Unten in der Kajüte scheppert es gewaltig. Offenbar waren ein paar Trinkgläser nicht gut verstaut. Nachsehen macht in diesem Moment allerdings nicht viel Sinn, denn die Neigung der gecharterten Segelyacht – Profis sagen "Krängung" dazu – liegt bei gefühlten 45 Grad, und der Seegang ist beachtlich. Natürlich sind das die Worte eines Anfängers, denn mehr als 25 Grad Krängung erreichen wir selten, und bei den Wellen, die wir an diesem Tag erleben, schärfen erfahrene Segler gerade erst einmal ihre Konzentration.

Wir segeln in Kroatien, vor der dalmatinischen Küste, die als einmaliges Segelgebiet und als ideal für Neulinge gilt. Das liegt an den unzähligen Inseln, die zum einen kurze Strecken ermöglichen und zum anderen die Winde über der offenen Adria bremsen, sodass sich die Höhe der Wellen üblicherweise in Grenzen hält. Die hohe Dichte an Häfen hat eine regelrechte Charterkultur entstehen lassen: Man findet praktisch überall entlang der Küste Unternehmen, die Boote in allen Varianten, Längen und Preisklassen jeweils wöchentlich (immer Samstag bis Samstag) vermieten. Es gibt Motorboote und vor allem Segelboote, die wiederum in klassische Segelyachten und in zweirumpfige Katamarane unterteilt werden können. Katamarane haben den Vorteil, dass sie stabiler auf dem Wasser liegen und aufgrund ihrer größeren Breite mehr Platz bieten – was allerdings die Liegegebühren in den Marinas erhöht.

Eine Segelyacht gilt als sportlicher als ein Katamaran, auch wenn sich in unserem Fall die Arbeit auf der gecharterten "Painkiller" (englisch für "Schmerztablette") in Grenzen hält. Die "Painkiller" ist eine Hanse 505, ein 15 Meter langes, räumlich effizient ausgestattetes Segelboot mit einem Wohnraum inklusive Salon mit Gasherd, fließendem Wasser, vier geräumigen Kabinen und drei Toiletten. Unser Skipper Dado schläft in einer kleineren Kammer. Dado macht das meiste auf dem Schiff alleine – bis wir darauf bestehen, selbst Hand anzulegen. Über die "Winch", die Seilwinde, fahren wir gelegentlich das Haupt- und Vorsegel (die sogenannte "Genua") aus und ein, und justieren die Segel ideal zur Windrichtung.

Zick-zack ohne No-Go

Der Autor ist der einzige in der fünfköpfigen Crew ohne Segelschein, und er lernt täglich dazu: Etwa, wie man bei Gegenwind vorankommt (indem man "kreuzt", also einen Zick-Zack-Kurs fährt), was ein "Selbstwendefock" ist, und dass das Tragen von Straßenschuhen an Bord als No-Go gilt. Die eigens gekauften Segelschuhe – helle Sohle mit feinem Profil! – werden nicht benötigt. Wir haben durchgängig strahlendes Foto-Wetter und sind an Deck ohnehin nur Barfuß unterwegs.

Täglich fahren wir in einer der naturbelassenen Buchten per Fernbedienung den Anker aus – für sieben Meter Tiefe wird die dreifache Kettenlänge benötigt – und hüpfen über die heruntergefahrene Heckklappe ins glasklare Salzwasser. Zur Ausstattung der Yacht zählt eine Taucherbrille mit Schnorchel, mit der sich der Meeresboden erkunden lässt. Dort wächst Seegras, im Sand leben kugelrunde Seeigel sowie Seegurken, und zwischen blau schimmernden Fischen und kleinen Meerbrassen huscht eine Dorade vorbei. Neben Petersfischen landen Doraden in den Konobas, den kroatischen Restaurants, an diesen Tagen fast täglich auf unseren Tellern.

Auf dem Weg zum Kornati-Nationalpark passieren wir eine von Steinmauern übersäte Insel. Die sind auf den dalmatinischen Inseln grundsätzlich keine Seltenheit – sie dienen der Landwirtschaft als Windschutz und markieren Grundstücksgrenzen – aber die Insel Baljenac ist laut unserem Skipper besonders: Ihr Name bedeutet "Fingerabdruck", und genauso sieht sie aus der Luft aus – was wir auf unseren Smartphones mithilfe von Google Maps gleich überprüfen.

Nicht alle Inselnamen liegen dermaßen auf der Hand. "Omas Hintern" heißt eine, "Kleines Freudenmädchen" eine andere. Das soll mit den Österreichern zu tun haben, die um 1830 alle Eilande kartographierten und Kataster anlegten. Weil viele Inseln noch keine Namen trugen, dachten sich die Einheimischen einfach rasch welche aus.

Eine weitere Besonderheit sind die nahezu unbewohnten Kornaten: Im Gegensatz zu den meisten anderen Inseln an der dalmatinischen Küste sind sie nicht bewaldet, jeder Baum auf den steinwüstenähnlichen Hügeln ist eine Rarität.

Exklusive Buchten

"Dolphins!", ruft Dado in den heiteren Himmel, und tatsächlich: Zwei Delfine holen, Seite an Seite, nur wenige Meter von uns entfernt Luft und begleiten uns eine Weile. Delfine habe er in den Kornaten erst drei- oder viermal gesehen, sagt der Skipper, das muss heute Abend gefeiert werden. Wir fahren die langgezogene Hauptinsel Kornat entlang, in deren Buchten vereinzelt Steinhäuser mit roten Dächern und Anlegesteg davor zu sehen sind. Das sind Konobas, die ausschließlich mit Booten angesteuert werden können. Unser Ziel ist die Konoba Beban in der Lopatica-Bucht. Allein für dieses Ziel hat sich diese Reise bereits gelohnt. Obwohl auf dem Hang hinter dem Lokal genügsame Schafe grasen, finden wir auf der Speisekarte zum Zeitpunkt unseres Besuchs noch kein Lammgericht. Stattdessen gibt es frischen Fisch zu kroatischem Weißwein der Rebsorte Pošip, die in ihrer Vielseitigkeit und ihrer leichten Würze gewisse Parallelen mit dem Grünen Veltliner aufzuweist.

Sonnenuntergang über den Kornaten, von der Marina Zlarin aus gesehen. 
- © Stephan Burianek

Sonnenuntergang über den Kornaten, von der Marina Zlarin aus gesehen.

- © Stephan Burianek

Zuvor geht es aber noch den Hügel hinauf, mit festen Schuhen ein einfacher Aufstieg, von wo aus sich im warmen Abendlicht ein malerischer Blick auf die unzähligen Inseln, einem einstigen Piratenparadies, bietet.

Die Zeit auf dem Boot vergeht rasch. Es gibt immer etwas zu tun oder zu sehen. Auf hohen Felsen der Insel Mana stehen Ruinen, die nach dem Mittelalter aussehen, aber in den 1950-er Jahren für den Film "Raubfischer in Hellas" (mit Maria Schell) errichtet wurden. Oder wir beobachten ein Flugzeug der Feuerwehr, das zu Übungszwecken an der Meeresoberfläche Wasser sammelt und nach einigen Metern wieder ablässt. Ein erfahrenes Crewmitglied aus der Ostsee fasziniert die Tatsache, wie nahe die Boote an den Inseln vorbeifahren können. Sie fallen tief ins Meer ab, was das Segeln in Dalmatien vergleichsweise sicher macht. Selbst wenn wir zwischen zwei Inseln durchfahren, zeigt die elektronische Seekarte auf dem Bildschirm hinter dem Steuerrad in der Regel eine Meerestiefe von fünfzig Metern oder mehr an.

Unvergesslich bleibt auch die gut ausgebaute Marina Hramina, einer von drei Yachthäfen der Stadt Murter auf der gleichnamigen Insel. Nach fast drei Tagen ohne vollwertige Dusche fühlt man sich dort nach einem Besuch des geräumigen Duschhauses wie neugeboren – zwar lässt sich auf der "Painkiller" der Wasserhahn neben der winzigen Kloschüssel auch als Duschkopf verwenden, aber das bleibt eher Theorie. In neuer Frische schmeckt es in dem Restaurant direkt gegenüber der Hafenduschen oder in einem der zentralen Uferlokale dann mindestens doppelt so gut.

Flaute mit Drehung

Am letzten Segeltag darf der Rookie auch mal ans Steuerrad. Leider ist Flaute, mehr als drei Knoten sind nicht drin. Das reicht aber, um das Boot unkontrolliert um die eigene Achse drehen zu lassen, wenn man das Ruder zu forsch bedient. Irgendwann beschließt Dado, die Segel einzuholen und den Motor anzuwerfen, sonst schaffen wir es an diesem Tag wohl nicht mehr in den Hafen von Šibenik. Šibenik ist eine schmucke Stadt auf halbem Weg zwischen Zadar und Split, mit venezianischen Gassen, einer kleinen Kathedrale und drei Festungsanlagen, die einst als Schutz gegen die Osmanen errichtet wurden und nun herrliche Ausblicke auf die Stadt und auf den Fjord bieten. In der dortigen Marina Madalina hat der Eigentümer der "Painkiller", der Charteranbieter NCP & Mare, seinen Sitz, und dort werden wir das Boot auch wieder zurückbringen müssen.

Weil uns bis zur Rückgabe am Samstag noch zwei Nächte bleiben, brechen wir am Freitag zum finalen Highlight auf und tuckern die Krka, die bei Šibenik ins Meer mündet, flussaufwärts. Die Segel bleiben eingefahren – der Fluss ist zu schmal zum Segeln, außerdem wäre die Strömung wohl zu stark. Im Brackwasser bei Šibenik geht es an Muschel- und Austerfarmen vorbei, von denen manche quasi "ab Hof" verkaufen bzw. die Austern zum sofortigen Verzehr gleich öffnen. Wir haben für diesen Fall vorgesorgt und halten für ein proteinreiches Champagnerfrühstück bevor der Wasserweg durch eindrucksvolle Schluchten und über einen See (Badestopp!) zum schmucken Hafenort Skradin führt, wo wir einschiffen. Von Skradin aus legt regelmäßig die Fähre in den Krka-Nationalpark ab. Der mehrere hundert Meter lange Wasserfall Skradinski buk lieferte einst Strom über die erste Wasserturbine Europas, heute führen Stege um ihn herum, von denen aus man neben dem mehrstufigen Wasserfall kleingewachsene Lachse im Wasser beobachten kann. Kaiser Franz Joseph soll mit Sisi auch mal hier gewesen sein. Die für diesen Anlass eigens errichtete Plattform darf heute jedermann (und jede Frau) betreten.

Es gäbe noch weitere Wasserfälle und das Visovac-Inselkloster zu sehen, aber wir brechen am Samstag früh auf, um die "Painkiller" rechtzeitig in Šibeniks Marina Madalina zurückzugeben. Vor dem Einlaufen in den Hafen montieren wir seitlich des Rumpfes die "Fender" an die Reling, Schutzballone aus Gummi, die Einparkschäden verhindern. Wir werfen dem Hafenpersonal die Leinen zu und befestigen die Mooringseile am Bug. Wir sind jetzt ein eingespieltes Team. Wie immer nach dem Anlegen ruft Dado: "Where is my beer?" – ein letztes Mal trinken wir den unter Seglern obligatorischen "Anleger".

 

Die Reise erfolgte auf Einladung von Master Yachting (siehe Infobox).