Da schau, ja, grüß‘ Sie, kommen Sie nur weiter: Kostüme überall, alles schön alt und aus den früheren Jahrhunderten, ganz, wie Sie’s haben wollen. Irgendwie müssen wir ja unseren Fundus leeren. Der quillt ja schon über. Warten Sie, die Pumpanella geb‘ ich zur Seite.
Oder wollen Sie sie am Ende haben?

Ah so, Sie kennen das gar nicht, eine Pumpanella. Sie sind aber nicht aus Wien? Doch? Ihre Großmutter oder Mutter hat an kalten Wintertagen nicht gesagt: "Vergiss deine Pumpanella nicht!" Sowas! Gemeint hätten sie damit die warme Unterhose oder auch Untergatte. Schauens her, da hab‘ ich eine: in Rosa, innen aufgeraut und sie endet oberhalb der Knie. Meine Enkelin würde statt Rosa Nude sagen. Die gibt es übrigens auch noch kürzer. Und da haben wir eine weiße: Diese ist aus Baumwollstoff, weit geschnitten, geht bis über die Knie und hat unten zum Zusammenfassen der Beine einen dünnen Gummi. Darauf sind Rüschen genäht. Oft eine einfache Reihe oder bis zu dreifach gibt es sie. Das sind Unterhosen, die unter Kleidern getragen wurden.

Wissen Sie, dass Frauen erst ab ungefähr 1830 eine offene Form der Unterhose getragen haben? Das waren damals lediglich zwei Röhren, die in der Taille zusammengeschnürt waren. Nach der Französischen Revolution ist bei den Französinnen eine sehr freizügige Mode aufgekommen: Die bürgerlichen Damen haben knöchel- bis wadenlange, fast durchsichtige Kleider aus weißem Musseline getragen und darunter Pantalons – eben Pumpanellas – aus Trikot mit sichtbaren Hosenbeinen. Ich hab‘ gelesen, dass das als eine zügellose "Nuditäten-Mode" in den damaligen deutschen Modemagazinen bezeichnet worden ist. Skandalös, oder?
Ja, da müssen Sie auch lachen. Kann man sich heute gar nimmer vorstellen.

Aber ist eine Dame damals ausgegangen, dann – da schauens her, das ist mein letzter – im Sommer nicht ohne einen Sonnenschirm, um die Haut vorm Braunwerden zu schützen. Heute kennt man unter Sonnenschirm nur mehr die ganz großen, die man in Jesolo in den Sand steckt. Aber dieser hier: Dieser Sonnenschirm ist mit Tasseln, Spitze und Stickerei verziert und der Griff ist aus Holz. Nicht aus billigem Plastik. Ja, ja, so etwas findet man nur mehr bei uns. Er wurde wahrscheinlich in irgendeiner Operette verwendet. Er ist sogar noch sehr gut erhalten und weiß geblieben.

Ah, und da! Na, die sind schon niedlich, aber nimmer so schön weiß. Na ja. Wohl eher grau: Damenhandschuhe in weißer Spitze. Zum Schirm passend halt. Das gebührte sich für eine Dame. Und wenn wir schon bei Handschuhen sind: Kennen Sie einen Muff? Nein? Natürlich meine ich nicht den Gestank.
Selbstverständlich sind das keine Handschuhe, aber anno dazumal hat so ein Muff die Hände im Winter gewärmt. Vom Kinderwagen kennen Sie so etwas? Das kann man doch nicht vergleichen! Greifens den einmal an! Ja, sicher ist der aus echtem Pelz. Webpelz hat es damals noch keinen gegeben! Schauens, da stecken Sie die Arme bis zum Ellenbogen hinein. Schön warm, gell?

Nicht nur die Damen trugen Muff. Er galt auch für die noblen Herren als schickes und vor allem wärmendes Accessoire. Zeichnung/Lithographie, 1787,veröffentlicht: Praktische Berlinerin 18/1919.Grüne Post 51/1933 
- © ullstein bild

Nicht nur die Damen trugen Muff. Er galt auch für die noblen Herren als schickes und vor allem wärmendes Accessoire. Zeichnung/Lithographie, 1787,veröffentlicht: Praktische Berlinerin 18/1919.Grüne Post 51/1933

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Und dazu trugen die Damen ein Pelz-Cape. Aber so etwas hab‘ ich nicht da. Haben Sie gewusst, dass dieser Muff je nach Mode seine Form verändert hat? Einmal war er flach, dann rund, dann eine Art Tasche mit Griff oder an einer langen Kette. Manche waren mit Daunen gefüllt, andere wiederum nur mit Watte. Und es hat sogar einen Muffwärmer gegeben: Das war eine mit Heißwasser zu füllende Porzellanflasche.

Ich hab‘ gelesen, dass in den 1890ern Muffe auch mit den Köpfen und Schwänzen der verarbeiteten Tiere verkauft wurden. Ungefähr ab 1910 war der Muff Teil der Pelzgarnitur und gehörte dann unbedingt zur eleganten Wintergarderobe der Damen von Welt. Aber nicht nur Damen, auch Männer trugen Muff. Da schauen Sie, gell? Da gibt es sogar Abbildungen von noblen Herren im frühen 18. Jahrhundert.

Das Täschchen da drüben interessiert Sie mehr als der Muff? Von mir aus. Das passt auch gleich zum Sonnenschirm und den Handschuhen: Das ist ein Retikül. Noch nie gehört? Heute fangens damit nichts mehr an, wobei: Das Handy könnte man reingeben. Weil die feinen Kleider keinen Raum für Taschen hatten, mussten die nötigen Dinge wie das unabkömmliche Riechsalz in kleinen Beuteln mitgeführt werden. Die kann man mit einem Kordelzug verschließen. Und es hat sie in allen möglichen Variationen gegeben: von einfachen runden oder mehreckigen Schnitten hin zu Retiküls in Form einer Ananas.

Bevor sie als Handtaschen verwendet worden sind, waren sie eigentlich Beutel für allerlei Handarbeitsutensilien wie Garne oder Nähzeug. Tatsächlich wurden solche Taschen um 1800 herum als Réticule bezeichnet, eingedeutscht dann Retikül, gegen Ende des 19. Jahrhunderts hat man sie dann auch Pompadour genannt. Aber ob es einen Zusammenhang mit der Madame de Pompadour gibt, kann ich Ihnen nicht sagen.
Ach, ich rede schon wieder zu viel. Entschuldigen Sie, ja, schauen Sie sich noch weiter um.

Ob die Dame mit dem jungen Mann anbandeln möchte? Mit dem Fächer wäre es ein leichtes Spiel. Gemälde von James Tissot, H.M.S. Calcutta ca. 1877. 
- © Print Collector / Getty Images

Ob die Dame mit dem jungen Mann anbandeln möchte? Mit dem Fächer wäre es ein leichtes Spiel. Gemälde von James Tissot, H.M.S. Calcutta ca. 1877.

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Und wissen Sie, was ich schade finde: Dass es das Spiel der Anbandeleien und Flirtereien mit Taschentüchern und Fächern nimmer gibt. Da hätte ich nämlich so viele auf Lager. Schauns her: Das Taschentuch war meist mit Weißstickerei, Spitze oder mit einem Monogramm verziert und parfümiert. Und die Holz-, Elfenbein- und Perlmuttfächer waren mit bemaltem Papier oder Stoff bespannt oder haben aus opulenten Federn bestanden. Das war dann für die großen Empfänge.

Mit Taschentüchern und Fächern war es möglich, diskret zu kommunizieren. Wobei: So diskret war es ja dann auch nicht, weil jeder die Codes kannte. Naja. Also: Wenn man den geschlossenen Fächer in der linken Hand gehalten und die Oberseite mit den Fingern der Rechten berührt hat, hat man signalisiert, dass man mit dem Adressanten sprechen möchte. Und wenn man mit dem geschlossenen Fächer über die Stirn gefahren ist, hat man seinem Gegenüber vermittelt, dass es sich verändert hat. Sagt man.

Das war doch wunderbar romantisch. Ah, Sie sind keine Romantikerin und Stoff-Taschentücher sind unhygienisch? Nun…. Gamaschen hätte ich da auch noch. Nein, nicht die zum Skifahren. Genau, die sehen aus wie die vom Gustav Gans. Aber Gamaschendienst kennen Sie? Sehr lustig. Diese Weißen hier sind wie die aus den 1930er Jahren, die die Film-Bösewichte zum Nadelstreifanzug getragen haben. Den Ursprung hat dieses Kleidungsstück beim Militär zirka im 18. Jahrhundert. Im 19. Jahrhundert, zur Zeit des Biedermeiers, hat es auch den Weg in die Zivilkleidung gefunden. Heute wird es nur mehr im Sport verwendet.

Man sagt aber, dass schon die alten Römer Beinwickel getragen haben, die eine Art Gamaschen waren. Und kennen Sie die Beinwärmer aus den 1980er Jahren noch? Jane Fonda und Aerobic? Die waren ja auch eine Art Gamasche, wenn man die Hauptaufgabe als Schutz gegen Verletzungen, Schmutz und Kälte versteht. Finden Sie nicht?

Apropos Herrenbekleidung: Schauens, da hab‘ ich Knickerbocker. Die zieht heute keiner mehr an. Haben Sie gewusst, dass die Knickerbocker nach einer Romanfigur benannt wurde? Nein? Na, das weiß heute kaum jemand mehr. Knickerbocker basiert auf der Satire "A History of New York". Die hat 1809 der Schriftsteller Washington Irving unter dem Pseudonym Diedrich Knickerbocker veröffentlicht. Und die Romanfigur hat Irving Jansen Knickerbocker genannt. In dem Buch hat er die ersten Siedler von Neu Amsterdam beschrieben, dem heutigen New York. Sie sind aus Holland gekommen und haben diese wadenlangen "Schlumperhosen" getragen. Knickerbocker ist darum zum Spitznamen für die Einwohner der Stadt geworden. Als um 1895 Kniehosen zum Radfahren und Wandern verwendet wurden, hat man die dann Knickerbocker nach ihrem historischen Vorbild genannt.

Ah, Sie kennen Knickerbockers aus Comics? Ah ja, Tim und Nick Knatterton, da gibt es doch auch noch das Buch "Die Knickerbocker-Bande". Von Thomas Brezina? Auch gut. Einen Paletot hätte ich hier auch noch . . . Sie haben keine Zeit mehr? Schon? Den Sonnenschirm und den Federnfächer wollen Sie mitnehmen? Bitte sehr. Beehrens mich bald wieder, küss‘ die Hand.