1995 eroberte der Film "Il Postino" die Herzen aller Italienbegeisterten. So auch meines. Massimo Troisi schrieb das Drehbuch, führte gemeinsam mit Michael Radford Regie und verkörperte den postino, den Briefträger Mario. Er bringt dem auf einer ungenannten italienischen Insel im Exil lebenden Dichter Pablo Neruda die tägliche Post. Zwischen den beiden entsteht eine tiefe Freundschaft. Massimo Troisi hat sich mit diesem Film einen Herzenswunsch erfüllt. Als er ihn drehte, war er schon schwer herzkrank. Kurz nach der Beendigung der Dreharbeiten starb er.

Für mich war der Film so etwas wie eine Initialzündung. Ich wollte die Drehorte sehen, die so archaisch schienen, so aus unserer Zeit und unserer globalisierten Welt herausgehoben wirkten. War alles nur Kulisse? Im Frühjahr 1996 fuhr ich von Neapel mit der Fähre nach Procida.

Ankommen

Der Haupthafen, die Marina Grande, ist ein eher bescheidener Hafen. Strenge, hohe Häuser, von den Procidani stolz "palazzi" genannt, schauen abweisend auf das Treiben herab. Die hohen Mauern und Tore, die keinen Blick ins Innere und in die prächtigen Gärten dahinter erlauben, geben den Charakter ihrer Besitzer wieder, die als zurückhaltend und schweigsam gelten.

Auf einem Dreiradtaxi lasse ich mich durch enge, sonnenlose Gassen kutschieren. In den kleinen Geschäften mit uralten Holzportalen sind hauptsächlich Waren für das alltägliche Leben ausgelegt: Obst, Gemüse, Schürzenkleider, Werkzeug. Keine Supermärkte und schicken Boutiquen, kein McDonald's weit und breit. Über die Piazza dei Martiri, vorbei am mächtigen Santuario Mariano, fährt mich mein schweigsamer Fahrer auf die "Terra Murata", den höchsten Punkt der Insel, wo sich ein herrlicher Ausblick über die Insel bietet. Im leichten Halbrund biegt sich die Küste, durchbrochen von kleinen und großen Kraterrändern des ehemaligen Vulkans. Auf dem flachen Plateau reihen sich Gärten, Felder und Häuser in gefälliger Unordnung aneinander. Direkt unter mir liegt Corricella.

Wie von Schiele oder Hundertwasser gemalt wirken die an den Abhang geklebten Häuser. Regen, Salz und Meerwasser haben Lebensflecken auf den ehemals rosa oder gelb gestrichenen Mauern hinterlassen. Ganz ohne Straßen, nur über gut verborgene Stufen steigt man durch einen mächtigen Torbogen und einen verschatteten Durchgang hinunter zum Meer. Fischer sitzen an der Mole, flicken ihre Netze und reden über die Arbeit und das Leben.

Wie Schwalbennester sind die Häuser an die Steilküste geklebt. 
- © Silvia Matras

Wie Schwalbennester sind die Häuser an die Steilküste geklebt.

- © Silvia Matras

An den Tuffsteinfelsen angeklebt streben die Häuser, senkrecht übereinander und irgendwie auch ineinander gestapelt, in die Höhe. Das Dach des einen Hauses bildet die Terrasse des oberen, wo bis zu drei Eingänge in Wohnungen führen.Corricella ist eines der wenigen noch existierenden Beispiele für die mediterrane "architectura populare", eine von den Bewohnern nach ihren Bedürfnissen gestaltete Form des Zusammenlebens.

Ich bin an dem Ort angekommen, wo Massimo Troisi Teile seines Films gedreht hatte. Das Wirtshaus gibt es noch und sieht aus, als wäre es aus dem Film geschnitten. Es gehört dem Fischer Vincenzo, der aber nur öffnet, wann es ihm passt. Der Obsthändler Vittorio treibt jeden Vormittag seinen vollgepackten Esel bis zur Mole, die Frauen lassen an einer langen Schnur Korb und Geld hinab, er füllt das Verlangte hinein. Jeden Morgen wache ich vom Geknatter der heimkehrenden Fischerboote auf, sehe zu, wie sie ihren Fang ausladen und gehe zur Nachbarin Luisa auf ein Frühstück. Auf der Gemeinschaftsterrasse genießen wir den Morgentratsch, und ich erfahre alles, was ich über Corricella und Procida wissen will.

Unabhängig und wohlhabend

Die gerade einmal vier Quadratkilometer kleine Insel zählt mit 13.000 Einwohnern zu den am dichtest bewohnten Orten Europas. Es gleicht einem Wunder, dass sie sich im Gegensatz zu Ischia und Capri erfolgreich gegen Massentourismus gewehrt hat. Lange Zeit gab es nur ein Hotel auf der Insel. Als internationale Investoren den verfallenen Palazzo d'Avalos zu einem Großhotel ausbauen wollten, mussten sie nach heftigen Protesten der Bevölkerung unverrichteter Dinge abziehen. Im Gegensatz zu Ischia und Capri haben die Procidani ihre Schäfchen auch ohne Touristen im Trockenen: Auf der fruchtbaren Vulkanerde gedeihen Früchte und Gemüse in Hülle und Fülle, über die Mauern der Gärten hängen Äste, übervoll mit Orangen, Zitronen und Granatäpfeln.

Im 1833 gegründeten "Istituto Nautico" werden die besten Matrosen, Kapitäne und Maschinisten ausgebildet. Sie waren und sind bis heute begehrte und international gesuchte Experten und fahren oft jahrelang zur See. Zu Hause sorgen die Frauen für die notwendige Logistik, verwalten Geld und Besitz. Ihren Reichtum verbergen sie diskret hinter den hohen Toren ihrer nach außen bescheiden wirkenden "palazzi".

Der ehemals mächtige Bau des Palazzo d'Avalos aus dem 16. Jahrhundert diente von 1830 bis 1988 als Hochsicherheitsgefängnis für politisch unliebsame Personen. Für die Insassen musste gekocht werden, Aufseher und Verwalter wurden eingestellt. Man profitierte auch vom Gefängnis. Vielleicht ist Procida deswegen so lange Zeit aus dem Radar der Tourismusindustrie gefallen, weil man nicht so gerne auf der "Gefängnisinsel" Ferien machen wollte.

Wiederkommen

Ich kam noch zweimal auf die Insel des Briefträgers. Es war, als hätte Oberon oder ein anderer Luftgeist die schützende Hand über Procida gehalten. Alles blieb, wie es war, und die Bewohner schienen zufrieden. Dann vergingen die Jahre und ich kehrte erst nach mehr als fünfzehn Jahren wieder hierher zurück. Der Anlass war die Ernennung Procidas zur Kulturhauptstadt Italiens 2022.

Luisa hatte mich vorgewarnt: Corricella sei ein Disneyland geworden. Ich wollte es nicht glauben. Aber sie sollte recht behalten: Am Hafen saßen noch immer die Fischer, aber sie wirkten vor den schicken Restaurants wie Statisten, die Idylle garantieren. Unter blauen Plastikplanen zusammengeschnürt liegen Berge von alten Netzen der ehemaligen Fischer, die jetzt keine Fischer mehr sind. Die blauen Riesenbuckel stören die Gäste, die in den zahlreichen Restaurants an der Mole einen ungehinderten Blick aufs Meer haben wollen. Natürlich unter Riesenschirmen, die sie vor der Sonne schützen. Aus vielen Fischerbehausungen sind Appartements oder Frühstückspensionen geworden.
Ich bewohne ein Haus direkt an der Mole. Die ehemals grau vergilbten Mauern sind in hellem Rosa gestrichen. Ja, Corricella hat sich behübscht und ist zum Touristenhotspot geworden.

Lena, die letzte Stickerin von Procida, am Stickrahmen. 
- © Silvia Matras

Lena, die letzte Stickerin von Procida, am Stickrahmen.

- © Silvia Matras

Ich wandere über die Insel und suche nach Zeitspuren des Procida von einst. Ich verbringe einen Vormittag im Haus von Lena Costagliola di Polodoro, der einzigen ricamatrice (Stickerin) der Insel. Zu ihr bringen die wohlhabenden Familien die jahrhundertealten Kostüme aus Seide und Samt, wenn sie vergilbt sind. Nur Lena kann noch den mit Gold- und Silberfäden gestickten Pfauen, den Blumen und Blättern auf den Mänteln den ursprünglichen Glanz zurückgeben. Für die Reparatur eines Mantels braucht sie bis zu einem Jahr. "Devo avere il rispetto per il prezzo che tengo in mano." Jedes Stück, das sie in ihren Händen hält, verlangt von ihr Respekt. Und ein großes Fachwissen, über das nur mehr sie, die letzte und einzige Stickerin von Procida, verfügt. Durch ihre Arbeit rettet sie ein Stück Geschichte hinüber in die Gegenwart.

Die Vergangenheit Procidas fängt die Autorin Elisabetta Montaldo in ihren Büchern ein, so etwa in ihrem jüngst erschienenen Buch über die Gärten Procidas. Ein Besuch bei ihr erlaubt mir einen Blick in einen der vielen zauberhaften Gärten der Insel. Strenge islamische Gartenkunst paart sich mit der üppigen Vegetation der Insel. Die in mattem Rosé-Lila gestrichenen Mauern und der große Kaktus erinnern an Gärten aus Marrakesch. Dahinter blühen auch im Herbst noch Rosen und Bougainvillea.

Ganz in der Nähe liegt einer der größten Obstgärten der Insel. Gianni Romeo hat einst mit dem Verkauf der Südfrüchte gutes Geld verdient. Seit die Billigware aus Afrika den Markt für heimisches Obst ruiniert hat, verlegt er sich auf die Züchtung ungewöhnlicher Obstsorten, wie etwa "il mapo", eine Kreuzung aus Mandarine und Grapefruit. Viele Stunden täglich arbeitet Gianni Romeo in seinem Garten, auch wenn er weiß, dass seine Früchte nur mehr wenige Procidani zu schätzen wissen.

Wenn ich spät am Abend von meinen Spaziergängen in die Vergangenheit nach Corricella zurückkehre, dann ist es wie damals vor 15 Jahren: Die Schirme sind zusammengeklappt, die Restaurants geschlossen, die Tagestouristen weg. Hin und wieder höre ich eine Möwe im Traum leise geckern. Das erinnerte Bild vom unversehrten Dorf steigt vor mir auf und alles scheint wie früher. Oder doch nicht?