Selbst in den kleinsten italienischen Bergdörfern konzentriert sich das gesellschaftliche Leben auf der Piazza. Wenn sie fehlt, dann fehlt die Kommunikation. Es gibt keinen Grund für die Bewohner, zur Siesta oder abends zusammenzukommen. Jeder bleibt für sich. Ohne Piazza hat der Ort keine Seele.

Eine richtige italienische Piazza hat einen Brunnen oder eine Statue in der Mitte, eine Kirche, ein Rathaus und vielleicht auch noch ein oder zwei Stadtpalais. Was nicht fehlen darf: il Caffè. Wo Neuigkeiten ausgetauscht, politische Entscheidungen gefällt werden, Siesta gehalten oder der Aperitivo mit Freunden genommen wird. Hier werden Freundschaften geschlossen, Feindschaften ausgetragen, Einladungen ausgemacht, Treffen fixiert, geflirtet. In Coronazeiten die "mit Abstand" wichtigste Funktion: Menschen sehen, Menschen erleben. Einsam ist nur der, der allein bleiben will. Es sei denn, die Corona-Politik verbietet den Menschen jegliche Nähe zum Anderen.

Musterbeispiel Gorizia

"Ich weiß nicht, ob es im Paradies besser als hier zugehen kann. Görz ist so schön, dass ich zittere bis zum Sterben", zitieren die beiden Autoren Josef Wallner und Norbert Eisner in ihrem Buch "Geliebtes Görz" einen unbekannten Reisenden namens Luigi Merlo. Er muss wohl die Stadt erlebt haben, als sie noch zur österreich-ungarischen Monarchie gehörte (1500-1918). Denn damals erlebte sie ihre Hochblüte und wurde das "Nizza Österreichs" genannt, wohl wegen des besonders milden Klimas. Obwohl es nicht am Meer liegt, wehen laue Lüfte, gedeihen mediterrane Pflanzen.

Unter den Habsburgern herrschte in Görz ein südliches Lebensgefühl, unterlegt mit einem Einschlag von Österreichertum. Architektonisch ein Gemisch von allem: Kirchen sind italienisch geprägt, ebenso die Farben der Hausfassaden, und die rotbraunen Ziegeldächer sind auch italienisch. Österreichisch sind die barocken Zwiebelhauben der St.-Ignatius-Kirche. Österreichisch sind die Schulen, die unter Maria Theresia gebaut wurden. Italienisch wiederum ist die "Accademia dell'Arcadia", wo sich österreichische und italienische Adelige trafen, um die schönen Künste zu pflegen. Zu dieser Gesellschaft gehörten die angesehensten adeligen Familien wie Thurn, Coronini-Kronberg und Strassoldo. Auch Dichter und gebildete Bürger waren in der Accademia willkommen. Lorenzo da Ponte, der Verfasser mehrerer Libretti von Mozart-Opern, war Mitglied dieser angesehenen Gesellschaft.

La vita aristocratica

Ab dem 18. Jahrhundert entwickelte sich Görz zum wirtschaftlichen und gesellschaftlichen Zentrum der Region. Immer mehr Adelsfamilien zogen hierher und bauten Paläste und Gärten im großen Stil. Das wahrscheinlich bedeutendste Zentrum des gesellschaftlich-kulturellen Lebens von Görz war der Palazzo Lantieri.

Durch das imposante Tor fuhren einst elegante Kutschen. Sie brachten illustre Gäste wie Papst Pius VI., der auf der Fahrt nach Wien zu Kaiser Josef II. 1782 hier Station machte. Der Lebenskünstler und Frauenverführer Casanova soll sich im Palazzo ausnehmend wohl gefühlt haben. Dass er sich im Wettstreit mit Goethe um die Gunst der schönen Gräfin Luisa Lantieri bemühte, ist denkbar. Ein Gastspiel gab auch Napoleon I., als Görz für kurze Zeit französisch war. Für Kaiserin Elisabeth soll der Palazzo ein Refugium gewesen sein, wo sie sich inkognito von ihrer Berühmtheit erholte und mit ihrer Hofdame Clementina Lantieri intime Gespräche führte, erzählt die Enkelin Contessa Carolina Lantieri Piccolomini. Der Palazzo Lantieri zählte immer schon zu den besten Adressen, wo sich "toute l'Europe" traf.

Palazzo Lantieri und Garten. 
- © lamio - stock.adobe.com

Palazzo Lantieri und Garten.

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Um 1300 entstanden die ältesten Teile des Palastes. Nach vielen Umbauten und Erweiterungen hat er heute eine unregelmäßig geometrische Form, die sich einer schnellen Orientierung entzieht. Anders als in vielen Villen und Palästen Italiens fehlen die sonst üblichen Putti oder verspielte Götterstatuen. Zu dem schlichten Spätrenaissance-Stil passen keine mythischen Erhöhungen. Dieser Palazzo will ein schnörkelloses Haus sein, in dem wie in jedem anderen auch gelebt, gefeiert wird, Gäste empfangen werden.

Kunstgeschichtlich interessant sind die Geheimnisse, die der Palast birgt. Das Gewölbe des portico inferiore, der zum Gemüse- und Obstgarten führt, ist mit zahllosen Kacheln bedeckt. Mehr als tausend Figuren, die an Tuschezeichnungen erinnern, erzählen über das Leben im Hier und Jetzt und über ein Leben jenseits der real fassbaren Welt. Ihre Datierung ist nicht sicher, Fachleute schätzen, dass sie Ende 1600, Anfang 1700 entstanden sein könnten. Ohne logische Anordnung oder erkennbare Komposition mischen sich Menschen- und Tierdarstellungen, manche realistisch, manche allegorisch.

Weniger geheimnisvoll, aber dennoch faszinierend sind die Fresken im Seitenflügel des Palastes. Im Halbdunkel sind Kriegsszenen und Einblicke in ein friedliches Landleben zu erahnen. Sie werden der Schule des Meisters Marcello Fogolino zugeschrieben, der in der ersten Hälfte des 16. Jahrhunderts im Friaul, Veneto und Trentino viele Werke hinterließ. Hier im Palazzo Lantieri malte er nicht irgendeine beliebige Kriegsszene, sondern die erste Türkenbelagerung von Wien im Jahre 1529. Man erkennt den Stephansturm und das Heer der Osmanen, das, angeführt von Sultan Suleyman dem Prächtigen, sich zum Rückzug anschickt. Auf der gegenüberliegenden Wand sieht man Szenen aus dem bäuerlichen Arbeitsalltag. In Stil und Witz erinnern sie an die Malweise von Pieter Brueghel dem Älteren. Der Krieg und der Frieden – ein ewig gültiges Thema der Kunst.

Langsam schiebt die Morgensonne den Schatten des Palastes über den Garten und zerschneidet ihn in Helligkeit und Nachterinnerung. Vom sommerblauen Himmel werfen weiße Wolken ihre Formen über den Rasen. Durch einen Torbogen aus dichtem Lorbeer, der Pflanze der Illumination, betritt man den Garten, der durch einen Kiesweg in zwei Hälften geteilt ist. In der Mitte ersetzt ein Kreis aus alten Rosen ein Wasserbecken. Dahinter führt der Weg in einen dichten Wald aus Eichen und Buschwerk. Gepflegt wird dieses Paradies von Cotessa Carolina höchstpersönlich.

Die Gastfreundschaft ist dem Ehepaar Lantieri-Piccolomini wichtig. "Ich bin Koch aus Leidenschaft und lade gerne Gäste ein. Das ist mein Beitrag zur Erhaltung des Palastes. Es kostet viel Energie und Liebe, um diesem historischen Bau Leben einzuflößen und ihn nicht zum Museum werden zu lassen. Carolina macht das großartig", sagt Ehemann Niccolo Piccolomini und eilt in die Küche, um ein typisch italienisches Abendessen für die anwesenden Gäste vorzubereiten. In dem großen Saal wird ein langer Tisch gedeckt, Kerzen verbreiten gedämpftes Licht. Ein Sprachengewirr aus Italienisch, Deutsch, Englisch, Französisch und Slowenisch erfüllt den Raum.

Hebt man den Blick zur Decke, spiegeln sich Tafel und Gäste seltsam verzerrt in der Installation von Michelangelo Pistoletto wider. Als Vordenker und einer der wichtigsten Vertreter der "arte povera" arbeitet Pistoletto gerne mit riesigen konkaven und konvexen Spiegeln, die den Betrachter mit einer verzerrten Realität konfrontieren. Dieses Werk war Teil einer Idee Carolinas, die im Palazzo wohnende Vergangenheit mit modernen Kunstwerken zu konfrontieren. "Im Ambiente der "l'art ancienne" lässt sich die Sprache der arte contemporanea neu interpretieren und verstehen", meint Contessa Carolina. Die Besitzer des Palazzos sehen ihr Haus als "Bollwerk gegen "die negative Sicht auf die Zukunft".

Gorizia heute

Das Ehepaar Lantieri-Piccolomini kämpft nicht nur um die Erhaltung des Palastes, sondern auch um die Wiederbelebung der Stadt. Denn Gorizia ist heute ein wunde Stadt. Als vor einigen Jahren außerhalb der Grenzen ein großes Einkaufszentrum errichtet wurde, das auch das ganze Wochenende offen ist, starben in der Altstadt die Geschäfte. Eines nach dem anderen musste die Rollläden herunterlassen. In den Vitrinen gähnende Leere. Manchmal steckt noch Post von vergangenen Zeiten in der Tür, die niemand mehr abholt.

Die verbleichenden Geschäftsschilder lassen ahnen, was hier einst verkauft wurde. In den schmalbrüstigen Auslagen der ehemaligen "Pasticceria" werden statt Kuchen und Gebäck altes Geschirr, Rohre und Zangen ausgestellt. Wer kauft das? Wie ein Relikt aus Zeiten, in denen kleine Geschäfte noch ihre Existenzberechtigung hatten, wirkt "La Bottega del Capello". Gegen die Invasion der Wollmützen mutig ankämpfend, verkauft man hier tatsächlich noch Hüte! Herrenhüte mit breiter Krempe, Damenhüte nicht gerade für Ascot, aber vielleicht für Hochzeiten.

Gegen diese Leerstände und Leere in den Gassen der Altstadt kämpfen einige Bewohner an, indem sie an die Tradition der Piazza anschließen. Und Plätze hat Gorizia genug. Praktisch ist es ein Straßendorf mit vielen kleinen und größeren Plätzen. Auf der Piazza di S. Antonio geht es am Abend hoch her.

Unter den Arkaden, die ehemals zum Schloss Lantieri gehörten und ein Kloster beherbergten, führt Lollo sein Lokal "Il Giardino di Vizi" – frei übersetzt der "Garten der Laster" – mit viel Verve und Einsatz. An das ewige Auf und Zu in Corona-
zeiten hat er sich gewöhnt. Wenn er schließen muss, kommen die Leute trotzdem auf einen Tratsch vorbei. "Ich kenne alle meine Gäste persönlich, auch ihre Sorgen. Während die Eltern bei mir ein Glas Wein trinken – Wasser gibt es bei mir nicht, wie schon der Name meines Lokals sagt – toben sich die Kinder auf der Piazza aus", erzählt Lollo. Da ziehen zukünftige Radrennchampions ihre Kreise, klingeln die Kleinen aus dem Weg. Da sitzen Mädchen kichernd auf den Stufen des Brunnens zusammen. Und so manches Kleinkind wackelt auf unsicheren Beinen umher und kreischt vor Freude. Es ist laut, lebendig. Niemand stört der Lärm. Im Gegenteil! Lollo fasst die Funktion der Piazza so zusammen: "I genitori bevono, i bambini giocano!" (Die Eltern trinken, die Kinder spielen.)

Für Gäste, die es gern etwas ruhiger und gediegener haben, führt Tassilo, der Sohn der Contessa Lantieri, gleich daneben das elegante Restaurant "Il chiostro". Seine Gäste sind Einheimische, aber auch Fremde, die im Palazzo seiner Eltern auf Besuch weilen. Solange man noch ungehindert reisen durfte, kamen sie aus ganz Europa, den USA und manche auch aus Australien. Die Verbindungen der Familie Lantieri reichen über den ganzen Erdball. Es wird eine Zeit kommen, in der Gorizia wieder mehr an Bedeutung gewinnt, ist Nicolò Piccolomini überzeugt. Dazu braucht es aber nicht nur die Paläste, sondern vor allem auch die Piazza als "Schrittmacher der Wiederbelebung" der Stadt.