Im Laufe der Geschichte boten Frisuren auch die Möglichkeit, ein politisches Statement zu setzen: Der Kurzhaarschnitt bei Frauen etablierte sich nach der Französischen Revolution, während der Chinesischen Revolution galt das Abschneiden der Zöpfe als Zeichen der Freiheit. Und die "Natural Hair"-Bewegung, die sich in den 1960ern in den USA bildete, protestiert gegen das vorherrschende Schönheits-ideal von glatten Haaren.

Langer Wunsch nach schönem Haar

Der Traum von wunderschönem Haar existiert wohl schon seit Anbeginn der Menschheitsgeschichte: Bereits die alten Ägypter haben 3000 v. Chr. ihre Haare geschmückt und sie mit Henna oder Rinderblut gefärbt. Die Lieblingsfarbe war seinerzeit Schwarz oder Rotorange, das mit Henna erzeugt werden konnte. Die Pflanze wuchs an den Ufern des Nils und bot sich daher an.

Bei den Griechen trugen verheiratete Frauen lange Haare in Zöpfen als Zeichen ihres Ehestatus. Auch die ersten Friseurgeschäfte entstanden zu dieser Zeit. Zunächst nur für Männer, die dabei Gespräche über Philosophie, Politik und öffentliche Themen führten. Bei den Römern bezeichneten Frisuren den gesellschaftlichen Status, das Alter, die politische und religiöse Stellung oder auch ihre Ansichten. Glatzen waren verpönt, weil sie als Zeichen von physischem Mangel galten, daher kamen Perücken zum Einsatz. Diese waren hauptsätzlich aus Echthaar angefertigt, das von Sklaven stammte.

Eine noch nie dagewesene Verwendung von Perücken brachte das 18. Jahrhundert. Es war das Zeitalter der Eleganz. Das Tragen von Perücken war populär und verbreitete sich in ganz Europa: Perückenmacher war der Beruf schlechthin. Für Ludwig XIV. arbeiteten in Versailles 40 Perückenmacher. Anhand der Verarbeitung und Raffinesse dieser Perücken konnte man den Beruf oder gar den gesellschaftlichen Status ablesen. Doch mit der Französischen Revolution kam alles anders: Pompöser Luxus war unerwünscht. Die neue Gesellschaft verzichtete auf Perücken, natürliches Haar stand im Vordergrund.

Vom Status- zum Sexsymbol

Kaiserin Elisabeth war mit ihren langen Haaren eines der ersten bekannten "Haar-Models" der Welt. Mit den Diamantsternen und der "Steckbrief-Frisur", wie Elisabeth selbst ihre aufwendige Flechtfrisur nannte, war sie das Stilvorbild im 19. Jahrhundert. Für die Kaiserin selbst waren ihre Haare wahrscheinlich mehr Fluch als Segen: "Ich bin die Sklavin meiner Haare", soll Elisabeth gesagt haben. Mindestens drei Stunden täglich dauerte die Pflege ihrer Haare. Die lange Haarpracht, die ihr bis zu den Knöcheln reichte, war das unverkennbare Markenzeichen der schönen Kaiserin.

Auch die sieben Sutherland Sisters aus den USA erlangten im späten 19. Jahrhunderts haarigen Ruhm: Wegen ihrer bodenlangen Haare wurden die jungen Frauen als "echte Rapunzeln" bezeichnet. Die Schwestern stellten ihre Haare auf Jahrmärkten, in Theatern und Parfümerien zur Schau. Ihre Haarpracht wurde zum Inbegriff weiblicher Erotik – Männer bezahlten hohe Summen, um die Haare der Schwestern zu berühren. Der Vater der Damen entwickelte daraus ein florierendes Geschäft: Er erfand ein Haarwuchstonikum, das Haaren zu wahrer Pracht verhelfen sollte.

Natürlich priesen seine Töchter das Wundermittel an. Konnte einmal keine von ihnen Zeit für den Werbeauftritt finden, kamen stattdessen Puppen mit langen Haaren in die Auslagen der Geschäfte. Die Haare der Puppen wurden aus den ausgekämmten Haaren der Schwestern gemacht. In der Auslage wurden die Puppen dann mit dem Hinweis versehen, dass es sich hierbei um "Real Sutherland Hair" handelte.

Während im 19. Jahrhundert bei Frauen noch langes Haar erwünscht war, änderte sich das im 20. Jahrhundert schlagartig: Mit dem Aufkommen von Film und Kino bestimmten erstmals die Schauspielerinnen die Frisuren und Mode. Im Jahr 1905 erfand Karl Nessler die Dauerwelle. Dadurch konnten auch Frauen mit glattem Haar einen Lockenkopf herbeizaubern.

Marlene Dietrich und ihre Frisur galten als Inbegriff der Eleganz. 
- © Don English/John Kobal Foundation/Getty Images

Marlene Dietrich und ihre Frisur galten als Inbegriff der Eleganz.

- © Don English/John Kobal Foundation/Getty Images

Ein neuer Trend begann: Die Wasserwelle, geprägt von Marlene Dietrich, war die Frisur der 20er und 30er Jahre. Aber auch Marilyn Monroe galt mit ihren blonden kurzen Locken als schönste Frau der Welt.

Der Friseur von Twiggy schnitt ihr die langen Haare ab und färbte den kurzen Schopf platinblond. Was als Experiment gedacht war, führte zum Beginn einer Weltkarriere. Die damals 17-Jährige wurde im "Daily Express" zum "Gesicht von 1966" gekrönt. Twiggy prägte mit ihrem Look ein neues Schönheitsideal, das nie wieder verschwinden sollte: Lange Haare bei Frauen sind bei weitem jetzt kein Muss mehr.

Werkzeug der Politik

Das Abschneiden von Haaren wurde bei Frauen auch als Form der Bestrafung angewendet. Es ging dabei um den Effekt der Demütigung: Wer sie abschnitt, nahm der Frau ein Stück ihrer Persönlichkeit. Die Bestrafung durch Kahlscheren symbolisiert Erniedrigung, Macht und Unterwerfung. So wurden Ehebrecherinnen ab dem Mittelalter die Haare abgeschnitten. Denn Kopfhaar spielte nicht nur eine große Rolle bei der Bewertung von Attraktivität, sondern zeigte auch den Status von Frauen. Das Kahlscheren galt somit als Raub der Weiblichkeit und diente der Anprangerung.

Auch "Hexen" wurden regelmäßig die Haare abgeschnitten: Dem Irrglauben zufolge wohnten die dämonischen Kräfte eben auch ihren Haaren. In der frühen Neuzeit wurden während der Hexenverfolgung in Europa unzählige Frauen kahlgeschoren, in dem Glauben, ihnen damit diese Kräfte zu nehmen. Das beruhte auf einer biblischen Geschichte: Samson war unbezwingbar und hatte unglaubliche Kräfte. Als man ihm die Haare abschnitt, verlor er seine Macht. Seither war es üblich, besiegten Feinden die Haare als Trophäe abzuschneiden.

Kahlscheren blieb nicht nur als Form der Bestrafung, sondern entwickelte sich im Laufe der Zeit immer mehr zum politischen Instrument: Ende des 18. Jahrhunderts trugen die Pariserinnen ihre Haare kurz und lockig. Es war ein Überbleibsel der Französischen Revolution: Die antiken Demokratien sollten nun in der französischen Gesellschaft etabliert werden. Eine Denkweise, die sich auch in den Frisurentrends widerspiegelt. Die "Frisur à la Titus" ist nach römischem Vorbild geformt, pompöse Perücken sind nicht mehr gefragt.

Haare als Instrument der Politik sind nicht nur ein westliches Phänomen: Auch während der chinesischen Revolution 1911 galt das Abschneiden der langen Zöpfe als Symbol der Auflehnung gegen das Kaisertum und als ein Akt der Befreiung. Ein Gesetz aus dem 17. Jahrhundert hatte unter Androhung der Todesstrafe angeordnet, dass jeder Chinese, weiblich oder männlich, einen Zopf tragen musste. Im Zuge der Revolution schnitten sich Studenten als Zeichen des Protests in der Öffentlichkeit begeistert ihre Haare ab.

Auch in Amerika konnten schwarze Sklaven mittels Frisuren kommunizieren und so ihr Überleben sichern: Die Frauen flochten in die Haare ihrer Töchter Fluchtwege, Orientierungshilfen sowie Goldstücke für ihre Ehemänner ein, damit sie die Freiheit ihrer Kinder erkaufen konnten. 1865 wurde die Sklaverei in Amerika zwar abgeschafft, doch die schwarzen Bürger mussten sich der dominanten weißen Ästhetik annähern, um eine Chance am Arbeitsmarkt zu haben: Glatte Haare mussten her. Es wurde zum heißen Kamm und der Haarglättungscreme, dem sogenannten Relaxer gegriffen, was oftmals zu Verbrennungen der Kopfhaut führte.

Mitte der 60er Jahre begannen, durch das "Black Power Movement" inspiriert, immer mehr schwarze Frauen im Zuge der "Natural Hair"-Bewegung, ihre natürlichen Haare mit Stolz zu tragen. Der Afro-Look wurde zum Statement, ein Akt der Rebellion gegen das weiß-dominierte Schönheitsideal. Ein Bild, das heute noch stark präsent ist: Immer mehr schwarze Frauen tragen selbstbewusst ihre Haare im natürlichen Look. Und zeigen, dass Haare mehr sind als ein Schönheitsideal: Sie stehen für Freiheit, Zugehörigkeit und die eigene Identität.