Was verbinden viele von uns mit Seattle? Einerseits wohl den Fluggiganten Boeing, der vom deutschen Einwanderer William Böing gegründet wurde. Andererseits haben von dort aus viele weltweit bekannte Unternehmen der New Economy zu einem Höhenflug angesetzt: Microsoft, Amazon, Nintendo, Adobe, Google Earth, aber auch Starbucks, das 1971 aus einer kleinen Kaffeerösterei entstanden ist. Starbuck hieß übrigens der Steuermann aus dem Roman "Moby Dick". Mittlerweile besteht in der Boomtown die höchste Coffee-Shop-Dichte der Welt.

737.000 Einwohner zählt die Stadt auf einer Landzunge im amerikanischen Nordwesten, 3,5 Millionen leben in der Metropolitan Area. Unglaublich ist die Magie der Stadt mit den vielfältigen Arbeitsangeboten, die für einen heftigen Zuzug sorgt. Seattle gehört zu den am schnellsten wachsenden Großstädten der USA. 1.100 neue Bürger kommen jede Woche dazu, 400.000 in den letzten sechs Jahren. Das erzeugt einen heftigen Druck auf den Wohnungsmarkt. Die Mieten sind seit zehn Jahren um mehr als 60 Prozent gestiegen. Gleich wie in San Francisco und dem angrenzenden Silicon Valley ist ein rasanter Anstieg an Obdachlosen zu vermelden. Außerdem sinkt die Zahl der Autobesitzer schneller als anderswo in den USA. Wegen der vielen Parks wird Seattle als Smaragd-Stadt bezeichnet. Der Name stammt übrigens von einem Häuptling der Native Americans.

Die Himmelsnadel überragt die Stadt

Weithin sichtbar ragt das Wahrzeichen im Zentrum 184 Meter in den Himmel. Die beinahe 60 Jahre alte Space Needle entstand als Symbol der 1962 dem Leben im 21. Jahrhundert gewidmeten Weltausstellung. In 41 Sekunden werden wir im Lift zur Aussichtsplattform, die wie ein Raumschiff anmutet, nach oben katapultiert. Der Rundum-Ausblick ist fantastisch, eine Million Besucher genießen ihn pro Jahr. Mein Blick schweift über das Häusermeer, die weitverzweigte Meeresbucht Pudget Sound und die Cascade Mountains. Das alles betrachte ich auf dem drehbaren Glasboden stehend, was absolut nichts für schwache Nerven ist.

Unter mir schlängelt sich die Monorail durch die Straßen, vorbei am beeindruckenden "Chihuly Garden and Glass"-Museum. Drinnen bin ich fasziniert von den buntschillernden Glasobjekten von Dale Chihuly, der in Wisconsin sowie Venedig sein Kunsthandwerk erlernt hat. Vorbei geht es an Glas-Installationen in den mannigfaltigsten Farben und Formen. Schlussendlich spaziere ich durch einen Glaspavillon mit Blick hinauf zur Weltraum-Nadel. So schließt sich der Kreis.

Wie eine zertrümmerte Gitarre

Ein paar Schritte weiter liegt das von Architekt Frank Gehry in Form einer zertrümmerten Gitarre gestaltete "Museum of Pop Culture". Das MOPOP zeigt eine Schau des aus Seattle stammenden Gitarristen Jimi Hendrix. Einer der Mitbegründer von Microsoft hat eine Sammlung mit unzähligen Erinnerungsstücken von Prince gestaltet. Für mich als Musikfan ist es ein wahres Vergnügen, die unzähligen Gitarren, Fotos und Erinnerungsstücke zu bestaunen. MOPOP repräsentiert auch die Science-Fiction- and Fantasy Hall of Fame.

Am Pike Place Market erkunde ich eine der lebendigsten Ecken der Stadt. 1907 gegründet, zählt er zu den ältesten Märkten der USA. Alles, was das Herz begehrt, kann man hier frisch einkaufen. Berühmt sind die Fischhändler, die die verkauften Fische über die Budel einem Kollegen zuwerfen, einen Höllenlärm verbreiten und ab und zu einen Lobgesang an die Kunden anstimmen. Bei einer geführten Food Tour koste ich mich genüsslich durch Zimt Donuts, griechisches Joghurt, polnische Maultaschen, Crab Cakes oder frischen Mangosaft – alles schmeckt vorzüglich.

Gleich daneben liegt die Post Alley, die wohl eigentümlichste Gasse mit der berühmten Kaugummi-Wand. Die klebrige Eigentümlichkeit wird ständig von den Gummis befreit, allerdings von den unzähligen Touristen sofort wieder neu verziert.

In die Stadt unter der Stadt

Eine Besonderheit verbirgt sich im Untergrund, ausgehend vom Pioneer Square. Auf Speidel's Underground Tour erfahre ich, dass der Große Brand von 1889 das ehemalige Geschäftsviertel mit seinen Holzhäusern komplett vernichtete. Als Reaktion beschlossen die Stadtväter, Steingebäude zu errichten, die Straßen allerdings weiter oben zu bauen. Irgendwann wurden die Hauseingänge hinaufverlegt und auf Straßenniveau neu geöffnet. Die unteren Stockwerke wurden zu Kellern. Erst in den 1960er Jahren erinnerte man sich an das Vermächtnis und begann, Erkundungsgänge in die Katakomben zu organisieren.

Heute werden Touren durch diese urbane Legende organisiert. Es ist ganz schön gespenstisch, durch aufgelassene Geschäfte und Bars sowie einen früheren Fleischmarkt zu streifen. Auf etwas anderes habe ich mich ebenso gefreut: einen Besuch im Pinball Museum. Dort muss man zwar Eintritt zahlen, aber die Spiele an den Flipperautomaten sind gratis. Ganz wie früher kommt richtig Freude auf, wenn die Flipperkugel rollt und rollt…

Zu Wasser und zu Land

Eine weitere Möglichkeit, durch die Stadt zu kurven und sogar vom Wasser zu beobachten, bietet sich mit "Ride the Ducks of Seattle". Mit Amphibienfahrzeugen, die dereinst für die Armee gebaut, dann ausgemustert und für den Touristeneinsatz adaptiert wurden, fährt man am Wasser und zu Land. Guide Tommy ist eine Entertainment-Kanone, wechselt ständig seine Kopfbedeckung, spielt dazu Hits und erzählt jede Menge über seine Stadt, ihre Veränderungen und die berühmten Mitbürger, unter anderem Jeff Bezos von Amazon, oder Bill Gates von Microsoft. Speziell über letzteren kursieren jede Menge Geschichten. Tommy holt aus: "Was ist der Unterschied zwischen Bill Gates und Gott? Gott weiß, dass er nicht Bill Gates ist!"

Das spektakulärste Flugmuseum der Welt

Krönender Abschluss ist das Boeing Museum of Flight im Süden der Stadt. Es ist ein fantastisches Erlebnis, die vielen Flugzeuge aus den verschiedensten Epochen zu bewundern. 175 sind es insgesamt, von einem Nachbau des Fliegers der Gebrüder Wright, über die Airforce One und die Concorde bis zum neuesten Boeing 787 Dreamliner. Wer möchte, kann auch das 3D Movie Theater besuchen, oder sich in Flugsimulatoren ausprobieren. Ergänzt wird die Schau durch Raumkapseln und ein für Trainingszwecke gebautes Space Shuttle. Besonderes Glück habe ich, als mir mein Guide Ted, selbst ein erfahrener Pilot, einen Einstieg ins Cockpit ermöglicht. "Hier drinnen auf engstem Raum besteht für die Astronauten ständig so etwas wie Camping-Atmosphäre," fasst Ted schmunzelnd zusammen.

Raus aufs Land

Haben Sie gewusst, dass es die Nord-
amerikanischen Alpen gibt? In Washington State nennt man so die mächtigen Cascade Mountains. Touristiker haben dort einen 700 Kilometer langen Rundkurs durch die spektakuläre Natur abgesteckt. Die Tour führt rund um den 3.200 Meter hohen Glacier Peak im North Cascades National Park.

Der türkisfarbene Diablo Lake liegt auf der 700 Kilometer langen Strecke rund um die Alpen. 
- © Karl Kaltenegger

Der türkisfarbene Diablo Lake liegt auf der 700 Kilometer langen Strecke rund um die Alpen.

- © Karl Kaltenegger

Erster Stopp ist in Bellingham, einer lebendigen Küstenstadt nahe der kanadischen Grenze. Dann geht es in Richtung Osten zum Diablo Lake, einem kristallklaren Stausee, in dem sich die Sonne spektakulär spiegelt. Das Wasser ist intensiv türkis, darauf sind als Farbtupfen Kajaks und Kanus zu beobachten. Das frische Gletscherwasser tut den Forellen gut. Es schwimmen dort sogar Stierforellen, eine Saiblingsart, die vom Aussterben bedroht ist. Auf dem Pass der Northern Cascades erinnert das Panorama sehr an unsere Alpen. Der Pass ist übrigens im Winter gesperrt. Bevor die Sperre aufgehoben wird, haben die Radfahrer freie Bahn auf der bereits geräumten Bergstrecke.

Wildwest-Atmosphäre erlebe ich in der Kleinstadt Winthrop, die nach alten Lichtbildaufnahmen originalgetreu restauriert wurde. Benachbart ist eine Künstlerkommune, die erfolgreich verhindern konnte, dass Twisp zur ausgestorbenen Geisterstadt verkam. Mit Blick auf das Methow-Tal, inmitten unberührter Natur, liegt die Sun Mountain Lodge. So stellt man sich gepflegte, amerikanische Gastfreundschaft vor.

In Walla Wallas Weinkellern lagern edle Tropfen, die am Fuß der Blue Mountains gedeihen. 
- © Karl Kaltenegger

In Walla Wallas Weinkellern lagern edle Tropfen, die am Fuß der Blue Mountains gedeihen.

- © Karl Kaltenegger

Walla Walla ist die ultimative Weinstadt

Schließlich lande ich im Südosten von Washington State. Der Name Walla Walla stammt von den Cayuse Native Americans und bedeutet "Land der vielen Wasser". Die 30.000 Einwohner zählende Stadt hat sich aus einer Missionsstation nahe einem Fort entwickelt. Pioniere, Trapper und Siedler kamen hier auf dem 3.200 Kilometer langen Oregon Trail durch. Der Goldrausch führte in den 1860er Jahren zu einem richtigen Boom.

Mittlerweile ist das einstige Gold der Wein, und so hat sich in Walla Walla das erfolgreichste Weinbauzentrum des Bundesstaats etabliert. Die Rieden wachsen großteils auf demselben Breitengrad wie die in der Untersteiermark. 120 Weinbetriebe sorgen für edle Tropfen. Die Winzer, die in der Vintners Association organisiert sind, setzen in erster Linie auf französische Reben. An der Ostseite der Cascade Range liegen Weizen- sowie Zwiebelfelder und Apfelgärten. In der lebendigen Kleinstadt, die zu den schönsten des Landes zählt, findet sich ein bunter Mix an Cafés, Restaurants, Vintage-Geschäften und unzähligen Verkostungslokalen. Es versteht sich von selbst, dass dort, wo guter Wein kredenzt, auch feines Essen serviert wird.