Als "Gipfelglück" bezeichnen Bergsteiger das Gefühl, endlich am höchsten Punkt eines Berges zu stehen – nach Stunden mühsamen, oft gefährlichen Aufstiegs, stets den Körper ignorierend, der vielleicht schon nach wenigen Stunden lieber aufgeben und umkehren will. Und was sind schon ein paar Blasen oder aufgeschürfte Handflächen…

Die Alpen sind seit langem ein Paradies für Bergsteiger, obwohl der erste, von dem wir wissen, dass er im Hochgebirge unterwegs war, nicht mit Glücksgefühlen und einem Gipfelsieg belohnt wurde: Ötzi fand den Tod im Eis der Ötztaler Alpen. Die Gletschermumie wurde 1991 am Tisenjoch gefunden und beweist, dass schon in der Jungsteinzeit Menschen in den Alpen unterwegs waren – aber mit ziemlicher Sicherheit aus anderen Gründen als der puren Freude am Bergsteigen.

Kühnes Unterfangen

Auch Hannibal bezwang die Alpen nicht aus sportlichem, sondern aus kriegerischem Ehrgeiz. Der Karthager hatte den Römern nach dem Ersten Punischen Krieg Rache geschworen und machte sich 218 v. Chr. auf nach Italien, um dem verhassten Feind in seiner ureigenen Heimat zu begegnen. Von Spanien aus führte der Feldherr wahrscheinlich 50.000 Fußsoldaten, 9.000 Reiter und 37 Kriegselefanten über die Alpen.

Hannibal überquert mit Elefanten und Pferden die Alpen. Der Fehler im Bild: In dieser Höhe lag Schnee und die Soldaten waren wohl dick eingemummt.... 
- © Dorling Kindersley / Getty

Hannibal überquert mit Elefanten und Pferden die Alpen. Der Fehler im Bild: In dieser Höhe lag Schnee und die Soldaten waren wohl dick eingemummt....

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Der genaue Weg ist bis heute umstritten, in Frage kommen die "Nordroute" durch die Schluchten Pontcharra und La Rochette, um dann entweder über den Col du Mont Cenis oder Col de Clapier in die Poebene zu gelangen. Die "mittlere Route" verlief vom Tal der Isère über das Pelvoux-Massiv zur Durance und von dort über den Col de Montgenèvre in die Poebene hinab. Als wahrscheinlichste Route gilt die "südliche Route" durch das Tal der Drôme, über den Col de Grimone und den Col de la Traversette. Auf diesem Weg hat ein internationales Team von Wissenschaftern unter der Führung des Geografen und Geologen William Mahaney von der York University in Toronto und des Mikrobiologen Chris Allen von der Queen’s University in Belfast eindeutige Spuren unter anderem in Form von Pflanzenfresser-Kotresten entdeckt, die darauf hindeuten, dass Hannibal tatsächlich diese Route genommen haben könnte.

Alpinismus in der Form, wie wir ihn heute verstehen, also das Bezwingen von Bergen aus Freude und Leidenschaft (oder sportlichem Ehrgeiz) begründete wohl Francesco Petrarca. Der italienische Gelehrte und Dichter erreichte am 26. April 1336 den Gipfel des Mont Ventoux in der französischen Provence. Die Besteigung des 1.912 Meter hohen Bergs gilt deshalb für viele als Geburtsstunde des Alpinismus, weil Petrarca dieses Erlebnis schriftlich festgehalten hat und in dem Bericht schreibt, dass er "allein vom Drang beseelt, diesen außergewöhnlich hohen Ort zu sehen" auf den Berg gestiegen war.

Nur wenig höher als der Mont Ventoux ist mit 2.087 Metern der Mont Aiguille in den französischen Alpen südlich von Grenoble. Doch er galt lange wegen seiner 300 Meter hohen Steilwände als unbezwingbar. Das weckte den Ehrgeiz von König Karl VIII., der seinem Kammerherrn Antoine de Ville im Jahr 1492 den Auftrag gab, den Gipfel zu erobern. De Ville kam, sah, kletterte – und die Erstbesteigung des Mont Aiguille war erfolgreich.

Startschuss im 18. Jahrhundert

Danach wurde es ruhiger um die und auf den Alpengipfel(n), bis 1762 ein Bauer namens Patschg "Schlagzeilen" machte: Der Mann aus dem Gasteiner Tal bestieg den 3.263 Meter hohen Ankogel in den östlichen Hohen Tauern – es war die erste überlieferte Gipfelbesteigung eines vergletscherten Dreitausenders in den Alpen und gleichzeitig der "Startschuss" für die Eroberung der Berge in aller Welt. Außerdem bekam das Wort "Alpinismus" seither eine zusätzliche Bedeutung, nämlich die des Extrembergsteigens, und die ist bis heute geblieben.

Auf die Besteigung des Ankogels folgte die des Mont Blanc, der mit 4.807,73 Metern als höchster Berg der Alpen gilt. Bezwungen wurde er 1786 vom Arzt Michel-Gabriel Paccard und dem Jäger und Bergsteiger Jacques Balmat. Und dann ging es Schlag auf Schlag, ein Alpengipfel nach dem anderen wurde erobert: der Mont Blanc, der Großglockner, der Watzmann, der Hohe Göll, der Ortler, das Matterhorn, der Eiger mit der Eiger-Nordwand und viele andere.

Im Vergleich zu dem, womit sich Bergsteiger heute auf den Weg machen, war die Ausrüstung im 18., 19. und Anfang des 20. Jahrhunderts nahezu primitiv, und das kostete etliche von ihnen das Leben. Oft lagen Triumph und Niederlage nur einen Sekundenbruchteil, einen Wimpernschlag des Schicksals auseinander – Steinschläge, Lawinen, Felsbrüche, schlechtes Wetter, besagte unzureichende Ausrüstung oder eine einzige falsche Entscheidung löschten ganze Teams aus.

Triumph und Drama

So endete etwa die Erstbesteigung des Matterhorns im Jahr 1865 in einer Katastrophe: Der Brite Edward Whymper und seine Seilschaft, zu der Lord Francis Douglas, Reverend Charles Hudson, Robert Hadow und die Bergführer Michel Croz aus Chamonix sowie Vater und Sohn Peter Taugwalder aus Zermatt gehörten, erreichten zwar über die Route von Zermatt über den Hörnligrat den Gipfel, am Rückweg wurde vier von ihnen jedoch die Nordwand zum Verhängnis: Der noch relativ unerfahrene, 18 Jahre alte Hadow rutschte aus, stürzte auf Michel Croz und zog Charles Hudson und Lord Francis Douglas mit sich. Das Seil, welches alle miteinander verband, war alt und nur als Reserve gedacht; beim Versuch Taugwalders, die Stürzenden zu halten, riss der Strick aufgrund der plötzlichen Anspannung. Nur zwei Jahre später verloren weitere vier Bergsteiger am Matterhorn ihr Leben.

Blick auf die Eiger-Nordwand, auch "Mordwand" genannt. 
- © Prisma by Dukas / Getty

Blick auf die Eiger-Nordwand, auch "Mordwand" genannt.

- © Prisma by Dukas / Getty

Ein Berg der Dramen ist auch die Eiger-Nordwand, sie erhielt sogar den Beinamen "Mordwand": 1935 starben bei einem Besteigungsversuch die beiden Münchner Bergsteiger Max Sedlmayr und Karl Mehringer – ein Wettersturz hatte alle Abstiegsversuche zunichte gemacht. Ein Jahr darauf kamen der Bad Reichenhaller Anderl Hinterstoißer, der Berchtesgadener Toni Kurz, der nach Deutschland ausgewanderte Salzburger Willy Angerer und der Innsbrucker Eduard "Edi" Rainer beim Versuch, die Eiger-Nordwand zu bezwingen, ums Leben. Ihre Tage am Berg, ihr dramatischer Tod und die Schwierigkeiten bei der Bergung der Verunglückten war Gegenstand zahlreicher Bücher und Filme, darunter auch "Nordwand" von Philipp Stölzl aus dem Jahr 2008. Erst 1938 gelang einer Viererseilschaft mit Anderl Heckmair, Heinrich Harrer, Ludwig Vörg und Fritz Kasparek die Erstbegehung. Insgesamt kostete die Eiger-Nordwand bisher mehr als 70 Bergsteiger das Leben.

Mit 1.691 Metern gehört der Traunstein im oberösterreichischen Salzkammergut zwar nicht zu den höchsten Bergen der österreichischen Alpen, doch wegen seiner steilen Anstiege und dem hohen Schwierigkeitsgrad zählt er zu den anspruchsvollsten. Was viele nicht berücksichtigen und so hat der Berg von 1879 bis Oktober 2021 bereits 143 Menschenleben gefordert.

Vorsicht ist geboten

Vor allem die bessere Erschließung und leichtere Erreichbarkeit der Alpen locken immer mehr Menschen in die Berge. Dass viele von ihnen immer noch nur unzureichend ausgestattet sind und wenig Ahnung von den Herausforderungen des Alpinismus haben, ist kaum zu glauben. Doch die Alpinunfallstatistik des Österreichischen Kuratoriums für Alpine Sicherheit (ÖKAS)/BMI Alpinpolizei zeigt das wahre Bild: Allein 2021 sind zwischen 1. Jänner und 31. Dezember 272 Menschen in Österreichs Bergen ums Leben gekommen. Davon waren 43 Frauen (16 Prozent) und 229 Männer (84 Prozent). Das langjährige Mittel von zehn Jahren liegt bei 286 Toten pro Jahr. Der Bundesländervergleich zeigt, dass Tirol, wie schon in den Jahren davor, Spitzenreiter bei den Alpinunfällen ist.

Die Bergsportdisziplin mit den meisten Unfalltoten im Jahr 2021 ist Wandern/Bergsteigen mit 111 Toten, gefolgt von tödlichen Unfällen beim Mountainbiken mit 16 Toten (Mittel 10 Jahre: 7 Tote) sowie Forstunfälle mit 28 Toten (Mittel 10 Jahre: 23 Tote). In der Altersgruppe zwischen 51 und 70 Jahren werden die meisten Alpintoten verzeichnet – 130 von insgesamt 272, das sind knapp 50 Prozent aller Alpintoten eines Jahres. Von den 272 Todesopfern starben im Jahr 2021 insgesamt 72 Personen an Herz-Kreislaufversagen, was somit neben Absturz und Sturz/Stolpern/Ausgleiten die Hauptunfallursache bei Alpinunfällen ist.

Müssen Verirrte, Verletzte oder Tote geborgen werden, kommt die Österreichische Bergrettung zum Einsatz: Sie wurde bereits im Mai 1896 gegründet, und zwar als "Alpiner Rettungsausschuß Wien" von den Ortsstellen Puchberg, Reichenau und Wien unter der Leitung des DÖAV (Deutscher und Österreichischer Alpenverein). 1946 geht der "Alpine Rettungsausschuß" im Österreichischen Bergrettungsdienst auf, mit dem der Name des alpinen Bergrettungspioniers Wastl Mariner untrennbar verbunden ist.

Immaterielles Kulturerbe

Welche Bedeutung der Alpinismus hat und dass er mehr ist als Bergsteigen und Klettern, zeigt sich in seiner Ernennung zum immateriellen Kulturerbe der Unesco, die 2019 auf Betreiben des französischen Alpenvereins Fédération Française des Clubs Alpins et de Montagne, zusammen mit dem Schweizer Alpenclub (SAC) und dem Club Alpino Italiano (CAI) erfolgte. Grundlage hierfür war die von diesen drei Vereinen vorgelegte Definition von Alpinismus: "Alpinismus ist die Kunst, Gipfel und Wände zu besteigen, aus eigener physischer und geistiger Kraft. Es müssen dabei natürliche, nicht künstliche Hindernisse überwunden, Risiken eingeschätzt und angenommen werden. Es geht dabei um Eigenverantwortung, Solidarität mit anderen und Respekt vor der Natur."