Lange hat es gedauert, jetzt wird die tägliche Turnstunde - als tägliche Bewegungseinheit - zumindest einmal in neun Pilotregionen in Österreich in den Schulalltag implementiert. Wie wichtig Bewegung ist, wissen nicht nur Mediziner und Sportexperten, sondern leuchtet inzwischen auch den meisten Eltern ein. Und wenn man Kinder lässt beziehungsweise den entsprechenden Rahmen gibt, dann bewegen sie sich auch von ganz alleine ordentlich.

Gerade im Turnunterricht in der Schule und auch beim zielorientierten Bewegen daheim, insbesondere wenn es um die Schulung der kindlichen Motorik geht, herrscht aber mitunter Ideenlosigkeit. Meist sind es dieselben paar (Ball-)Spiele, die man mit den Kindern macht. Für Abwechslung mit einfachsten Mitteln will der diplomierte Bewegungscoach und Sportlehrer Klaus Hofmann sorgen. Er hat eine Turnmatte entwickelt, die er "SportyBoard" nennt, und die durch ihr simples Konzept besticht.  

Ein Seil genügt oft

"Ich wollte mit wenig Aufwand regelmäßig kleine Bewegungsreize setzen", erzählt Hofmann im Gespräch mit der "Wiener Zeitung". Er hat in seiner langjährigen Erfahrung als Bewegungscoach festgestellt, dass oft schon ein Seil genügt, um viele verschiedene koordinative oder kräftigende Übungen durchzuführen. "Legt man zwei Seile auf den Boden, ergeben sich wieder andere Möglichkeiten, bei drei Seilen sind es noch viel mehr. Auf diese Weise entstand die Idee zum 'SportyBoard'."

Seine Turnmatte ist so konzipiert, als würden viele verschiedene bunte Seile auf dem Boden liegen. So ergeben sich fast unendlich viele mögliche Übungen, die Hofmann in einem Übungsheft zum Nachmachen dokumentiert hat. "Viele der Übungen sind auch kognitiv erweiterbar und fördern so das Zahlen- und Buchstabenverständnis. Die Kinder können dann spielerisch diverse Aufgaben lösen." Die Zielgruppe für sein "SportyBoard" ist denkbar breit gefächert. Es ist sowohl für Kinder als auch für Erwachsene gedacht, die Übungen reichen von Koordination über Tanz und Körpergewichtstraining bis hin zur Kräftigung der Beinmuskulatur.

Bewegungscoach Klaus Hofmann auf seiner Turnmatte. 
- © privat

Bewegungscoach Klaus Hofmann auf seiner Turnmatte.

- © privat

Jede Woche eine neue Übung

Mit dem "SportyBoard" möchte Hofmann auch weg vom bloßen Sportunterricht und hin zu einem ganzheitlichen Schulsportkonzept, das Bewegung in den Pausen und auch während des Unterrichts beziehungsweise fächerübergreifender Bewegungsunterricht in der Nachmittagsbetreuung oder daheim inkludiert. "Ziel soll es sein, Bewegung in den gesamten Schulalltag zu integrieren."

Die Nutzer lässt Hofmann, der auch gerade an einem Buch für den Turnunterricht schreibt, mit dem "SportyBoard" nicht alleine: "Neben den vorgestellten Übungen im Übungsheft wollen wir gemeinsam mit dem Verein Sportwelt jede Woche eine kleine Übung online vorstellen, die dann im Turnsaal, in der Klasse, im Bewegungsraum, in der Pause oder aber auch zu Hause von allen nachgemacht werden kann."

Ein ähliches Projekt hat Hofmann bereits in kleinem Rahmen mit einigen wiener Schulen durchgeführt. "Die Kinder und Lehrkräfte hatten Riesenspaß und waren alle begeistert dabei", erzählt er. "In Österreicht reden wir schon lange von der täglichen Bewegungseinheit. Mit dem Projekt wollen wir jetzt einen Schritt näher dazu machen und hoffen, dass möglichst viele Kindergärten und Schulen mitmachen." Auf der Website www.sportyboard.fit verlost er auch drei Matten unter allen Teilnehmern.

So einfach und doch für manche schwierig kann dieses Bewegungsbeispiel sein: beidbeinig nur in die Felder hüpfen und jedes Mal, wenn man eine gelbe Linie überquert, einmal klatschen. 
- © Hofmann

So einfach und doch für manche schwierig kann dieses Bewegungsbeispiel sein: beidbeinig nur in die Felder hüpfen und jedes Mal, wenn man eine gelbe Linie überquert, einmal klatschen.

- © Hofmann

"Koordinative Fähigkeiten verkümmern immer mehr"

Es geht ihm nicht ums Geldverdienen, betont Hofmann. Eher ist es eine Form von Idealismus, die ihn antreibt. Denn in der täglichen Praxis muss er immer häufiger feststellen, "dass immer weniger Kinder das Bewegungspensum von einer Stunde täglich erreichen, das von der Weltgesundheitsorganisation für die Erhaltung der körperlichen, seelischen und sozialen Gesundheit und zur Vorbeugung vor Krankheiten empfohlen wird".

Wie viele Kinder schaffen es auf Anhieb, überkreuz die Mittellinie entlang zu springen? 
- © Hofmann

Wie viele Kinder schaffen es auf Anhieb, überkreuz die Mittellinie entlang zu springen?

- © Hofmann

Und er erlebt als Sportlehrer auch hautnah die negativen Folgen von mangelnder Bewegung schon bei den Jüngsten: "Vor allem die für die Steuerung vieler Bewegungshandlungen wichtigen koordinativen Fähigkeiten verkümmern immer mehr. Die Fähigkeit also, Bewegungen zu steuern, zu harmonisieren und zu optimieren." Fehlen diese Fähigkeiten, sind die Kinder oft ungeschickt und verletzen sich häufiger. "Es ist beachtlich, dass Volksschulkinder sich teilweise schon bei vergleichsweise einfachen sportmotorischen Handlungen wie Klettern, Springen oder Balancieren schwertun. Mitunter können sie nicht einmal einen Ball werfen oder fangen. Manche schaffen es nicht einmal, auf einem Bein zu steigen. Der körperliche Befund der Kinder wird immer schlechter."

Und wenn in der kindlichen Entwicklung Bewegungserfahrungen fehlen, mündet dies oftmals in gesundheitliche Probleme im Erwachsenenalter. Und nicht selten treten Haltungsschäden oder Übergewicht als Konsequenz aus dem Bewegungsmangel schon bei Kindern auf. Auch Muskelverspannungen oder Rückenschmerzen können aus mangelnder Ausdauer und Kraft resultieren. Hofmann übertreibt also wohl nicht, wenn er warnt: "Die bewegungsfernen Kinder von heute sind die kranken, verletzungsanfälligen Erwachsenen von morgen. Die vergangengen Corona-Pandemiejahre haben diese Entwicklung massiv verstärkt."