Es gibt Videospiele, die einfach auf ganzer Linie überraschen. Der "Landwirtschaftssimulator" ist so ein Spiel, dessen neuester Ableger - die Nummer 22 - vor kurzem erschienen ist. Allein beim Namen und dem zu erwartenden Inhalt schläft den meisten wohl das Gesicht ein. Welcher Spieler will schon Bauer sein? Pflügen, säen, den Acker bestellen. Düngen, Schädlinge bekämpfen, ernten: Das klingt nicht gerade nach einem nervenzerfetzenden Abend.

Unter diesen Voraussetzungen sollte der "Landwirtschaftssimulator 22" eigentlich ein Ladenhüter sein. Doch hier überrascht das Spiel bereits: In den ersten Tagen nach dem Erscheinen spielten Medienberichten zufolge mehr Menschen die Bauernpartie auf der PC-Plattform Steam als den Kassenschlager "Battlefield 2042". Irgendetwas muss also doch dran sein an dem Spiel, das inzwischen in Sphären von Triple-A-Titeln, also den großen Videospielen, mitspielt.

Der Einstieg für Unerfahrene ist so fatal, wie man ihn sich vorstellt. In völliger Selbstüberschätzung wird die mittlere Schwierigkeitsstufe eingestellt. Als Betätigungsfelder stehen Landschaften in der Schweiz, Frankreich und den USA zur Verfügung.

Nichts für Ungeduldige

Es geht los, und man landet unvermittelt in der Ego-Perspektive mitten in der Landschaft - und hat keine Ahnung, was man tun soll. Ein paar hilflose Spaziergänge und Tastenerkundungen später geht es zurück an den Start. Im einfachen Modus gibt es als Hilfe eine kleine Tour, doch der Großteil ist Learning by doing, egal, ob man in die Rolle eines Kartoffelbauern oder eines Winzers schlüpft. Das Grundkonzept ist relativ einfach und erwartbar: Es wird gesät, geerntet, verkauft und mit dem Erlös expandiert. Und doch hat gerade das seinen Reiz.

Diese Optimierungen und Belohnungen in Dauerschleife lassen Nicht-Bauern erahnen, warum sich Menschen mit Freude der Landwirtschaft widmen. Noch dazu, wo trotz verhältnismäßig einfacher Grafik nicht an Details gegeizt wird. Es gibt eine Unzahl an Rädchen und Stellschrauben, an denen gedreht wird: von möglichen Steinen im Acker, die die landwirtschaftlichen Maschinen schneller kaputtgehen lassen, bis hin zur Investition in mächtige Erntemonster. Wer das Ganze dann noch einen Tick realistischer machen will, für den gibt es den spielplattformenübergreifenden Online-Modus, wo man in Konkurrenz zu anderen Videospiel-Bauern tritt.

Eines ist klar: Der "Landwirtschaftssimulator 22" ist nichts für Menschen, die die kurze Unterhaltung oder den schnellen Erfolg suchen. Auch gibt es kein wirklich deklariertes Ziel. Wer sich aber die Zeit nehmen kann und will, sich durch die zahllosen Einstellungen und Finessen zu wühlen, und Spaß hat an Wachstum jeglicher Art (von Pflanzen über Betriebe bis Geld), den belohnt das Spiel mit einem nicht abreißenden Spannungsbogen.

Der "Landwirtschaftssimulator 22" ist für alle gängigen Spieleplattformen erschienen. Das Testmuster wurde der "Wiener Zeitung" vom Hersteller zur Verfügung gestellt.