Der Blick nach unten, der ist wahrlich nichts für schwache Nerven. Sobald man die gläserne Oberfläche betritt, geht es schließlich verdammt steil nach unten und so tief in den Abgrund, dass die Felsen und Wellen des Meeres kaum mehr klar zu erkennen sind. Für nicht hundertprozentig schwindelfreie Gemüter ist es daher besser, einfach ganz schnell nach vorn zu schauen und sich auf das weite Panorama zu konzentrieren – doch nicht nur für diejenigen lohnt sich der Ausblick: Das tiefe Blau des Atlantiks geht in das zarte Blau des Himmels über, während sich auf der linken Seite Teile der felsigen, dicht bebauten Südküste Madeiras und der Hauptstadt Funchal in den Blick schieben. Auf einer Klippe in fast 600 Metern Höhe über dem Ozean befindet man sich hier auf dem sogenannten Skyview der Insel, dem Ziel der Radtour, die einige Stunden zuvor weiter östlich in Caniço begonnen hat.

Perfekter Startpunkt

Der beliebte Urlauberort im Südosten der portugiesischen Insel bietet schließlich eine ideale Ausgangslage für unterschiedlichste Touren: Schnell erreicht man von dort die Ostküste genauso wie die Berge im Inselinneren oder eben Funchal und die Südwestküste dahinter. Vom "Galomar Hotel" dort sind es nur wenige Kilometer, bis man den Rand der Hauptstadt erreicht und von einer Anhöhe auf das Zentrum des Insellebens schaut.

Gern wird Funchal, deren Name übersetzt "Fenchel" bedeutet, mit einem Amphitheater verglichen, und tatsächlich sieht es so aus, als würden sich die unzähligen weißen Häuser wie die Besucherränge in einem Halbrund am dahinterliegenden Berg aufbauen.

Wie ein urbanes Amphitheater steigt Funchal die Berge hinan. 
- © Sascha Rettig

Wie ein urbanes Amphitheater steigt Funchal die Berge hinan.

- © Sascha Rettig

Mit den Rädern geht es daher kurz bergab und dann hinein in die quirlige Stadt: in die Altstadt mit der Festung São Tiago und all den Bars und Restaurants, die sich aneinanderreihen. Zur "Fábrica Santo Antonio", wo seit 1883 unter anderem der traditionelle Bolo de Mel, ein Honigkuchen, hergestellt wird. Vorbei an der ein halbes Jahrtausend alten Kathedrale von Funchal. Noch ein paar Fahrradmeter weiter zudem steht der berühmte Inselsohn und mehrfache Weltfußballer Cristiano Ronaldo am Hafen – verewigt als Statue in Lebensgröße, bei dem vor allem die Stelle zwischen den Beinen schon blank gefasst ist.

Bananen auf der Garteininsel

Danach geht es hinaus aus der Stadt in Richtung Westen, nah am Meer entlang. Die Orte gehen fast ineinander über, so bebaut ist die Küste. Dazwischen ist es meist üppig grün, ist Madeira doch auch als Garteninsel bekannt. Auf den zahlreichen angelegten Terrassen wird Landwirtschaft betrieben. Vor allem Bananenplantagen gibt es immer wieder. Als die Gruppe an einer anhält, kommt gleich ein Bauer und erklärt über den Zaun hinweg, wie sie angebaut werden und was ihre Besonderheiten sind: Die einheimische Frucht ist kleiner, süßer und weicher.

Kurze Zeit später wird das Fischerdorf Camara erkundet, eines der ältesten Madeiras. Noch heute liegen Dutzende Fischerboote im Hafen, zwischen denen die Radfahrer hindurchfahren, bis sie für eine kurze Rast in den Gassen des kleinen Zentrums landen. Bekannt ist der Ort auch für ein Getränk, das jeder Madeira-Urlauber sicher mindestens einmal, wahrscheinlich aber häufiger trinkt: den Poncha, ein Mix-Getränk aus Rum, Zitrone und Honig.

Immer fest treten

Ging es bislang bereits ständig hügelab- und aufwärts, werden die E-Bikes und die eigene Kondition jetzt deutlicher herausgefordert. Der Rad-Guide Roberto Lúcio warnt vorher: Eine Stunde lang geht es jetzt bergauf. Daher am besten nicht anhalten, sondern beharrlich gleichmäßig in die Pedale treten und treten und treten. Selbst im E-Bike-Turbo-Gang hat man gut zu tun, bis man den Skyview erreicht, bei dessen grandioser Aussicht man verschnaufen kann – und schließlich mit einer Schussfahrt zurück nach Camara belohnt wird. Schon jetzt ahnt man: Es wird auf Madeira nicht der einzige Anstieg dieser Art bleiben. Die Insel, die vulkanischen Ursprungs ist und vor Millionen Jahren aus einem sogenannten Hotspot hochgesprudelt ist, ist hügelig bis bergig. "Wenn es nach einem Anstieg bergab geht, heißt das auf Madeira: Es geht bald wieder hinauf", erklärt der radbegeisterte Roberto grinsend.

Die Insel der Kanäle

Eine weitere Besonderheit Madeiras, die bei der nächsten Tour auf dem Programm steht, sind die Levadas. Dabei handelt es sich um ein Netz schmaler Kanäle, das große Teile der Insellandschaft durchzieht. "Seit Ende des 15. Jahrhunderts, kurz nach der Entdeckung Madeiras, wurden sie auf der Insel angelegt, zunächst von Sklaven und Gefangenen, später von Einheimischen", sagt Roberto.

Ausnahmsweise mal eine Tour ohne nennenswerte Steigung an der dschungelartigen Levada da Serra do Faial, einem der zahlreichen schmalen Kanäle, die die ganze Insel überziehen. 
- © Sascha Rettig

Ausnahmsweise mal eine Tour ohne nennenswerte Steigung an der dschungelartigen Levada da Serra do Faial, einem der zahlreichen schmalen Kanäle, die die ganze Insel überziehen.

- © Sascha Rettig

Rund 2.200 Levada-Kilometer gibt es insgesamt, etwa 300 Kilometer davon in Tunneln, alles von Hand gebaut. Das Ziel: Wasser vom Norden, in dem es deutlich mehr Wasser gibt und es viel häufiger regnet, in den trockeneren Süden zu bringen – für die Trinkwasserversorgung und die Landwirtschaft. "Heute werden die Levadas für Stromerzeugung, weiterhin für Landwirtschaft, aber auch als Wanderwege genutzt, die an ihnen entlangführen", erklärt Roberto.

Aber radeln? Das wäre in den meisten Fällen zu beschwerlich, zu gefährlich oder ganz einfach nicht möglich. "Doch es gibt Ausnahmen und eine davon ist die Levada da Serra do Faial, die auf der gesamten Strecke von Monte nach Funchal führt." Abgeradelt wird davon heute aber nur ein Teil – vorher steuert Guide Roberto noch das für seine Korbflechttradition bekannte Bergörtchen Camacha nördlich von Caniço an, wo 1875 das erste Fußballspiel in Portugal stattfand.

Von dort aus sind es nur wenige Kilometer, bis Roberto schließlich in Portela von der Hauptstraße abbiegt – und die Levada beginnt. Diesmal ist es eine Tour ganz ohne bergauf und bergab. Pro 100 Meter geht es kaum spürbar einen Meter runter. Auch verfahren kann man sich nicht. Es gibt nur einen Weg, der mal etwas breiter, mal etwas schmäler ist und hin und wieder etwas holpriger.
Zumindest ein bisschen Off-Road-Gefühl kommt dabei auf. Allzu schnell kann man allerdings nicht fahren. Immer wieder kommen einem Wanderer und Spaziergänger entgegen. Außerdem will man auch die Umgebung wahrnehmen können. Entlang des schmalen Kanals fährt man schließlich einige Kilometer durch verwunschene Natur, durch einen märchenhaften Wald, einen dichten Dschungel. Meterhohe Farne, Eukalyptusbäume, Kastanien, Passionsblumen und Hibiskus – die Vegetation ist wieder opulent.

Schließlich endet die Dschungeltour: mit einem weiten Blick über Funchal und nach der beschleunigten Abfahrt zurück an die Küste.
Ein ganz anderes Bild von der Insel bekommt man, wenn man den Osten an der Küste abradelt. Es ist einmal mehr ein permanentes Auf und Ab. Über einen Hügel nach dem anderen schlängelt sich die Straße, wobei man meist das schillernde Meer und die Küste im Blick hat. Seitdem die mehrspurige Schnellstraße gebaut wurde, ist diese Landstraße nicht mehr so stark befahren. Sie führt nach Santa Cruz, einer größeren Kleinstadt, an deren schwarzem Strand mit den dicken Kieseln man kurz eine Pause unter Palmen einlegen kann. Danach bummelt man ein bisschen durch die herausgeputzte Altstadt und die kleine Markthalle.

Ungewöhnliches Erlebnis

Mit dem Rad geht es direkt unter der Landebahn des Flughafens hindurch. 
- © Sascha Rettig

Mit dem Rad geht es direkt unter der Landebahn des Flughafens hindurch.

- © Sascha Rettig

Einen sehr ungewöhnlichen Anblick bietet ein paar Kilometer weiter der Flughafen Madeiras. Kurz braust man dort die steile Straße hinunter und findet sich plötzlich unter der Landebahn und zwischen den mächtigen Betonpfeilern wieder, die sie stützen. Aus dem Schatten der Landebahn, unter der unter anderem sogar Tennisplätze angelegt wurden, geht es zurück in die Sonne und weiter bis nach Machico.

Schon beim Blick auf den Ort aus der Ferne erkennt man die Besonderheit. In Machico kann man sein Badetuch an einem feinen, weißen Sandstrand ausbreiten, von denen es sonst auf der Insel nur wenige gibt. Stattdessen hat Madeira viel felsige Küste, die gern steil ins Meer fällt – wenngleich nirgendwo auf der Insel so dramatisch wie im Norden Madeiras. Überhaupt ist der Norden, der auf den Radtouren nur kurz gestreift wird, eine andere Welt. Grüner, feuchter und längst nicht so dicht besiedelt.

Vieles davon trifft auch auf das Innere der Insel zu, das über einen heftigen Anstieg von Machico angesteuert wird. Serpentine für Serpentine wird auf der Asphaltstraße steil raufgeschnauft. Trotz Unterstützung durch die E-Bikes wird die Kondition herausgefordert. Immerhin hat man bei den kleinen Pausen zwischendurch immer wieder schöne Ausblicke – hoch in die Berge und runter zum Atlantik. Schließlich landet man verschwitzt im bergigen Hinterland von Madeira. Oben angekommen, ist es nicht nur deutlich kühler: Dichte Wolken hängen an den Bergen und nieseln sich etwas ab. Und auf dem Weg durch abgelegene, ruhige Dörfer, vorbei an Bauernhäusern und entlang Anbauterrassen, wird so einmal mehr deutlich, warum Madeira als Insel des ewigen Frühlings gilt. Nicht nur wegen der fast ganzjährig angenehmen Temperaturen, sondern auch weil immer irgendwo etwas blüht.

Weil nach zahlreichen Anstiegen und Abfahrten die E-Bike-Akkus fast leer sind, kommt das turbulente Runterrollen aus Camacha zur Küste sehr gelegen. Kilometerlang kann man die Fahrt ganz ungetrübt und ohne Furcht vor dem nächsten Anstieg genießen. Mit Wind im Haar und Adrenalin im Herzen sind es schließlich zumindest auf dieser Reise die letzten Augenblicke auf dem Sattel.