor beklebt und abgefüllt hat. Die Stimme der 63-Jährigen bricht beim Reden, ihr Unterleib ist kreisrund, sie tut sich schwer aufzustehen. "Die Knie", klagt sie, wirkt, als wäre sie in ihren Stuhl hineingewachsen. Nur einmal verließ sie ihn wirklich, vor einem Jahr ging sie in Pension. "Aber die Chefin bat mich, zurückzukehren." Seitdem etikettiert und füllt McSween wieder für Rivers. Sie ist die längstdienende Mitarbeiterin. Viel verändert hat sich in den letzten vier Jahrzehnten nicht. Etliche Kollegen und Manager hat sie kommen und gehen sehen, sonst ist alles gleich geblieben: "Wir schneiden noch immer das Zuckerrohr wie früher mit der Machete."

Wie jeder andere Mitarbeiter ist auch McSween über Familienbande zu Rivers gestoßen. Mutter, Vater, Bruder und Onkel arbeiteten einst hier, nun sind es ihre Söhne, die Zuckerrohr schneiden. McSweens Ehemann kümmert sich um das Erhitzen der Tanks, die den acht Tage fermentierten Zuckerrohrsaft destillieren. Für Rivers könnte die Bezeichnung "Familienbetrieb" kaum treffender sein. Achtzig Mitarbeiter zählt die Brennerei heute, fünfzig davon auf den Feldern, dreißig in der Brennerei selbst. Der Großteil von ihnen stammt aus der Umgebung. "Würden wir auf Maschinen umstellen, wäre La Poterie arbeits- und mittellos", sagt Withfield Lyons.

Darum bleibt die Tradition bei Rivers, wie sie ist. "Das ist unser Erbe", sagt er, "mit all seinen Nachteilen." Etwa wenn ein Teil kaputtgeht, wie im Juni vor zwei Jahren die Drehvorrichtung der Mühle. Ersatzteile gibt es schon lange nicht mehr, sie müssen in Feinarbeit nachgebaut werden. Niemand auf Grenada kann das, also wird ein Schmied auf der Nachbarinsel Trinidad beauftragt. "Das dauert dann schon ein paar Wochen", sagt Lyons. Eine Zeit, in der nicht produziert wird. Aber um Zeit sorgt sich in Grenada zum Glück niemand.