Der internationale Flughafen bei Longyearbyen ist der größte auf Spitzbergen und der nördlichste Verkehrsflughafen der Welt; er liegt rund 1.300 Kilometer vom Nordpol entfernt. Der Zeltplatz ist gleich neben dem Flughafen, liegt rund vier Kilometer von Longyearbyen entfernt und an einer Vogellagune vor einer mächtigen Bergkulisse. Doch Vorsicht vor Küstenseeschwalben: Wer in die Nähe ihrer Brutplätze kommt, muss mit einem Angriff aus der Luft rechnen. Kleiner Tipp: Finger in die Luft strecken und kreisen, nicht an den Film "Die Vögel" von Alfred Hitchcock denken und schnell zurück zum Campingplatz. Hier übernachten Outdoor-Fans und Wanderer in Zelten oder unter freiem Himmel. In beiden Fällen ist eine Augenmaske empfehlenswert, weil im Sommer die Sonne nicht untergeht. Das sorgt für Wachheit und Aktivität bei Menschen und Tieren rund um die Uhr.

Die sich wegen des Schlafmangels nach einigen Tagen einstellende Müdigkeit ist zwar eine unangenehme Nebenwirkung, dafür entschädigen aber die Wärme im Zelt oder die heiße Dusche im Gemeinschaftshaus. Einfach eine Wertmünze, die es nebenan im Frühstücksraum für zehn Kronen (rund ein Euro) auf Vertrauensbasis gibt (jeder legt das Geld in die Kiste und nimmt sich eine Duschmarke) einwerfen und unter die Dusche – für sechs Minuten. Im Frühstücksraum können die Gruppen die Bänke und Tische für das gemeinsame Frühstück zusammenschieben. Alle Zeltplatzgäste können den Raum und das Geschirr nutzen, kochen (und wieder abwaschen), sich ausruhen oder aufwärmen.

Ein dicker Schlafsack ist empfehlenswert, weil oftmals Wolken die Sonne verdecken. Dann wird es sowohl im Zelt als auch draußen kühl, und der Wind lässt zu Pullover, Handschuhen und Mütze greifen.
Diese Ausstattung ist auch auf den Wanderungen empfehlenswert, ebenso wie kniehohe Gummistiefel. Denn außerhalb von Longyearbyen gibt es kaum Wanderwege. Geröll, Gletscher, Flüsse und Tundra sind zu meistern. Die Belohnung: Rentiere, Alpenschneehühner, Polarfüchse, Eisformationen und keine Menschen. Unberührte Landschaften ohne Bäume, aber dafür mit kleinen Blumen wie dem stängellosen Leinekraut, das schöne Farbtupfer setzt.

Das Gehen auf dem sumpfigen Boden ist ebenso ungewohnt wie das Durchschreiten von kleinen Flussläufen. Beim Queren von Gletscherzungen sind Wanderstiefel und Stöcke gefragt. Die Sonne lässt das Eis glitzern, schmelzen und in kleinen Rinnsalen davonfließen. Die Berge ringsherum sind karg und voller Geröll, der Aufstieg entsprechend anstrengend. Doch die Aussichten entschädigen die Mühen des Aufstiegs, denn von hier oben ist die Weite der Arktis sichtbar: Grenzenloses Weiß zeigt die Schönheit einer gefährdeten Natur.

Achtung, Eisbären!

Die Guides haben Ferngläser dabei, halten während der Wanderung öfter an und beobachten die Gegend, denn Eisbären suchen immer wieder in der Nähe von Longyearbyen nach Nahrung. Deswegen müssen die Camper in der freien Natur ebenso vorsichtig sein wie Wandergruppen. Dann lieber einen Blick auf die ausgestopften Eisbären am Flughafen oder im Museum werfen oder sich vor dem dreieckigen "Eisbär-Warnschild" fotografieren lassen….

Auf die Gefahr von Begegnungen mit Eisbären machen Schilder aufmerksam. 
- © Stefan Auth / Getty Images

Auf die Gefahr von Begegnungen mit Eisbären machen Schilder aufmerksam.

- © Stefan Auth / Getty Images

Die Guides tragen alle ein Gewehr und einen entsprechenden Sachkundenachweis; für einige Gebiete müssen die Touren beim Gouverneur der örtlichen Verwaltung angemeldet werden. Sicherheit ist lebenswichtig. Deswegen lassen die Norweger auch ihre Autos unverschlossen. Sollte sich ein Eisbär in dem Städtchen verirren (was schon vorgekommen ist), können sie darin Schutz suchen. Früher ließen die Norweger auch ihre Häuser unverschlossen, doch die Touristen, die täglich auf den großen Kreuzfahrtschiffen ankamen, wollten in kurzer Zeit viele Fotos von ihrem Besuch auf Spitzbergen machen und marschierten einfach in die Häuser.

Am Zaun vor dem Kindergarten hängt inzwischen ein Schild, dass das Fotografieren verboten ist. Das ist zwar das Anlegen im Hafen von Longyearbyen noch nicht, aber die Menschen diskutieren die Vor- und Nachteile des wachsenden touristischen Interesses. Vor allem deswegen, weil die Arktis eine einzigartige Natur ist, die durch den Klimawandel sowieso schon bedroht ist und durch "Over-Tourism" nicht noch mehr gefährdet werden soll. Deswegen stehen seit 1973 zwei Drittel Spitzbergens unter Naturschutz.

Es gibt außerdem Regionen für Wanderer, Forscher und Eisbären. Letztere sind glücklicherweise auf den Touren rund um Longyearbyen diesmal nicht zu sehen, dafür ist die Vergangenheit der einstigen Bergarbeiterstadt mit dem Abbau von Braun- und Steinkohle allgegenwärtig, auch wenn nur noch wenige Zechen in Betrieb sind. Heute bestimmen der Tourismus und die Forschung das Bild von Svalbard.

Fossile Wälder, Russen und Kohle

Wer russische Atmosphäre spüren möchte, sollte sich nach Barentsburg oder ins nordöstlich von Longyearbyen liegende Pyramiden aufmachen. Die rund zwei bis dreistündige Schiffsfahrt dorthin bietet Wind, Wellen, Gletscherformationen und mit etwas Glück auch eine Bartrobbe auf einer Eisscholle. In Barentsburg wird noch Kohlebergbau von den dort lebenden Russen betrieben. Ein örtlicher Guide führt durch die wenigen Straßen, aber eine Poststation und einen Souvenirladen gibt es, in dem sogar mit Kreditkarte bezahlt werden kann. Ein Stempel mit russischen Schriftzeichen auf den Ansichtskarten ist eine anschauliche Erinnerung an einen ungewöhnlichen Aufenthalt, der noch etwas Zeit für eigene Entdeckungen lässt.

Das geht in der längst verlassenen Bergarbeitersiedlung Pyramiden nicht: Wegen der Eisbärengefahr darf dort niemand allein unterwegs beziehungsweise ohne Waffe außerhalb des Hotels unterwegs sein.

Das war lange Zeit anders. Nach dem Zweiten Weltkrieg war Pyramiden die wichtigste und größte Kohleabbausiedlung der sowjetischen Regierung in der Arktis. Die Russen bauten ein Schwimmbad, ein Kino, ein Restaurant und später ein Hotel. Zeitweise lebten hier rund 1.000 Menschen. Ende der 90er Jahre stellten die Russen den Abbau nach und nach ein und verließen dann fast über Nacht den Ort, der seinen Namen der pyramidenartigen Form des gleichnamigen Berges verdankt. Die Relikte dieser Zeit sind noch vorhanden. Leere Flaschen, Bücher, Spielgeräte vor dem Kindergarten und sogar der Filmprojektor im Kino funktioniert noch. Während eines Rundgangs durch die heutige Geisterstadt sind der einstige Glanz und heutige Verfall sichtbar. Das wollen immer mehr Besucher erleben, weshalb das Hotel im Sommer in Betrieb ist.

Reisegruppen werden durch die Geisterstadt Pyramiden geführt, während die Rentiere die angrenzende Natur in ihren Besitz genommen haben. 
- © Maren Landwehr

Reisegruppen werden durch die Geisterstadt Pyramiden geführt, während die Rentiere die angrenzende Natur in ihren Besitz genommen haben.

- © Maren Landwehr

Ebenso karg wie der Handyempfang ist die Landschaft rund um Pyramiden, nur Rentiere, Polarfüchse oder kreischende Möwen unterbrechen die Monotonie und Stille. Der Blick auf kalbende Gletscher ist vom rund 1.000 Meter hohen Pyramidenberg möglich. Im nahen Munintal wurden einst Reste eines der ältesten fossilen Wälder gefunden. Wer Zeit mitbringt und Glück hat, findet den einen oder anderen Stein mit einem Abdruck eines Blattes oder Astes. Glücklich können die Wanderer sein, dass sie Erlebnisse aus einer einzigartigen Natur mit nach Hause nehmen dürfen, deren Zauber sich nur zu Fuß entfaltet.