Wenn man es auf den Punkt bringen möchte, ist Schönheit Mathematik. Nicht nur, aber auch. Es ist eine simple Formel: Eine Strecke wird so unterteilt, dass das Verhältnis der kleineren Teilstrecke (b) zur größeren Teilstrecke (a) dem der größeren Strecke zur Gesamtstrecke (a+b) entspricht. Ganz einfach, oder? Also: a : b = (a + b): a = 1,618 und wird Phi genannt. Diese Formel wird auch als Goldener Schnitt bezeichnet. Ein Teilungsverhältnis, das sich häufig in der Natur wiederfindet. Und damit Schluss mit der Mathematik.

Fakt ist dennoch, dass der Goldene Schnitt seit der griechischen Antike als Grundlage der Harmonie und Verhältnismäßigkeit fürs Auge des Betrachters gilt: Erstmals wurde der Goldene Schnitt von Euklid um etwa 360 bis 280 v. Chr. aufgestellt, doch soll die Entdeckung auf Hippasos von Metapont (spätes 6. Jahrhundert v. Chr.) oder auf Eudoxos von Knidos (um 370 v. Chr.) zurückgehen. Die Formel des Goldenen Schnitts, der auch als Proportio Divina (göttliche Proportion) bezeichnet wird, tritt in allen Kulturen der Menschheit immer wieder auf: in der Architektur ebenso wie in der bildenden Kunst und auch in der Musik. Gemälde und Statuen können von ihm ebenso geprägt sein wie die Länge in formalen Abschnitten in Musikwerken. Und auch in der Fotografie ist er heute nicht wegzudenken.

Der Goldene Schnitt

Bereits in der Antike taucht das harmonische Verhältnis der Teilung auf: Das hellenistische Kunstwerk der Statue der Venus von Milo zeigt die Göttin Aphrodite schon im 2. Jahrhundert v. Chr. mit den Proportionen des Goldenen Schnittes. Oder in der Renaissance, wenn etwa die Bildkompositionen von Leonardo da Vinci dem Goldenen Schnitt folgen, beispielsweise "L’Ultima Cena" (Das letzte Abendmahl, 1494 bis 1497). Es war auch Leonardo, der mit dem "homo vitruvianus" (1490) – eine Darstellung des Mannes nach den vom antiken Architekten und Ingenieur Vitruv formulierten und idealisierten Proportionen – ein eindrückliches Maßsystem für den Goldenen Schnitt am Beispiel von menschlichen Proportionen geschaffen hat: Der Mann berührt mit seinem Mittelfinger das ihn umspannende Quadrat, die Füße scheinen auf dem ihn umfließenden Kreis zu stehen. Die Figur entspricht nicht nur dem goldenen Maß aufgrund seiner Ausrichtung in Bezug auf Quadrat und Kreis, sondern auch die Proportionen der einzelnen Körperteile, ja sogar jene des Gesichtes, entsprechen dem perfekten Teilungsverhältnis. Schönheit und Symmetrie gehören unabdingbar zusammen, so wie Schönheit und ihre Verkörperung. Womit wir schon bei den Idealen, den Ikonen, wären …

"Dass Schönheit nie etwas Absolutes und Unveränderliches war, sondern je nach historischer Epoche und dem jeweiligen Land, der jeweiligen Kultur, verschiedene Gesichter hatte", sagt Umberto Eco in "Die Geschichte der Schönheit". Diese Gesichter dazu heißen etwa Venus und Aphrodite, Nofretete, Kleopatra, später dann Kaiserin Elisabeth vulgo Sisi, Liz Taylor, Grace Kelly, Lady Diana oder Claudia Schiffer und Cindy Crawford, oder auch Charlize Theron. Um an dieser Stelle eine nur sehr beliebige sowie äußerst enge Auswahl zu nennen. Eines fällt aber auf: Diese Ikonen waren Königinnen, Schauspielerinnen oder Topmodels.

Prinzessin Diana bei einem Rom-Besuch am 29. April 1985 – sie gilt bis heute als Stilikone und steht für Schönheit. 
- © Tim Graham Photo Library via Getty Images

Prinzessin Diana bei einem Rom-Besuch am 29. April 1985 – sie gilt bis heute als Stilikone und steht für Schönheit.

- © Tim Graham Photo Library via Getty Images

Selbstverständlich sind es vor allem, seit dem Aufkommen des Films, auch Männer, die Schönheitsideale verkörpern. Doch sind es im Vergleich verschwindend wenige. Heute nennt man sie auch Influencer – allesamt Frauen, auf die quer durch alle Gesellschaftsschichten aufgeblickt wird: "Menschen brauchen Idole, an denen sie sich ergötzen können", meint dazu Hans-Christian Huf in seinem Buch "Die Geschichte der Schönheit" (Collection Rolf Heyne 2013). Und es sind Idole, die die Wunsch-Realität verkörpern.

Schönheitsideale der Jahrhunderte

Zurück in vorgeschichtliche Zeiten: Die Skulptur der Venus von Willendorf ist diesbezüglich ein hervorragendes Beispiel. Die rund 25.000 Jahre alte Figurine aus Kalkstein spiegelt wohl das damalige Schönheitsideal mit ihren äußerst üppigen Körperbildern wider. Die Statuette entstand in der Spätphase des Gravettien (32.000 bis 24.000 v. Chr.), in der bereits ein Mangel an Nahrung herrschte und Speck an den Hüften Ausdruck von purem Luxus war.

Später setzte Nofretete ästhetische Maßstäbe. "Die Schöne, die da kommt", bedeutet ihr Name, sie war Königin und Göttin im alten Ägypten. Die 1370 v. Chr. Geborene soll sich ihrer Schönheit bewusst gewesen sein und diese mit Bädern, Salben und Schminke gepflegt haben. Die zierliche Büste Nofretetes, 1912 entdeckt, zeigt ihre heute noch als schön geltenden Gesichtszüge, denn die Symmetrie macht die Perfektion ihrer Physiognomie aus.

Es soll ihr Ehemann Echnaton gewesen sein, der ein besonders bizarres und grausames Schönheitsideal einführte: den Brauch der Schädeldeformationen. Von Kindheit an malträtiert mit Faschen und Gestell, erhielten diese Menschen einen Hinterkopf, der das dreifache Volumen natürlicher Schädel erreichen konnte und war ein Zugehörigkeitszeichen zu einer Kaste oder Herrscherfamilie.

Kleopatra darf man an dieser Stelle natürlich nicht vergessen: Nach dem römischen Geschichtsschreiber, Senator und Konsul Cassius Dio sei sie so schön gewesen, dass sie jeden Mann in ihren Bann ziehen konnte. Die betörende Schönheit Kleopatras wird erst von Marcus Annaeus Lucanus‘ in "Pharsalia" thematisiert und widerspricht der Mutmaßung, Kleopatra hätte sich mithilfe von Aphrodisiaka Männer willig gemacht, wie es der römische Historiker Flavius Josephus behauptete.

Im Lauf der Zeit änderte sich das Schönheitsideal von abwechselnd athletisch und schlank (Renaissance) zu üppigen Formen (Barock und Rokoko). Dass sich die Definition von Schönheit über die Zeitgeschichte immer wieder veränderte, und sich in Details gegebenenfalls wiederholte, ist neben gesellschaftshistorischen Zusammenhängen wie Pest oder Krieg auch auf jene Personen zurückzuführen, die als Vorbilder galten: Eine der ersten war sicherlich Kaiserin Elisabeth – heute würde man sie vermutlich als Influencerin bezeichnen. Ihren langen Haaren, die bis zu zwei Stunden täglich gepflegt wurden, eiferte man nach, ihre Wespentaille von nur 50 Zentimeter nahm man sich als unerreichbares Schönheitsziel. Dass dahinter eine für damalige Zeiten ungewöhnliche Disziplin bezüglich bewusster Ernährung und Sport stand, wussten die wenigsten (und die wenigsten hätten Zeit und Geld dafür gehabt): Sisi aß ab 18 Uhr nicht mehr, bei Empfängen stocherte sie nur im Essen herum. Sie turnte am Reck, an den Ringen, ritt enorm viel. Und sie ließ sich in ein Korsett einschnüren, das bei den Damen von Rang auch schon einmal Ohnmacht hervorrief. "Schönheit muss leiden", das herkunftslose Sprichwort ist wahrlich zeitlos.

Sisi prägte ein Schönheitsideal, das sich heute bei Influencerinnen wie zum Beispiel Kim Kardashian wiederfindet: Extrem schmale Taille, große Brüste und ausladende Hüften. Doch ist diese Figur nicht das Ergebnis eines geschnürten Korsetts, das die Brüste hochdrückt, die Taille einengt, und auch nicht jenes des kleinen Pölsterchens am Gesäß, das unter den aufwendigen langen Röcken verborgen blieb.

Heute ist es im besten Fall ein Filter, der über das Originalfoto gelegt wird, bevor man es im sozialen Netzwerk Instagram postet. Im schlimmsten Fall sind es Schönheitsoperationen, bei denen Rippen entfernt und Brüste und Po mit Silikon aufgerüstet werden. Wie eben Kim Kardashian, die sich mit diesem Look zu einer lukrativen Unternehmerin mit eigener TV-Show entwickelte.

Den bereits erwähnten Schauspielerinnen Liz Taylor, Grace Kelly oder auch Charlize Theron (die, laut einer Umfrage von "Elle", an der 150.000 Männer und Frauen teilgenommen haben, die schönste Frau der Welt sei) und auch Lady Diana wurden die goldenen Proportionen mit ab und zu kleinen Makeln von der Natur geschenkt. Auch Kim Kardashians Figur und ihre Gesichtszüge entsprechen dem Proportionsverhältnis des Goldenen Schnitts, an dem sich die plastische Chirurgie orientiert: Nach Auswertungen des US-Schönheitschirurgen Stephen Marquardt entspricht etwa das Verhältnis der als ideal empfundenen Nasenbreite zur Mundbreite dem Wert der Zahl Phi, heißt es.

Wer diesem Ideal nicht entspricht, oder etwa aufgrund seines Alters nicht mehr entspricht, greift tief in die Trickkiste der plastischen Chirurgie und ebenso tief ins Geldbörsel: Neben den bereits erwähnten operativen Tricks sind Fettabsaugen und -wegfrieren, Lid- und Bauchstraffung, Kinn-OPs, Haartransplantationen und Brustvergrößerungen, Fettwegspritzen oder Implantate an allen nur möglichen Körperstellen für Frau und Mann heute Usus. Denn Männer sind vom heutigen Schönheitsstreben nicht ausgeschlossen. Schließlich möchte auch Mann einem Ideal näherkommen, das die Natur ihm verweigert hat. Und das Wichtigste dabei ist: Auch wenn es noch so deutlich zu sehen ist, nicht eingestehen, dass man sich unters Messer begeben hat. Man habe gute Gene, ist dann die Standardantwort.

Raus aus dem Diktat

Körper, die der schlanken, fitten Norm entsprechen, die in den Medien gehypt wird, werden in unserer patriarchalen kapitalistischen Gesellschaft positiv bewertet und mit attraktiv, gesund und leistungsfähig gleichgesetzt. Oft schlägt das Streben nach Schönheit in einen Zwang um, oder verursacht krankmachende Auswirkungen wie Magersucht, Ess-Brech-Sucht sowie Depressionen. Laut http://www.enjoyliving.at belegt eine Studie, dass sich bereits jedes fünfte Mädchen in Deutschland zwischen 9 und 14 Jahren eine Schönheitsoperation wünscht. Diese Problematiken seien hier nur am Rand erwähnt.

Doch was passiert, wenn man diesen seit der Antike vorherrschenden Normen nicht entspricht und auch gar nicht entsprechen will? Wenn man sich dem Diktat der milliardenschweren Schönheitsindustrie nicht unterwerfen will?

Das Anzetteln einer Schönheitsrevolution hat nicht erst mit der "Body Positivity"-Bewegung begonnen, die sich 2012 einen Hashtag einverleibte. Eigentlich begann der Kampf gegen Schönheitsvorgaben bereits mit der Entstehung des Feminismus, bis es im Zuge der Frauenbewegung zu einem Befreiungsschlag kam: Anfang des 20. Jahrhunderts verbrannte man das Korsett.

"Body Positivity" entwickelte sich aus dem Fat Acceptance Movement in den USA. Die Bewegung, die als Motto "jeder Körper ist schön" lebt, geistert durch die sozialen Medien und nimmt in den letzten Jahren an Geschwindigkeit auf. Mehr als 6,6 Millionen Fotos sind unter dem Hashtag #BodyPositivity zu finden. Ein Umdenken in der Mode- und Kosmetikbranche mit Role-Models, die nicht dem Schönheitsideal entsprechen, hat bereits stattgefunden.

Doch auch diese Bewegung wird kritisiert, denn es steht erst recht wieder der Körper im Fokus. Zudem ist das Ziel von "Body Positivity", den eigenen Körper mit positiven Gefühlen zu besetzen. Für viele Menschen eine Unmöglichkeit. Aus diesem Kritikpunkt entwickelte sich "Body Neutrality". Mit Selbstliebe und- akzeptanz geht es hierbei darum, die Bedeutung, die man dem Aussehen beimisst, zu reduzieren. Anders als bei "Body Positivity" ist das Ziel also nicht, den eigenen Körper zu lieben oder sogar seine Pickel schön zu finden, sondern das Selbstwertgefühl nicht an die äußere Erscheinung zu koppeln. Der Körper als Gefäß der Seele vielleicht? Womit wir wieder in der Antike gelandet wären – diesmal jedoch bei Cicero, der dieses Zitat des Körpers als Gefäß der Seele prägte. Aber das ist eine andere Geschichte …