Vasco da Gama war schon 1502 da, doch gleich wieder weg. Erst 150 Jahre später wurden die verstreuten Inseln im Indischen Ozean von den Franzosen erstmals dauerhaft besiedelt und 1903 britische Kolonie. Davor trieben allerlei Freibeuter ihr Unwesen, denen grünes Gedankengut noch recht fremd war – gebratene Vögel und Riesenschildkrötensuppe waren eine willkommene Abwechslung auf dem Speiseplan so mancher Seefahrer: Olivier le Vasseur zum Beispiel, genannt La Buse, war Pirat aus Berufung und soll bei Bel Ombre auf der Insel Mahé unermessliche Schätze versteckt haben. Gefunden hat sie noch keiner. Oder nichts davon erzählt. Es gibt jedenfalls schlimmere Schicksale in Afrika, als seinen Schatz auf den Seychellen verstecken zu müssen.

Doch der Geschmeide wegen kommen heute ohnedies die wenigsten, denn so manche Gäste haben schon etliche am Hals. Die Seychellen sind nur zwei Flugstunden von Mauritius entfernt, aber gebirgiger, regnerischer und daher grüner. Auch deutlich teurer, katholischer und kreolischer: 90 Prozent der Bevölkerung haben afrikanische Wurzeln. Das bevölkerungskleinste Land Afrikas ist seit 1976 unabhängig, Commonwealth-Mitglied, und man fährt immer noch links, in alter britischer Tradition. Auf 98.000 Einwohner kamen 2019 – vor pandemiebedingten Grenzschließungen – 430.000 (gutzahlende) Touristen jährlich, die das winzige Reich am Äquator am Leben halten und sich ihre Unterwasserträume erfüllen. Denn oben gibt es wenig zu sehen, an das sich kostengünstig herankommen lässt, ohne per Helikopter private Atoll-Resorts anzufliegen. Wo sonst finden sich auf engstem Raum 900 Fischarten, 100 Muscheltypen und über 50 verschiedene Korallensorten?

Alle, die genügend Geld mitbrachten, so scheint es, konnten sich in den vergangenen Jahrzehnten ihren Traum vom Insel-Hideaway erfüllen. Etliche Hotelketten und einige Milliardäre haben sich die schönsten Plätze ausgesucht. Scheich Chalifa bin Zayid Al Nahyan etwa, angeblich viertreichster Monarch der Welt und Präsident der Vereinigten Arabischen Emirate, stellte sich gleich eine sechsstöckige Schlossanlage auf einen Bergrücken der Hauptinsel Mahé.

Und so gefallen sich die Seychellen weithin als Rückzugsort für Luxustouristen mit grünem Gewissen. Die Inselnation hat als eines der ersten Länder der Welt den Naturschutz in ihrer Verfassung verankert, Bettenburgen wie am Mittelmeer und in der Karibik gibt es nicht: Tropischer Massentourismus ist anderswo. 70 Prozent des Nationaleinkommens der kleinen Republik bringen die Touristen, über 600.000 jährlich, für die 30 Prozent der Bevölkerung arbeiten. Sie pflanzen Kokosnüsse, Avocados und Mangos und wirken nicht unzufrieden, obwohl der Staat 2008 als zahlungsunfähig galt: keine Tropenkrankheiten, keine Wirbelstürme, keine giftigen Lebewesen. Die Landesfläche ist kleiner als Wien, doch fast die Hälfte davon ist zum Naturschutzgebiet erklärt, ein schier überbordendes, unversehrtes, gewachsenes Tropenparadies, auf den ersten Blick zumindest. Denn nicht alle der Mohnroten Madagaskarweber, Zebratäubchen und Hirtenstare, und wie die bunten Paradiesvögel hier alle heißen, waren schon immer da: Etliche der Tropenvögel wurden eingeführt und haben, gemeinsam mit etlichen Ratten und Katzen, so manche endemische Art an den Rand der Ausrottung getrieben.

Islands in the Sun: Naturschutz und Luxus haben ihren Preis

Das Land besteht aus rund 115 Inseln, die sich in Innere und Äußere trennen lassen. Irgendwo da draußen, auf dem Aldabra-Atoll, findet sich auch die weltgrößte Kolonie von Riesenlandschildkröten. Und wer dort urlaubt, will sich meist auch nicht schneller bewegen.

Eine Aldabra-Riesenschildkröte macht einen Abstecher zum Sandstrand. 
- © Jaromir Chalabala / Getty

Eine Aldabra-Riesenschildkröte macht einen Abstecher zum Sandstrand.

- © Jaromir Chalabala / Getty

Oder kommt kaum überhaupt an Land, sind doch viele der Inseln in exklusivem Privatbesitz wie Aride Island, eines der bedeutendsten Naturschutzgebiete der Welt, das 1973 von Christopher Cadbury gekauft wurde und heute von der Island Conservation Society verwaltet wird. Wer dort fotografieren will, sollte 100 Euro Tagesfotogebühr griffbereit haben. Anderswo sind Seychellen-Selfies glücklicherweise immer noch gratis.

Doch exklusiver geht es immer: Nur ein paar Bootsstunden weiter liegt Frégate, eine entlegene Granitinsel, wo eine ehemalige Plantage zu einem Öko-Vorzeigeprojekt gemacht wurde. Als einzige inmitten des Indischen Ozeans gehört das Eiland zu den National Geographic Unique Lodges of the World – ein exklusiver Hotelverbund mit Lodges, die sich besonders für Nachhaltigkeit und Naturschutz einsetzen. Seit mehr als 40 Jahren versucht Frégate, seine ursprüngliche biologische Vielfalt wiederherzustellen. Mehr als 100.000 Büsche und Bäume wurden gepflanzt, tausende Seevögel nisten heute wieder hier: Finanziert wird der Naturschutz durch eine Klientel aus Wirtschaftsbossen, Politikern und Hollywoodstars, die sich für ihren Urlaub Weltabgeschiedenheit und eine Paparazzi-freie Privatsphäre wünschen, was ihnen auf Frégate mindestens 4.000 Euro pro Nacht wert sein muss.

Viele der Äußeren Inseln sind so weit weg, so menschenleer und so exklusiv, dass nicht einmal Prinz William und Herzogin Kate wussten, wer ihre Nachbarn waren. Das britische Thronfolgerpaar, zugleich Duke and Duchess of Cambridge, verbrachte auf North Island 2011 seine Flitterwochen – eine Luxusinsel mit elf Luxusvillen, die über keine eigene Landebahn verfügt, also ebenfalls nur per Boot oder Hubschrauber zu erreichen ist, was sie für Prominente mit Geld sehr attraktiv macht.

Paul McCartney, Salma Hayek und Bill Gates waren auch schon da, und die Beckhams feierten dort ihren zehnten Hochzeitstag. Nächtigungen sind ab 2.200 Euro pro Person möglich, pro Tag, versteht sich. Der Hamburger Inselmakler Farhad Vladi ist bis heute der Diskretion verpflichtet: "Ja. Wir haben damals die ganze Insel an das britische Königshaus vermietet. Aber Sie werden verstehen, dass wir keine weiteren Angaben dazu machen können."

Victoria’s Secret: Curry und Coco de Mer

Wir verstehen. Wedding Packages werden immer beliebter. Wer will es den Hochzeitsreisenden verdenken, ihre Zeit beschaulich mit Essen und Trinken und Sonnenbaden zu verbringen? Es gibt jedenfalls billigere Möglichkeiten für Flitterwochen, nebenan auf Mauritius zum Beispiel, oder zumindest auf einer der leicht zugänglichen Hauptinseln inmitten des Archipels, wovon überhaupt nur drei dauerhaft bewohnt sind.

Die Anse Source d'Argent ist ein Traumstrand auf La Digue. 
- © Mlenny / Getty

Die Anse Source d'Argent ist ein Traumstrand auf La Digue.

- © Mlenny / Getty

Diese Inneren Inseln, Mahé (mit der Hauptstadt Victoria), Praslin und La Digue, sind dicht bevölkert, fast schon urban, und auch für knappere Reisebudgets erschwinglich. Dabei ist die Hauptinsel Mahé gerade dreißig Kilometer lang und verfügte lange nicht einmal über genug ebene Fläche für den einzigen internationalen Flughafen, der heute auf Aufschüttungsland angelegt ist. Leihautos vollzutanken hätte angesichts der geringen Distanzen wohl wenig Sinn. Die Linienbusse sind ohnedies selten voll und
fahren scheinbar – ganz unafrikanisch – nach Fahrplan, an den sich aber wiederum kaum ein Fahrer hält: Die sind eher zu früh dran als zu spät. Ochsenkarren als Transportmittel haben jedenfalls ausgedient, auch wenn es die Reiseveranstalter nicht gerne zugeben, die mit exotischer Urtümlichkeit punkten wollen.

In Victoria wohnen gerade halb so viele Menschen wie in Wiener Neustadt, etwas über 25.000. Es gibt drei große Straßen, eine Kreuzung mit pseudo-britischem Uhrturm, ein Kino, einen Supermarkt, viele chinesische Stehlokale und noch mehr alte bunte Holzhäuser. Die Kathedrale der Unbefleckten Empfängnis und mehrere botanische Gärten stehen offen, wem die Suche nach den hunderten endemischen Arten in freier Wildbahn zu mühsam ist. Es riecht nach Curry und Bohnen, weniger nach japanischer Wagyu-Rinderbrust, australischen Lammkoteletts oder Räucherlachs, die draußen in so manchen Resorts gereicht werden – manche werden teils sogar auf künstlichen Inseln errichtet, weil es mittlerweile an Platz mangelt.

Kaufen = bleiben dürfen

2010 wurde in der Bucht von Victoria, nur wenige hundert Meter vom Sainte-Anne-Marine-Nationalpark entfernt, Eden Island eröffnet, eine 56 Hektar große, künstliche Insel mit Yachthafen, Ferienwohnungen und Hotels, die über eine Brücke mit Mahé verbunden ist. Dort haben südafrikanische und angeblich auch österreichische Investoren mehr als 500 Residenzen bauen lassen, die reißend Absatz finden: Mit dem Kauf einer der Luxusimmobilien erwerben reiche Ausländer gleich eine Aufenthaltsgenehmigung auf den Seychellen.

Wohl nur wenige von ihnen kennen den Frachthafen von Mahé, wo der Hafenmeister jeden europäischen Passagier persönlich begrüßt: Die "La Belle Seraphina" war anfangs nett anzusehen, ein leuchtend gelb gestrichenes Frachtsegelschiff zur Nachbarinsel La Digue, voll mit Kisten piepsender Küken, Klopapierrollen, Coladosen, Bauholz und Postsäcken. Drei lange Stunden Schaukeln durch reichlich raue See haben allerdings nicht nur der Besatzung alles abverlangt. Vielleicht hätten wir doch den 8-Minuten-Flug der Air Seychelles nicht ausschlagen sollen, die die Insel im Taktverkehr anfliegt. Oder den Hi-Speed Katamaran von Cat Cocos nehmen, um zumindest die Schaukelzeit zu den kleinen Schwesterinseln von Mahé zu verringern.

Zum Verdauen bleibt ansonsten jedenfalls viel Zeit (und weißer Rum), weil es oberhalb des Wassers wenig mehr zu tun gibt als die bizarren Felsformationen an den Bilderbuchstränden "Anse Source d’ Argent" (La Digue) oder "Anse Lazio" (Praslin) zu bestaunen und im "Valleè de Mai" – ein Unesco-Weltnaturerbe – die riesigsten Kokosnüsse der Welt zu betrachten: Die seltene Coco de Mer hat, mit etwas Fantasie betrachtet, die Form eines weiblichen Torsos und ist weltweit nur auf den Seychellen zu finden. Um schlichte 60 Euro sind bisweilen Exemplare erhältlich, sollte jemand auf ausgefallene Mitbringsel bestehen und deren Konfiszierung durch eifrige Zöllner riskieren. Ob William, Beckham oder La Buse zugelangt haben, ist nicht überliefert.