Es ist ein klarer, für den Sommerbeginn viel zu kühler Morgen. Typisch für das Waldviertel, wo alles immer ein bisschen kühler und uriger ist. Michael Jäger, Kometenforscher aus Leidenschaft, stört das nicht weiter, ist er doch kühle Nächte im Waldviertel gewohnt. Der Pensionist ist zudem schon damit beschäftigt, an seinem Arbeitsgerät erste Justierungen vorzunehmen. Das weiße, 1,2-Meter lange Teleskop, ausgestattet mit allerlei Kameras und Zusatzgeräten, steht in einer ebenso weißen Holzhütte, die technisch alle Stücke spielt.

Mit einem sanften Surren lässt Jäger das Dach seiner weißen Beobachtungsstation nach hinten gleiten. Danach werden das Teleskop aufgerichtet, die Messgeräte temperiert, der Laptop hochgefahren und die Spezial-Kamera ohne Rotfilter aktiviert. Schon ist Jäger bereit, seiner Passion nachzugehen. Der ehemalige Journalist hat sich auf die Beobachtung von Kometen im Sonnensystem spezialisiert. Und das nicht nur zum Selbstzweck. Er steht im Austausch mit dem Minor Planet Center der Internationalen Astronomischen Union, wo die Beobachtung von Kleinkörpern im Sonnensystem zentral erfasst wird. Die Waldviertler Sternwarte liefert dabei regelmäßig neue Daten zur Bahnberechnung von Kometen.

Es ist ein kleines Areal etwas außerhalb von Martinsberg (Bezirk Zwettl), auf dem nun Astronomie betrieben wird. Früher war das ein Lagerplatz der Gemeinde. Aber heute sind die Gebäude der Astronomen von weitem über die Felder her sichtbar. Dass das so ist, ist dem Wiener Pensionisten Josef Trinko zu verdanken, der hier in den späten sechziger Jahren ein erstes Observatorium in einer kleinen Holzhütte baute. Er war auf der Suche nach einem möglichst dunklen Ort zur Beobachtung auf Martinsberg gestoßen. Leider blieben dem passionierten Hobby-Astronomen nur wenige Jahre, um sein Werk zu genießen. Nach seinem Tod Ende der sechziger Jahre fiel das kleine Observatorium an die Gemeinde. Und damit vorerst in einen Dornröschenschlaf.

2.700 Stunden Restauration

Erst 1999 besann man sich auf das Juwel und begann mit viel freiwilligem Einsatz, die Hütte samt Teleskop komplett zu renovieren. Gerhard und Alwin Janu steckten mit Helferinnen und Helfern 2.700 Stunden freiwillige Arbeit in das Projekt, das danach wieder für interessierte Besucher zur Verfügung stand. In den letzten Jahren entstanden mehrere weitere Gebäude auf dem Areal, das sich 2021 zu einem "Astronomischen Zentrum" gemausert hat. Erst im Vorjahr wurde mit Hilfe von Gemeinde und Land ein Vortrags- und Versammlungsraum gebaut. Nun gibt es auch erstmals ein Jahresprogramm, das auf der Website zur Verfügung steht (siehe Kasten). Ein Verein, bestehend aus rund 90 Mitgliedern, verwaltet das Areal und bietet Schulungen, Beobachtungen, Vorträge und Wanderungen an.

Komet Neowise über Martinsberg im Juli 2020. 
- © Michael Jäger

Komet Neowise über Martinsberg im Juli 2020.

- © Michael Jäger

Michael Jäger ist mit seinem Teleskop ein Teil des Vereins. Sein Observatorium hat er ebenso auf dem Gelände gebaut. Nach seinem Tod gelangt es ebenso in den Besitz der Gemeinde. Auch ein weiteres privates Observatorium ist bereits in Planung. Mit Jägers Teleskop ist die Betrachtung von vielen Objekten der Milchstraße möglich, wie die Objekte des Messier-Katalogs, die alle Hobby-Astronomen gut aus ihren Beobachtungen kennen. Seine Leidenschaft, die Kometen, lässt Jäger jedoch nicht los. Immerhin hat er bereits zwei entdeckt, von denen einer sogar seinen Namen trägt. Der Komet 290/P "Jäger" mit einer Umlaufzeit von 15 Jahren ging ihm schon Ende der 90er Jahre ins Netz. Doch solche Funde sind heute selten geworden, wird das Feld doch von professionellen Sternwarten, vorwiegend aus den USA, intensiv beforscht. "Man braucht drei Dinge, um so einen Erfolg feiern zu können", resümiert Jäger: "Viel Zeit, Geduld und natürlich etwas Glück."

Apropos Geld: Astronomie ist ein Hobby, bei dem man durchaus auch etwas tiefer in die Tasche greifen kann, wenn man es ernst nimmt. Jäger schätzt seine Investitionen im Laufe seiner Hobby-Karriere auf etwa 50.000 Euro. Wobei er gleich relativiert: "Andere fahren ein teures Auto, ich leiste mir dafür lieber ein gutes Teleskop."
Tatsächlich gibt es aber auch Hobby-Astronomen, die gar keine eigene Ausrüstung ihr Eigen nennen: Sie analysieren Bilder und Daten, die von den professionellen Forschungseinrichtungen publiziert werden. Auch diese haben nicht unendliche Ressourcen und sind dankbar, wenn "Citizen Scientists" die Auswertungen übernehmen. Auch hier können mitunter Entdeckungen gemacht werden, wenngleich die "Wohnzimmer-Astronomen" von echten Sternguckern immer ein wenig mitleidig angeschaut werden. Immerhin ist es doch auch die hingebungsvolle Anschaffung und Pflege des Materials, das das Herz von Astronomie-Begeisterten höherschlagen lässt.

So wie Astronom Jäger, der mittlerweile an dem historischen Teleskop aus den sechziger Jahren zugange ist. Das gute Stück muss sich keinesfalls verstecken, hat es doch eine beachtliche Brennweite von 3,5 Metern. Nimmt man den Mond der Erde ins Visier, ist das Bild so groß, dass der ganze Mond gar nicht ins Okular passt, sondern man Stück für Stück beobachten muss. Mechanik-Fans wird ein weiteres Feature des Teleskops begeistern, verfügt es doch über eine vollmechanische Nachführung, die durch ein Uhrwerk aus Messingrädern angetrieben wird. Trotz der sechzig Jahre, die das Gerät auf dem Buckel hat, ist es dank liebevoller Pflege gut in Schuss und wird vor allem für Beobachtungen im Sonnensystem und zur Demonstration bei Führungen und Vorträgen verwendet.

Auf dem Gelände des Astronomischen Zentrums sticht ein weiteres Gebäude ins Auge, ein Turm aus Beton mit Geländer an der Spitze. An seinem Kopf sind zwei Kameras montiert, die den Himmel jede Nacht beobachten. "Feuerball Observatorium" steht an dem Turm. Tatsächlich sind die Kameras ein Teil eines internationalen Netzwerks zur Beobachtung von Meteoren. Leuchtet ein Meteor am Nachthimmel auf, wird seine Bahn von an die zwanzig Kameras an verschiedenen Orten verfolgt. Daraus kann man errechnen, wo der Meteorit eingeschlagen haben müsste. Danach machen sich Menschen auf die Suche nach den Überresten, die von sehr klein bis zu einem halben Meter groß sein können. Das Projekt wird von der Tschechischen Akademie der Wissenschaften geleitet und ist ein gutes Beispiel für grenzüberschreitende Forschungskooperationen.

Hilfe für Hobby-Astronomen

Lagunennebel im Sternbild des Schützen: Die roten und blauen Nebel und die Sternenvielfalt sind in der Nähe des Zentrums unserer Milchstraße angesiedelt. 
- © Michael Jäger

Lagunennebel im Sternbild des Schützen: Die roten und blauen Nebel und die Sternenvielfalt sind in der Nähe des Zentrums unserer Milchstraße angesiedelt.

- © Michael Jäger

Das Astronomische Zentrum kann am besten im Rahmen von Veranstaltungen, aber auch privaten Führungen (ab sechs Personen möglich), besucht werden. Mitte Juni kommt eine Schulklasse aus Martinsberg zu einer Lesenacht vorbei, der Besuch der Sternwarte ist dabei natürlich ein Highlight für die Kids. "Aber auch Hobby-Astronomen, die einen geeigneten Ort für eigene Beobachtungen suchen, sind willkommen", sagt Jäger. Der großzügige, befestigte Parkplatz wird gerne als Platz für Beobachtungen verwendet. Für Hobby-Astronomen stellt die Sternwarte auch Strom und andere Infrastruktur zur Verfügung. Der Bau einer Beobachtungssäule (auf die man dann sein eigenes Teleskop montieren kann) ist bereits angedacht. So spart man sich den Transport eines eigenen Stativs.

Doch warum muss man überhaupt so weit wegfahren, wenn man Sterne, Monde und Galaxien beobachten will? Ginge das nicht auch in den Ballungsräumen? "Leider nicht", sagt Jäger, "denn die Lichtverschmutzung ist ein großes Problem. In und um die Städte gibt es so viel Streulicht, dass die Kinder gar nicht mehr wissen, wie ein echter Sternenhimmel tatsächlich aussieht." Ein Umstand, den nicht nur Astronomen bedauern. Das Problem hat man in Martinsberg nicht mehr, liegt der Ort doch ziemlich genau zwischen den Ballungsräumen Wien und Linz. So wird sogar ein Himmel der Klasse 3 nach der Bortle-Skala möglich. Diese neunteilige Skala (wobei 1 der beste Wert ist und 9 der schlechteste) gibt Auskunft darüber, wie gut ein Standort für Beobachtungen ist. Die Klassen 1 und 2 kommen in Mitteleuropa übrigens nicht mehr vor. Wer einen Himmel der Klasse 1 will, muss sprichwörtlich "in die Wüste".

Dass immer mehr Landstriche von Lichtverschmutzung betroffen sind, ist nicht nur für Astronomen ein Problem, kann Licht doch auch Tiere irritieren und schlimmstenfalls töten. Biologen warnen schon länger, dass Nacht auch Nacht sein sollte, zumindest in weiten Flächen in der Natur. Die Einführung von harter LED-Beleuchtung verschärft das Problem mittlerweile noch zusätzlich. Daher unterstützt man in Martinsberg das Internationale Dark Skies Movement. Auch wenn wirklich dunkle Nächte im Waldviertel noch nie eine Seltenheit waren.