Nach der Gebrauchsanweisung für sein rotes Ferienhäuschen inmitten der Provinz Värmland hat Karl-Erik noch eine Überraschung auf Lager. Gleich hinter dem Urlaubsdomizil, am privaten Seezugang mit Anlegestelle, liegt ein nagelneues Kanu aus Aluminium bereit – als Extra für eine landestypische Erkundung der Region. Technik, Tricks? Der Vermieter winkt ab. "Den Umgang mit dem Kanu haben bisher noch alle unsere Gäste erlernt", sagt er.

Mit Buchten zum Üben und Inseln für Zwischenstopps hat der Värmeln-See rund 250 Kilometer nördlich von Göteborg für einen Einstieg in Naturerlebnisse Marke Skandinavien genau das richtige Format. Bei der Jungfernfahrt bockt der schnittige Silberpfeil noch etwas und holt sich beim ersten Landgang prompt eine Schramme. Bald aber ist der Paddel-Gleichklang hergestellt, der das Wasserfahrzeug – mehr oder weniger – in die gewünschte Richtung bugsiert. Bewaldete Felsbuckel ragen aus den Fluten empor, ein Gruß aus der Eiszeit, die diese Landschaft vor Tausenden Jahren geformt hat. Drei, vier Dörfer schmiegen sich an die Ufer des 74 Quadratkilometer großen Värmeln-Sees. Ab und zu lugen weitere Sommerhäuschen aus dem Grün endloser Nadelwälder hervor – und das ist es in punkto Zivilisation auch schon.

Die See-Erkundung entfaltet in den kommenden Tagen einen magischen Sog. Das größte Naturwunder ereignet sich, wenn man exakt nichts tut. Die Paddel eingezogen – und plötzlich ist die Welt in eine ganz unwirkliche Stille getaucht. Manchmal vergehen Minuten, bevor ein Vogel ein Zwitschern in die Wälder wirft oder ein Fisch mit sattem Platschen zurück in seine Welt taucht. Über dem Wälder- und Seen-Mosaik schweben Wolkenschiffe, wie aufgeklebt am Firmament. In ihrer Reise über Mittelschweden sind sie ganz der Langsamkeit verhaftet, die sich auch auf die Entdecker überträgt.

Die größte Herausforderung auf einer Kanu-Tour: Entscheiden, auf welcher der vielen Robinson-Inseln man sein Picknick ausrichtet. Das Drei-Birken-Eiland rechts trägt helles, freundliches Grün, jenes links lockt dafür mit einem guten Landeplatz und Kiefern, die genau den richtigen Abstand für die Hängematte haben. Zundertrocken ist die Auflage, die bei der Inselerkundung unter den Füßen raschelt. Vom niederschlagärmsten Frühsommer seit Generationen hatte der Gastgeber berichtet. Gut daran: Die Mücken – der Gottseibeiuns jedes Outdoor-Abenteuers im hohen Norden – sind nie auf Touren gekommen. Nachteil: Eierschwammerl sind heuer ebenso Mangelware wie die Heidelbeeren.

Mit dem Kanu durch das Glaskogen-Naturreservat: eine perfekte Idylle. 
- © Stefan Spath

Mit dem Kanu durch das Glaskogen-Naturreservat: eine perfekte Idylle.

- © Stefan Spath

Organisches Material aus Wald und Moor verleiht vielen der 100.000 Seen Schwedens eine jodfarbene Tönung und sorgt an seichten Stellen für erträgliche Badetemperaturen. Beim Sonnenbad auf den Granitblöcken kehrt die Geschmeidigkeit zurück in die Gelenke. Noch spät am Abend, wenn sich die Sonne nach ihrem 18-Stunden-Arbeitstag mit einem Spektakel von Gold, Orange und Rot verabschiedet, strahlen sie Wärme ab. Baden, Dösen, Paddeln – so eilen die Tage dahin. Noch schnell in den nächsten Ort gepaddelt, um die Vorräte aufzustocken. Man denkt schon gar nicht mehr daran, die Strecke per Auto zurückzulegen.

Ferienhaus oder Campingplatz am See, mit Kanu, Elektroboot oder Ruderboot als Draufgabe – dieses einfache Freiheitspaket ist in Värmland, Dalsland und Småland hundertfach zu haben. Wer tagelang in die Wildnis abtauchen will, kann etwa im Glaskogen-Naturreservat bei Arvika drei Seen zu einer 70 Kilometer langen Kanu-Tour mit Expeditionscharakter kombinieren. Andere mieten sich ein Hausboot für ein entspanntes Abenteuer auf dem Göta-Kanal, der in Kombination mit dem Trollhätte-Kanal und fünf Seen ein knapp 400 Kilometer langes "blaues Band" quer durch das skandinavische Land spannt. Mit maximal fünf Knoten in der Stunde geht es am Göta-Kanal dahin, Dutzende Schleusen sind zu passieren. Cafés und Treidelwege halten Logenplätze bereit, um die beschauliche Prozession von Hausbooten, Jachten und Ausflugsschiffen in Augenschein zu nehmen.

Leinenweberei mit royalem Segen

Hoflieferant mit großer Tradition:  Die Leinenweberei in Klässbol.   
- © Stefan Spath

Hoflieferant mit großer Tradition:  Die Leinenweberei in Klässbol.  

- © Stefan Spath

Keine Sorge: Nicht nur viel Landschaft und Wildnis sind im Herzen Schwedens zu finden, sondern – zur Verblüffung vieler Reisender – auch Kreativschmieden von internationalem Ruf. Ihr Schwerpunkt liegt auf allem, was die eigenen vier Wände verschönert. Eine dieser Design-Wundertüten mitten im Nirgendwo ist die Leinenweberei in Klässbol – 20 Kilometer südlich von Arvika. Der Familienbetrieb wurzelt in einer Ära, als die aus den Stängeln der Flachspflanze gewonnene Naturfaser noch wenig Konkurrenz durch importierte Baumwolle hatte. Um sich im globalen Wettbewerb zu behaupten, hat sich Klässbols Linneväveri vor einigen Jahrzehnten neu aufgestellt. Heimische Stoffkünstler steuern trendige Designs bei, und auch der Status als königlicher Hoflieferant erwies sich als imagefördernd. Wenn es bei den schwedischen Royals etwas zu feiern gibt, ist die Zeit für textile Ausstattung vom Feinsten gekommen, von exklusiven Tischdecken und Servietten fürs Hochzeitsbankett bis zu Bettwäsche für neugeborene Prinzen und Prinzessinnen.

Besucher können den Leinen-Designern über die Schulter sehen und sich in die Mechanik historische Webstühle vertiefen, die für Spezialanfertigungen mitunter noch in Betrieb genommen werden. Anregungen, sich die Erinnerung an den Schweden-Sommer frisch zu halten, hält der Werksverkauf parat. Wenig falsch machen kann man etwa mit einem Tischtuch aus der "Djurgarden"-Linie. Auf hellgrauem, strapazierfähigem Leinenuntergrund traben anmutig Geweihträger durch ein skandinavisches Wald- und Wiesensetting. Gut vorstellbar, dass der Klassiker aus Klässbol Gestalt annahm, als ein Textilgestalter abends einen Elch aus dem Wald schreiten und einen verwunderten Blick auf die noch beleuchtete Manufaktur werfen sah.

Feuer und Flamme für edles Glas

Als Schwedens Kreativecke Nummer 1 hat sich die südlich gelegene Provinz Småland etabliert. Zwischen Växjö und der Küstenstadt Kalmar siedelten sich im 18. Jahrhundert auf Einladung des Königshauses Glasbläser aus Böhmen an. Quarzsand, Holz für die Schmelzöfen und Wasserkraft waren im Überfluss vorhanden, um halb Skandinavien mit Glaswaren auszustatten. Die Konkurrenz durch günstigere Importe und Änderungen im Konsumverhalten ließ auch die traditionelle Glasmacherindustrie als Scherbenhaufen zurück. Von einst 100 Glashütten der Region sind 14 übriggeblieben, die sich unter dem Dach des Glasriket ("Glasreich") gemeinsam touristisch vermarkten und die ihre Produktionsstätten für interessiertes Publikum geöffnet haben.

Im "Glasriket" entsteht großartiges Glasdesign vor den Augen der Besucher. 
- © Stefan Spath

Im "Glasriket" entsteht großartiges Glasdesign vor den Augen der Besucher.

- © Stefan Spath

Die Glasriket-Besucher kommen in den Genuss einer Art Zaubervorführung. Wie pure Magie erscheint es, wenn unscheinbare Grundstoffe wie Quarzsand, Altglas und Pottasche in einem Höllenfeuer zu einem Brei verschmelzen und dann eine spektakuläre Metamorphose erfahren. Hier pustet ein Glasbläser in ein langes Rohr, bis der daran baumelnde rotglühende Batzen eine längliche Form angenommen hat. Ein paar Drehungen, ein sicherer Schnitt, schon lässt sich die Kontur einer schlanken Karaffe erkennen. "Der Werkstoff muss schnell verarbeitet werden. Da kommt es auf das Timing an", erklärt ein Glasmeister.

Mundgeblasene Vasen, Gläser, Schüsseln, Kerzenhalter sowie Briefbeschwerer verlassen die Glashütten Smålands. Manche Betriebe haben sich auf alltagstaugliche, formschöne Objekte ohne Schnickschnack spezialisiert. Andernorts ringen Künstler dem Glas ganz fantastische Facetten ab. Ausgeflipptes Design ist etwa ein Markenzeichen der ältesten noch bestehenden Glashütte im 900-Seelen-Ort Kosta. Hier werden filigrane Skulpturen, üppig verzierte Pokale oder UFO-artige Objekte geboren, die der Schwerkraft zu trotzen scheinen. Wer will, kann sich unter fachkundiger Anleitung mit Schöpfkelle, Pfeife und Schneideschere selbst ein Glas-Unikum für zuhause anfertigen.

Smålands Exportschlager: Holzdesign und Astrid Lindgrens "heile Welt"

Ein Akteur aus der Region veränderte von Grund auf die Art und Weise, wie es sich die Europäer zuhause gemütlich machten. Die Rede ist von Ikea. In Älmhult, etwa 60 Kilometer südlich von Växjö, sperrte 1958 die erste Filiale des Möbelproduzenten auf. Seit 2016 bringt am Ikea-Stammsitz ein Museum Groß und Klein die Geschichte des weltumspannenden Möbelriesen mit Witz und Vintage-Charme näher. Aber Vorsicht: Wem allein schon der Gedanke an Montageanleitungen Stress bereitet, macht besser einen Bogen um das Städtchen.

Smålands bezauberndster Kulturexport verdankt sich der Fantasie einer Schriftstellerin. Astrid Lindgren war es, die mit ihren Geschichten von den Kindern aus Bullerbü, Pippi Langstrumpf und dem Michel aus Lönneberga in vielen Erwachsenen von heute den Wunsch nach einem unbeschwerten Schweden-Sommer weckte. Wirkungsstätten, Schauplätze und Drehorte sind durch Museen und Erlebnisparks längst erschlossen. Um der von Astrid Lindgren heraufbeschworenen "heilen Welt" näherzukommen, reicht es, sich einfach treiben zu lassen, vielleicht einmal mehr ein Ferienhäuschen zu mieten, das von einem Hügel über Wälder und Wiesen blickt, einen stillen See zu erforschen oder auf einem von alten Obstbäumen gesäumten Weg durchs Land zu spazieren.