Sonst ein No-Go bei Kontaktlinsen, hier Pflicht: Schlafen mit der Ortho-K-Linse (Bild), die über Nacht eingesetzt wird. 
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Sonst ein No-Go bei Kontaktlinsen, hier Pflicht: Schlafen mit der Ortho-K-Linse (Bild), die über Nacht eingesetzt wird.

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Christoph ist acht Jahre alt und kurzsichtig. Damit gehört er zu etwa 20 bis 30 Prozent der österreichischen Bevölkerung. "Die Myopie ist weltweit steigend, im Jahr 2050 könnte die Hälfte aller Menschen kurzsichtig sein. In China, Japan oder Taiwan sind es jetzt schon 80 bis 90 Prozent", erklärt Gabriela Seher, Obfrau der Kontaktlinsen anpassenden Augenärzte Österreichs und Mitglied der Kommission für Refraktion, Optometrie & Kontaktologie in der Österreichischen Ophthalmologischen Gesellschaft (ÖOG), der 1.094 Augenärzte angehören.

Die sogenannte Myopie (Kurzsichtigkeit) ist nicht nur ein Schönheitsfehler, sondern betrifft auch die Gesundheit des Auges: Der Augapfel wird zu lang, das Gewebe wird gedehnt, gewisse Krankheiten wie Netzhautablösung, Grüner Star, Netzhautdefekte oder Degenerationserscheinungen treten dann häufiger auf. "Wir tun also gut daran, unseren Kindern eine hohe Kurzsichtigkeit zu ersparen", sagt Seher. Myopie hat mehrere Ursachen. Einerseits ist sie in einem sehr hohen Ausmaß genetisch programmiert: Ist ein Elternteil kurzsichtig, erhöht dies das Risiko beim Kind um 25 Prozent, bei beiden Elternteilen steigt es auf 50 Prozent.

In Österreich haben sich im vergangenen Jahr laut einer Spectra-Analyse so viele Menschen wie noch nie eine neue Sehhilfe zugelegt, nämlich rekordverdächtige 1,5 Millionen ab 16 Jahren - das ist jeder dritte erwachsene Brillenträger; bei der vorangegangenen Befragung war es jeder vierte. Markus Gschweidl, Bundesinnungsmeister der heimischen Augenoptiker, erklärt dies mit mehr Aufmerksamkeit gegenüber der Sehkraft im Corona-Homeoffice: "Vermutlich sind viele Menschen beim pandemiebedingten vermehrten Daheimsein dahintergekommen, dass der Durchblick der Familienmitglieder weniger klar ist, als sie dachten."

Kurzsichtigkeit laut Analyse vor allem bei Jüngeren

Insgesamt 43 Prozent benötigten laut Spectra eine Fernbrille, 30 Prozent eine Lesebrille, 28 Prozent eine Gleitsichtbrille. Alarmierend ist, dass unter den Kurzsichtigen 78 Prozent zwischen 16 und 40 Jahre alt sind (zu Kindern gibt es hier keine Zahlen). Das deckt sich mit den Erfahrungen der Optiker: "Unsere Kunden werden immer jünger, weil viele - auch schon Kinder - zu viel Zeit vor Bildschirmen verbringen. Nicht nur am Computer, sondern vor allem am Handy", so der Innungsmeister. "Dieses intensive Nahsehen fördert leider die zunehmende Kurzsichtigkeit." Mit einer speziellen Computerbrille arbeiten allerdings bisher nur 10 Prozent der jüngeren Brillenträger. Gschweidl stellt hier allerdings in jüngster Zeit über alle Altersgruppen hinweg eine erhöhte Nachfrage fest.

Augenärztin Seher meint dazu, dass man "nicht dem Computer die komplette Schuld geben kann". Denn auch andere exzessive Naharbeit wie etwa Bücher lesen kann sich negativ auswirken. "So wie wir leben, dass viele Kinder zu viel Zeit in Innenräumen verbringen, das ist alles nicht förderlich. Studien zeigen, dass Kinder, die acht bis zehn Stunden pro Woche bei Tageslicht im Freien sind, weniger rasch voranschreitend kurzsichtig werden als Stubenhocker."

Das Auge wächst vor allem in den ersten Lebensjahren bis zum 25. Lebensjahr, was erklärt, warum Erwachsene durch Bildschirmarbeit kaum noch stärker kurzsichtig werden. Eine Therapie ist umso sinnvoller, je früher sie beginnt, um das kindliche Augenwachstum aufzuhalten und damit das Voranschreiten der Kurzsichtigkeit zu stoppen. Rückgängig machen kann man sie nicht mehr, aber es gibt - neben der Symptombehandlung durch Brille oder Kontaktlinsen - aktuell drei verschiedene Therapieansätze.

Augentropfen einmal täglich zusätzlich zum Sehbehelf

Die Methode, die am längsten verwendet wird und am besten erforscht ist, sind Atropin-Augentropfen. Einmal täglich (abends) angewendet, verhindern sie weiteres Längenwachstum des Auges. Sie haben kaum Nebenwirkungen, die Pupille ist eventuell ein bisschen weiter gestellt, die Kurzsichtigkeit ändert sich dadurch aber auch nicht. Ein Sehbehelf (Brille oder Kontaktlinsen) ist also weiterhin notwendig. Etwa die Hälfte bis zwei Drittel der Atropin-Behandlungen sind laut Seher erfolgreich.

Gläser mit DIMS-Technologie korrigieren und hemmen Myopie

Erst vor etwa einem Jahr in Österreich angekommen sind die sogenannten Brillengläser mit DIMS-Technologie (die Abkürzung steht für "Defocus Incorporated Multiple Segments"). Diese Gläser sind spezielle Einstärkengläser, bei denen auf der Vorderfläche 396 kleine Plus-Linsen eingearbeitet sind. Diese Waben im Glas sorgen für einen peripheren Defokus, sprich: "Es wird sozusagen ein Plus-Glas eingespielt, das dem Auge in der Peripherie eine gewisse Unschärfe vorgaukelt, die aber beim Sehen nicht stört, sodass es weniger den Trigger bekommt, nachzuwachsen", erklärt Seher und fügt hinzu: "Es funktioniert - aber warum genau, das weiß die Wissenschaft selbst nicht so recht." Der Unterschied zu normalen Brillengläsern ist jedenfalls, dass bei diesen das Bild überall scharf ankommt, was das Auge zum Weiterwachsen anregt. Die DIMS-Technologie hingegen reduziert das Voranschreiten der Kurzsichtigkeit - das Auge wächst so wie ein gesundes Kinderauge - und korrigiert sie zugleich. Diese Brillengläser schneiden bisher sehr gut ab und dürften sich auch deshalb durchsetzen, weil es die niederschwelligste Behandlungsmethode ist: Schließlich kommt dabei kein Fremdkörper ins Auge. Allerdings gibt es mittlerweile auch schon weiche und harte Kontaktlinsen mit peripherem Defokus.

Bei der DIMS-Technologie sorgen 396 kleine Waben (hier verstärkt dargestellt) im Brillenglas für einen peripheren Defokus. - © Hoya
Bei der DIMS-Technologie sorgen 396 kleine Waben (hier verstärkt dargestellt) im Brillenglas für einen peripheren Defokus. - © Hoya

Nachtlinsen: Korrektur ohne Sehbehelf tagsüber

Etwas anderes sind die sogenannten Ortho-K-Linse. Hierbei handelt es sich um Nachtlinsen, die - richtig geraten - abends eingesetzt und morgens herausgenommen werden - und den großen Vorteil haben, dass sie in der Nacht das Auge so formen, dass es auch untertags gut sieht, und zwar ohne jeden Sehbehelf. Drei Tage bis zwei Wochen dauert die Umstellungsphase für diese Myopietherapie, die man sich wie eine Art Zahnspange fürs Auge vorstellen kann: Die Linse drückt es von vorne und macht es kürzer. Die vorderen Epithelzellen wandern auf die Seite. Das ist aber reversibel: Der Effekt hält etwa einen Tag an - man muss die Linse deshalb jede Nacht tragen.

Das Einsetzen der Linsen braucht freilich gerade bei Kindern anfangs einige Überwindung und Geduld. Bei schlechter Handhabung kann es auch zu Irritationen des Auges kommen. Und ja, natürlich kann man auch nachts im Schlaf eine Linse verlieren. Dann kann der Effekt der Gleiche sein wie beim Nichttragen, zum Beispiel wegen einer Augenentzündung: Am nächsten Tag kehrt die Kurzsichtigkeit zurück - allerdings dann in einem Ausmaß, das schwer abzuschätzen ist. Ein Patient, der beispielsweise normalerweise 3 Dioptrien hätte, könnte dann womöglich auf 1,5 Dioptrien zurückfallen - und hat dann natürlich keine Brille in der entsprechenden Stärke zur Hand. "Wichtig sind hier eine wirklich gute Anpassung der Linsen und regelmäßige Kontrollen beim Augenarzt", betont die Expertin, die all jene beruhigt, die sich Sorgen machen, weil die Linse Nacht für Nacht mehrere Stunden lang Druck auf das Auge ausüben: "Das schadet ihm nicht."

Die Ortho-K-Linsen sind aus Sicht der Augenärztin für Patienten mit bis zu 5 Dioptrien geeignet, wobei es auch Optiker gibt, die von der erfolgreichen Behandlung kurzsichtigerer Personen berichten. Den Erfolg dieser Therapieform beziffert Seher so wie bei den Atropin-Tropfen mit etwa 50 bis 65 Prozent.

In 10 bis 15 Prozent der Fälle versagt die Therapie

"Man muss sich bewusst sein, dass bei allen Methoden die Myopietherapie in 10 bis 15 Prozent der Fälle versagt", fügt sie hinzu. "Aber wenn wir nur die Hälfte der Kurzsichtigkeit verhindern, ist das schon ein großer Erfolg. 3 Dioptrien sind schon besser als 6 Dioptrien." Das Ziel ist jedenfalls, das Voranschreiten der Kurzsichtigkeit so lange wie möglich hintanzuhalten, und zwar eben bis zum 20. bis 25. Lebensjahr, wenn sie sich in der Regel von selbst stabilisiert beziehungsweise stagniert. "Ganz wesentlich ist, dass man richtig diagnostiziert: Wie entwickelt sich die Kurzsichtigkeit, wann beginnt sie anzusteigen - da sollte man dann einsteigen." Umso wichtiger sind schon ab dem frühen Kindesalter regelmäßige Besuche beim Augenarzt. "Gerade Kinder muss man kontrollieren. Die nehmen die Welt so, wie sie ist. Und wenn sie schlecht sehen, dann nehmen sie das einfach hin."

Bei der Wahl der Therapie spielt neben anderen Faktoren letztlich auch die finanzielle Seite eine Rolle. Die stellt sich in Österreich wie folgt dar: Die Atropin-Tropfen bezahlt die Krankenkasse, allerdings wird etwa alle zwei Wochen die Rezeptgebühr (6,65 Euro) für eine neue Flasche fällig, macht rund 170 Euro pro Jahr. Brillengläser mit DIMS-Technologie sind noch relativ teuer, etwa 500 Euro, und in der Regel nach einem Jahr zu tauschen. Bis jetzt zahlt die Kasse nichts, allerdings laufen hier Gespräche. Mit rund 1.200 Euro für zwei Jahre schlagen die Ortho-K-Linsen zu Buche, die regelmäßig ausgetauscht werden, wobei aber die Kasse in der Regel einen Großteil übernimmt. Reinigungs- und Pflegemittel (rund 150 Euro pro Jahr) sind allerdings in jedem Fall selbst zu bezahlen.

Die Leitlinien der ÖOG zur Myopiekontrolle sehen vor, dass im Normalfall mit einer Therapie über zwei Jahre begonnen wird. Bleibt die Kurzsichtigkeit stehen, versucht man die Therapie abzusetzen. Eventuell muss man aber später wieder einsteigen. Seher geht allerdings davon aus, dass die meisten betroffenen Kinder das gesamte Kindes- und Jugendalter hindurch anfällig sind und die Behandlung wohl erst im Erwachsenenalter als abgeschlossen gelten kann.