Natürlich fühle sie sich geschmeichelt, aber komisch sei es schon. "Ich bin eine Galeristin und kein Pop-Star. Aber alle wollen jetzt mit mir Selfies machen, bedanken sich sogar bei mir", sagt Helga de Alvear etwas verlegen.
Für die Bürger der spanischen Kleinstadt Cáceres an der Grenze zu Portugal ist die deutsche Kunstsammlerin aber sehr wohl ein Star. Denn ausgerechnet hier, in der dünn besiedelten Extremadura, fernab jeglicher Touristenströme, hat sich die 85 Jahre alte Galeristin ihren "Lebenstraum" von einem eigenen Museum für ihre Kunstsammlung erfüllt und damit Cáceres zu einem neuen landesweiten Hotspot für Kulturliebhaber gemacht.

Touristenmagnet

"Und nicht nur zu einem landesweiten, sondern zu einem internationalen Hotspot. Dieses Museum wird Kunstfans aus der ganzen Welt anziehen", versichert Bürgermeister Luis Salaya. Seit seiner Eröffnung Ende Februar letzten Jahres besuchten bereits über 100.000 Personen das Museo de Arte Contemporáneo Helga de Alvear – und das in Corona-Pandemiezeiten mit limitierten Besucherforen. Im Sommer registrierte Cáceres dank des neuen Museums für Gegenwartskunst sogar einen historischen Touristenrekord.

"Dieses Museum hat eine unheimliche Magnetwirkung", freut sich Bürgermeister Salaya. Kein Wunder: Mit über 3.000 Werken internationaler Kunststars verfügt die schwerreiche Industrieerbin der Rheinischen Kunststoffwerke (RKW) über eine der größten privaten Kunstsammlungen Europas. Die gebürtige Pfälzerin und Wahlspanierin, die seit 1957 in Madrid lebt und dort eine der renommiertesten Kunstgalerien des Landes führt, hat im Laufe der Jahrzehnte eine Kollektion zeitgenössischer Gegenwartskünstler aufgebaut, die wirklich ihresgleichen sucht.

Bereits im Museumsgarten sticht zwischen Palmen eine pinkfarbene Riesenwurst des Wiener Künstlers Franz West hervor. Vorbei an einer fast 200 Meter langen Schrott-Installation, die Fernando Sánchez Castillo aus Überresten der Yacht von Diktator Franco fertigte, erreicht man einen Aluminium-Olivenbaum des Schweizer Bildhauers Ugo Rondinone.
Im Eingangsbereich dann gleich der Wow-Effekt: Auf dem Boden liegt der gigantische, aus 60.000 Perlen gefertigte Kronleuchter "Descending Light", mit dem der internationale chinesische Kunststar Ai Weiwei den untergehenden Kommunismus beleuchtet. Daneben hängen die "Beautiful Fake Paintings" von Popkunst-Ikone Damien Hirst und ein großformatiges Bild des deutschen Fotokünstlers Frank Thiel, das den halb abgerissenen Berliner Palast der Republik zeigt.

Im Museum ist ausreichend Platz, um alle Objekte ins rechte Licht zu rücken. 
- © Manuel Meyer

Im Museum ist ausreichend Platz, um alle Objekte ins rechte Licht zu rücken.

- © Manuel Meyer

Danach folgt auf vier Etagen verteilt eine Art Reigen des Who's who der internationalen zeitgenössischen Kunstszene: Paul Klee, Pablo Picasso, Wassili Kandinsky, Louise Bourgeois, Lucio Fontana und Cy Twombly. "Echo-Spiegel-Räume" von Olafur Eliasson. Fotoarbeiten von Cindy Sherman, Candida Höfer und Tacita Deans "Gräberfeld" sind zwischen Joseph Beuys‘ "Angelus" und Skulpturen von Richard Serra zu finden.

Kunst, die hinterfragt

Dazwischen immer wieder auch Werke österreichischer Künstler wie Arnulf Rainer, Erwin Wurm, Heimo Zobernig oder Gerwald Rockenschaub. Katharina Grosses kunterbunte "Faux Rocks" reichen fast bis an die Decke. Auch die riesigen Karton-Äxte der "Power Tools"-Installation des Schweizer Künstlers Thomas Hirschhorn sind hier: Hirschhorn brandmarkte damit die Schweiz als Waffenexporteur, zerstörte das idyllische Bild der neutralen Schweiz.

"Helga de Alvear liebt Kunst, die hinterfragt, kritisiert, Sachen zerstört, um Neues zu schaffen", erklärt Ausstellungskurator José María Viñuela. Eigentlich ist er dafür verantwortlich, dass diese außergewöhnliche Kunstsammlung, die man eher in Madrid oder Barcelona erwarten würde, überhaupt in Cáceres landete.
Nicht ganz ohne Hintergedanken lud Viñuela die befreundete Galeristin in seine Heimatstadt Cáceres zum Essen ins bekannte 2-Sterne-Restaurant "Atrio" ein. Die Restaurantbetreiber Toño Pérez und José Polo sind ebenfalls begeisterte Kunstsammler und treiben immer wieder Kunstprojekte in der Stadt an. Ihr Restaurant wirkt selber wie ein Museum für Gegenwartskunst.

So kam man bei iberischem Spanferkel unter neongrüner Wasabi-Erbsencreme ins Gespräch. "Ich wusste, dass Helga seit längerem einen Ort für ihre Sammlung suchte und erklärte ihr, dass Cáceres über traumhafte historische Gebäude verfüge, in denen ihre Kollektion perfekt zur Geltung käme", erinnert sich José Polo. Zusammen mit Viñuela stellte er schließlich Kontakt zum Regionalpräsidenten Juan Carlos Rodríguez Ibarra her, und der meinte nur: "Helga, die Sammlung, die bleibt hier!"

Ein besonderes Gebäude

Für die Galeristin war es aber wichtig, ein herausragendes Gebäude zu haben. Und das baute sie sich schließlich selber: Schneeweiße Stahlbetonpfeiler bilden das offene Gerippe des würfelartigen Gebäudes, das elegant über eine öffentlich benutzbare Treppenpromenade die mittelalterliche Altstadt mit der 24 Meter tiefer liegenden Neustadt verbindet. Das Gebäude von Emilio Tuñón wurde bereits mit zahlreichen internationalen Architekturpreisen ausgezeichnet.
"Das Schöne an der Sache ist jedoch, dass hier eine Art Anti-Guggenheim entstanden ist", meint Viñuela. Es ging nicht darum, ein spektakuläres Museum zu bauen, in dem dann irgendwelche Kunst ausgestellt wird: "Hier wurde ein Museum für eine ganz spezielle Kollektion gebaut. Hier sind Architektur und Kunst gleichzeitig die Stars." Der Kontrast des modernen Kunstwürfels zur Altstadt könnte größer kaum sein. Dennoch fügt sich das Gebäude mit seinen klaren Linien und lichtdurchfluteten Räumen harmonisch in die Umgebung ein.

Cáceres' imposantes Sternbogentor "Arco de la Estrella" ist der Eingang in die Altstadt. 
- © Manuel Meyer

Cáceres' imposantes Sternbogentor "Arco de la Estrella" ist der Eingang in die Altstadt.

- © Manuel Meyer

Eigentlich ist Cáceres – zumindest architektonisch – das Gegenteil von modern. Ein Gang durch die 1986 zum Unesco-Weltkulturerbe erhobene Altstadt kommt eher einer Zeitreise ins Mittelalter gleich. Die dicken Stadtmauern mit den mächtigen Festungstürmen stammen noch von den arabischen Besetzern aus dem 12. Jahrhundert. Auf den unzähligen Türmen der Kirchen und Festungshäuser alter Konquistadoren-Familien nisten Störche.
Hinter dem imposanten Sternbogentor "Arco de la Estrella" breitet sich ein Labyrinth enger Gassen, Steintreppen, Arkadengänge, alter Kirchen und Klöster aus. Über 40 Renaissancepaläste prägen den nach Tallinn und Prag am besten erhaltenen mittelalterlichen Stadtkern Europas. Gleich dahinter beginnt das alte Judenviertel. Im Keller des Provinzmuseums im Palacio de las Veletas befindet sich die weltweit zweitgrößte arabische Zisterne aus dem 15. Jahrhundert. Der irre Kontrast und die einzigartige Mischung aus römischer, islamischer, gotischer, renaissanistischer und jetzt auch zeitgenössischer Kultur, Architektur und Kunst bewegte selbst die international renommierte Zeitschrift "Time", Cáceres in ihre prestigeträchtige Liste der "World's Greatest Places 2021" aufzunehmen.

Für Auge und Gaumen

Auch gastronomisch hat Cáceres einiges zu bieten – vor allem den köstlichen Schinken der schwarzen Ibérico-Schweine, die in den Steineichenwäldern um Cáceres weiden. 2015 wählte der Verband spanischer Restaurantkritiker Cáceres sogar zur spanischen "Gastronomie-Hauptstadt des Jahres". Die Lokalküche sei ein Schmelztiegel arabischer, portugiesischer, spanischer und jüdischer Küche, so die Begründung.

"Gastronomie, Weltkulturerbe, Museen mit einem unglaublich tollen Kulturangebot. Cáceres hat wirklich viel zu bieten. Doch es fehlte vielleicht ein Museum wie das von Helga, das mit seiner internationalen Größenordnung auch ausländische Kulturinteressierte anlockt", meint José Antonio Agúndez vom Vostell-Museum in Malpartida.
Der deutsche Künstler Wolf Vostell entdeckte hier vor den Toren von Cáceres bereits 1974 mitten in einem Naturpark ein altes Wollwaschhaus aus dem 18. Jahrhundert und errichtete in ihm sein eigenes Museum, in dem heute seine bekannten Installationen aus Autos, Motorrädern, alten Fernsehern und Betonklötzen ausgestellt werden.

Umgeben von menschenleeren, sanften Hügellandschaften und Steineichenwäldern, in denen Spaniens berühmten schwarzen Eichelschweine zu Hause sind, liegt Cáceres an der Grenze zu Portugal tatsächlich fernab touristischer Trampelpfade. Der nächste Flughafen befindet sich in Madrid, rund drei Autostunden nördlich. Vielleicht konnte die Stadt gerade deshalb aber auch ihren ursprünglichen, mittelalterlichen Charme bewahren.
Doch nun scheint Spaniens mittelalterliche Perle als neuer Kunst-Hotspot aus seinem touristischen Dornröschenschlaf aufzuwachen.

Fehlt nur der Zug

Damit das aber auch wirklich gelingt, müsse endlich die Schnellzugverbindung von Madrid fertig werden. "Es kann nicht sein, dass so viele Menschen mein Museum und eine der schönsten Städte Spaniens nicht kennenlernen, nur weil ein Zug fehlt. Das habe ich auch König Felipe bei der Eröffnung gesagt", versichert Helga de Alvear. Spaniens Monarch ließ es sich nämlich nicht nehmen, vor einem Jahr Spaniens neuen Hotspot für Gegenwartskunst höchstpersönlich einzuweihen.