Mitte 2021 lebten weltweit geschätzt 4,5 der insgesamt 7,9 Milliarden Menschen in Städten, das entspricht 57 Prozent der Weltbevölkerung. Im Jahr 2030 wird dieser Anteil laut wissenschaftlichen Berechnungen bei 60 Prozent liegen. Derzeit gibt es weltweit 34 Megastädte, das sind Städte mit jeweils mehr als 10 Millionen Einwohnerinnen und Einwohnern.

In Österreich lebten 2020 rund 58,8 Prozent der Bevölkerung in Städten – 2011 waren es erst 35 Prozent. Ende 2020 gab es 8,916.845 Millionen Menschen in Österreich, laut Städtebund Österreich wird die Bevölkerung Österreichs bis 2040 um 710.000 Menschen, ein Plus von acht Prozent, wachsen. Dabei steigt die Zahl vor allem in den Städten: Auf die neun größten – Wien, Graz, Linz, Salzburg, Innsbruck, Klagenfurt, Villach, Wels und St. Pölten – werden laut Berechnungen bis 2040 nahezu zwei Drittel des landesweit prognostizierten Bevölkerungswachstums entfallen. Diese Menschen wollen versorgt sein: mit Infrastruktur wie Wasserversorgung, Müllentsorgung, Energie, Lebensmitteln, Kinderbetreuung, Schulplätzen, Verkehrsnetzen, öffentlichem Personennahverkehr, aber auch Freizeit- und Kultureinrichtungen – eine große Herausforderung für die Kommunen.

Zu laut, zu schnell, zu viel

Doch für so manche ist das Stadtleben mittlerweile zu hektisch, zu ungesund oder zu gefährlich – sie wollen aufs Land, weil sie sich dort eine bessere Lebensqualität erhoffen. Gestartet wird mit der Suche nach einem neuen Heim meist zuerst in einer der Anrainergemeinden rund um die großen Städte. So zeigt die Entwicklung der Binnenwanderung laut Statistik Austria eine deutliche Suburbanisierung, also den verstärkten Zuzug in den Speckgürtel rund um die Städte. Der Wanderungssaldo (er wird aus der Differenz zwischen den Zu- und Wegzügen errechnet) 2020 zeigt diesen Trend besonders deutlich für Innsbruck, Linz, Wels, Graz und Wien.

In der Urban-Rural-Typologie der Statistik Austria ist diese Entwicklung schon länger ablesbar: Sie dient als Abgrenzung ländlicher und städtischer Gebiete und klassifiziert österreichische Gemeinden je nach Besiedlungsdichte, infrastrukturellen Einrichtungen und Pendlerverflechtungen sowie der Erreichbarkeit von Zentren. Eine besondere Stellung nimmt in dieser Hinsicht Wien ein: Die Bundeshauptstadt breitet sich in alle Himmelsrichtungen entlang der Ausfahrtsstraßen aus, besonders stark aber in Richtung Süden bis nach Wiener Neustadt.

Die Binnenwanderungsstatistik ist allerdings nur ein Teil der Gesamtrechnung: So sind laut Statistik Austria im vergangenen Jahr zwar auch ländliche, vor allem aber städtische Gebiete durch Zuwanderung aus dem Ausland gewachsen. Das erklärt, warum in den Städten kein (oder kaum) Bevölkerungsschwund verzeichnet wird.

Nahe an der Stadt und doch im Grünen

Doch zurück zum Traum vom neuen Leben im Grünen. Nahe an der Stadt und damit dem eigenen Arbeitsplatz, der Schule für die Kinder und dem breiten Freizeit- und Unterhaltungsangebot, das ist für viele die Idealvorstellung. Allerdings ist das Platzangebot in den Gemeinden rund um die großen Städte endlich – die Nachfrage nach Wohnraum übersteigt mittlerweile deutlich das Angebot und die Preise für Wohnungen, Grundstücke und Häuser steigen in nahezu astronomische Höhen. Damit wird die Stadtflucht auch zu einer Frage des Einkommens.

Insgesamt verändert sich jedenfalls durch die Übersiedlung aufs Land die Struktur der Bevölkerung in den Städten, denn tendenziell sind nicht nur einkommensstärkere Menschen eher bereit, ihren Wohnort zu verlegen. 2020 war etwa die Gruppe der 20- bis 29-Jährigen die wanderungsfreudigste. Während Ausbildung oder der erste Arbeitsplatz viele in die Stadt ziehen, wollen sie oft nach der Familiengründung wieder zurück aufs Land. Doch deren Kinder wandern später für die Ausbildung meist selbst wieder in die Stadt.

Täglich ins Büro stauen – weder gut für uns noch die Umwelt. 
- © kichigin19 / stock.adobe.com

Täglich ins Büro stauen – weder gut für uns noch die Umwelt.

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Auch wenn mehr Einwohner mehr Geld bedeutet, können viele Gemeinden die Probleme, die sich aus dem Zuzug aus den Städten ergeben, nicht mehr unter den Tisch kehren: Die Verkehrswege sind am Limit, die öffentlichen Verkehrsmittel reichen nicht aus, das Ortsgebiet wird zersiedelt, Ortskerne verlieren an Bedeutung oder verschwinden, dörfliche soziale Strukturen gehen verloren, auf den letzten freien Flächen werden große Supermärkte oder Einkaufszentren gebaut. Für den "Flächenfraß" sind aber nicht nur eben genannte Einkaufszentren verantwortlich, auch Einfamilienhäuser und Parkflächen bei öffentlichen Verkehrsknotenpunkten wie Bahnhöfen gehören dazu.

Österreich gehört in Europa zu den Ländern mit dem höchsten Bodenverbrauch: Laut WWF Österreich werden täglich rund 13 Hektar an biologisch produktivem Boden für Siedlungs-, Verkehrs- und Freizeitzwecke verbaut; diese Flächen sind dauerhaft etwa für Landwirtschaft verloren. Mit diesem Wert liegt Österreich um das Fünffache über dem 2002 in der Nachhaltigkeitsstrategie des Bundes festgesetzten Zielwertes von maximal 2,5 Hektar pro Tag bis 2010. Seither lag der Bodenverbrauch bei rund 51.000 Hektar, womit dieses politische Ziel umgerechnet um über 42.000 Hektar an verbauter Fläche verfehlt worden ist.

Schuld an dieser Misere ist unter anderem die Tatsache, dass die Länder in Sachen Raumordnung und Raumplanung allein für die Gesetzgebung zuständig sind. Die Gemeinden haben für den Vollzug zu sorgen, der Bund kann keine Richtlinien vorgeben. Zur Abmilderung und zur besseren Koordination wurde 1971 die Österreichische Raumordnungskonferenz (ÖROK) gegründet, in der der Bund, die Länder und die Gemeinden gemeinsam eine übergreifende Planung entwickeln sollen, doch die unterschiedlichen Interessen haben bislang eine tiefgreifende Änderung verhindert. Somit wurden und werden wohl auch die Hoffnungen der Menschen auf ein qualitätvolles Leben im Grünen in der Nähe der Großstadt enttäuscht.

Raus aufs Land

Der deutsche Ökochemiker Ernst Paul Dörfler plädiert dennoch für ein Leben auf dem Land, allerdings weit draußen, nicht in unmittelbarer Nähe der Städte, denn für diese Speckgürtel findet er in seinem jüngsten Buch "Aufs Land" keine wohlmeinenden Worte: "Die typisch dörfliche Vegetation ist im Verschwinden begriffen. Heckenscheren, Rasenmäher und Laubbläser heulen auf, Nahrung, Kleidung, Wohnung haben sich dem Trend der Zeit angepasst, eingekauft wird via Internet – Landleben ist heute nicht besser oder schlechter in der Ökobilanz als das Stadtleben."

Landleben pur – mit allen Vor- und Nachteilen. 
- © Dimitriy Isakov / Getty

Landleben pur – mit allen Vor- und Nachteilen.

- © Dimitriy Isakov / Getty

Er betrachtet die Situation in Deutschland, plädiert für ein Leben in den dünn besiedelten Regionen Ostdeutschlands. Auf Österreich umgelegt könnte das zum Beispiel das niederösterreichische Waldviertel sein. Dass die Stadt als Wohn- und Arbeitsort durchaus ihre Reize hat, gibt er zu, doch er ist sicher, dass uns der Lärm, die Enge, der Schmutz, das hektische Lebenstempo, das allgegenwärtige Fast Food oder der ständige Konsum nicht guttun. Wir seien "Kinder der Natur" und bräuchten Grün um uns, Erde statt Beton unter unseren Füßen, gute Luft und die Möglichkeit, in der Nacht Sterne am Himmel zu sehen. "Auf dem Land liegen die Quellen für unsere eigene Gesundheit ebenso wie für eine Genesung unserer Gesellschaft", meint Dörfler.

Doch wie wertvoll ist das Leben am Land, wenn die Böden verbraucht, verdichtet und überdüngt sind, die Artenvielfalt schwindet, Flüsse ohne Leben sind? Dörfler bietet in seinem Buch viele Ansätze und Ideen, das zu ändern, denn: "Die ländlichen Räume dürfen nicht sterben (…). Sie liefern die absolut notwendigen Lebensgrundlagen (…)." Und er nimmt jeden in die Pflicht: "Jeder von uns, wir selbst können Teil der Lösung und Heilung sein. Die Natur zeigt uns den Weg, sie ist weise und erfahren." Diese Erkenntnis haben viele, es mangelt allerdings an der Umsetzung…

Lieber in der Stadt

Der österreichische Klimaökonom Gernot Wagner sieht die Zukunft dagegen im urbanen Leben. Allerdings nicht in den Vororten, den Suburbs, denn die sind für ihn "Natur- und Klimakiller": Schließlich sei der Traum vom Einfamilienhaus im Grünen nur eine Erwartung, eine Norm; die Abhängigkeit vom Auto für die Fahrt zur Arbeit als individuelle Freiheit zu betrachten und die Erhaltung der Wohnfläche als volkswirtschaftliche Wertschöpfung sei pure Werbung, erklärt er in seinem neuen Buch "Stadt.Land.Klima". Denn wer täglich viele Kilometer mit dem Auto in die Stadt zu seinem Arbeitsplatz fährt, am Abend einen Umweg zum Supermarkt macht, um dann vielleicht noch die Kinder von der Geburtstagparty im Nachbarort abzuholen, leistet keinen Beitrag zum Klimaschutz.

Für Wagner ist das Leben in der Stadt effizient, weil sich das meiste in Wohnungsnähe befindet, und das sei gut fürs Klima. Und: Je höher die Einwohnerdichte, desto geringer sind die CO2-Emissionen pro Kopf. Das erklärt sich durch weniger Autos, kleinere Wohnflächen und eine effizientere Nutzung von Energie, Platz und Zeit.

Ganz so einfach ist es natürlich nicht, doch Wagner hat viele gute Argumente für ein Leben in der Stadt, ohne auf die Bedeutung des Landes zu vergessen: "Das Land spielt eine wichtige Rolle – nicht nur als Erholungsraum für Stadtmenschen, als Rückgrat des Staates, als Inspiration für Landeshymnen und für heimatliche Gedichte und Gerichte. Land ist der Ort, wo die Natur ihre Energie tankt." Daraus ergibt sich aber auch Konfliktpotenzial: "Land als unberührte Natur steht im Konflikt mit Land als Nahrungs- und Energiequelle." Wohnt die Mehrheit der Menschen dagegen in der Stadt, bleibt das Land vornehmlich der Natur überlassen und kann neben seiner Funktion als Energie- und Lebensmittellieferant als Erholungsort dienen. Allerdings muss jemand das Land bestellen, damit wir überhaupt zu Lebensmitteln kommen…

Als waschechter Städter ist Wagner in gewisser Weise befangen und Bewohner schäbiger Außenbezirke oder von Slums werden in seine Hymne auf das Stadtleben vermutlich nicht einstimmen. Doch er liefert Denkanstöße, die man nicht beiseiteschieben sollte – die Entscheidung für Stadt, Land oder Speckgürtel muss dann letztendlich jeder selbst treffen.