Eltern lieben ihre Kinder und wollen nur das Beste für sie. Das galt vor hundert Jahren genauso wie 2022. Doch nicht immer weiß man von Anfang an, wie diese Liebe gegenüber den Kindern richtig ausgedrückt werden soll und wie sie von der elterlichen Pflege am meisten profitieren – die Intuition allein reicht nun mal nicht immer aus. Ratgeber und bestimmte Erziehungsstile müssen her.

Dominiert wurde der Markt der Erziehungsbücher für Kinder aller Altersklassen lange Zeit von autoritären Ideen, die teils noch aus dem Nationalsozialismus stammen. Aber es herrscht Aufbruchstimmung in der Erziehungswelt und immer mehr Eltern wollen ihre Kinder nach der Methode des "Gentle Parenting" erziehen.

Der Nachhall der NS-Zeit

Johanna Haarer hat die Erziehung des letzten Jahrhunderts im deutschsprachigen Raum geprägt wie keine andere. Mit ihren Büchern "Die (deutsche) Mutter und ihr erstes Kind" und "Unsere kleinen Kinder. Ernährung und Wachstum, Pflege und Kleidung, Entwicklung und Erziehung" schuf sie Kassenschlager, die sich jahrzehntelang großartig verkauften. Dass beide Bücher im Geiste des Nationalsozialismus und dem Ideal der totalitären Erziehung geschrieben wurden und Haarer selbst NS-Mitglied war, schien bis Mitte der Achtziger wenige Leser oder Leserinnen zu stören. Oder vielleicht nur wenigen bewusst gewesen zu sein.

Auch in vielen Haushaltsschulen lag das Werk als Ratgeber aus. Wenig verwunderlich, wurden die Bücher nach Kriegsende doch um ihre Propaganda erleichtert. Vergessen sind die Passagen, wo der Frau nichts als eine "Pflicht" auferlegt war: das Gebären für den Fortbestand der eigenen "Rasse". Was blieb, waren Praktiken der Kindererziehung, die sich in den Alltag vieler Familien eingeschlichen hatten, aber erst viel später in Verruf geraten sollten.

Bis zur letzten Auflage 1987 verkaufte sich ihr erster Ratgeber mehr als 1,2 Millionen Mal. Trotzdem haben sich Haarers Ansichten teilweise bis heute hartnäckig als etablierte Methoden der Kindeserziehung gehalten. Weitergegeben in guter, liebevoller Absicht von einer Generation an die nächste. Viele davon eigentlich dazu gedacht, perfekte Soldaten und folgsame, gebärwillige Frauen für das NS-Regime zu produzieren. Das Erziehungskonzept: ohne Bindung zu jemandem und möglichst unter Vermeidung von Liebkosungen oder körperlichen Berührungen.

Noch heute wird Müttern und Vätern mit schreienden Säuglingen von mancher Stelle, oft von den eigenen, wohlmeinenden Eltern empfohlen, das Kind einfach in seinem Bett liegenzulassen. Daran hat nicht zuletzt Haarer Anteil. Der von ihr und später sogar von Kinderärzten geteilte Glaube: Das erschöpfte Baby tue gut daran, sich alleine in seinem Zimmer auszuschreien und so zu lernen, sich aus eigener Kraft zu beruhigen. Trotz herzzerreißenden Schreiens lässt manch ein Elternteil deswegen noch heute das Baby allein, aus dem Glauben heraus, dass man es aus Liebe tue. Studien beweisen aber mittlerweile, dass das Kind sich beim "Schlaftraining" keineswegs beruhigt. Im Gegenteil: Selbst wenn das Schreien aufhört, steigt das Level des Stresshormons Cortisol sogar noch an.

Ein Wechsel der Erziehungsziele

Aber nicht alles, was damals als gute Erziehung galt, hat bis heute überlebt. Schon in den Achtzigern verzeichneten deutsche Forscher bei einer Umfrage, dass Eltern sich weniger Gehorsam wünschten und einen freien Willen beim Nachwuchs schätzten. Ein Trend, der sich bis heute fortsetzt. Aktuelle Studien haben sich ausdifferenziert – wichtige Erziehungsziele sind heute Höflichkeit, Gewissenhaftigkeit, aber auch Durchsetzungsfähigkeit bei den Kleinen.

Liebevoll und achtsam mit dem Nachwuchs umzugehen sollte heute selbstverständlich sein. 
- © Alex Bodini

Liebevoll und achtsam mit dem Nachwuchs umzugehen sollte heute selbstverständlich sein.

- © Alex Bodini

Dass Eltern anders an die Erziehung ihrer Kinder herangehen als vor Jahrzehnten, hat aber auch mit der enormen Weiterentwicklung der Wissenschaft zu tun. Weiterentwicklungen und Entdeckungen der Psychologie wie Pädagogik haben dazu beigetragen, dass das Verständnis der Prozesse der kindlichen Entwicklung ungemein tiefer geworden ist, als es das noch vor hundert Jahren war. Komplexe Messverfahren, ob nun bei der Untersuchung von Hormonwerten und Gehirnströmen, aber auch die Etablierung standardisierter Erhebungs- und Analysemethoden sozialer Untersuchungen und Experimente haben einen enormen Fortschritt mit sich gebracht.

Die Fallstricke des Gentle Parenting

Gänzlich von autoritärem Verhalten abweichen will derweil das "Gentle Parenting", das bei immer mehr Millennials zum Einsatz kommt. Statt Gehorsam ohne Wenn und Aber stellen sie die Kommunikation mit dem Nachwuchs in den Mittelpunkt. Eltern erwarten hier nicht nur Respekt und Empathie von den Abkömmlingen, sondern bringen sie ihnen auch aktiv entgegen. Statt Regeln, deren Nichteinhaltung bestraft wird, werden Kinder stattdessen mit verschiedenen Wahlmöglichkeiten und den resultierenden Konsequenzen konfrontiert.

Statt Verhalten zu erzwingen, so der Grundgedanke, sollen sich die Kinder willentlich für etwas entscheiden und so eine positivere Herangehensweise entwickeln. Statt einem donnernden "Du räumst jetzt dein Zimmer auf!" versucht man im Gentle Parenting, die Kinder nicht vor vollendete Tatsachen zu stellen, sondern sie stattdessen dazu anzuregen, einen von mehreren alternativen Wegen zu wählen, die im Endeffekt auch zu einem sauberen Zimmer führen – wie etwa die Wahl zu geben, entweder zuerst die Ecke mit dem Spielzeug aufzuräumen oder erstmal die Bilderbücher zurück ins Regal zu stellen.

Dieses intensive Eingehen auf die kindliche Psyche und das gelassene Reagieren auf Verhaltensmuster wie Wutanfälle fordert der erziehenden Person aber einiges ab: Hält sie sich akribisch an alle Methoden des Gentle Parenting, bleibt ihr eigentlich keine Zeit mehr für sich selbst. Und hier zeigt sich der große Nachteil der Methode, die auch als Variation des Attachment Parenting gesehen wird. Manchmal endet der Stil für die Erziehenden sogar im Burnout. Gerade, wenn sie sich intensiv Tag und Nacht um die Kinder kümmern, droht die Vernachlässigung der eigenen Bedürfnisse.

Es bleibt ein Balanceakt, das Erziehen und Ausdrücken der eigenen Liebe für die Kinder. Enthalten ihnen die Erziehenden jahrelang die Zuneigung, riskieren die Kleinen, langfristigen Schaden davonzutragen. Aber schenkt man ihnen aufopferungsvoll in jeder wachen Minute die volle Aufmerksamkeit und Liebe, so riskiert man die eigene Gesundheit. Immerhin: Studien zeigen, dass mit dem zum autoritativen Erziehungsstil gehörenden Gentle Parenting Kinder statistisch im Erwachsenenleben respektvoll, besonders sozial und ausgeglichen sind. Auch haben sie tendenziell größere Chancen auf eine glückliche Partnerschaft. Eine, in der sie vielleicht selbst später einmal gesunde Erziehungspraktiken an die nächste Generation weitergeben können. Gesündere vor allem, als ihre wohlmeinenden Großeltern noch an die Eltern vermitteln wollten, ahnungslos, dass sich dahinter die erschreckende Ideologie der NS-Zeit versteckt.