Was man unter "Craftbeer" versteht, ist hierzulande nicht klar definiert. Wörtlich übersetzt heißt der Begriff so viel wie "handwerklich gebrautes Bier". Die US Brewers Association gibt für eine Craft-Brauerei etwa vor, dass sie nicht mehr als sieben Millionen Hektoliter Bier pro Jahr produzieren darf. Im kleinen Österreich gilt man jedoch bereits ab 500.000 Hektoliter jährlich als Großbrauerei. Daher kann man als "Definition" von Craftbeer hierzulande sagen, dass es eher aus kleineren Brauereien kommt, kreativ ist und aus hochwertigen Zutaten besteht. Außerdem dürfen höchstens 25 Prozent der Brauerei einem Konzern gehören. Entstanden ist das Konzept in den USA. In den 1950ern wurde dort der gesamte Biermarkt von drei riesigen Braukonzernen beherrscht, die alle mehr oder weniger dasselbe massentaugliche Lagerbier brauten. Dies war auf die Prohibition zurückzuführen. So fiel die Zahl der Brauereien in den USA innerhalb von 100 Jahren von 4.131 auf traurige 63 ab. Ab 1978 wurde jedoch auch das Heimbrau-Verbot aufgehoben und Privatpersonen durften ihr Selbstgebrautes verkaufen. Von da an wurde es kreativer am Biermarkt.

Unten oder oben

Grundsätzlich wird bei Bier aufgrund der Hefe zwischen obergärigen (Ale, Weizen, Bockbier oder Porter) und untergärigen (Helles, Lager, Märzen oder Pils) Sorten unterschieden. Hefe wandelt Zucker in Alkohol um. Beim Brauvorgang sinkt sie entweder nach unten (untergärig) oder steigt auf (obergärig). Ersteres funktioniert bei kalten Temperaturen, zweiteres bei warmen. Daher gab es vor der Erfindung von Kühlmaschinen je nach Jahreszeit unterschiedliche Biersorten. Obergärige Biere sind bei Craftbeerbrauern besonders beliebt, da die Kühlung wegfällt, sie eine gewisse Fruchtnote mitbringen und man einiges an Zeit und Lagerkapazität einsparen kann.

Die Qual der Wahl

Wie schmeckt denn nun Craftbeer? Eines vorweg: DAS Craftbeer gibt es nicht. Wer behauptet, kein Craftbeer zu mögen, müsste alle Sorten probiert haben. Weltweit gibt es über 250 Hopfen-, 40 Malz- und 1.000 Hefesorten. Daraus ergibt sich eine riesige Vielfalt an Bieren. Letztendlich kann jede Biersorte, auch ein gängiges Märzen, ein Craftbeer sein, wenn es die oben genannten Kriterien erfüllt. Die bekanntesten Biersorten werden im Folgenden vorgestellt.

Märzen: Ein Märzen ist erfrischend und massentauglich. Der Name kommt daher, dass Bier früher im März stärker eingebraut und in kühlen Felsenkellern gelagert wurde, damit man es im Sommer noch trinken konnte. In Österreich ist der Großteil des verkauften Bieres Märzen. Hierzulande ist es aus historischen Gründen allerdings viel schwächer als in anderen Ländern.

Lager: Bis in das 19. Jahrhundert wurden alle untergärigen Schank- und Vollbiere als Lager bezeichnet. Heute versteht man darunter ein helles, gefälliges Bier mit gutem Trinkfluss. Märzen, Pils und Helles zählen zu den Lagerbieren. Aktuell gefragt ist das Helle, einige Brauereien, etwa Stiegl, erweitern ihr Sortiment dahingehend. Auch das Oktoberfestbier ist ein Helles. Das "Export" ist ebenfalls ein stärker eingebrautes Lager.

Pils/Pilsener: Das Pils ist die beliebteste Biersorte in Deutschland und stärker gehopft als ein Märzen. Es stammt ursprünglich aus dem tschechischen Pilsen. Ansonsten sind sich Pils und Lager relativ ähnlich. In Österreich stellen ebenfalls einige Brauereien ein Pils her, etwa das Trumer Pils.

Weizen: Weizenbier wird mit mindestens 50 Prozent Weizenmalz (statt Gerstenmalz) hergestellt. In Deutschland Weißbier genannt und in Bayern besonders beliebt, ist das Weizen für seine typischen Bananen- und auch Nelkenaromen berühmt, die bei der Gärung entstehen. Bekannt ist etwa das Weihenstephaner Weizen.
Ale: In Großbritannien ist "Ale" ein Synonym für Bier. Ales haben meist weniger bis gar keine Kohlensäure und daher keinen Schaum, dafür mehr Alkohol. Der Geschmack ist meist fruchtig und intensiv. Es gibt verschiedene Arten von Ales wie etwa das Red Ale (rötlich) und das Amber Ale (bernsteinfarben), die bekanntesten sind heute aber Pale Ale und IPA.

Pale Ale: Ein Pale Ale ist ein kupferfärbiges, hopfenbetontes Ale. "Pale" (blass) bezieht sich auf die Verwendung von hellem Malz. Es ist weniger hopfig (also bitter) als ein IPA und somit besser für unerfahrene Gaumen geeignet. Ein bekanntes Pale Ale ist etwa das Stiegl Columbus 1492.

IPA: Diese Abkürzung wird nicht "ipa", sondern "ei-pi-ey" ausgesprochen, also als einzelne englische Buchstaben. Diese stehen für India Pale Ale, die wohl bekannteste und beliebteste Craftbeersorte. Ausgehend vom "normalen" Ale entstand mit mehr Alkohol und Hopfen das India Pale Ale für die Briten in der Kolonie Indien. Bis zu fünf Hopfensorten können in einem IPA miteinander kombiniert werden, meist werden diese auch auf dem Etikett angeführt. IPAs können sehr vielfältig schmecken, etwa nach Zitrus- oder Tropenfrüchten, grasig, blumig oder erdig. Es gibt noch einige Untersorten zu IPA. Das New England IPA (NEIPA) kann auch Hazy IPA genannt werden und ist meist trüber und weniger bitter. Session IPAs sind leichter und haben weniger Alkohol. Imperial IPAs werden auch Double IPAs genannt und sind schnell beschrieben: mehr Hopfen, mehr Malz, mehr Alkohol. American Pale Ales (APA) werden mit amerikanischen Hopfensorten hergestellt. Man könnte bei den IPA-Untersorten noch viele mehr aufzählen, so beliebt sind sie am Craftbeermarkt. Hat man früher Bier getrunken, trinkt man heute Buchstaben.

Zwickl: Auch als Kellerbier bekannt, bezeichnet Zwickl ein ungefiltertes, also trübes Bier. Der Geschmack ist meist süffig, angenehm malzig und das Bier hat eher wenig Kohlensäure. Viele österreichische Brauereien bieten ein Zwickl in hell oder dunkel an, wie etwa die Ottakringer Brauerei.

Sours: Mit dem Begriff Sauerbier werden unterschiedlichste Biere zusammengefasst, die in Österreich jedoch nicht verbreitet sind. Sie geschmacklich verallgemeinernd zu beschreiben, ist unmöglich. Besonders in Belgien sind Sauerbiere beliebt, etwa in den Richtungen Lambic, Kriek oder Gueuze.

Porter: Ein Porter ist ein tiefdunkles, sehr süßes und starkes Bier mit kräftiger Röstmalze. Die Bezeichnung stammt aus England, wo das Bier im 18. Jahrhundert für die schwer arbeitenden Menschen im Hafen ("port") erfunden wurde. In Österreich gibt es nur wenige Porters, etwa von der Hirter Brauerei.

Stout: Das Stout ist dem Porter sehr ähnlich, schmeckt aber etwas würziger, voller und kräftiger. Häufig finden sich in Porter und Stout Aromen von Kaffee, Rauch, Karamell und Schokolade. Der bekannteste Vertreter ist wohl das irische Guinness.

Wit: Ein belgisches Witbier ähnelt dem Weizenbier, es werden jedoch im Brauprozess meist Koriandersamen und Bitterorangen-Schalen zugefügt, die einen spritzigen Geschmack erzeugen. Die bekannteste Witbier-Brauerei ist Hoegaarden in Belgien.

Ob Amber Ale, Stout, IPA, Lager, Weizen oder Zwickl: Bei den vielen existierenden Biersorten ist für (fast) jeden etwas dabei. 
- © John Parry

Ob Amber Ale, Stout, IPA, Lager, Weizen oder Zwickl: Bei den vielen existierenden Biersorten ist für (fast) jeden etwas dabei.

- © John Parry

Ob Bockbiere, Fruchtbiere oder Gewürzbiere – die Liste der Biersorten könnte noch länger fortgeführt werden. Wer Craftbeer verkosten möchte, sollte folgendes beachten: Anders als bei einer Weinverkostung sollte das verkostete Bier wirklich immer runtergeschluckt und nicht ausgespuckt werden. Grund dafür ist das CO2, das dazu führt, dass sich Bier in der Nase anders verhält. Und zum Neutralisieren sollte idealerweise stilles Leitungswasser getrunken werden, da in Mineralwasser Magnesiumsalze enthalten sein können, die in Kombination mit Bier einen bitteren Geschmack hinterlassen.

Biermarkt Österreich

2021 stammten 60 Prozent des in Österreich verkauften Bieres aus Brauereien der Brau Union: Gösser, Puntigamer, Villacher, Schladminger oder Wieselburger, um nur einige der insgesamt 20 zu nennen. Umgerechnet sind das über eine Milliarde Krügerl Bier pro Jahr. Wer zu wem gehört, ist für Konsumierende nicht auf den ersten Blick ersichtlich. Die Brau Union wurde 2003 vom niederländischen Heineken-Konzern gekauft, dem zweitgrößten Brauereikonzern der Welt. Diese Marktmacht hat sich durch die Corona-Pandemie noch verstärkt, da sich die Großbrauereien in den Märkten eine Preisschlacht lieferten, bei der kleinere Brauereien nicht mithalten konnten. Denn leider ist es Fakt, dass durchschnittliche Bierkonsumierende ihr Bier vor allem günstig kaufen wollen.

In der Vergangenheit gab es branchenintern immer wieder Kritik am aggressiven Verhalten der Brau Union. Im April 2022 gab es im Unternehmenssitz in Linz sogar eine Hausdurchsuchung. Der Konzern soll seine marktbeherrschende Stellung genutzt und regionalen Getränkelieferanten gedroht haben, ihnen kein Bier mehr zu verkaufen, wenn nicht auch Wein, Spirituosen und alkoholfreie Getränke von der Brau Union bezogen werden. Das Verfahren läuft. Die Brau Union gab auf Nachfrage der Redaktion an, keine Informationen über den Stand der laufenden Ermittlungen der Bundeswettbewerbsbehörde zu haben. Es gilt die Unschuldsvermutung.

Die Steiermark, ein hartes Pflaster

Einer, der in dieser Preisschlacht letztlich den Kürzeren ziehen musste, ist Vinzenz Fleck aus dem steirischen Frohnleiten. Er ist mit seinem Sohn Michael seit 25 Jahren mit circa 190 Anlagen in 45 Ländern ein weltweit bekannter Brauanlagenbauer. Vor fünf Jahren beschloss man, mit dem "Fleck’s" auch ein eigenes Craftbeer zu brauen. "Schlussendlich war aber unsere Absatzmenge zu klein und die Konkurrenz zu groß", sagt Vinzenz Fleck. Die Pandemie brach dem Brauvorhaben endgültig das Genick. Für Fleck ist Österreich kein Craftbeerland. "In der Steiermark ist es mit Gösser und Puntigamer besonders schwierig. In unserer Gegend wurde man im Gasthaus gefragt ‚Wüst a Bier oder a Fleck’s?‘" Künftig widmen sich die Flecks wieder voll und ganz dem Anlagenbau. Kürzlich haben sie eine Turmbrauerei ("Helix") entwickelt, die man etwa in einem Gastronomiebetrieb mit mehreren Etagen einbauen kann. Die Kombination von Gastronomie und Schaubrauerei sieht Fleck als Zukunft.

Mehr Glück im Süden

Besser ergeht es der Biermanufaktur Loncium. Die Brauerei in Mauthen im Kärntner Gailtal gibt es seit 2007, man ist in zwei Bundesländern bei Spar und Billa (Plus) vertreten. Als größte Schwierigkeiten für kleine (Craftbeer-)Brauereien sieht Geschäftsführer Alois Planner, einen Vertrieb aufzubauen und die hohen Rohstoffkosten: "Bei einem NEIPA wird das 50- bis 100-fache an Hopfen benötigt als bei einem Märzen. Außerdem haben die großen Brauereien teilweise vollautomatisierte Produktionen, so sparen sie Personalkosten. Auch die Flaschen müssen in kleinerer Stückzahl teils doppelt so teuer eingekauft werden." Trotzdem ist Planner der Meinung, dass Craftbeer so salonfähig geworden ist wie Wein.

Revolution der Privatbrauereien

Um dem Monopol der Brau Union etwas entgegenzusetzen, schlossen sich im Herbst 2021 acht private Brauereien zur Initiative "Unabhängige Privatbrauereien Österreichs" zusammen. Sie entwickelten das Siegel "Österreichische Privatbrauerei – 100 % unabhängig", das auf den Flaschenetiketten zu finden ist. "Unsere Sorge ist, dass aufgrund des Monopols der Brau Union die Biervielfalt und -qualität in Österreich leidet und der Preis langfristig ansteigen wird", sagt Ewald Pöschko, Obmann des Vereins und Geschäftsführer der Freistädter Brauerei. "Wir möchten mit unserer Initiative Aufklärung schaffen und die Wertschöpfung des Bieres im Land behalten." Mittlerweile ist die Mitgliederzahl auf starke 38 Brauereien angewachsen, darunter Ottakringer, Loncium, Murauer, Freistädter und Hirter. Anfang Jänner 2023 werden weitere vier Privatbrauereien dazustoßen. "Craftbeer bereichert die Szene und das tut uns allen gut", sagt Pöschko. Gegen die Patentierung von Saatgut, die von Heineken angestrebt wird, um Lizenzgebühren vergeben zu können, hat die Initiative gemeinsam mit "Arche Noah" eine Petition gestartet.