Ein leidenschaftlicher Kuss im strömenden Regen. Zwei junge Menschen, die, triefend vor Regenwasser und Kitsch, ihr romantisches Happy End gefunden haben. "Frühstück bei Tiffany" verkörpert es in Perfektion, das Bild, das so alt wie Hollywood selbst ist – Mann und Frau innig umschlungen, vereint nach scheinbar unüberwindbaren Herausforderungen.

Ein romantisches Happy End gehört untrennbar zum Glück der Protagonisten. Doch wie es nach dem unausgesprochenen Versprechen einer lebenslangen, glückseligen Zweisamkeit weitergeht, bleibt in den allermeisten Fällen der Fantasie des Zuschauers überlassen. Nur die Herausforderungen des Films muss das füreinander bestimmte Paar bewältigen, dann winkt das Paradies der ewigen Verliebtheit – nur dass stets genau vor dessen Pforten die Geschichte endet. Die Verheißung der lebenslangen Liebe begegnet einem bis heute in den romantischen Komödien. Nur leider entspricht sie 2022 so gar nicht mehr unseren Lebens- oder Liebesstandards.

Die rosaroten Filterwochen

In der realen Welt hingegen beginnt dort, wo in Hollywood der Film aufhört, die Arbeit an einer Beziehung. Und nicht selten scheitern Paare bereits kurz nach der sogenannten Honeymoon-Phase. Ein Beziehungsabschnitt, in dem der Partner wortwörtlich durch die rosarote Brille betrachtet wird.

Schon in den späten Siebzigern wurde dieser anfängliche Gefühlszustand von der amerikanischen Psychologin Dorothy Tennov beobachtet. Im Laufe ihrer jahrelangen Forschung zu Liebesbeziehungen stellte sie fest, dass ihre Studienteilnehmer allesamt in den ersten Monaten ihrer Beziehung ähnliche Gefühlszustände im Kontext ihrer Liebe durchmachten. Und das unabhängig davon, aus welchen kulturellen und sozialen Verhältnissen die Probanden stammten. Damit einher gingen häufige unwillkürliche Gedanken an das Objekt der Begierde. Aber auch gesteigerte Unsicherheit ihm gegenüber und vor allem auch die Tendenz, seine Vorteile übermäßig wahrzunehmen und negative Aspekte des Gegenübers zu verdrängen. Übrig bleibt beim Blick durch die hormongetrübten Linsen eine wundervoll gefilterte Version des Partners.

Amerikanische Studien haben ergeben, dass in dieser Phase Gehirn-areale stärker stimuliert werden, in denen das Glückshormon Dopamin unterwegs ist. Aber auch das Stresshormon Cortisol hat seine Finger beim anfänglichen Liebesrausch im Spiel. Deswegen folgert die Anthropologin Helen Fisher, dass die Hormone zu Beginn der Beziehung durchaus einen evolutionären Vorteil haben, dieser hormongesteuerte Zustand auf Dauer aber eine zu große Belastung für den Körper darstellt. Nach nur ungefähr sechs Monaten des
Flitterwochen-Feelings schleicht er sich bei den meisten Paaren aber langsam ein: der Alltag. Und die Hormone ebben ab.

Absturz aus Wolke sieben

Der Übergang vom Zustand der sorglosen, hormonell begünstigten Verliebtheit und der Schmetterlinge im Bauch hin zu einer stabilen, dauerhaften Beziehung ist nicht leicht. Die kleinen Macken des Partners treten immer deutlicher zutage und man entdeckt Reibungspotenzial. Dann schwindet der Kitschfilter, der verborgen hat, wie laut sein Schmatzen während des Tête-à-Tête ist und dann findet er es nicht mehr hinreißend, dass ihre Haare in Handarbeit aus dem Abfluss gezogen werden müssen.

Schluss schon vor dem Altar

Leider gibt es nicht für alle ein "Und sie lebten glücklich bis ans Ende ihrer Tage" in Sachen Beziehung. Forscher sind sich einig: Das erste Jahr ist für Paare das schwerste. Laut einer Studie des Soziologen Michael J. Rosenfeld zerbrechen 60 Prozent der Beziehungen noch vor dem ersten Jahrestag. An der Universität Jena hat man festgestellt, dass vermehrte Streits in der Anfangszeit schon darauf hindeuten, dass die Beziehung nicht über die erste Phase hinaus andauern wird. Sind die ersten Monate aber geschafft, so erhöht sich auch die Wahrscheinlichkeit, auf lange Zeit zusammenzubleiben.

Die ewige Liebe schaffen nur wenige – viele Beziehungen zerbrechen schon vor dem ersten Jahr. 
- © Sohl / Getty

Die ewige Liebe schaffen nur wenige – viele Beziehungen zerbrechen schon vor dem ersten Jahr.

- © Sohl / Getty

Trotzdem: In Österreich gab es 2020 eine Scheidungsrate von 36,9 Prozent – die geschiedenen Ehen dauerten durchschnittlich etwas länger als zehn Jahre. Nach zehn Jahren Ehe pendelt sich laut Rosenfelds Studienergebnissen die Scheidungswahrscheinlichkeit aber bei unter zehn Prozent ein.

Bis ein neuer Abschnitt euch scheide

Aber auch nach einer Trennung, egal ob nach Jahren oder Monaten, bleibt die wahre Liebe, der einzig richtige Seelenverwandte, das Ideal. Und deswegen begibt der Mensch sich immer wieder auf die Suche. War es früher noch die erste und einzige Liebe, die gleich zu Beginn des Erwachsenenlebens gefunden werden sollte, um das ganze Leben gemeinsam zu verbringen, so hat sich das Bild heute gewandelt.

Monogamie ist zwar immer noch der Standard, aber die Entscheidung für einen Menschen ist nicht mehr auf Lebenszeit. Stattdessen entscheiden sich viele Menschen heute für Lebensabschnittspartner. Für die Ehe Nummer zwei, drei, vier braucht es nur die Scheidungspapiere und nicht den traurigen Status als Witwe oder Witwer, so wie es früher noch der Standard bei einer Wiederverheiratung war. Die meisten Menschen haben heute mehr als eine Beziehung – im Durchschnitt sind es etwas mehr als sieben Partner, die einen auf dem Weg durch das Leben begleiten.

Die serielle Monogamie ist aber keineswegs auf kurzlebige Affären ausgerichtet. Vielmehr geht es darum, im Laufe des Lebens mehrere Langzeitbeziehungen einzugehen, die auf viele Arten enden können. Sei es der Tod, eine Scheidung oder eine Trennung nach ein paar Wochen, serielle Monogamisten binden sich zwar eng und ausschließlich an ihren aktuellen Partner, aber nicht bedingungslos.

Gründe für das Ende einer Liebe, so stellt es Soziologe Günter Burkart fest, sind vor allem das Wegfallen der emotionalen oder physischen Bindung. Serielle Monogamisten akzeptieren, dass es in einer Beziehung zu diesem Punkt kommen kann und die Suche nach etwas Neuem für sie genauso gewinnbringend sein kann wie das Verharren in einer unglücklichen Situation.

Es ist eine Abkehr vom Traum des Märchenprinzen oder der Prinzessin, der oder die einem ein ganzes Leben lang alle Wünsche von den Augen abliest; das Eingeständnis, dass Liebe selten bis zum Tod hält. Einige Paare tun sich den Stress einer Eheschließung und den damit verbundenen Papierkram und die Kosten schon gar nicht mehr an. Im Vergleich zu 2019 wurden 2020 um 14 Prozent weniger Ehen geschlossen, wobei auch die Covid-Pandemie sicher einen Einfluss hatte. Fast jedes fünfte Paar in Österreich lebt in einem Haushalt, ohne miteinander verheiratet zu sein. Und immer mehr Paare entscheiden sich auch dafür, ohne Trauschein Kinder zu bekommen.

Das Geschäft mit der Liebe

Aber bevor der Gedanke an Kinder überhaupt aufkommt, werfen sich die österreichischen Singles meist erstmal ins virtuelle Dating-Getümmel. Vorbei sind die Zeiten, wo man ausschließlich aus dem Bekanntenkreis oder bei der Arbeit den oder die Liebste(n) fand. Wie Rosenfeld bei seiner Langzeitstudie herausgefunden hat, lernen sich Paare heute vor allem über das Online-Dating kennen. Seit den Neunzigern nimmt die wohl effizienteste Kennenlernmethode immer mehr überhand beim Dating. Seit den Zehnerjahren lernen sich Paare sogar öfter über digitale Plattformen kennen als über Freunde.

Keinen geringen Anteil daran trägt Tinder, das seit seinem Launch 2012 Millionen Singles anzieht. 2021 haben 75 Millionen User auf Tinder nach der Liebe (oder dem nächsten One-Night-Stand) gesucht. Wachsender Beliebtheit erfreuen sich in Europa auch die Apps Bumble und Lovoo. Wer denkt, dass Online-Dating nur für die junge Generation ist, der täuscht. Obwohl in den USA aktuell die Altersgruppe zwischen 18 und 44 mit 58 Prozent den Großteil der Nutzer ausmacht, schließen die älteren Generationen auf. Immerhin zehn Prozent der Nutzer, die schon einmal eine Online-Dating-Plattform genutzt haben, sind über 65 Jahre alt.

Heute lernen sich viele Menschen über Online-Dating und Apps kennen. 
- © Carol Yepes / Getty

Heute lernen sich viele Menschen über Online-Dating und Apps kennen.

- © Carol Yepes / Getty

Würde Faust heute auf Gretchenfang gehen, bräuchte er nicht mehr die Hilfe einer Kupplerin, sondern würde am Smartphone nach rechts swipen, wenn das Antlitz seiner Angebeteten auftaucht. Es bräuchte dann nur noch einen Fingerwisch in dieselbe Richtung von ihr und schon gäbe es ein Match. Die Gretchenfrage ließe sich dann gleich im Chat klären. Zweifelhaft wäre aber, ob er es mit der einen Herzensdame belassen würde und nicht noch das eine oder andere Match wollen würde. Denn bei Tinder, Bumble und Co. wimmelt es vor paarungswilligen Menschen und der durchschnittliche Tinderer nutzt die App vier Mal am Tag und insgesamt für 35 Minuten.

Dating-Apps wie Tinder zeigen nach der Profilerstellung Singles in der Nähe an, die für einen interessant sein können. Mit jedem Fingerwisch lernt der Algorithmus dabei mehr über den Nutzer oder die Nutzerin. Wissenschafter stellten fest, dass Frauen und Männer dabei ein komplett unterschiedliches Nutzungsverhalten an den Tag legen. Während das weibliche Geschlecht selektiv mit den "Likes" umgeht, scheinen Männer oft auf gut Glück alle Profile durchzuliken, die der Algorithmus suggeriert.

Insgesamt sind die Männer auf Tinder übrigens in der Mehrzahl: Rund 76 Prozent der Nutzer sind männlich. Verglichen mit den Frauen auf der Plattform haben sie entsprechend eine viel geringere Wahrscheinlichkeit, sich zu matchen. Die Chance, diesen Nachteil zu nutzen, lässt Tinder natürlich nicht aus. Neben den Gratis-Versionen gibt es Premium-Modelle. Rund zehn Prozent der User haben eines. Wer die Spendierhosen anhat oder besonders verzweifelt nach der Liebe sucht, der muss monatlich bis zu 38,99 Euro pro Monat für Tinder Platinum blechen.

Die Zukunft der Liebe

Aber muss es bei so vielen Beziehungsoptionen, die einem das Online-Dating bietet, heutzutage noch die traute Zweisamkeit sein? Und wie groß ist der Schritt vom seriellen Monogamisten zur Polyamorie? Immer öfter hört man den Ruf nach mehr Akzeptanz für andere Beziehungskonstellationen. Denn wie schon Schauspielerin Jeanne Moreau wusste: Liebe vermehrt sich, wenn man sie unter mehreren Männern aufteilt. Es wird von offenen Beziehungen gesprochen, in denen mit beidseitigem Einverständnis sich jeder Partner bei anderen Menschen das holt, was ihm sexuell fehlt. Es ist eine Abkehr von den heimlichen Affären. Stattdessen geht es darum, sich das Einverständnis des Partners zu holen. Nicht länger versteckt man den Liebhaber heimlich im Schrank, heute darf er es sich auf dem Sofa gemütlich machen. Immer aber in respektvoller Absprache mit dem Partner.

Man liest, hört und sieht aber auch immer öfter Details über polyamore Beziehungen. Ganz wie die seriellen Monogamisten ist den Polyamoren meist sehr an stabilen Langzeitbeziehungen gelegen. Diese Mehrecksbeziehungen lieben einander auf unterschiedlichste Weise und in den verschiedensten Konstellationen – aber immer in Absprache mit dem oder den anderen Partnern. US-Forscher haben in einer repräsentativen Studie 2021 sogar herausgefunden, dass rund elf Prozent der Befragten bereits Teil einer polyamoren Beziehung und rund 17 Prozent immerhin daran interessiert waren. Die Zukunft, wie es scheint, wird in Sachen Beziehungsmodellen deutlich diverser werden.