Wasserfälle und Wildbäche gehören zur DNA von Osttirol – aber nirgendwo kommen sie so geballt daher wie im Umbaltal. Ungestüm und ohrenbetäubend laut poltert die junge Isel von den Hohen Tauern herab, sendet Gischt zu den Wanderern am Wasserschaupfad, gurgelt in Kolken, die die Fluten modelliert haben, und macht dann einen Satz über die nächste Geländekante. Etappe vier auf dem Isel-Trail, und hier zeigt sich der im Sommer 2020 eingeweihte Osttiroler Weitwanderweg von seiner spektakulärsten Seite.

Doch von Anfang an: Dem letzten weitgehend frei fließenden Gletscherfluss der Alpen bis zu seiner Geburtsstätte zu folgen – das ist die Idee hinter dem Isel-Trail. Von ihrem Ursprung am Umbalkees in 2.500 Metern Höhe rauscht die Isel als blau-grünes Band bis nach Lienz. Wenn sie mit der Drau verschmilzt, hat sie ein bezauberndes Mosaik von Flusslandschaften und Lebensräumen erschaffen. Ganz selbstverständlich – denn sie darf einfach tun, was in ihrer Natur liegt. Solche Freiheiten genießen in den Ostalpen ansonsten nur noch der Nordtiroler Lech und der italienische Tagliamento, die beide aber nicht Gletschern entspringen.

Dass die Isel in ihrer Ursprünglichkeit erhalten geblieben ist, ist alles andere als eine Selbstverständlichkeit. "Lange hat es gedauert", erinnert sich Wolfgang Retter. Zusammen mit seiner Frau Erika und Umweltaktivisten der ersten Stunde hat der Tiroler Biologe schon vor gut 50 Jahren Dampf für den Schutz des Wasserlaufs gemacht. Damals hatten das Land Tirol und die Elektrizitätswirtschaft den Plan aufgesetzt, fast alle Gletscherbäche vom Osttiroler Alpenhauptkamm abzuleiten und in ein gigantisches Speicherkraftwerk im Kalser Dorfertal münden zu lassen. "Die gesamte Dynamik der Gletscherbäche wäre verloren gegangen", erklärt der 83-Jährige, "und die Isel wäre ein ganz anderer Fluss geworden." Den Aktivisten schlossen sich Kalser Bauern an, die ihre Almweiden behalten und keine 220 Meter hohe Staumauer vor ihrer Haustür haben wollten. Der Widerstand wuchs, die Zeit spielte den Kraftwerksgegnern in die Hände. 1989 wurde das Mega-Vorhaben begraben, und mit der bald darauf erfolgten Einbringung von ausgedehnten Hochgebirgsflächen in den Tiroler Teil des Nationalparks Hohe Tauern schien das Thema abgehakt.

Rucksack geschultert und hinaus auf den Trail. Fünf Tage, so die Empfehlung der Touristiker, sollte man sich Zeit nehmen. Das erscheint großzügig bemessen, obwohl aus den 57 Flusskilometern etwa 75 auf Schusters Rappen absolviert werden. Doch ein gemütliches Tempo lässt den Outdoor-Liebhabern Gelegenheit, ihre Zehen ausgiebig in das kühle Nass zu stecken und das Naturerlebnis um den einen oder anderen Kultur-Abstecher zu ergänzen.

Gleich zu Beginn grüßt von einem Felssporn Schloss Bruck. Osttirols sommerliches Kultur-Kraftwerk präsentiert in einer Dauerausstellung das Werk von Albin Egger-Lienz, der einige der eindringlichsten Bauernporträts der Kunstgeschichte schuf und die Gräuel des Ersten Weltkriegs, die er als Maler an der Front miterlebte, in albtraumhafte Bilder fasste.

Einige Kilometer nordwestlich der Bezirkshauptstadt wird die Urkraft des Flusses erstmals erlebbar. Zur Schneeschmelze oder nach Unwettern geht es manchmal durch mit der Isel. Dann fährt sie ihre Ellbogen aus und krempelt ihr Flussbett auch mal ordentlich um. Angenagte Böschungen, sandige Uferpassagen, Schotterinseln und Nebenarme bleiben zurück. Diese Dynamik schafft Lebensräume für gefährdete Tier- und Pflanzenarten, die es an begradigten oder von Staudämmen eingebremsten Wasserläufen schwer haben. Auf den Kiesbänken wachsen Pionierpflanzen wie die seltene Deutsche Tamariske. Hoch schießt das Kraut empor, das mit seinen Pfahlwurzeln den Launen des Hochwassers trotzt.

Abenteuer und Abkühlung

Zwischen Matrei und Lienz bitten Rafting-Veranstalter zum Wildwasser-Tanz. 
- © TVB Osttirol / Adrenalin Outdoor Sports

Zwischen Matrei und Lienz bitten Rafting-Veranstalter zum Wildwasser-Tanz.

- © TVB Osttirol / Adrenalin Outdoor Sports

Die Kombination aus schattenspendenden Bäumen und eiskaltem Wasser macht das Flusswandern angenehm. An heißen Sommertagen zeigt sich, dass die Isel für das ganze Land ein wichtiger Klimafaktor ist – in Scharen pilgern die Einheimischen zu Picknick und Badespaß an ruhigere Gestade. In ihrem Unterlauf schüttelt die Isel Rafting-Passagiere durch, die von Matrei bis Lienz ein durchgehendes Wildwasser-Paradies vorfinden. Wer sich spontan auf ein Schlauchboot-Abenteuer einlassen will oder wen die Füße schmerzen, dem kommt entgegen, dass Osttirols Paradefluss bis zur letzten Etappe eine Busroute begleitet. Ein Einstieg in den Wanderweg ist allerorts möglich, und bei einem knappen Zeitbudget oder Schlechtwetter lassen sich Abschnitte bequem überspringen.

In Matrei, das sich an einem Sonnenhang über dem Fluss breitmacht, vollzieht die Flussschönheit einen Schwenk nach Westen. Als weißes Leuchten am Horizont sind nun erstmals die Riesen der Venedigergruppe auszumachen, die der Isel Nachschub zuführen. Abseits der Landesstraße arbeitet sich der Wanderweg durch Wälder auf der rechten Flussseite bis zum Ende des Virgentals und weiter in das einmündende Umbaltal voran. Die Isel kehrt nun ihre ungezähmte Seite hervor: Die Strömung wird flotter, die Einkerbung zwischen den Bergen tiefer, und die Wasserfälle, die ihr entgegenstürzen, werden zahlreicher.

Am Gegenhang thronen Bauernhöfe, stolz wie Burgen in ihrem sonnengebräunten Holzkleid, noch eine Etage darüber die Ortschaft Virgen mit ihren Quartieren und Gasthöfen. Die zusätzlichen Höhenmeter sind gut investiert: Der Blick zurück sorgt für Landschaftsbilder, die einem beim Dauer-Spazieren auf Flussniveau doch entgehen.

Und einmal mehr locken am Wegesrand kunsthistorische Kleinode. Etwa im Weiler Obermauern, wo die von uralten Höfen umgebene spätgotische Wallfahrtskirche Maria Schnee einen spektakulären Freskenschatz offenbart. Vor mehr als 500 Jahren kleidete der Pustertaler Maler Simon von Taisten die Wände des Gotteshauses mit einem farbenprächtigen Bilderbogen aus, der seinen Betrachtern Leben und Sterben Jesu mit großem Gespür für Dramatik näherbringt.

Die Umbalfälle bilden das Herzstück des Weitwanderweges. 1976 wurde entlang der Katarakte der erste Wasserschaupfad Europas angelegt. Er machte das bedrohte Isel-Idyll einer größeren Öffentlichkeit bekannt und entwickelte sich – bereits einige Jahre vor der Protestbewegung gegen das Donaukraftwerk Hainburg – zu einem Symbol gegen den Imperativ des Zubetonierens. Heute könnte der Isel-Trail zu einem Vehikel werden, um das Bewusstsein für diese einzigartige Wildflusslandschaft weiter zu schärfen. Denn nach wie vor schielt die Stromwirtschaft auf nicht unter Naturschutz stehende Abschnitte des Wasserlaufs und manche seiner Zubringer. "Mit dem Isel-Trail wird deutlich, dass fließendes Wasser in der Landschaft etwas ganz Besonderes ist", erläutert Wolfgang Retter, der bis 2020, ganze 47 Jahre lang, dem Verein Erholungslandschaft Osttirol (VEO) vorstand.

"Wasserfall-Watching" – Balsam für die Wanderseele

Stählerne Aussichtsplattformen bringen die Betrachter beinahe auf Augenhöhe mit den schäumenden Kaskaden, die vor gut zehn Jahren von der Nationalparkverwaltung als "Natur-Kraft-Weg Umbalfälle" neu inszeniert wurden. Am Nachmittag, wenn die Sonne die Eismassen am Talschluss zum Schwitzen gebracht hat, braust das Wasser mit Karacho durch die aus dem Gestein gefräste Schlucht. Es tost und donnert, dass man sein eigenes Wort kaum versteht.

Bald darauf dünnen die Wälder aus, und die Wanderer treten für die Schlussetappe in die Welt der Almen hinaus. Hier sind weitere Urgewalten am Werk. Almgebäude und Unterstände nutzen mächtige Findlinge als Schutz gegen die Lawinen, die bis in den Frühling von den steilen Berghängen herabdonnern. Und die Clarahütte des Alpenvereins, die auf über 2.000 Metern Höhe Unterkunft und Stärkung auf dem Weg zum Gletscher bietet, duckt sich in den Bergfuß, um den Schneemassen möglichst wenig Angriffsfläche zu bieten.

Finale am Umbalkees

Grandioses Wander-Finale: Am Umbalkees hat Osttirols wilder Fluss seinen Ursprung. 
- © TVB Osttirol / Ramona Waldner

Grandioses Wander-Finale: Am Umbalkees hat Osttirols wilder Fluss seinen Ursprung.

- © TVB Osttirol / Ramona Waldner

Noch sind auf etwas rauerem, blockgesäumtem Weg zwei Höhenstufen zu überwinden, bevor sich die von den Flanken der Dreiherrenspitze (3.499 Meter) herabfließende Gletscherzunge in ihrer ganzen Pracht erschließt. Vom gleißenden Weiß ganz oben spannt der Eisstrom einen Bogen zu Blaugrau, bevor er als junge Isel milchig-trüb zur Reise in die Drau, weiter in die Donau und ins Schwarze Meer aufbricht. Eine lebensfeindliche Welt? Von wegen! Im Vorhof des Gletschers feiert das Leben wieder eine Party. Hier tupfen gelbe Wildblumen das Grau von Granit und Gneis, dort nutzen angewehte Samen eine Mulde für ein botanisches Stelldichein im kurzen Sommer.

Kalter Wind pfeift vom Eisschild heran – der Gletscher scheint vor Kraft zu strotzen. Doch der Eindruck ist trügerisch. Seine Südausrichtung macht das Umbalkees – Kees ist Osttirolerisch für Gletscher – zu einem der anfälligsten Eisriesen der Ostalpen. Hunderte Meter an Ausdehnung hat die Gletscherzunge in den letzten Jahrzehnten verloren. Und das ist ein weiterer Grund, den Isel-Trail möglichst bald unter die Füße zu nehmen.