1957 überschwemmte der Rio Turia große Teile der Stadt. Die Gemeindeväter beschlossen zunächst, den Fluss umzulenken und anstelle des ursprünglichen Bettes eine Autobahn zu bauen. Doch der spanische Architekten Ricardo Bofill riet von diesem Plan ab und rettete so die Stadt vor einer Verbetonisierung. In dem 100 Hektar großen leeren Flussbett ließ Bofill den "Jardines del Turia" (Flusspark) und den "Palau de la Musica" (Musikpalast) anlegen. 1998 griffen die Stadtväter nochmals tief in die Staatskasse und erteilten dem Architekten Santiago Calatrava den Auftrag für den Bau der "Ciudad de las Artes e las Ciencias" (Stadt der Künste und der Wissenschaften). Dieses spektakuläre Architekturvorhaben kostet die Stadt bis heute noch nicht ganz zurückgezahlte Unsummen. Aber die Investition lohnte sich. Man kann durchaus vom "Valencia-Effekt", ähnlich dem "Bilbao-Effekt", sprechen. Durch diese innovative Architektur erfuhr die Stadt eine wirtschaftliche Wiederbelebung.

Im Zentrum der Macht

Dass Valencia eine reiche Stadt war, zeigen die Prachtbauten der Kirche und der weltlichen Macht. Da wurde nicht gespart an Golddekor, Statuen innen und außen und an Türmen. Der Turm war immer schon ein Symbol der Übermacht. In Valencia liebte und liebt man Türme mehr als anderswo, man ist richtig "turmverliebt". Nicht nur jede Kirche, auch die weltlichen Gebäude müssen einen Turm tragen. Und sei es nur, dass man darin säumige Zahler und Betrüger einsperrte, wie in der "Lonja de la Seda" (Seidenbörse). In diesem gotischen Bau wurde Recht gesprochen und Handel getrieben. Nicht nur Seide, sondern Waren aller Art wurden in der riesigen Säulenhalle dargeboten. Sechzehn fein ziselierte und in sich drehende Säulen steigen zur 16 Meter hohen Decke auf, wo sie sich zu Palmenfächern entfalten. In diesem Wunderwerk der Steinschneidekunst kommt sich der Mensch klein und unbedeutend vor. Im Oberstock wurde Recht gesprochen. Wer nicht zahlte, der musste in den Turm. Die Erbärmlichkeit der armen Sünder wurde außen am Portal durch obszöne Figuren angeprangert.

Im Orangengarten kann sich der Besucher erholen, bevor er sich der Kathedrale, dem Zentrum der kirchlichen Macht, zuwendet. Dort – so schreibt die Chronik – steht in einer eigenen Kapelle der "Heilige Kelch". Man vermutet, dass er aus dem 3. Jahrhundert vor Christus stammt. Der Kelch steht vor einem Goldhintergrund und ist sanft beleuchtet. Der Raum atmet eine strenge Feierlichkeit. Wem danach nach Bewegung ist, der steigt auf den 51 Meter hohen Glockenturm mit den 14 Glocken, die noch händisch geläutet werden. Der Blick über die Stadt erfasst geschätzte hundert andere Türme, die in der Abendsonne golden aufleuchten. Auf der Plaza del Ayuntamiento (Rathausplatz) konkurrieren mehrere Türme in Höhe und Ausgestaltung miteinander: Die beiden des neoklassizistischen Rathauses, der des Justizpalastes und ganz spektakulär der grazile Turm aus Eisen des Post- und Telegrafenamtes. Unberührt von so viel Pracht sitzt ein Valenciano mit seinem Hund in der Mitte der Plaza. Er liest die Zeitung, der Hund studiert die Gegend.

Elegante Formenspiele

Zu den größten Wundern dieser Stadt gehört die Stilsicherheit, mit der Bauten des Jugendstils (Modernismo) und Art Decos neben denen aus der 2. Hälfte des 20. Jahrhunderts errichtet wurden. Voraussetzung dafür ist der Sinn für Charakter. Jeder Bau strahlt, ja brüstet sich förmlich mit seiner Exklusivität. Dazu gehört ein Überfluss an Details, die ein genaues Hinsehen erfordern. Die Detailverliebtheit reicht von der Gestaltung der Fenster und deren Umrahmung über Türme und Türmchen bis hin zu kunsthandwerklich gefertigten Türklopfern, die die Visitenkarte des Hauses bilden.

Detailverliebt und dennoch geradlinig - Valencia kann mit einer Reihe außergewöhnlicher Gebäude aufwarten. 
- © Silvia Matras

Detailverliebt und dennoch geradlinig - Valencia kann mit einer Reihe außergewöhnlicher Gebäude aufwarten.

- © Silvia Matras

Im Nobelbezirk Ensanche demonstriert das wohlhabende Bürgertum eindrucksvoll, was guter Stil bedeutet. Obwohl die Häuser oft bis zu sechs und mehr Stockwerke hoch sind, dazu noch gekrönt von Türmen und Aufbauten, hat man nie das Gefühl von Überfrachtung. Breite Straßen und bequeme Gehsteige sorgen für die nötige Distanz zwischen den Häuserzeilen. Das ganze Viertel könnte so manchem Architekten als Schule des Sehens und Lernens dienen. Keramik, Stein, Marmor und Eisen wurden hier für den Schmuck der Fassaden verwendet. Auffallend ist die artifizielle Verarbeitung des Schmiedeeisens. Straßenlampen, Balkonbrüstungen, Türschilder und Türschnallen zeugen von der gediegenen Handwerkskunst in Valencia.

Calatravas Barock-Beton

Mehrere Brücken führen über den Turiapark auf die andere Seite zur "Stadt der Künste und Wissenschaften". Santiago Calatrava schuf als Gegenentwurf zum Altstadtzentrum eine Stadt des 3. Jahrtausends. Seine Architektursprache ist an sich nicht neu, aber in der Fülle der aneinandergereihten Bauten doch recht spektakulär. Hundertwasser hätte seine Freude gehabt an den riesigen Halbkugeln, den schwingenden Bögen und den vielen Wasserbecken, in denen sich die barocke Formenfülle spiegelt. Nirgendwo eine gerade Linie, die Hundertwasser bekanntlich als gottlos verurteilte.

Auch Antoni Gaudis Einfluss ist nicht zu übersehen: Bunte Keramikfiguren schweben über dem Wasser, in sich versunken, als wären sie nicht von dieser Welt. Im leuchtenden Blau steigt die Keramikkuppel der "Agora" in den Himmel. Ob das halbkugelförmige IMAX-Kino eher einem Auge oder einem leicht geöffneten Haifischmaul gleicht, darüber lässt sich streiten. Anspielungen und Nachahmung der Natur, wie etwa der Palmengarten "Umbrace", sind Bestandteil der Ästhetik Calatravas. Leicht kann diese barock anmutende Formensprache ins Unangemessene kippen, wie das bei der Oper der Fall ist. Man vermisst an diesem Bau die Klarheit. Zu viele Flügel und aufgeschnittene Halbkugeln sind ineinander verkeilt. Das Auge verliert die Orientierung. Erst die Besucher, Valencianos und Touristen, geben diesen hybriden Bauten eine menschliche Dimension.

Das Leben feiern

Wer schert sich um Corona? Depression – ein unbekanntes Wort. Die Valencianos sind Lebenskünstler und Meister im Feiern. Und sei es nur, wenn sie im Mercado Central einkaufen. Eine prächtigere Markthalle als diese findet man so bald nicht. Der Modernismo präsentiert sich hier in voller Üppigkeit: Die Außenfassade lockt die Menschen durch Farben- und Formenpracht an. Geschwungene Glasdächer über den Eingängen verheißen ein Paradies der Genüsse. Im Inneren stützen schlanke, wie Blumenstängel wirkende Eisenträger die riesige Kuppel, durch deren Glasfenster Licht einfällt. Aromen und Farben feiern den Genuss und das Leben. Vom Schinken über Brot in vielen Formen, Fischen und Meeresfrüchten bis hin zu Obst und Gemüse aus den Feldern und Gärten rund um Valencia reicht das üppige Angebot.

Die Markthalle im Jugendstil ist jeden Vormittag

Treffpunkt der Gourmets. 
- © Silvia Matras

Die Markthalle im Jugendstil ist jeden Vormittag
Treffpunkt der Gourmets.

- © Silvia Matras

Nach dem Einkauf gönnt man sich einen Almuerzo (kleines Frühstück) in einer Tapasbar im Inneren oder an einem der Tische im Freien. Aus dem kleinen Frühstück wird übergangslos ein Mittagshappen. Menschen beobachten und da und dort einen kurzen Tratsch abhalten – das ist für die Valencianos die beste Medizin gegen Stress oder Depression.

Zu Frühlingsbeginn geht es in Valencia besonders hoch her. Da feiert man zehn Tage und Nächte das Ende des Winters. Kein Valenciano geht in dieser Zeit schlafen. Rauch, Krach, ohrenbetäubendes Getrommel und Gepfeife erfüllen Gassen und Plätze. Wochen vorher wurde in der ganzen Stadt an "Fallas" gebaut, den übergroßen Figuren aus Pappmaché oder Plastik, die ein aktuelles Thema darstellen und verulken. Am 19. März wählt dann eine Jury die beste Fallas aus, der Rest wird unter Höllenlärm, veritablen Raketen und Knallern auf der Plaza Reina verbrannt. Und wenn nicht gerade der Frühling gefeiert wird, dann gibt es sicher irgendeinen anderen Grund, sich auf der Plaza de la Virgen zu treffen und das Leben hochleben zu lassen. Hier treffen sich Gaukler, Feuerschlucker, Musiker oder Seifenblasenbläser. Dem fröhlichen Treiben schaut Gott Neptun von seinem Brunnenhochsitz gnädig zu.