Vieles hat sich verändert, seit das Telefon Einzug in Privathaushalte hielt. Ein klingelndes Telefon war früher ein Imperativ. Man lief zum Hörer, es könnte schließlich etwas oder jemand Wichtiges sein. Das ungeschriebene Gesetz lautete damals bei vielen: Mittags, nach 18 Uhr und am Sonntag ruft man nicht an. Mit der Erfindung der Anrufbeantworter nahm dieser Stress deutlich ab, denn man konnte herausfinden, wer angerufen hatte, und zu einem späteren Zeitpunkt zurückrufen.

Die Rufnummernanzeige war ein weiterer Schritt weg von der anfänglichen Telefonier-Euphorie: Wer schon vorher weiß, wer dran ist, kann entscheiden, ob er mit dieser Person überhaupt sprechen möchte.
Heute sieht die Kommunikation schon ganz anders aus als zu Beginn. Gab es früher kaum Filme oder Serien, die ohne das Klischee von ständig telefonierenden Teenie-Mädchen auskamen (man denke nur an Lynn im ALF-Vorspann, die sich mit Telefon samt Kabel im Schrank versteckt), gibt es heute kaum noch überzogene Telefonrechnungen.

Das liegt zwar auch an den heute üblichen Flatrates, Millennials – also diejenigen, die zwischen 1980 und den späten 90er Jahren geboren sind – meiden das Telefonieren jedoch tendenziell. Sie ziehen die sogenannte "asynchrone", also zeitversetzte Kommunikation vor. Laut verschiedener Studien geben nicht wenige von ihnen an, das Telefonieren zu hassen oder prinzipiell nicht abzuheben, wenn sie unangekündigt angerufen werden – außer im beruflichen Kontext, wenn es keine Alternativen gibt. Eigentlich paradox für eine Generation, die das Smartphone grundsätzlich ständig griffbereit hat. Allerdings werden dabei eher Funktionen wie die Kamera, die Sozialen Medien oder der Kalender genutzt. Klingelnde Telefone werden skeptisch beobachtet, eingehende Anrufe meist ignoriert, kaum jemand ruft noch zurück oder hat sein Handy nicht auf lautlos. Telefonisch einen Arzttermin ausmachen? Für viele eine echte Überwindung. Nicht ohne Grund bieten manche Arztpraxen oder Friseursalons schon Online-Terminvereinbarungen an.

"Sprachi" statt Anruf

Die Gründe für die grassierende Telefonier-Unwilligkeit sind vielfältig. Ein Faktor ist, dass Nachrichten-Apps wie WhatsApp, Signal, Telegram, Messenger oder Threema genug andere Kommunikationsmöglichkeiten bieten. Früher hatte man zu einem Anruf so gut wie keine schnelle Alternative. Textnachrichten lassen sich heute mithilfe von Emojis, Fotos, GIFs, Videos und Links kreativ gestalten.

Sprachnachrichten stoßen auf geteilte Meinungen: Die einen lieben ihre "Sprachis", weil sie dabei nach Herzenslust quatschen können und niemand sie unterbricht. Manche bezeichnen das sogar als therapeutisch. Andere wiederum mögen die eigene Stimme auf Band nicht oder sind genervt, sich minutenlang die geistigen Ergüsse von Bekannten anhören zu müssen. Vorteile der Sprachnachrichten sind jedoch, dass man sie sich anhören kann, wann es einem am besten in den Tagesablauf passt – und dass man mittlerweile die Wiedergabegeschwindigkeit erhöhen kann. Bei besonders ausschweifenden Personen kann letzteres durchaus Sinn machen.

Hebt niemand ab? Vielleicht haben Sie ja die Anstandsregeln des Telefonierens verletzt: Nicht zu Mittag, nach 18 Uhr und am Sonntag anrufen. 
- © Debrocke / ClassicStock / Getty

Hebt niemand ab? Vielleicht haben Sie ja die Anstandsregeln des Telefonierens verletzt: Nicht zu Mittag, nach 18 Uhr und am Sonntag anrufen.

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Ein weiterer Faktor: Die Person am anderen Ende könnte eine andere Meinung haben als man selbst, Textnachrichten können also auch als Mittel zur Konfliktvermeidung eingesetzt werden. Eine repräsentative Studie des deutschen Digitalverbands Bitkom ergab, dass Sprachnachrichten vor allem bei den Jüngeren beliebt sind. 73 Prozent der 14- bis 29-Jährigen nutzen sie, in der Altersgruppe 30 bis 64 sind es 50 Prozent, bei den über 50-Jährigen nur mehr 31 Prozent.

Kein Schwein ruft mich an – zum Glück!

Gibt es für manch älteren Menschen nichts Unhöflicheres, als einen verpassten Anruf mit einem schriftlichen "Was gibt’s?" zu beantworten, denken Millennials und die Generation Z (geboren ab 1999) anders: Sie empfinden unangekündigte eingehende Anrufe als viel unhöflicher, als Überfall, als Eindringen in die Privatsphäre. Man wird gezwungen, die aktuelle Tätigkeit zu unterbrechen, sofort zu reagieren, auch wenn es vielleicht gerade ungünstig ist. Bei einer schriftlichen Nachricht können sich Empfangende immer noch selbst aussuchen, wann sie diese lesen wollen.

Durch die endlos langen Kontaktlisten und die ständige Erreichbarkeit fühlen sich viele einfach überfordert. Nicht selten kommt es unter jungen Leuten zu Trotzreaktionen in Richtung "Du sagst mir nicht, wann ich mich mit dir befassen soll". Für sie ist ein Anruf nichts anderes als ein Ausdruck von "Mein Anliegen ist wichtiger als alles, was du gerade tust". Jemand anderem die Kontrolle über den eigenen Alltag zu geben, missfällt ihnen.

Außerdem kann bei einer schriftlichen Nachricht auch länger an der Formulierung gefeilt werden. Patzer, unangenehmes Schweigen oder Versprecher bei Telefonaten können mit einer Textnachricht vermieden werden. Auch die eigene Nervosität lässt sich schriftlich verbergen und Fakten und Namen können vor dem Versenden noch einmal überprüft werden.

Praktische Gründe

Nicht nur persönliche, sondern auch praktische Gründe wie die Nachvollziehbarkeit sprechen für Textnachrichten. Bei telefonischen Vereinbarungen ist die Gefahr groß, sich später nicht mehr genau daran zu erinnern. Im beruflichen Kontext wird telefonisch Besprochenes meist danach noch schriftlich festgehalten oder bestätigt, was wieder Zeit kostet. Auch im Privaten ist es praktisch, im Chatverlauf überprüfen zu können, für wann man sich genau verabredet hat.

Textnachrichten gelten auch als effizienter. Bei Anrufen haben beide Personen die Möglichkeit, auszuschweifen. Dasselbe gilt besonders auch für Sprachnachrichten, da hierbei keine Unterbrechung durch das Gegenüber stattfinden kann. Bei einer Textnachricht kommen die meisten schnell zum Punkt. Der Gipfel der Effizienz sind aktuell Reaktionen auf Nachrichten. Dabei muss eine Nachricht nur etwas länger angetippt werden, um ein Emoji wie etwa einen Daumen auszuwählen und seine Zustimmung auszudrücken zu können, ohne selbst noch ein "Ok" tippen zu müssen.

Nicht einfach nur "keine Lust"

Laut einer länderübergreifenden Studie leiden über 80 Prozent der 22- bis 37-Jährigen unter einer Telefonier-Phobie. Diese gilt zwar noch nicht als klinisch bewiesene Angststörung, das macht die Angst für die Betroffenen jedoch nicht weniger real. Sie zählt häufig zur Logophobie, also zur Sprechangst. Diese kann sich zum Beispiel durch Zittern, eine schnellere Atmung oder einer veränderten Stimmlage äußern – der Körper empfindet massiven Stress.

Besonders schwierig ist das Telefonieren auch für Menschen, die eher visuell als sprachlich denken. Dieser visuelle Part fehlt beim Telefonieren. Betroffene "übersetzen" daher ständig die gehörten Wörter in Bilder und müssen sich gleichzeitig vorstellen, wie die Person am anderen Ende beim Sprechen aussieht. Das verlangt dem Gehirn sehr viel Konzentration ab und ist anstrengend. Auch Introvertierte leiden unter Telefonaten. Sie haben Angst, ins Stocken zu geraten oder etwas zu verpassen und wissen oft nicht, wie sie den Anruf beenden sollen.

Ruf! Mich! An!

Natürlich gibt es auch Gründe, die für Anrufe sprechen. Wenn man dringend eine Antwort benötigt, macht ein Anruf mehr Sinn als eine Textnachricht. Auch Sicherheit ist in Zeiten von Datenlecks ein Thema: Wer anruft, hinterlässt keine nachweisbaren Spuren.

Die Corona-Pandemie hat hier ebenfalls für eine Veränderung gesorgt. Während der Lockdowns wurde um 80 Prozent mehr telefoniert als vorher. Der telefonische Austausch wurde plötzlich wieder zu etwas Erstrebenswertem. Ein weiterer Vorteil: Man wird nicht gesehen. Das Gegenüber weiß also nicht, ob man gerade die Augen verdreht, in Unterwäsche durch die Wohnung läuft oder nebenbei im Kochtopf rührt.

Immer wieder werden auch Befürchtungen laut, dass Menschen, die nie telefonieren, das Kommunizieren verlernen könnten. Das kann als Übertreibung angesehen werden, tatsächlich ist es eher so, dass die schriftliche Kommunikation die mündliche ersetzt hat. Eine repräsentative Studie des Münchner Kantar TNS-Instituts zeigte, dass Messaging den Dialog mit Familie und Freunden durchaus fördert. Speziell für die Kommunikation mit der Familie liegt jedoch das persönliche Gespräch mit 84 Prozent vor WhatsApp (59 Prozent) und Anrufen.

Es scheint auf eine Generationenfrage hinauszulaufen: Die einen denken, je öfter sie anrufen, desto eher werden sie jemanden erreichen oder zurückgerufen – weil das früher bei den Festnetztelefonen so war. Bei den anderen löst dieses Verhalten das genaue Gegenteil aus. Wahrscheinlich wurde noch nie so viel kommuniziert wie heute, und gleichzeitig noch nie so wenig gesprochen. Vielleicht ist die Telefonier-Unwilligkeit einfach nur ein Symptom einer Gesellschaft, die durch die nie endende Kommunikation schon etwas müde geworden ist.