Angesichts der sich anbahnenden Klimakatastrophe kommt man auch im Bekleidungssektor nicht umhin, althergebrachte Methoden zu hinterfragen und nach neuen Lösungen zu suchen. Immerhin ist die Produktion neuer Kleidung für mehr als fünf Prozent der globalen CO₂-Emissionen verantwortlich.
Wenn man über die Nachhaltigkeit von Materialien spricht, spielen viele Faktoren eine Rolle.

Vor allem in der Fast-Fashion-Industrie, bei der Kollektionen schnell und trendbezogen designt und zu niedrigen Preisen produziert und verkauft werden, treten viele Missstände auf: der Chemikalieneinsatz bei der Produktion, die Verunreinigung des Grundwassers und der Gewässer, die Behandlung von Pflanzen und Böden mit Pestiziden, der hohe Wasser- und Energieverbrauch, das Anpflanzen von Monokulturen, der Flächenverbrauch und die Flächenkonkurrenz (die Konkurrenz um Fläche durch verschiedene Nutzungsformen). Ebenfalls eine Rolle bei der schlechten Ökobilanz von Fast-Fashion-Produkten spielen Treibhausgasemissionen durch Transport und Verarbeitung sowie das Tierwohl (etwa bei der Haltung von Schafen für die Wollproduktion) und soziale Aspekte wie die Gesundheit und Sicherheit der Arbeiter, existenzgefährdende Löhne, Kinder- und Zwangsarbeit sowie Diskriminierung.

Als Gegenbewegung zur Fast Fashion kann die Fair Fashion gesehen werden. Dabei wird darauf geachtet, dass Mode sozial gerecht und möglichst umweltverträglich hergestellt wird. Das geht meist mit einem höheren Preis einher. Hier kommt auch der Begriff Greenwashing ins Spiel. Darunter versteht man den Versuch von Unternehmen, sich umweltfreundlicher darzustellen, als sie in Wahrheit sind. Wer Wert auf klimafreundlichere Mode legt, sollte daher vor jeder Kaufentscheidung die Marketingbotschaften hinterfragen und beachten, dass kein Material perfekt ist.

Alternative Materialien im Nachhaltigkeitscheck

Lederalternativen
Leder wird traditionellerweise aus Tierhäuten hergestellt. Dabei ergeben sich nicht nur für vegan lebende Personen Probleme, denn die Häute werden in der Regel mit Chromsalzen gegerbt. Chrom ist ein Schwermetall, das meist in Tagebauen in Afrika und Asien abgebaut wird. Dabei wird viel Energie verbraucht, und die Arbeitsbedingungen sind oft miserabel. Kunstleder ist auch keine nachhaltige Alternative, da es aus Kunststoffen hergestellt wird, die aus Erdöl bestehen und kaum biologisch abbaubar sind. Doch Leder kann mittlerweile auch aus anderen Ausgangsmaterialien hergestellt werden:

Fasern von Ananasblättern, die bei der Ernte meist im Abfall landen, können zerkleinert und zu einer lederähnlichen Masse verarbeitet werden.

Überreste der Apfelsaftindustrie eignen sich zur Apfellederherstellung. Gemischt mit etwa 30 Prozent Polyurethan (für Stabilität), wird die Masse auf Baumwollstoff aufgetragen und erhitzt. Ein ähnliches Prinzip wird auch bei Resten aus der Weinproduktion angewandt, aus denen Weinleder hergestellt wird.

Kaffeeleder besteht aus recyceltem Kaffee, Kaffeebohnen und Kaffeeblättern, die mit Naturkautschuk gemischt werden. Das Ergebnis ist optisch von Wildleder kaum zu unterscheiden und soll auch ein wenig nach Kaffee duften.

Aus den Blättern des Teakbaumes wird durch eine spezielle Versiegelung mit Wachs wasserabweisendes und lange haltbares Teakleder. Ein Großteil der Blätter für die Produktion wird nicht von den Bäumen direkt geerntet, sondern vom Waldboden aufgesammelt.

Pilzleder wird aus Pilzfasern gewonnen, meist aus dem dichten Wurzelgeflecht. Nach der Ernte werden die Pilze ohne den Zusatz von Chemikalien, dafür mithilfe von Essigsäurebakterien und verschiedenen Hefen verarbeitet.

Bananenleder besteht aus den wasserabweisenden und reißfesten Fasern des Bananenbaumstammes. Deren Verwendung ist besonders nachhaltig, da Bananenbäume nur einmal Früchte tragen und dann gefällt werden und die Stämme also ein Abfallprodukt der Bananenproduktion sind.

Aus der Rinde der Korkeiche kann Korkleder hergestellt werden, das strapazierfähig, leicht, wasserabweisend, atmungsaktiv, wärmend und kühlend zugleich ist.

Holz
Bei Textilien aus Holz wird zuerst Zellulose gewonnen, die dann zu Viskose weiterverarbeitet wird. Dieser Prozess ist sehr nachhaltig, da er ressourceneffizient ist und das verwendete Lösungsmittel fast vollständig wieder verwendet wird. Außerdem sind die Textilien meist biologisch abbaubar.

Eine Süßgrasart, die sich gut für die Herstellung von Zellulose eignet, ist Bambus. Er wächst extrem schnell und hat wenig Ansprüche.

Auch der beliebte Outdoorstoff Lyocell (Tencel) wird aus Zellulose hergestellt, allerdings meist aus Buchen oder Eukalyptus.

Naturkautschuk ist ein nachwachsender Rohstoff, der aus Milchsaft (Latex) aus der Rinde des Kautschukbaumes gewonnen wird. Verglichen mit der Herstellung synthetischen Gummis ist der Energieaufwand um 90 Prozent geringer. Er wird für Regenmäntel, Gummistiefel, Handschuhe und Matratzen verwendet.

Die feinen Fasern des Kapok-Baumes werden unter anderem als Daunenersatz verwendet. 
- © petcharapj / stock.adobe.com

Die feinen Fasern des Kapok-Baumes werden unter anderem als Daunenersatz verwendet.

- © petcharapj / stock.adobe.com

Noch recht unbekannt ist Kapok, der Seidenwollbaum. Die extrem leichten Kapokfasern werden als vegane Alternative zu Daunen verwendet. Für die Verarbeitung der Fasern sind keinerlei chemische Prozesse notwendig. Kapokbäume sind wild- und schnellwachsend, sie werden im Moment noch nicht in Plantagen oder Monokulturen angebaut, daher werden keine Pestizide und keine Bewässerung benötigt.

Bio-Baumwolle
Konventionelle Baumwolle ist mit 26 Millionen Tonnen pro Jahr das meistproduzierte Textil der Welt. Allerdings ist die Baumwollindustrie auch der weltweit viertgrößte Verbraucher von Pestiziden. Ebenfalls problematisch ist, dass der Anbau sehr viel Wasser verbraucht. Besser sind die Zahlen bei Bio-Baumwolle: Ihr Anbau verbraucht bis zu 40 Prozent weniger Wasser als konventionelle Baumwolle.

Bio-Leinen
Der biologische Anbau von Flachspflanzen verbraucht im Vergleich zum konventionellen weniger Energie und Wasser. Außerdem werden die Bio-Flachsblumen nicht in Monokultur angebaut und keine Dünger oder Pflanzenschutzmittel eingesetzt.

Rohmilch
Seit 2014 kann Rohmilchseide aus Kasein, dem Hauptbestandteil von Milch, hergestellt werden. Zur Produktion werden Rohmilch-Abfälle genutzt, Chemikalien werden nicht verwendet. Allerdings ist der Stoff nicht vegan und kritische Stimmen argumentieren, dass das Ausgangsprodukt ein zu wertvoller Rohstoff ist, um daraus Textilien herzustellen.

Sojaseide
Auch als veganes Kaschmir bekannt, ist Sojaseide aktuell noch recht selten, wird aber in der Modeindustrie immer beliebter. Sie wird aus Abfallprodukten der Sojabohnen-Industrie hergestellt. Die Produktion läuft in einem geschlossenen Kreislauf. Sojaseide knittert im Vergleich zu konventioneller Seide kaum.

Hanf
Textilien aus Hanf werden aus einer bestimmten Sorte der Cannabispflanze mit wenig psychoaktiven Substanzen hergestellt. Sie wächst sehr schnell und entzieht der Erde keine Nährstoffe, sondern reichert sie sogar damit an. Hanffasern werfen mehr als doppelt so viel Ernteertrag pro Quadratmeter ab wie Baumwolle. Außerdem ist die Pflanze sehr unempfindlich und kann auf den unterschiedlichsten Untergründen wachsen.

"Am nachhaltigsten ist das, was gar nicht produziert werden muss."

Das "Wiener Journal" hat mit Lena Steger, Ressourcenexpertin bei der Umweltschutzorganisation Global 2000, über Textilmaterialien und ihre Problematiken gesprochen.

Wiener Journal: Wie bewerten Sie synthetische Textilien im Vergleich zu Naturfasern?

Lena Steger: Es stimmt, dass Polyester in der Produktion weniger Wasser verbraucht als andere Rohstoffe. Aber dafür gibt es andere Probleme. Es wird aus Erdöl gewonnen, einem fossilen Rohstoff, den wir eher unter der Erde lassen sollten. Gerade bei Sportbekleidung haben synthetische Stoffe natürlich Vorteile, sie trocknen schnell und binden Gerüche gut. Aber sie werden auch besonders oft gewaschen. Und man muss bedenken, dass sich wirklich bei jedem Waschgang synthetische Fasern von dem Kleidungsstück ablösen. Mikroplastik besteht aus mikroskopisch kleinen Fasern, die in den Kläranlagen nicht alle herausgefiltert werden können. Sie gelangen in unsere Seen, Flüsse, Böden und Nahrungskette, und das wird zu einem weitreichenden Problem.

Mittlerweile werben viele Unternehmen damit, Produkte wie Textilien oder Schuhe aus  eingesammeltem Ozeanplastik herzustellen. Was sagen Sie als Ressourcenexpertin zum Recycling von Ozeanplastik?

Ich sehe das sehr, sehr kritisch, weil dabei die Ursache des Problems nicht angegangen wird: die Überproduktion. Durch die Wiederverwendung von Ozeanplastik wird das Plastikproblem relativiert und von echten Lösungen abgelenkt. Dabei schwimmen nur etwa 20 Prozent des Ozeanplastiks an der Oberfläche und können somit wieder eingesammelt werden, die restlichen 80 Prozent sind bereits versunken.

Außerdem ist die Herstellung von Textilien aus Plastik sehr energieintensiv. Man sollte in erster Linie viel weniger produzieren und Systeme für eine bessere Entsorgung schaffen, damit das Plastik gar nicht erst in den Meeren landet. Man muss sich das vorstellen: Bei den Onlinehändlern ist es üblich, dass intakte Mode, die nicht verkauft oder zurückgeschickt wird, einfach verbrannt wird, weil der Retourenprozess zu teuer und aufwendig ist.

Was sagen Sie zur Herstellung von Textilien aus PET-Flaschen?

Die Verwendung von Petflaschen für Textilien ist vor allem bei Ressourcenexperten umstritten. 
- © Julia Joppien

Die Verwendung von Petflaschen für Textilien ist vor allem bei Ressourcenexperten umstritten.

- © Julia Joppien

PET ist ein Rohstoff, der im Vergleich zu anderen Verpackungen sehr gut recycelt werden kann. Das Problem ist aber: Lebensmittelverpackungen sind die qualitativ hochwertigsten. Wenn aus Getränkeflaschen Textilien hergestellt werden, ist das ein Downcycling-Prozess, da aus den Textilien danach nicht wieder PET-Flaschen werden können. Es wäre viel sinnvoller, wenn sie auf der gleichen Qualitätsstufe weiterverarbeitet würden, also wenn aus einer Flasche wieder eine Flasche wird. (Anm. d. Redaktion: Downcycling ist das Gegenteil von Upcycling, dem Prozess, bei dem aus einem gebrauchten Material ein wertvollerer Gegenstand geschaffen wird, etwa wenn aus LKW-Planen Taschen genäht werden.)

Was halten Sie von Alternativen wie Ananas- oder
Bananenleder?

Ich denke, das sind spannende und interessante Alternativen, die durchaus Potenzial haben. Vor allem, wenn die Textilien aus Nebenprodukten bestehen, die bei einem anderen Herstellungsvorgang übrigbleiben. Dann werden keine zusätzlichen Flächen und Rohstoffe verbraucht. Man müsste sich aber ganz genau anschauen, welche Faktoren eine Rolle spielen, ob etwa durch das Aufsammeln von Teak-Blättern langfristig die Zusammensetzung des Humus-Bodens unter den Teakbäumen verändert wird.

Wie könnte Ihrer Meinung nach eine Lösung des Überproduktionsproblems aussehen?

Man muss einfach sagen: Das nachhaltigste Kleidungsstück ist jenes, das gar nicht produziert werden muss. Die Produk-tion kann noch so biologisch und nachhaltig sein, es entstehen immer Emissionen in den unterschiedlichen Phasen. Darum sollten wir anstreben, dass langlebiger produziert wird: Mode von guter Qualität, die nicht so schnell "out" und leicht reparierbar ist. Da kann man natürlich auch selbst dazu beitragen, indem man die Kleidungsstücke pfleglich behandelt, nicht zu oft wäscht, dabei eine niedrige Schleuderzahl verwendet und statt neu zu kaufen eher neu kombiniert. Am besten mit Second-Hand-Mode, denn die ist wirklich die nachhaltigste Alternative, weil dafür keine neuen Ressourcen aufgewendet werden müssen.