Das Fenster aufmachen und genau nichts hören: keinen Straßenlärm, keine quietschenden Reifen, keinen Streit unter Nachbarn, kein Eiskratzen an der Autoscheibe, kein lautstarkes Entsorgen der leeren Flaschen des Samstagabends im Glascontainer. Sondern nichts außer Vogelzwitschern und dem Wind, der sich in den Ästen und Blättern des alten Nussbaums fängt. So oder so ähnlich fängt jede Erforschung des Motivs von "Stadtflüchtlingen" an. Vor allem jene, die den Sprung zurück aufs Land noch nicht geschafft haben. Oder ist das lediglich die romantisierte Idealvorstellung eines Städters, der vom Tag schon genug hat, wenn er nur einmal das Fenster zur Straße öffnet?

Das Landleben lockt

Und doch: kein Lärm, viel bessere Luft, weniger Atemwegserkrankungen, mehr Grün. Das sind die Dinge, mit denen das Landleben lockt. Und das zieht: Schon vor der Pandemie sind jährlich an die 50.000 Menschen aus Wien ins Umland oder noch weiter aufs Land weggezogen. Meist sind es junge Familien, die ihre Koffer packen, sobald die Kinder da sind. Halbwegs intakte Umwelt, Sicherheitsgefühl, ein vermeintlich problemloseres Schul-Umfeld (auch ohne Privatschule), sind da ganz oben auf der Wunschliste. "Wegen der Kinder" hört man also immer wieder als Argument. Man will den Kindern ein anderes, möglicherweise auch wieder etwas freieres Aufwachsen ermöglichen. Weil es einen Unterschied macht, ob man im Sommer barfuß durch eine Futterwiese am Hang oder durch den Margaretenpark läuft. Wer beides probiert hat, weiß: kein Vergleich.

Die Corona-Pandemie hat diese  "Abwanderungsbewegung" nur noch verschärft. Der beengte Lockdown in der Stadt war für manche ein nahezu traumatisches Erlebnis, das sich in einer nie dagewesenen Nachfrage nach Wohnraum im ländlichen Raum entladen hat. Um bis zu einem Drittel mehr Anfragen nach Einfamilienhäusern berichten Makler seit dem Beginn der Corona-Pandemie. Doch nicht nur Häuser sind gefragt. Der Trend geht generell zu größeren Wohnungen. Grund dafür ist das vermehrte Homeoffice, das den Bedarf nach einem abgetrennten Arbeitszimmer verstärkt hat (nur ein solches ist auch steuerlich absetzbar). Mehr Wohnraum bedeutet also generell größere und damit teurere Immobilien. Das führt bei gleichbleibendem Budget freilich automatisch zu einer Ausweitung des Suchradius. Ein Haus im nördlichen Weinviertel oder im Südburgenland kostet relativ gesehen immer noch ein ganzes Stück weniger als in den Bezirken rund um Wien. Dadurch, dass man nicht mehr jeden Tag ins Büro nach Wien fahren muss, rücken nun Gegenden wieder ins Visier, die jahrzehntelang nahezu tote Zone waren.

Eine Frage der Leistbarkeit

Das freilich ist für viele Gemeinden, die nicht allzu zentral gelegen sind, die lange ersehnte Chance, wieder zu wachsen und somit den lange waltenden Trend zur "Landflucht" umzukehren. Günstige Baugrund-Aktionen sollen das bisher unmöglich Scheinende wieder möglich machen: Vermehrt junge Familien anzuziehen, die Kinder bekommen und die Infrastruktur von Kindergarten bis zur Volksschule auslasten und somit erhalten. Manche Gemeinden erlassen etwa die Aufschließungsgebühren für Familien, die Kinder haben (oder planen) oder halten Grundstücke zu Preisen deutlich unter dem Marktwert parat. Eine Win-Win-Situation für beide Seiten: Für die einen wird das Wohnen im Grünen möglich, für die anderen der Erhalt der Gemeinde und deren Infrastruktur.

Künstler, Kulturschaffende und andere Freigeister waren die ersten, die den Trend erspürt haben. Wurden billige oder gar prekariatsmäßig vermietete Atelier-Flächen in der Stadt in den vergangenen Jahren mehr oder weniger brutal weg-gentrifiziert, gab es im nördlichen Niederösterreich tausende alte Höfe, die dem Verfall preisgegeben waren. Und die nur auf jemanden mit handwerklichen Fähigkeiten gewartet hatten, um wieder wachgeküsst zu werden. Und Kunst zieht bekanntlich Kunst nach sich. Richtige kleine Künstler-Oasen bildeten sich mitunter. Eine willkommene Blutauffrischung für die überalterte Bevölkerung allemal.

Mein Huhn, mein Salat, meine Petersilie

Doch auch die immer stärker werdende Bio-Bewegung lockt aufs Land. Wo gibt es noch Hausgärten in einer Dimension, die in Wien bereits ein kleiner Park wäre. Hier gibt es noch allerorts Flächen, die zum Selbstanbau von Gemüse und Kräutern bereitstehen. Auch das Halten von Nutztieren oder der Reitsport ist für manche ein zugkräftiges Argument. Eine Familie mit drei Hobby-Reitpferden, die lange ein halbes Vermögen für einen Stall im Umland von Wien bezahlt hatten, sind mit einem kleinen Bauernhof etwas weiter weg bestens bedient. Die finanzielle Logik macht dabei durchaus Sinn: Wer das Geld hat, rund um Wien drei Pferde einzustellen, kann auch einen Kredit für einen kleinen Bauernhof mit Stall abbezahlen.

Eigene Hühner, die glücklich in der Wiese picken - und der Gockel ist auch mit dabei. Sehr entspannend... 
- © georgeclerk / Getty Images

Eigene Hühner, die glücklich in der Wiese picken - und der Gockel ist auch mit dabei. Sehr entspannend...

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Platz für die Hunde, die Pferde, die Schafe, Gänse oder eigene Hühner. Auf dem Land gibt es niemanden, der sich an so etwas stößt. "Ortsüblich" nennt man das. So mancher kommt damit nicht ganz zurecht. So wird von Städtern erzählt, die – kaum angekommen – rechtliche Schritte gegen den Lärm der Kirchenglocken unternahmen. Man sei nicht aus der Stadt geflohen, um sich um sechs Uhr morgens das benachbarte Gebimmel anzuhören. Dass das seit 300 Jahren so sei und daher völlig in Ordnung, musste den feinen Herrschaften erst von einem Bezirksgericht bei einem Lokalauengeschein klar gemacht werden. Ein Top-Einstieg in eine neue Lebensumgebung ist das allemal.

Es geht um Integration

Wer freilich glaubt, dass er sein semi-anonymes Städter-Leben auf dem Land eins zu eins fortführen kann, wird mitunter nicht glücklich werden. Denn eine Dorfgemeinschaft erwartet sich von Neuzugezogenen ein gewisses Maß an Integration. Wer denkt, Dinge wie die Feuerwehr, Landjugend oder der Schützen- und Verschönerungsverein gehen ihn prinzipiell nichts an, könnte durchaus hochgezogene Augenbrauen ernten. Auch ein Gang in die Kirche ab und zu sollte aus sozialen Gründen möglich sein. Und zwar unabhängig davon, ob man gläubig ist oder nicht (Spoiler: So mancher Ortsansässige ist es auch nicht). Wie schrieb schon Leo Tolstoj in seinen Tagebüchern? "Wenn man auf dem Lande lebt, weiß man, ob man will oder nicht, alles, was ringsum vor sich geht." Daran hat sich seit 1856 nicht viel geändert.

Natürlich ist es zudem eine Umstellung, dass eine gewisse Infrastruktur eben nicht mehr vor der Haustüre liegt. Wer von der Stadt gewohnt ist, Ärzte sämtlicher Fachrichtungen praktisch in Gehweite zu haben, wird auf dem Land sein blaues Wunder erleben. 30 bis 40 Kilometer zum nächsten Facharzt sind keine Seltenheit. Doch auch das hat ein Gutes: Denn auf der Haben-Seite stehen dafür mitunter deutlich besser ausgestattete Allgemeinmediziner. Ultraschallgerät und vollautomatisches Blutlabor in der normalen Hausarztpraxis sind keine Seltenheit. Wofür man in der Stadt drei Wege hätte, geht hier auf einmal. Die Medikamente gibt es dazu gleich zum Mitnehmen in der Hausapotheke (ein vierter Weg gespart). So manche Landarztpraxis gleicht mehr einer gut besuchten Ambulanz mit Physiotherapie, Massagen, Infusionsstation und allerlei Anwendungen gleich vor Ort, dazu kommen Fachärzte wöchentlich zur Sprechstunde vor Ort. Das System ist von Vorteil und wird gefördert: Das Land Niederösterreich hält Stipendien für private Studienplätze parat, wenn man sich dafür verpflichtet, zehn Jahre als Landarzt Dienst zu tun.

Ein (kleines) Manko

Aber die Kultur! Das ist freilich wahr. Einen echten Theater-, Opern- oder Kunstfreak wird es so schnell nicht aufs Land ziehen können, sind doch die Tempel der hohen Kunst weit entfernt. Und nur für einen Abend in die Hauptstadt fahren, macht man das wirklich? Wohl nicht allzu oft. Aber auch hier ist wohl der Kompromiss das Maß der Dinge. Letztlich wird es darum gehen, eine nüchterne Abwägung der Dinge zu machen, die einem im Leben wichtig sind, und sich nicht von romantischen Vorstellungen leiten zu lassen. Auch wenn die Vögel morgens noch so schön zwitschern.