Engel rechts, Engel links, Engel oben und unten. Mehr als 600 Lichtgestalten bevölkern im Unesco-geschützten Stiftsbezirk prachtvolle Erker und Friese. In keiner anderen Stadt der Schweiz sind Fernflieger aus dem Himmelreich so präsent wie in der 1.000-jährigen Altstadt im Appenzellerland.

Geflügelt

No Angels? Für St. Gallen gilt das nicht. The Beach Boys, Klaus Hoffmann, Hubert Kah und Rammstein haben die überirdischen Wesen besungen. Ulrike Brülisauer kann sie sogar leibhaftig sehen, sagt sie, und spricht darüber. In der Adventzeit wartet sie vor der Touristeninformation auf Gäste und verleiht der Fantasie von Gläubigen und Skeptikern Flügel.

"Kommen Sie näher", ruft die Stadtführerin. Dann bittet sie mit Blick in den verschneiten Abendhimmel um Segen für den Spaziergang in jenseitige Welten. "Warum begeben Sie sich heute auf Engelsspuren?", fragt Brülisauer in die Runde. "Aus Sentimentalität", antwortet eine Studentin. Ein älterer Herr hofft, Antworten für eine "schwebende Ungewissheit" zu finden.

Mehr als 550 geformte und gemalte Engel tummeln sich unter der Kuppel der Kathedrale. 
- © Manfred Lädtke

Mehr als 550 geformte und gemalte Engel tummeln sich unter der Kuppel der Kathedrale.

- © Manfred Lädtke

"Mit Engeln kann man ganz normal reden, zu Gott muss man beten", favorisiert die Führerin die Kommunikation mit den pausbäckigen Gesellen, von denen sie weiß, dass sie erst im vierten Jahrhundert ihre Flügel bekamen und in vielen Religionen die Überbringer göttlicher Botschaften sind.

Himmlische Aufpasser

Vor einem der vielen schmucken Giebelhäuser bleibt sie stehen. Auf bunten Vorbauten tummeln sich Scharen kleiner Aufpasser mit kindlichen, runden Gesichtern. Sie sollten die reichen Kaufmannsfamilien beschützen und trösten. Hier und da flößen hässliche Fratzen und grimmige Unholde Angst ein und helfen, das Böse fernzuhalten. Früher sei in St. Gallen die Kindersterblichkeit besonders hoch gewesen. Hatten die Aufpasser einmal keinen guten Job gemacht, lebten die Kinder für ihre Eltern in Putten weiter.

Derartiges Wach- oder Trostpersonal konnten sich Anfang des 18. Jahrhunderts freilich nur "betuchte" Kaufleute aus der damals florierenden Textilindustrie als Hauszierde leisten. 1912 stand die Stickerei an der Spitze der Schweizer Exportgüter. Über 50 Prozent der damaligen Weltproduktion an feinen Stöffchen und Spitzen kam aus St. Gallen – heute sind es noch rund 0,5 Prozent.

Touristenmagneten

Für die geschnitzten oder in Stein gehauenen wachsamen Mitbewohner fehlte den irdischen Herren aber schon bald das Geld. Engel, die ihr Plätzchen als Hausschmuck gefunden hatten, blieben und wechselte später von der Schutz- und Trostbranche in den Tourismus. In Scharen schauen sie nun traurig, treuherzig oder verschmitzt von den Fassaden. Sie posieren als göttliche Nackedeis für klickende Kameras, und manchmal scheint es, als würden sie unter der Bürde ihres artfremden Amtes seufzen.

Ein paar Flügelschläge weiter singt vor einem 25 Meter hohen Christbaum an der gewaltigen Kathedrale ein Kinderchor. Leise rieselt der Schnee auf die charakteristischen Doppeltürme und legt sich wie Puderzucker auf die ehemalige Stiftskirche. Kaum zu glauben, dass allein 587 Engel unter der kühnen Kuppelkonstruktion in dem Gotteshaus ihr Zuhause haben. Immerhin zeugt die Wahl des Quartiers von Stilgefühl und Geschmack. Der verspielt und einladend wirkende römisch-katholische Bau war die letzte Kirche, die bis 1805 in dieser Monumentalität in der Ostschweiz im Bodensee-Barock gebaut wurde.

Echte Charaktere

Ulrike Brülisauer sind die kleinen Kirchenbewohner bestens vertraut. Jeder habe seinen eigenen Charakter. Und manche der androgynen Wesen seien ganz schön freche Lausbuben. So wie die beiden Putten über dem Beichtstuhl. Während die eine mit einladender Geste Gläubige zu sich winkt, scheint die andere ihnen einen Tritt in den Hintern versetzen zu wollen. Eher dem Weltlichen als dem Sakralen zugeneigt scheint indessen ein kleiner Engel, der sehnsuchtsvoll aus dem Kirchenfenster auf das Treiben in den Straßen schaut. Vielleicht startet der Himmelsflitzer ja gleich zu einer Schutzpatrouille um die Häuser...

"Schweigen Sie ein paar Minuten und gehen Sie in sich", ruft Brülisauer ihren Pilgern zu. Jeder Mensch habe einen Schutzengel, jeder könne ihn wahrnehmen. Seine Botschaft gehe nicht ins Ohr, er berühre mit Gesten und Stimmungen. Oft sei es nur eine Schwingung oder ein Gefühl. "Wenn Sie sich bei Sorgen und Rückschlägen getragen und zu einem Lächeln ermuntert fühlen, das Sie im Weitergehen beflügelt, dann steht er hinter Ihnen", ist die Engelflüsterin überzeugt und fragt: "Hatten Sie nicht auch schon einmal viel Glück im Unglück?" Da sei eine schützende Engelhand im Spiel gewesen. "Zu mir ist aber noch keiner gekommen", winkt eine Teilnehmerin ab und erfährt von Ulrike Brülisauer: "Dann haben Sie auch noch keinen eingeladen."

Sternenglanz

Vor der Kirche geben jetzt anstelle des Chors drei Straßenmusikanten den Ton an. Menschen wuseln mit Einkaufstaschen geschäftig über den Klosterplatz. Am Winterhimmel funkeln im Dezember 600 Sterne mehr über der Stadt und hüllen die Jahrhunderte alten Hausfassaden in festlichen Weihnachtsglanz. Jeder der Leuchtkörper hat 14 Strahlen. Sie stehen für die 14 Stadtquartiere von St. Gallen. Jedes der Altstadtgässchen hat sein eigenes Licht. Im zentralen Kreuz aus Marktgasse und Marktplatz formieren sich die Sterne zu einem reichen Lichterdach. Auf die benachbarten Pflaster scheinen sie wie helle Tropfen vom Himmel zu regnen, und am Spisertor glimmen und verblassen sie sanft. Eine mit 400 Engeln geschmückte Weihnachtstanne auf dem Klosterplatz beschert der Sternenstadt ein zusätzliches Glanzlicht.
Sternemeer in St. Gallen 
- © kurzschuss photography gmbh / Damian Imhof

Sternemeer in St. Gallen

- © kurzschuss photography gmbh / Damian Imhof

Ob sich der Stadtgründer die Zukunft seiner Eremitenzelle so vorgestellt hatte? Beim Spaziergang zu den Giebelhäuschen des Weihnachtsmarkts erzählt die Stadtführerin von einem irischen Mönch. Das wilde Hochtal des Appenzellerlandes war 612 noch Urwald, als der heilige St. Gallus stolperte und in einen Dornenbusch fiel. Einer frommen Legende nach soll ihm in der Nacht ein Bär Feuerholz gebracht haben. Gallus deutete das als ein himmlisches Zeichen zu bleiben. Hundert Jahre später gründete ein Priester zu Ehren des tiefgläubigen Eremiten an dem Wallfahrtsort ein Kloster. Der heutige Stiftsbezirk ist das Wahrzeichen der Stadt. Mit seiner mit Engelscharen verzierten Bibliothek und 160.000 Büchern gilt er als eine Fundgrube abendländischer Kultur.

Die Sache mit dem Essen

Während der Theologe Rudolf Bultmann (1884-1976) Engel als "metaphysische Fledermäuse" deklassiert, das Handwörterbuch des deutschen Aberglaubens von einem "Sängerchor" in Gottes Nähe spricht oder andere Zeitgenossen Engel als poetische Zugabe zum Glauben abtun, gibt Ulrike Brülisauer zu bedenken, dass das Wort "Engel" 305-mal in der Bibel vorkomme.
Auch auf die herausfordernde Frage, ob Engel Nahrung zu sich nehmen und sie die römische oder Schweizer Küche bevorzugen, bleibt die Stadtführerin eine Antwort nicht schuldig. Danach habe sie noch nie geforscht. Da Engel aus Licht geschaffene Wesen seien, glaube sie aber nicht, dass Küchen auf ihrer Flugroute liegen. Und wenn doch?? Dann essen sie bestimmt etwas Leichtes – damit sie nicht abstürzen.