Klein und untersetzt wirkt August der Starke bei einem Besuch des Dresdner Residenzschlosses. Als lebensgroße Figur steht er in seinen einstigen Prunkräumen, mit Krone auf dem Haupt und Herrscherstab sowie Reichsapfel in den Händen, auf seinen Schultern ruht ein prächtiger Hermelinmantel mit meterlanger Schleppe. In diesem Aufzug soll August, der später auch über Polen herrschen würde, zu seiner Krönung geschritten sein. Unter seiner Regentschaft erlebte Dresden einen Höhepunkt barocker Prachtentfaltung.

Zu den architektonischen Zeugen dieser Epoche zählen der berühmte Zwinger, der eine bedeutende Gemäldegalerie beherbergt, und die vor einigen Jahren wiederauferstandene Frauenkirche. Auch das Dresdner Residenzschloss war über Jahrzehnte hinweg ein Trümmerhaufen gewesen – bis 1985 die damalige DDR-Regierung mit der späten Rekonstruktion begann. Die mit penibler Genauigkeit wiederhergestellten Parade-Appartements von August dem Starken wurden erst vor zweieinhalb Jahren eröffnet, die Arbeiten am Residenzschloss, in dem sich mehrere Museen befinden, sollen in zwei Jahren abgeschlossen sein.

Welcher August?

Der nachhaltige Effekt seiner Herrschaft hatte freilich viele Väter, unter denen Kurfürst August von Sachsen ein bedeutender Vorfahre von August dem Starken war. Der Leser merkt es bereits: Der Name "August" hatte in der Wettiner Fürstenfamilie Tradition, worauf sich auch der witzige Audioguide bezieht, der in sächsischem Akzent durch das historische Grüne Gewölbe des Residenzschlosses führt, dessen Kunstsammlung auf Kurfürst August von Sachsen zurückgeht: "Wir Sachsen sagen immer ‚unser August‘", denn "irgendeiner wird es schon gewesen sein."

August der Starke steht als lebensgroße Figur in den einstigen Prunkräumen der Dresdner Residenz. 
- © Stephan Burianek

August der Starke steht als lebensgroße Figur in den einstigen Prunkräumen der Dresdner Residenz.

- © Stephan Burianek

Wie auch immer: Unter Kurfürst August von Sachsen ging es im 16. Jahrhundert mit dem Land wirtschaftlich bergauf. Das lag nicht zuletzt an den Bodenschätzen, die im nahen Erzgebirge mit fortschrittlichen Methoden zutage gefördert wurden. Dort, auf einem Prophyrhügel, ließ der Kurfürst vor genau 450 Jahren eine in die Jahre gekommene Burg zu einem überdimensionierten Jagdschloss ausbauen, Schloss Augustusburg, dessen Besuch das eigentliche Ziel dieser Reise ist.
Auf dem Weg dorthin liegt Chemnitz. Seit der Gründung durch König Barbarossa, der dem Ort ein exklusives Recht für das Bleichen von Textilien zusprach, ist harte Arbeit in der Hauptstadt des Erzgebirges ein fester Bestandteil der DNA. Noch heute hört man gelegentlich den alten Spruch: "In Chemnitz wird gearbeitet, in Leipzig wird gehandelt, und in Dresden wird das Geld verprasst."

Historischer Theaterplatz mit Opernhaus (Mitte), Kunstsammlungen (links) und Petrikirche (rechts). 
- © Stephan Burianek

Historischer Theaterplatz mit Opernhaus (Mitte), Kunstsammlungen (links) und Petrikirche (rechts).

- © Stephan Burianek

Ruß war gestern

Unter Touristen genießt Chemnitz, das von 1953 bis 1990 als Karl-Marx-Stadt zur Musterstadt der realsozialistischer Architektur erhoben wurde, nicht den allerbesten Ruf. Wer in der Nähe ist, der sollte trotzdem nicht daran vorbeifahren, immerhin listet ein Reiseführer "111 Orte, die man in Chemnitz gesehen haben muss" (Emons Verlag). Das "sächsische Manchester", das "Ruß-Chemnitz" ist längst Geschichte. Der versteinerte Wald, auf dem Chemnitz erbaut wurde, ist indes geblieben. Einige imposante Baumstämme füllen die mehrstöckige Halle im ehemaligen Kaufhaus Tietz, in dem heute die Stadtbibliothek und das Museum für Naturkunde untergebracht sind.

Die industrielle Vergangenheit findet man heute im Museum, und selbst Menschen, die mit Technik nicht viel am Hut haben, schreiten fasziniert durch die riesige Halle einer ehemaligen Gießerei in der Zwickauer Straße, wo das Industriemuseum historische Erzeugnisse aus der Region wie eine noch funktionierende Dampfmaschine oder gut erhaltene Oldtimer von nicht mehr existenten Marken zeigt.

Die industrielle Zukunft sieht man in Chemnitz zwar nicht, aber sie formiert sich: Mittelständische Unternehmen etwa in den Bereichen Wasserstoff, autonomes Fahren und Leichtmetall geben der Stadt neue Perspektiven. Tatsächlich merkt man im Stadtzentrum an einem sonnigen Wochenendtag gar nicht mehr, dass vor drei Jahrzehnten nach der politischen Wende massenhaft Menschen im mittleren Alter die Stadt auf der Suche nach Arbeit verlassen haben. Entspannt flanieren Familien durch den Park vor der Stadthalle sowie durch die Fußgängerzone beim Rathaus, und vor dem neuen Brunnen am Markt, der mit silbrig glitzernden Skulpturen spielerisch auf die Tradition des Drechslerhandwerks in dieser Region verweist, trifft man sich auf ein Eis-to-go.

Auch aus kultureller Sicht lohnt sich ein Stopp in Chemnitz. Dem Münchner Galeristen Alfred Gunzenhauser gefiel das ehemalige Bankgebäude im Stil der Neuen Sachlichkeit am Rande des Stadtzentrums so gut, dass er seine Sammlung der klassischen Moderne vor 15 Jahren den Kunstsammlungen Chemnitz anvertraute. Aus der Sparkasse ist das Museum Gunzenhauser geworden, seither pilgern Fans von Otto Dix (380 Werke) und dessen Zeitgenossen nach Chemnitz. Außerdem verfügt die Stadt über ein außen schmuckes, innen schlicht-modernes Opernhaus, in dem die Robert-Schumann-Philharmonie die Basis für großartige Abende bildet. Auch das Sprech- und das Puppentheater sind in dem Gebäude beheimatet. Vor diesem Hintergrund erscheint es folgerichtig, dass sich Chemnitz in drei Jahren als Europäische Kulturhauptstadt in Szene wird setzen dürfen. Statt auf der Hochkultur wird der Fokus allerdings auf dem sozialen Zusammenleben liegen – ein drängendes Thema für eine sich kontinuierlich wandelnde Stadt wie Chemnitz.

Vierkantige Krone

Aus der Zeit der Wettiner-Herrschaft ist in Chemnitz freilich nichts mehr zu sehen. Das ändert sich auf der Zugfahrt nach Annaberg-Buchholz, die an zahlreichen Burgen und Schlössern vorbeiführt. Die größte Anlage sieht man vom beschaulichen Tal der Zschopau aus nicht, und doch gilt das Schloss Augustusburg wegen seiner vier Ecktürme, die von anderen Orten weithin sichtbar sind, als die "Krone des Erzgebirges". Von der Bahnstation Erdmannsdorf führt eine Drahtseilbahn hinauf zum Schloss, das ebenso wie viele andere sächsische Sehenswürdigkeiten in den vergangenen Jahren herausgeputzt wurde. Heuer feiert die beeindruckende Anlage, die als ältester vierkantiger Palastbau Nordeuropas gilt, ihr 450jähriges Bestehen.

Das majestätische Renaissance-Schloss, das mit dem Schloss Lichtenwalde nahe Chemnitz und mit der Burg Scharfenstein, unweit von Annaberg-Buchholz, den Schlösser-Verbund "Die sehenswerten Drei" bildet, ist aus mehreren Gründen bemerkenswert. Zum einen musste für seine Wasserversorgung ein Brunnen in das harte Quarzporphyr-Gestein, auf dem die Anlage steht, gegraben werden. Neun Jahre sollen Bergwerksleute und zwangsverpflichtete Wilddiebe für die 130,6 Meter gebraucht haben. Tipp: Schütten Sie ein wenig Wasser in den Schlund und zählen Sie die Sekunden.

Zum anderen schließt der mächtige Bau eine Schlosskirche ein, die mit einer Kanzel und einem großen Altarbild von Lucas Cranach dem Jüngeren aufwarten kann, das eine Art reformatorisches "Wimmelbild" darstellt, mit Jesus sowohl am Kreuz als auch bei seiner Auferstehung. Im Vordergrund kniet Kurfürst August von Sachsen gemeinsam mit seiner Frau Anna und ihren Kindern.

Weil die ursprüngliche Inneneinrichtung das kommunistische Regime nicht überlebt hat, wurden einige Räume mit neuen Exponaten gefüllt. Es gibt nun ein Motorrad-, ein Kutschen- sowie ein Jagdtier- und Vogelkundemuseum. Noch bis Ende 2022 wird das 450-jährige Jubiläum außerdem mit der Sonderausstellung "Kurfürst mit Weitblick. Das Leben und Wirken von Landesvater August von Sachsen" gefeiert. Sie liefert überblicksmäßige Informationen über die Baugeschichte des Schlosses und über das Leben am Hof, wobei der Erlebnischarakter stärker im Vordergrund steht als kulturhistorisch-bedeutende Objekte. Im Zentrum der Ausstellung steht eine aufwendige Projektionsshow, die sich mit dem Festcharakter dieses Jagd- und Lustschlosses beschäftigt. Die gut gemachte Ausstellungs-App kann jeder Smartphone-Besitzer bereits daheim im Google- oder Apple-Store herunterladen und durchspielen.

Vielleicht hat man überdies die Gelegenheit, den einen oder anderen historischen Saal zu sehen. Viele wurden in den vergangenen Jahren detailgetreu restauriert und werden nun häufig für Hochzeiten gebucht, darunter der Venussaal, der Affensaal und, besonders originell, der Bilderzyklus "Verkehrte Welt" im Hasenhaus, in dem Hasen menschliche Rollen übernehmen.

Wo die Kohle herkam

Das Schloss Augustusburg konnte der Kurfürst von Sachsen, der übrigens mit dem Habsburger-Kaiser Maximilian II. eng befreundet gewesen war, vor allem dank des Wohlstands durch den erzgebirgischen Bergbau finanzieren. Spannend ist in diesem Zusammenhang eine Weiterfahrt nach Annaberg-Buchholz, das im Prinzip aus zwei voneinander getrennt entstandenen Hügelstädten besteht, eben aus Annaberg und aus Buchholz. Annaberg war die wohlhabendere Stadt und ist aus touristischer Sicht die interessantere.

Gleich mehrere Museen spiegeln die Stadtgeschichte und die regionalen Traditionen wider, wie die Manufaktur der Träume, ein liebevoll eingerichtetes Volkskunst-Museum auf Basis einer gestifteten Privatsammlung, mit historischem Spielzeug und Geduldsflaschen (Miniaturmodelle in Flaschen). Unten im Tal sollte man unbedingt den Frohnauer Hammer sehen. Dieses beeindruckende Hammerwerk einer Schmiede aus dem 19. Jahrhundert wird über den vorbeifließenden Bach über zwei Wasserräder betrieben, die sowohl drei massige Hämmer als auch einen riesigen Blasebalg antreiben. Besonders nahe erfährt man die Essenz der Stadt bei einer Führung durch das Besucherbergwerk "Im Gößner", einem Teil des Erzgebirgischen Museums. Die Stollen unter Annaberg-Buchholz sollen unglaubliche 500 Kilometer lang sein. Ein kleiner Abschnitt wurde für Besucher ausgebaut, die sich mit Helm und wasserabweisendem Umhang einen Einblick in die feuchte Unterwelt verschaffen können. Die Tunnelsysteme folgten den jeweiligen Kupfer-, Zinn- oder Silberadern und verliefen daher nicht immer waagrecht, sondern mitunter so steil, dass von den Bergwerksleuten Holzleitern installiert werden mussten.

Die Stollen waren mitunter so steil, dass man nur über Holzleitern absteigen konnte. 
- © Stephan Burianek

Die Stollen waren mitunter so steil, dass man nur über Holzleitern absteigen konnte.

- © Stephan Burianek

Der Erzabbau gilt schon lange nicht mehr als rentabel, das könnte sich aber bald ändern. Aufgrund des steigenden Werts von Seltenen Erden dürfte auch dem Erzgebirge eine wirtschaftliche Renaissance ins Haus stehen. Unweigerlich erinnert das Bild einer beschaulichen, aber vermeintlich strukturarmen Region an den Besuch im Dresdner Residenzschloss, denn auch dort trügt der Schein: So klein, wie August der Starke dort als Figur nämlich wirkte, war er in Wahrheit gar nicht, denn 1,76 Meter waren damals eine stattliche Körpergröße. Und stärker, als man es ihm dort ansieht, war er offenbar auch – immerhin soll er das Hufeisen, dessen beide Teile man in einer Vitrine sieht, eigenhändig zerbrochen haben, was wir jetzt einfach glauben wollen. Manchmal täuscht der Eindruck. Sachsens touristisches Potenzial ist jedenfalls größer, als es manchmal von außerhalb wahrgenommen wird.

Die Reise wurde finanziell unterstützt durch die Augustusburg/Scharfenstein/Lichtenwalde Schlossbetriebe, die Chemnitzer Wirtschaftsförderungs- und Entwicklungsgesellschaft und dem Tourismusverband Erzgebirge.