Egal, ob man mit der Fähre oder dem Tragflügelboot anreist: Gleich hinter den steil ins Meer abfallenden Klippen rückt eine Szenerie ins Bild, die wie eine mediterrane Theaterkulisse wirkt. Zahllose Fischkutter dümpeln zwischen Yachten und Segelbooten in der weitgeschwungenen Hafenbucht, die ein rosa Halbrund mit kleinen Geschäften, Bars und Lagerräumen säumt. Eine Rampe führt hinauf zu einer schmalen Straße, die sich mit ihren bunten, kubischen Häusern wie ein flirrender Streifen vom blauen Himmel abhebt. Es ist die Flaniermeile, das pulsierende Herzstück der Insel.

Urlaubermagnet

Ponza, mit knapp zehn Quadratkilometern die größte Insel des Pontinischen Archipels, ist unter den Römern keineswegs ein Geheimtipp. Im Sommer starten von den Küstenorten Anzio und Terracina mehrmals täglich Fähren und Schnellboote. Manche kommen nur für einen Tag oder ein Wochenende, andere verbringen den ganzen Sommer dort.

"Die ersten Urlauber kamen in den 60er Jahren, als das sogenannte Wirtschaftswunder begann", erklärt uns Maurizio Musella, der Tourismusreferent der Insel. "Wenig später entdeckte die Film- und Modewelt den Archipel. Man kaufte Häuser und Wohnungen, gab ihnen eine persönliche Note und begann, sie an Feriengäste zu vermieten. Bekannte Schriftsteller und Regisseure verliebten sich schon bald in die für die Insel typischen ‚case grotte‘, in den Tuffstein geschlagene Höhlenwohnungen, und renovierten sie zum Privatgebrauch nach dem Motto: Urlaub in einem naturbelassenen Ambiente – weit weg von Reflektoren und überfüllten Stränden. Inzwischen gehören italienische Filmgrößen und Fußballlegenden, die inkognito urlauben wollen, längst zum sommerlichen Alltag auf Ponza."

Antiker Verbannungsort

Der 22 Seemeilen vom Festland entfernte Archipel war schon in der Antike ein Begriff. Homer ließ die Inseln in seiner "Odyssee", in der die Zauberin Circe Odysseus auf die Insel lockt, in die Poesie eingehen. Doch erst die antiken Römer begannen mit der Besiedlung. Ihnen dienten die Inseln vor den Toren der Kapitale vor allem als willkommener Verbannungsort für unliebsame Familienmitglieder. Im Jahr 537 wurde Papst Silverio auf den Archipel verschleppt, wo er bald darauf starb. Heute ist er der Schutzpatron Ponzas und wird alljährlich am 20. Juni mit einer Prozession und einem gigantischen Feuerwerk gefeiert. Ein Ereignis, zu dem eigens die Nachfahren der Auswanderer anreisen, die zu Beginn des 20. Jahrhunderts scharenweise in die USA emigrierten. Mit ihren großzügigen Spenden konnten in der Nachkriegszeit Häuser gebaut, Trattorien eröffnet und moderne Fischkutter angeschafft werden.

Von Fischen und Fangquoten

"Neben dem Tourismus ist der Fischfang für die Ponzesen nach wie vor von großer Bedeutung", erzählt Gennaro, Besitzer einer der ältesten Fischläden auf der Insel. Er verkauft nur, was er selbst fängt. In der Urlaubssaison beliefert er täglich ein paar Dutzend Restaurants mit fangfrischer Ware – "vorausgesetzt, das Wetter macht‘s möglich!"
Auf fast jeder Speisekarte stehen "Spaghetti allo scoglio", mit Meeresfrüchten, und "Fettucine alla bottarga", mit Rogen vom Schwertfisch oder der Meeresäsche – Köstlichkeiten, für die Feinschmecker aus Rom und Neapel oft stattliche Rechnungen bezahlen. Und natürlich Sardellen, Garnelen und Thunfisch in allen Varianten, "obwohl wir uns seit einigen Jahren, zur Erhaltung speziell der Thunfischbestände, an die von der EU vorgegebenen Fischereirichtlinien halten müssen. So prall wie früher sind unsere Netze nicht mehr gefüllt!"

Wegen seiner Schönheit und dem allzeit azurblauen Meer wird Ponza auch das Capri Roms genannt. 
- © Sigrid Mölck-Del Giudice

Wegen seiner Schönheit und dem allzeit azurblauen Meer wird Ponza auch das Capri Roms genannt.

- © Sigrid Mölck-Del Giudice

Der Mix aus enthaltsamer Schickeria und authentischer Bodenständigkeit verleiht Ponza im Sommer einen besonderen Charme. An lauen Abenden kann man im "Tripoli", der ältesten Bar am Platz, die Fischer ungestört beim Kartenspielen beobachten. Ab September nehmen Sportler und Aquanauten den Archipel in Besitz. Das glasklare, in allen Blautönen schimmernde Wasser und Relikte einst gestrandeter und im letzten Weltkrieg versenkter Schiffe locken vor allem Taucher von überall her an. Sie machen fast 50 Prozent des Tourismus aus.

Highlight Bootsausflug

"Man muss nicht unbedingt tauchen, aber ohne einen Ausflug mit dem Boot hat man die Insel nicht wirklich erlebt", meint Maurizio Musella. Am Hafen werden in der Haupturlaubszeit täglich mehrmals Rundfahrten angeboten. Einen halben Tag dauert die Fahrt generell – vorbei an zahllosen Buchten und Klippen, denen der Volksmund kuriose Namen gegeben hat wie Höllenbucht, Polypenspalter oder Stumme Hose, umrankt von fantasievollen Anekdoten. Highlight jeden Ausflugs ist die Höhle des Pontius Pilatus, dem die Insel der Legende nach ihren Namen verdankt. Mittags serviert der Capitano für gewöhnlich appetitliche Snacks – natürlich mit Fisch, aus den Netzen der ponzianischen Fischer.

Die Natur auf Ponza ist typisch mediterran und vor allem noch weitgehend intakt. Das verdankt sie unter anderem den rigorosen Auflagen der Kommune, die auf der Insel – außer Lieferwagen und Shuttle – nur einen begrenzten Autoverkehr mit überwachtem Geschwindigkeitslimit erlaubt.
Manche Strände erreicht man auch gut zu Fuß. Nach Cala Frontone, Ponzas schönstem Strand, seit die traumhafte Badebucht Chiaia di Luna wegen Steinschlags aus Sicherheitsgründen gesperrt wurde, führt ein steiler Weg über eine Panoramastraße hinunter. Etwas oberhalb hat Gerardo Mazzella neben einem Restaurant, das Gourmets eigens wegen seiner Linsen- und Platterbsensuppe aufsuchen, ein kleines ethnologisches Museum mit liebevoll zusammengetragenen Utensilien und Einrichtungsgegenständen aus verflossenen Zeiten eingerichtet.

Romantiker zieht es nach Cala Feola, einer stimmungsvollen Bucht, die im Laufe der Jahrtausende vom Meer wie eine Wanne in den Tuffstein hineingewaschen wurde.

Aussicht auf mehr

Den schönsten Blick über die Insel und das Meer aber bietet der mit 283 Metern höchste Berg des Eilands, der Monte La Guardia. Bei klarem Wetter kann man die Silhouette der Nachbarinseln Ventotene und Santo Stefano erkennen, die mit Palmarola und Zannone zum Pontinischen Archipel gehören. Ein Panorama, das der ligurische Lyriker und Nobelpreisträger Eugenio Montale einmal mit den Worten beschrieb: Ponza ist "eine Insel, die es verstanden hat, eine Insel zu bleiben, ein Mikrokosmos für sich". "Wir arbeiten ständig daran", sagt Musella, "dass es auch so bleibt. An seiner Beliebtheit konnte selbst Covid in den letzten Jahren nichts ändern!"