Die Hanse, Thomas Mann und Marzipan – diese Assoziationen mit der Stadt Lübeck sind mehr als nur ein Klischee, denn sie verfolgen den Besucher der einzigartigen, stark mittelalterlich geprägten Altstadt bis heute auf Schritt und Tritt. In kaum einer anderen "Hansestadt" ist der lose Handelsverbund, der vom 12. bis zum 17. Jahrhundert den Wohlstand der Nord- und Ostsee-Region begründete, architektonisch so gut dokumentiert wie in Lübeck. Im Gegensatz etwa zu der nahen Stadt Kiel, die als Hauptsitz der Marine während des Zweiten Weltkriegs alle ihre Sünden doppelt und dreifach verbüßen musste und in deren "Altstadt" heute kein Haus älter als siebzig Jahre zu sein scheint, sind in Lübeck die Kriegsschäden auf den ersten Blick kaum auszumachen.

Geprägt sind die Straßen in der Lübecker Altstadt von den schmalen Fassaden seiner berühmten "Dielenhäuser". Diese aneinandergereihten, langgestreckten Kaufmannshäuser dienten den jeweiligen Kaufmannsfamilien sowohl als Wohn-, Lager- als auch Verkaufsraum. Sie sind vielfach noch gut erhalten, so gut, dass eine Shoppingtour mitunter zum Sightseeing-Erlebnis wird – etwa in der Königstraße 30, das heute eine hübsche Boutique mit charakteristischer Balkendecke, bürgerlichem Stiegenaufgang und zentralem Küchenzimmer beherbergt. Individuelle Geschäfte wie dieses sind in der Altstadt die Regel, die Dichte an allseits bekannten Ketten hält sich in Grenzen.

Immer wieder stößt man in den pittoresken Straßen überdies auf schöngestaltete Weinhandlungen. Sie spiegeln die Kaufmannstradition der Stadt wie vielleicht keine andere Branche wider, denn die Lübecker Weinhändler – und nur sie – produzieren bis heute den Lübecker Rotspon. Dabei handelt es sich um einen französischen Rotwein, ursprünglich aus dem Bordeaux, der in Fässern über den Seeweg nach Lübeck geschifft und in den Kellern der Händler bis zur Flaschenreife gelagert wird. Die Qualität schwankt freilich und hängt vom jeweils importierten Wein ab.

Der Aufstieg Lübecks begann im 12. Jahrhundert mit dem Handel von Lüneburger Salz, und die Stadt profitierte von ihrer zentralen Lage innerhalb des Hanse-Netzwerks. Im 14. und 15. Jahrhundert lebten 25.000 Menschen auf der zwei Quadratkilometer großen Halbinsel (heute: Insel) zwischen den Flüssen Trave und Wakenitz. Damit war "die Königin der Hanse" eine der größten Städte in Europa, und mit der Größe wuchs der Stolz ihrer Bürger, die sich im Laufe der Geschichte mehrfach mit dem Kaiser und der Kirche anlegten.

Blasphemischer Bürgerstolz

Vielleicht zeigt sich das lübische Selbstbewusstsein nirgendwo stärker als im Heiligen-Geist-Hospital am Koberg-Platz im Norden der Altstadt. Als der Papst nämlich erfuhr, dass die Lübecker Bürger eine Wohlfahrtseinrichtung für Arme und Kranke ohne einer dazugehörigen Kirche gestiftet hatten, machte er Druck auf jenen Orden, der das Hospital betreute. Die Bürger blieben cool und ließen kurzerhand die Vorhalle zur Kirche weihen – ungeachtet der Tatsache, dass die für Kirchen eigentlich verpflichtende geografische West-Ost-Ausrichtung praktisch nicht zutraf. Fast schon blasphemisch mutet dort eine Wandmalerei aus dem 14. Jahrhundert an: Die zwölf Porträts, die Jesus Christus umschwirren, stellen nicht die Apostel dar, sondern reiche Bürger aus Lübeck. In der großen angrenzenden Halle wohnten die Hilfsbedürftigen bis zu ihrer Übersiedelung in ein modernes Heim vor 50 Jahren in kleinen "Kabäuschen", die heute neugierige Blicke der Touristen anziehen. In der Weihnachtszeit dienen die einstigen Mini-Unterkünfte als Verkaufsstände für einen beliebten Kunsthandwerkermarkt.

Das Heiligen-Geist-Hospital wird von der Stadt bis heute als Altenpflege-Einrichtung betrieben und gilt als die älteste noch aktive Wohlfahrtsorganisation in Europa. Das ist aber nicht Lübecks einziger Superlativ: Mit dem Bau der Marienkirche wollten die Bürger etwa zur selben Zeit den Dom des Bischofs, der im Süden der Altstadt steht, übertrumpfen. Mit Erfolg: Nicht nur die beiden Türme sind etwas höher, auch das Backsteingewölbe im Inneren sucht seinesgleichen – es ist mit fast vierzig Metern das höchste der Welt. Die Kirchenpracht musste nach dem Zweiten Weltkrieg indes wiederhergestellt werden, woran zerborstene Glockenteile auf dem beschädigten Steinboden einer Kapelle im Südturm erinnern.

In einer einzigen Nacht im März 1942 wurde bei einem Bombenangriff ein Fünftel der Altstadt zerstört. Es handelte sich dabei um einen Vergeltungsangriff der Royal Air Force, als Antwort auf die Zerstörung der Kathedrale von Coventry durch die deutsche Luftwaffe anderthalb Jahre zuvor. Weil das Rote Kreuz Lübeck später als Versorgungshafen wählte, blieb die Stadt in Folge von weiteren Angriffen verschont.

Der Stadtmäzen

Das ist aber nicht der einzige Grund für den guten Zustand der historischen Bausubstanz, denn die ist einer weiteren lübischen Spezialität zu verdanken: Die Possehl-Stiftung dürfte außerhalb von Lübeck kaum bekannt sein, und doch steckt ein Konzern dahinter, der weltweit rund zwölftausend Menschen in mehr als 150 Unternehmen beschäftigt.

Der kinderlose Kaufmann Emil Possehl vermachte 1915 sein gesamtes Vermögen der Stadt mit der Auflage, dass die Unternehmensgewinne in die "Förderung alles Guten und Schönen in Lübeck" flössen. Im Empfangsbereich des Konzernsitzes in der Beckerstraße ist eine kleine Ausstellung über die Possehl-Geschichte zu sehen.

Der weit auslegbare Stiftungszweck ermöglicht es den Lübeckern heute beispielsweise, ihre Häuser nach Kriterien des Denkmalschutzes zu sanieren, wodurch sie auch für durchschnittliche und unterdurchschnittliche Einkommen leistbar bleiben. In welchem großen Ausmaß die Stiftung das makellose Erscheinungsbild Lübecks heute prägt, zeigt sich etwa im Schifferviertel am einstigen Hafen, unweit der Konzernzentrale. Niedrige, schmucke Häuser findet man dort, manche bieten nicht mehr als 40 Quadratmeter Wohnfläche. Oft verstecken sie sich im Inneren der Häuserblöcke, der Zugang erfolgt über niedrige Durchgänge von der Straße aus, bei denen man selbst als kleingewachsener Mensch manchmal den Kopf einziehen muss. Auf vielen der liebevoll gepflegten Häuschen finden sich Hinweise, die auf Renovierungen durch die Possehl-Stiftung aufmerksam machen.

Die schmalen Durchgänge sind zwar öffentlich, aber man sollte sie nicht in Gruppen begehen – selbstgebastelte Stopp-Schilder machen gelegentlich darauf aufmerksam, dass man sich an der Grenze zur Privatsphäre bewegt. Sie erinnern den Besucher freilich auch daran, dass Lübeck unter Touristen kein Geheimtipp ist. Vor allem Skandinavier kommen traditionell über den Seeweg in die Stadt.

Dennoch floriert selbst im historischen Zentrum das Studentenleben sowie ein vielfältiges Kulturangebot: Das Stadttheater präsentiert neben Schauspielen auch Opern auf hohem Niveau. Offenkundig werden diese ebenso wie die Konzerte der Musikhochschule und die Events in der Musik- und Kongresshalle hauptsächlich von Einheimischen besucht.

Lübecks Schatzkiste

Detail aus Hans Kemmers Bild "Die Liebesgabe". 
- © St. Annen-Museum

Detail aus Hans Kemmers Bild "Die Liebesgabe".

- © St. Annen-Museum

Obwohl die Straßen der Altstadt bei unserer Recherche im Oktober gut gefüllt waren, herrschte im St. Annen-Museum eine gespenstische Leere. Das war durchaus verwunderlich, denn dieser wunderbare Ort in ehemaligen Klostermauern ist gleichsam Lübecks Schatzkiste. Das Museum enthält eine ungemein sehenswerte und aus kulturhistorischer Sicht bedeutende Sammlung, aus der vor allem die mittelalterlichen Holzschnitz-Altäre hervorzuheben sind – herausragend etwa der Doppelflügelaltar um 1500 aus der einstigen Burgkirche, der Lübecks Schutzpatronin Maria Magdalena im Fellkleid darstellt. Die heilige Sünderin ist auch auf einem Flügelaltar aus derselben Entstehungszeit zu sehen, dem sogenannten Greveraden-Altar, der aus einer Kapelle des Doms stammt und ein importiertes Werk des flämischen Malers Hans Memling ist – er kann in einem eigenen Raum bestaunt werden.

Das St. Annen-Museum dürfte mittlerweile einen weit größeren Zulauf haben, denn bis zum 6. Februar zeigt es derzeit eine Sonderschau, die im internationalen Feuilleton bereits für Aufmerksamkeit gesorgt hat: "Lucas Cranach der Ältere und Hans Kemmer. Meistermaler zwischen Renaissance und Reformation". Während Lucas Cranach bis heute Weltruf genießt, ist sein Zeitgenosse und vermeintlicher Schüler Hans Kemmer nahezu völlig unbekannt. Bis jetzt, denn diese Ausstellung soll Kemmer nachhaltig als "Cranach von Lübeck" etablieren.

Die Ausstellung stellt die Werke der beiden Maler einander gegenüber, und die Parallelen in den Motiven beider Meister, die im Zuge der Reformation nach neuen Bildthemen suchten, sind in der Tat faszinierend. Derzeit werden Hans Kemmer allerdings nur 29 Werke zugeschrieben, 22 davon hängen in der Sonderschau. Einige von ihnen wurden in detektivischer Manier bei Privatpersonen aufgespürt und sind erstmals in einer öffentlichen Ausstellung zu sehen. Die geleistete Vorarbeit zu der Ausstellung ist beachtlich: Im Ausstellungkatalog schildert der Cranach-Experte Gunnar Heydenreich seine Untersuchungen von Cranach- und Kemmer-Werken mittels einer die jeweiligen Grundskizzen offenlegender Infrarot-Technik. Das Ergebnis: Kemmer habe maßgeblich an einigen wichtigen Werken aus der Cranach-Werkstatt mitgearbeitet und, mehr noch, seinerseits den großen Meister Cranach mit neuen, aus Lübeck mitgebrachten Darstellungsformen inspiriert.

Und immer wieder Marzipan

Zu Kemmers Lebzeiten war die heute bekannteste Lübecker Spezialität bereits erhältlich, aber ob sich der Maler das Marzipan, das seinen Weg über Persien und Venedig nach Lübeck gefunden hatte und zunächst nur in Apotheken erhältlich war, leisten konnte, ist nicht überliefert.

Heute ist eine Reise nach Lübeck ohne einen Besuch im Kaffeehaus des Niederegger-Stammhauses jedenfalls unvollständig. Die Torten, die allesamt im dritten Stock hergestellt werden, brauchen den Vergleich mit Wien nicht zu scheuen. Im Gegenteil: Sie erweitern den Erfahrungsschatz erfahrener Schleckermäuler und kommen, oh Wunder, oft mit Marzipan. Thomas Mann nannte Marzipan aufgrund seiner Frauen anziehenden Wirkung ein "Haremskonfekt". Das nach seinem berühmtesten Roman benannte Buddenbrookhaus, unweit des Niederegger-Cafes, wird derzeit renoviert – die Dauerausstellung ist temporär ins nicht minder sehenswerte Behnhaus gezogen.

Vor einer finalen Marzipan-Nusstorte sitzend, beschließt der Autor eine Rückkehr im Sommer, wenn das Meer im nahen Travemünde und die Kajaks auf der Wakenitz locken. Die Lübecker Altstadt ist großartig, aber irgendwo sollte man den Kalorienüberschuss gleich wieder wegtrainieren können.