Der Taschner ist fort. Auch den Kürschner gibt es nimmer, und nimmer das Spezialgeschäft für Messer vom Herrn Gewürz, der sich bescheiden einen Scherenschleifer nannte. Im Laden vom Taschner ist einer für thailändisches Streetfood, in dem vom Kürschner ein Gürtelgeschäft für den türkischen Geschmack, und wo der Herr Gewürz Messer verkauft hat, bekommt man jetzt Döner mit scharf.

Es hat sich vieles geändert im Grätzel um den Wallensteinplatz in der Brigittenau. Aus dem Zentrum des traditionellen Arbeiterbezirks, das stark jüdisch geprägt war, sind die Handwerksläden verschwunden. Heute wetteifern Wettbüros mit Billigmode, Billig-Getränke mit asiatischem Streetfood darum, welcher Laden sich schneller in welchen verwandelt.

Das ist ein Symptom. Die Handwerker sterben nicht aus, aber die Spezialisten werden weniger, und sie konzentrieren sich auf bestimmte Gegenden, zumeist auf die gentrifizierten mit überwiegend grün eingestellten Anrainern, die "kauft bodenständig" ernst nehmen.
Dies ist aber nicht allein die nostalgische Betrachtung eines Grätzels, es ist auch die Geschichte eines fragenden Schulterzuckens. Denn als ich in der Themenfindungskonferenz in aller Naivität vorschlug, man könnte doch einmal nachsehen, ob an die Stelle verschwundener Handwerksberufe neue getreten seien, ahnte ich nicht, dass sich das so klar längst nicht mehr beantworten lässt.

Es liegt am Begriff "Handwerk"

Vor gefühlt 137 Jahren, real etwa 50, lief im ORF-Hörfunk eine Sendereihe über Handwerker mit dem Anfang von Richard Wagners "Meistersinger"-Ouvertüre als Kennmelodie. Hieß die Serie "Ehrt Eure Meister"? Jedenfalls ging es um die Vorstellung bekannter und weniger bekannter Handwerksberufe. Damals war alles sonnenklar. Instinktiv wusste man, was ein Handwerker ist, und das war, selbst wenn es Autospengler und Installateure waren, nicht gar so weit entfernt von den mittelalterlichen und frühneuzeitlichen Berufen.

Aber ist ein 3D-Druckexperte mit einem Tischler vergleichbar, ein Internetgrafiker mit einem Hafner? Deshalb spricht man heute nicht mehr von Handwerksberufen, sondern von Lehrberufen oder Ausbildungsberufen. So, als ob ein Universitätsdozent für Quantenphysik keine Ausbildung brauchen und nicht lehren würde.

Doch wenn man beim Handwerksberuf im alten Sinn bleibt und dabei etwas im Hinterkopf hat, was einem Schuster, Schneider oder Schriftsetzer entspricht, und sei es nur von ferne und ungefähr, dann steht es um neue Handwerksberufe – nein, nicht schlecht. Anders steht es um sie, weil Technik und speziell Computer die gesamte Arbeitswelt grundlegend verändert haben: In den neuen Handwerksberufen besteht das Werk der Hände zumeist darin, die Tasten eines Computers zu betätigen oder eine Maus über das Pad zu treiben.

Geradezu einfältig war die Idee mit den neuen Handwerksberufen, die an die Stelle der alten träten. Sie war nach dem Muster gestrickt, dass seinerzeit die Einführung des elektrischen Lichts zwar die Laternenanzünder um ihren Beruf brachte, dafür der des Elektrikers entstand. Oder, dass der Kfz-Mechaniker den Wagner ablöste.

Doch nichts da!

Zumindest nicht im Großen und Ganzen. Nur zwei Fälle gibt’s, die so ähnlich sind: Der neue Beruf, der bei Berufsberatungen unter Handwerk firmiert, und zwar als einer der aussichtsreichsten, ist der Mechatroniker. Der hat mit Handwerk zu tun insofern, als der Mechatroniker gewissermaßen ein Mechaniker ist, der sich obendrein mit spezieller Elektronik auskennt, etwa als Kfz-Mechatroniker mit den personengesteuerten Fortbewegungscomputern, als die Autos heute auftreten.

Der ölverschmierte Mechaniker ist Vergangenheit – die Mechatronikerin arbeitet mit Elektronik und Maschine. 
- © chabybucko / Getty

Der ölverschmierte Mechaniker ist Vergangenheit – die Mechatronikerin arbeitet mit Elektronik und Maschine.

- © chabybucko / Getty

In Österreich arbeiten Mechatroniker im Maschinenbau ebenso wie in der Medizintechnik, als Klimatechniker, und Mechatroniker bauen die Hausmeisteranlagen von Schulen und Großbetrieben.
Der zweite Fall ist der des Schriftsetzers, der dank Maus und Tastatur zum Layouter geworden ist: Der Layouter arbeitet im gleichen Arbeitsumfeld, ältere Layouter sind eventuell sogar umgeschulte ehemalige Schriftsetzer.

Der Fall des Layouters ist dabei symptomatisch: Das neue Handwerk ist eben kein Werk der Hände mehr, die etwa Lettern schneiden und in Rahmen drücken, das Handwerk definiert sich dementsprechend nicht mehr als solches. Stattdessen sind Grafik- und Webdesigner (mit viel Verbiegung mag man in ihnen die Kupferstecher des IT-Zeitalters sehen), Fitness-Coach, Freizeit-Coach, Feel-Good-Manager, Facility-Manager und dergleichen nun Lehrberufe.

Sie zeigen nebenbei, welche Bereiche seines Lebens der moderne Mensch ausgelagert verwalten lässt: Sport, Wohlbefinden, Freizeit. Der Facility-Manager muss immerhin ebenso Kenntnisse in Haustechnik haben wie in Gebäudeverwaltung, Betriebswirtschaft usw., kurz: in allem bewandert sein, was nach der Fertigstellung eines Gebäudes zu dessen Erhaltung und Nutzung notwendig ist.

Aber jetzt einmal ganz im Ernst: Sind das noch echte Handwerksberufe, wenn man bei Handwerksberuf etwa an Schneider, Tischler oder Schlosser denkt?
Die Industrie- und Handelskammer in München (IHK
Bayern) ortet als Triebfeder solcher neuen Lehrberufe, die mit herkömmlichem Handwerk oft nur noch wenig zu tun haben, die Digitalisierung.
Doch ist es wirklich nur das?

Oder ist das Konsumverhalten eine ebenso starke Triebfeder? Das Billigprodukt, das beim kleinsten Defekt weggeworfen wird, hat Berufe obsolet werden lassen, bei denen die Einnahmen zum Teil aus Reparaturarbeiten flossen. Die Großmutter brachte ihre Strümpfe, wenn die Maschen liefen, zum Repassieren. Heute wird die aufgegangene Naht des Kleids oder des Sakkos kaum je selbst nachgenäht (wer kann das überhaupt noch?), das Kleidungsstück wird auch nicht zum Schneider gebracht, sondern landet im Müll.

Oder wie war das mit dem Herrn Gewürz? Er verkaufte nicht nur Messer und Scheren, er schliff sie auch und wetzte Scharten aus. Doch wer kauft heute noch seine Küchenmesser in Spezialgeschäften für Messer und lässt sie dort nachschleifen?
Sogar bei neuer Technik isst man mit Reparaturen nur ein karges Brot: Der "Wackeldackel" im Wallensteinplatz-Grätzel reparierte Hard- und Softwaredefekte von PCs und Druckern schnell, zuverlässig und kostengünstig – nach rund drei Jahren gab der Inhaber, der mit seinem langen, graumelierten Bart und dem zum Pferdeschwanz gebundenen Kopfhaar eine Mischung aus Späthippie und Nerd verkörperte, auf. Er machte den Job aus seiner Leidenschaft, nichts vorschnell wegzuwerfen. Die Kunden spielten nicht mit. Auch der Handyladen schräg gegenüber macht wesentlich mehr Geschäft mit dem Verkauf von (eventuell gebrauchten) Geräten als mit der Reparatur.

Und doch…!

Und doch gibt es die Handwerksberufe nach wie vor – nur wirklich neu entstandene sind es nicht, sondern alte, die sich, ungeachtet des Zeitenwandels, halten. Weil der Mensch ein Dach über dem Kopf braucht, gibt es Dachdecker. Weil der Mensch seine vier Wände braucht, gibt es Maurer, weil der Mensch Strom und fließendes Wasser haben will, gibt es Installateure, Elektriker, es gibt Heizungstechniker, und es gibt für alle, die, wollten sie schwedische Möbelbausätze selbst zusammenbauen, Kunstwerke in Salvadór-Dalí-Nachfolge schüfen, Tischler.

Die deutsche Versicherung IKK Classic zählt als immer noch aussichtsreiche Handwerksberufe auf: Steinmetze, die bei der Sanierung alter Gebäude ihr Können anwenden und auch Grabsteine schaffen – und weil leider nicht nur immer gestorben wird, sondern der lebende Mensch essen muss und das gerne mit Genuss verbindet, sind Konditoren gefragt. Doch die hohe Konditorkunst, der Zierrat aus Zucker, kommt jetzt schon einmal aus dem 3D-Drucker.

Gutes Brot ist wahre Handwerkskunst geblieben. 
- © Bildagentur-online / Getty

Gutes Brot ist wahre Handwerkskunst geblieben.

- © Bildagentur-online / Getty

Der Mensch freilich lebt nicht von Torten allein, er braucht auch Brot. Deshalb gehören Bäcker zum ewigen Handwerk. Und sie expandieren: Hochniveau-Bäckereien wie Felzl, Öfferl, Joseph und Gragger machen neue Filialen in Wien auf. Gut so, das zeigt, dass Konsumenten bereit sind, etwas höhere Preise für wesentlich besseres Brot und Gebäck zu bezahlen, das wirklich Handwerkskunst ist – und das Wort Handwerkskunst ist völlig bewusst gebraucht.

Wenn man sich daran dennoch, Gott bewahre, einen morschen Zahn ausbeißt, fertigt indessen nicht mehr der Zahntechniker die Krone, sondern der modern ausgestattete Zahnarzt vermisst den Zahn mit Computertechnik und druckt die Porzellankrone gleich auf dem eigenen 3D-Drucker aus.

Auch der Orthopädiemechaniker ist mit der Zeit gegangen: Das Holzbein ist so passé wie der kistenförmige Rollstuhl. Heutige Prothesen sind in hohem Grad funktionell. Natürlich errechnet der Orthopädietechniker mit dem Computer alle Kräfteverhältnisse und Feinmotorik-Abläufe. Rollstuhlbenützer wiederum setzen voraus, dass ihr Rollstuhl nicht nur so genau passt, als wäre er ein Maßschuh, sondern obendrein so schnittig aussieht wie ein Modeaccessoire. Es ist kein neues Handwerk, sondern eines, das sich auf der Basis der technischen und elektronischen Möglichkeiten neu erfunden hat.

Nicht einmal der Rauchfangkehrer ist, was er war: Er kommt zwar immer noch im schwarzen Arbeitsgewand mit weißer Haube daher, wie es seiner Zunft seit eh und je ansteht, bloß säubert er längst nicht mehr nur Rauchfänge und Kamine von rußigen Verschlüssen, sondern ist, genau genommen, ein Atemlufttechniker, der sich, mit elektronischer Unterstützung, versteht sich, darum kümmert, wie es in der Wohnung um das Verhältnis von Verbrennungsluft und Atemluft steht und wie man es verbessern kann. Womit es dabei bleibt: Man hat Glück, wenn er kommt, es kann lebenswichtig sein.

So sind also durch die Digitalisierung zwar kaum Handwerksberufe im engeren Sinn völlig neu entstanden, aber es hat ein Wandel stattgefunden. Das Handwerk ist mit der Zeit gegangen. Weiblicher geworden ist es obendrein. Selbst in den überlebenden alten Handwerksberufen gibt es jetzt Maler- und Anstreicherinnen, Installateurinnen, Schlosserinnen, Tapeziererinnen.

Manche der alten Handwerksberufe sehen allerdings tristen Zeiten entgegen, weil Nachwuchs und Bedarf fehlen. Ist es Nostalgie am falschen Platz, wenn man ihnen nachtrauert wie dem Taschner, dem Herrenschneider und dem Scherenschleifer?