Natürlich würde ich mich als tierlieben Menschen bezeichnen. Es wäre ja auch ganz schön unfair, Tiere aus Prinzip nicht zu mögen, wenn sie einem nicht dasselbe Maß an Antipathie entgegenbringen können. Aber bis vor Kurzem mochte ich sie eher aus der Ferne – aus medizinischen Gründen. Meerschweinchenkratzer verursachen bei mir juckende Pusteln auf der Haut, Pferdeberührungen schnüren mir die Lungenflügel ab und dank einer schicksalhaften Begegnung mit einer Bauernhofkatze weiß ich einerseits, dass mir von Katzenfell die Augen bis zur Gesichtsverzerrung anschwellen, andererseits, dass manche Tiere wohl doch so etwas wie Antipathie empfinden können. Hunde gehen.

Ich bin mit einem Hund aufgewachsen und in meinem engsten Freundeskreis kommen auf einen Menschen durchschnittlich 1,3 Hunde. Im Prinzip wusste ich also, was auf meinen Partner und mich zukommt, als wir uns vor eineinhalb Jahren dazu entschlossen haben, endlich selbst einen Hund zu adoptieren. Stubenreinheit, Hundeschule, Begriffe wie Leinenführigkeit, die frühzeitige Festlegung auf "Aus", "Nein" oder "Pfui" als verbaler Rohrstock, die richtige Wahl des Hundefutters – alles keine allzu großen Überraschungen. Wobei ich lügen würde, würde ich behaupten, dass ich nie um drei Uhr morgens verzweifelt mit dem verweigernden Welpen im Regen gestanden wäre und sämtliche Gottheiten um eine erlösende Darmentleerung angefleht hätte. Aber mehr noch, als ich über Hunde gelernt habe, habe ich über Menschen gelernt, Schreibende mitgemeint.

Vor drei Jahren hätte ich mir das Maß an Schrulligkeit, dass mittlerweile phasenweise in mir hochkocht, niemals träumen lassen. Wer träumt schon davon, 15 unterschiedlich lange Leinen zu besitzen, Hundehotels nach dem Vorhandensein eines Hundepools auszuwählen oder mit dem Partner angeregte Gespräche über die Konsistenz des Hundestuhlgangs zu führen? Die tierische Defäkation besitzt einen erstaunlich hohen Stellenwert, wenn man einen Hund wie Fini hat, der im Aszendenten Staubsauger ist. Dass wir uns mittlerweile nach dem Äußerln mit einer tabubrechenden Selbstverständlichkeit gegenseitig über Menge und Beschaffenheit des Hundestuhls auf dem Laufenden halten, ist allerdings noch eine der gängigsten Entwicklungen, habe ich mir sagen lassen.

Irgendwann haben wir unwillkürlich angefangen, Fini in einer eigenen Stimme zu synchronisieren, die klingt wie eine Mischung aus dem Trautmann und einem Fünfjährigen, der vom Klettergerüst keppelt. Das ist einfach so passiert, zuerst nur als kleine Marotte zwischen uns. Mittlerweile hat die Marotte System, ist auch in größeren Runden kaum mehr zu unterdrücken, sodass selbst meine Großmutter, die eigentlich einen deutlich pragmatischeren Zugang zu Tieren pflegt, Fini antwortet, ohne den Blick von ihr abzuwenden, wenn sie mit dem Schweif wedelt und hinter ihr eine verzerrte Stimme murmelt: "Heast, host vielleicht wos zum Haban?" Auch andere Hundemenschen in meinem Umfeld haben genuine Synchronstimmen für ihre Hunde entwickelt, ganz zu schweigen übrigens von den unzähligen Spitznamen, die einem logorrhöeartig aus dem Gesicht purzeln und Linguisten vor so manches Rätsel stellen würden. Das kann schon mal in angeregte Hundediskussionen ausarten, bis man sich der Skurrilität der Situation gewahr wird und peinlich berührt das Thema wechselt – und die Stimme.

Dass ein Hund die eigene Perspektive auf zwischenmenschliche Begegnungen verändert, darauf kann man sich nur schwer vorbereiten. Das passiert zwangsläufig, wenn man sich des Öfteren in Hundeauslaufzonen aufhält und sich schlagartig im Smalltalk mit völlig fremden Menschen wiederfindet, mit denen man augenscheinlich nicht viel mehr gemeinsam hat als die Leine, an die man sich verkrampft klammert.

"Was ist denn das für einer?", ist mittlerweile ein verbaler Trigger für mich. Zu Beginn habe ich dem neugierigen Hinterhalt noch bereitwillig versucht, Finis komplizierte Zeugungsgeschichte aufzuschlüsseln. Man freut sich ja prinzipiell über ehrliches Interesse. "Ihre" – man beachte das locker eingestreute Pronomen, um gleich mal das erste Missverständnis aus dem Weg zu räumen – "Mutter ist eine reinrassige Bichon-Frisé-Hündin" – also so etwas wie ein eingelaufener Pudel mit 80er-Jahre-Föhnfrisur –, "und ihr Vater ein Mopsmischling", der während des ersten Lockdowns ausgebüchst war, um mit dem Van-Halen-Pudel einen Wurf zu zeugen, der rein gar nichts mit Mopshunden oder Van Halen gemein hat, dafür erstaunlich viel mit Waschbären. Das brach allerdings nur munteres Rätselraten über die genetische Zusammensetzung meines Hundes vom Zaun mit dem einstimmigen Tenor, dass da entweder ein Dackel oder ein Terrier "drin sein muss", gefolgt von einem mindestens genauso detaillierten Sermon an Hundebiografie, Horrorgeschichten und Anamnese inklusive, während Fini schon drei Hunde weiter war und mir zwischen passivem Zuhören und aktiver Wachsamkeit allmählich der Schädel schwirrte.

- © Irma Tulek
© Irma Tulek

Auch ich habe mich bisweilen im munteren Hunderasseraten versucht, was schwierig ist, wenn man außer den gängigen Prototypen nicht besonders sattelfest in der Phänotypisierung ist. Da macht man einmal den Fehler, den Besitzer eines reinrassigen Labradors zu fragen, ob er seinen Mischling auch aus dem Tierschutz hat, und schon muss man sich über die Unterscheidung von Show- und Arbeitslinien in der Zucht belehren lassen. Mittlerweile antworte ich auf die unausweichliche Frage, was "er" für "einer" ist, betont trocken: "Dackelterrier", "Mopsmischling", oder gleich: "Waschbär". Die kurzzeitige Verwirrung gibt mir den nötigen Vorsprung.

Die Hundebegeisterung der anderen

"Männchen oder Weibchen?" Um diese Floskel kommt man bei einer sich anbahnenden Hundebegegnung nur selten herum. Besonders wenn man ein läufiges Weibchen an der Leine hat, das bei unkastrierten Rüden überbordende Gefühlsregungen bis hin zu koitusdefizitären Depressionen auslösen kann.

Anfangs habe ich während dieser Zeit noch versucht, möglichst unauffällig einen Blick auf den Genitalbereich des fremden Hundes zu erhaschen, um aus präservativen Gründen die Straßenseite wechseln zu können. Weil mir das aber noch unangenehmer war als Smalltalk, bin ich irgendwann dazu übergegangen, laut und dramatisch zu rufen: "Sie ist läufig!", sobald sich etwas Hundeartiges in meinem Blickfeld abzeichnete, um mich gekonnt aus dem Staub zu machen. Das funktioniert auch mit kastrierten Hündinnen als Gesprächsteflon. Nur die Hündin macht mir hin und wieder einen Strich durch die Rechnung, weil sie deutlich kontaktfreudiger ist als ich. Man erkennt uns also mittlerweile in unserer Gasse, vornehmlich aber an unserem Hund. Treffe ich dieselben Menschen ohne Fini und nicke ihnen wohlwollend zu, sind die Reaktionen eher verhalten.

Bin ich mit Hund unterwegs, kann ich mich auch vor Reaktionen meiner hundelosen Umwelt kaum retten. Erstaunlich viele Menschen überkommt offenbar das unbändige Bedürfnis, fremde Hunde auf sich aufmerksam zu machen. Nicht einmal, um sie ungefragt zu streicheln – dafür müssten sie Fini erst mal zu fassen bekommen. Meistens beschränkt es sich auf ein beiläufiges Schnalzen, Pfeifen oder ein fistelstimmiges "So ein Lieber" im Vorbeigehen, das gerade reicht, um den Hund und mich aus dem Konzept zu bringen. Manche bleiben sogar abrupt stehen und winken. Dem Hund, nicht mir. Einfach so. Wie ein Kniesehnenreflex.

Wobei die Reaktionen mit Sicherheit anders ausfallen würden, wäre Fini ein großer, schwarzer Schäferhund. Und auch was kleine Hunde angeht, sind sie nicht immer wohlwollend. Postet man ganz unbedarft ein Foto von sich und dem Hund in einem farblich abgestimmten Stirnband-Halsband-Ensemble, weil man es einfach lustig findet, oder schreibt auch noch einen Artikel darüber, lauern um die nächste virtuelle Ecke bereits die ersten Unkenrufe. Besonders als vermeintlich kinderlose junge Frau bekommt man plötzlich ungefragte, unwirsche Ratschläge zum Thema Fortpflanzung: "Bekommt doch lieber Kinder!"

Vierbeinige Kreaturen, die bestialisch stinken, wenn sie nass werden, und einem jederzeit kleine oder größere Fleischwunden zufügen könnten – die neuen Babys. So lautet jedenfalls die These, ungeachtet der Tatsache, dass Hunde und Kinder im Familienverband auch koexistieren könnten. Als wäre der Hund nur ein willkommener Aufhänger, um private Reproduktionsentscheidungen zu thematisieren. Und das noch dazu mit einer Intensität, als würden Hunde im Alleingang ein Aussterben der Menschheit herbeihecheln. Vergessen sind Klimakrise, Inflation und Zukunftsangst, das wahre Übel wandelt auf vier Pfoten und jagt im Garten Schmetterlinge. Ist man mit Hund unterwegs, kommt man also definitiv ins Gespräch. Ob man will oder nicht.