Langsam dreht sich das Riesenrad, das auch in der Mittagssonne in rosablinkenden Neonlichtern erstrahlt. Daneben ist mächtig Betrieb beim Quad-Verleih, ohne jeden Parcours, mit Halligalli ohne Helm durch den kleinen Gebirgsort auf 2.200 Metern. Dahinter eine Pferdekutsche mit Generator, um die gewaltige Sound-Machine an Bord mit Strom zu versorgen, die für ein wenig orientalische Stimmung sorgt. Es ist heiß, auch abends noch, selbst in den Wintermonaten. Kinder sitzen kurzärmelig in plastikblumengeschmückten Kojen auf farbenprächtig dekorierten Kamelen, die bedächtig über den staubigen Parkplatz hinter dem Breezes Cafè von Al-Shafa gezogen werden, Selfies inklusive. Hinter den getönten Panoramascheiben dort ist gut warten auf den milchigen Sonnenuntergang, der durch den Dunst des Tieflandes am Roten Meer herauf ins Bergland wabert.

Irgendwann ruft der Muezzin, und bald sitzen nur mehr Frauen in dem Lokal, weil auch die Kellner und Köche zur Moschee müssen, von der eigenen männlichen Begleitung ganz abgesehen: Mit etwas Glück darf noch fertiggegessen werden, mit weniger Glück heißt es vor dem Eingang warten, bis das Lokal wieder geöffnet wird. Und das kann dauern. Mahlzeiten in Saudi-Arabien wollen gut geplant sein, den Gebetszeiten entsprechend, die je nach Sonnenstand täglich variieren und auf eigenen Websites abrufbar sind – das Land ist 25-mal größer als Österreich und immer noch eine riesige, fremde Welt, die gerade dabei ist, sich zu öffnen: Dabeizusein ist gar nicht einfach, da es aktuelle Reiseführer oder Kartenmaterial bis heute kaum gibt.

Die Al-Shafa Hill Station bei Ta‘if ist jahrein, jahraus ein beliebtes Ausflugsziel für Wochenendgäste aus den Millionenstädten rundum. Die "Stadt der Rosen" liegt im Hedschas-Gebirge, das sich wie ein Rückgrat von Norden nach Süden durch das westliche Saudi-Arabien zieht und die Wüsten am Persischen Golf von den Tiefländern am Roten Meer trennt. Gar nicht weit unterhalb des spektakulären Felsabbruches würde Mekka liegen. Doch die heilige Stadt ist nicht zu sehen, 1.700 Höhenmeter tiefer und rund 90 Kilometer entfernt, und für Nicht-Muslime bis heute Sperrgebiet – die vielspurige Stadtautobahn ab Jeddah hat eine eigene Ausfahrt für Ungläubige, die um den heiligen Bezirk herumführt.

Dahinter geht es über viele Serpentinen nach Ta’if, vorbei an noch mehr Pavianen, die hordenweise auf den Betonbegrenzungen der Gebirgsautobahn sitzen und sich an Säckchen voller Chips und Keksen erfreuen – das hat hier seit Jahrzehnten Tradition, auch ohne Pannenstreifen oder Haltemöglichkeit, vorbei an futuristischen Themenparks und Seilbahnen, die vom Al-Kar Tourist Village hinauf zu nobleren und weniger noblen Resorts in den Bergen führen, die vor allem im arabischen Sommer ein wenig Kühlung versprechen.

Natürliches Gras ist zwar nirgends zu sehen, doch Picknick mit Familie in Bergluft scheint die beliebteste Aktivität für Saudis zu sein – eine Decke ist rasch ausgebreitet, auf Asphalt oder Gestein, und darauf lässt sich‘s gut zusammensitzen und dinieren, stundenlang. Die bizarren Berggipfel rundherum? Namenlos und weglos, keine Markierungen, schon gar keine Gipfelkreuze, warum auch. Keine Sportkletterer oder Paragleiter, keine Joggerinnen mit oder ohne Hund. Auch Mountainbiken oder Motorradfahren will keiner, trotz dramatischer Pass- und Panoramastraßen, vorbei an hunderten Wehrtürmen wie an der Grenze Richtung Jemen.

Einkehr tut gut: einsame Moschee im Hedschasgebirge. 
- © Günter Spreitzhofer

Einkehr tut gut: einsame Moschee im Hedschasgebirge.

- © Günter Spreitzhofer

Sportliche Aktivitäten finden zumeist indoor statt, auch wenn mehr und mehr Kunstrasenplätze im staubigen Nichts entstehen. Davon gibt es genug, staubiges Nichts nämlich: Außerhalb einiger weniger Ballungsräume scheint Saudi-Arabien fast menschenleer, mit faszinierenden Landschaften und gigantischen Projekten für eine touristische Zukunft, die ohne fossile Brennstoffe auskommen wird müssen. Das Königreich braucht dringend neue Einnahmequellen, wenn Öl und Gas den Wohlstand nicht mehr finanzieren können.

Saudi-Arabien empfing 2020, trotz Pandemie, 20 Millionen Gäste und erwirtschaftete 2019 allein im Tourismussektor knapp 18 Milliarden Euro: Dies entspricht 2,9 Prozent des Bruttoinlandsproduktes und etwa elf Prozent aller internationalen Tourismuseinnahmen in Vorderasien. Die königliche "Vision 2030" sieht Tourismus als Motor für den gesellschaftlichen Aufbruch des Landes, in dem Individualreisen für Ausländer überhaupt erst seit 2019 erlaubt sind und die entsprechende Infrastruktur auch für Inländer oft erst geschaffen werden muss.

Vision 2030: Zwischen Gigantomania und Disneyland

Radwege zum Beispiel, die offenbar der letzte raumplanerische Schrei der Architekten des staatlich verordneten neuen Freizeit-Designs sind. In allen neuen Küstenentwicklungsprojekten zwischen Thuwal und Al Lith werden gigantische Promenaden gepflastert und Palmen gesetzt. Strandnahe Siedlungen werden geschliffen, Parkplätze für zigtausende Autos errichtet und breite, asphaltierte Radwege mit Mittellinien ausgeschildert. Bisweilen gibt es auch Radverleih, rosa Damenräder mit Stützrädern hinten – mehr Gag als Fortbewegungsmittel, das als nettes Spielzeug gesehen wird.

Dass in Saudi-Arabien niemand freiwillig Rad fährt oder gar öffentlich schwitzt, liegt nicht nur an der Durchschnittstemperatur, sondern wohl auch ein wenig an der erratischen Fahrweise der SUVs in den Städten, deren Lenker hinter den getönten Scheiben ihrer Luxus-Geländewagen meist verborgen bleiben. Verkehrszeichen und Ampeln sind mehr Anregung und Dekor als ernstzunehmen, trotz Totalüberwachung durch Verkehrskameras, Radarboxen im Kilometertakt und sehr viel Saudi-Polizei, die offenbar Dauerblaulicht für ihr Ego braucht.

Ja, man kann problemlos und ganz legal Leihautos in Saudi-Arabien ausborgen. Ja, auch Frauen dürfen fahren, seit ein paar Jahren, und sie müssen dabei – theoretisch zumindest – nicht einmal mehr ihr Haar bedecken. Und ja, die Straßen sind meist breit und gut, der Sprit kostet 0,56 Euro pro Liter und Parken in KSA (Kingdom of Saudi Arabia) geht zumeist gratis – nicht die einzige Gemeinsamkeit mit den USA, von Burger-Buden und anderem Fastfood ganz abgesehen. Mit öffentlichen Verkehrsmitteln würde man meist auch nicht weit kommen, von ein paar Superschnellzügen zwischen der Hauptstadt Riad und Dammam am Persischen Golf abgesehen, und einigen wenigen Linienbussen, die vor allem Gastarbeiter in die Städte bringen. Doch nein, ohne Navi ist nicht weiterzukommen, es sei denn, arabische Schriftzeichen sind für Sie spontan lesbar – das gilt auch für Geschwindigkeitsbegrenzungen, Märkte, Geschäfte, Apotheken und Hotels, die selten lateinisch beschriftet sind.

Die 7-Millionen-Stadt Riad wächst täglich weiter - und wird immer höher. 
- © Günter Spreitzhofer

Die 7-Millionen-Stadt Riad wächst täglich weiter - und wird immer höher.

- © Günter Spreitzhofer

Aggressiver Dauerstau gehört dazu, nicht nur in der Sieben-Millionen-Stadt Riad, wo am König-Fahd-Boulevard neue futuristische Wolkenkratzer im Monatstakt in die Höhe schießen und der tägliche Baustellenslalom auch Google Maps und Google Translator an ihre Grenzen bringt. Dellen an den Wägen werden sportlich gesehen und gehören offenbar dazu wie Fahren auf Kontakt, was die Autoverleihfirmen am König-Abd-Al-Aziz-Flughafen von Jeddah weniger entspannt sehen als so mancher Türsteher im "Museum der Zivilisationen" von Al-Hasa. Der will um elf Uhr morgens das Shooter-Spiel auf seinem Smartphone fertig spielen, bevor er die ersten Eintrittskarten des Tages verkauft. Al-Hasa mit ihren 2,5 Millionen Palmen ist, laut Guinness Buch der Rekorde, die größte Oase der Welt mit einer jahrtausendelangen Geschichte, doch der Besucherparkplatz für genauso viele Autos ist leer.

Mohammeds Reisegebet ertönt jedenfalls aus dem Autoradio, jedes Mal bei Betätigung der Zündung der saudischen Leihautos: Allahu akbar. Erst danach funktioniert Radio SR, meist der einzig verfügbare englischsprachige Sender, mit einem Mix aus Teenie-Lebensberatung und Aufrufen zum Miteinander in einem neuen Saudi-Arabien. Verkehrsfunk ist nicht vorgesehen.

Jeddah: Das Tor nach Saudiarabien

Jeddah gilt seit Jahrhunderten als Tor zu zwei der drei heiligsten Stätten des Islam und ist mit internationalem Pilgertourismus bestens vertraut: Die Kaaba in Mekka und die Prophetenmoschee in Medina. Mit Kultur- und Freizeittouristen tut man sich noch schwerer, auch wenn die Fünf-Millionen-Stadt am Roten Meer als liberalste des Landes gilt. Es gibt Schanigärten und Eissalons an der 32 Kilometer langen Corniche (Küstenstraße mit Parks), wo allabendlich tausende Familien zum Picknick kommen. Die schwarz-weiße Idylle ist dann magisch beleuchtet vom grellen Neon-Licht der 312 Meter hohen König-Fahd-Fontäne, dem höchsten Springbrunnen der Welt.

Die überwältigende Mehrheit der Frauen trägt weiter schwarzen Hijab oder Niqab, bummelt aber mittlerweile auch ohne männliche Begleitung durch klimatisierte Mega-Shopping-Center, wo ganze Stockwerke für Eislaufplätze und Kinder-Funparks reserviert sind. Wer anarchisch-archaische Souqs (Basare) erwartet, ist im Iran oder Jemen besser aufgehoben. Zwischen elf und fünf ist jedenfalls meist geschlossen, bevor die Rollbalken der Dattelhändler und Goldläden wieder hochgehen – auch im Winter, wenn die Temperaturen weniger drückend heiß sind.

Derzeit wird der denkmalgeschützte Stadtkern von Downtown Jeddah behübscht und zur Bilderbuch-Kulisse für Fine Dining und Upperclass Shopping modelliert – fünf Milliarden US-Dollar für fünf Quadratkilometer. In Diriyah, der historischen Altstadt von Riad, ist es nicht anders – die magische Lehmziegelstadt mit Unesco-Status ist seit 2018 eine Riesenbaustelle: Betreten verboten, sorry, bis hippe Resorts und Museen fertig sind, was schon Ende 2021 hätte sein sollen.

Der Sonnenuntergang lockt viele Saudis an den Strand von Yanbu. 
- © Günter Spreitzhofer

Der Sonnenuntergang lockt viele Saudis an den Strand von Yanbu.

- © Günter Spreitzhofer

Yanbu, eine Küstenstadt weiter im Norden, hat den Eingriff in ihr historisches Gesicht schon hinter sich und ist stolz auf seinen neuen Nachtmarkt, wo sich Urlauber aus Bahrain und Dubai ein Stelldichein geben. Wer es weniger schick, aber mit mehr Sonnenuntergangs-Romantik mag, betreibt Beach-Drive-In oder sieht zumindest staunend zu, was sich jeden Abend am Roten Meer rund um die Stadt abspielt: Tausende Saudis fahren mit ihren Wagen bis direkt zum Ufer, machen Picknick und warten auf die glutroten Sonnenuntergänge, die so sicher kommen wie dunkelblaue Polizeipatrouillen mit rot-blauem Signallicht und Fernglas. Die saudische Monarchie legt Wert auf Zucht und Ordnung: Alkoholische Sundowner sind tabu, entblößte Körperteile ebenso. Selbst Männer gehen sehr oft mit T-Shirt ins Wasser, und Frauen können dabei nur vollbekleidet zusehen. Shorts tragen nur Kinder.

Weltkulturerbe und Hedschas-Bahn

Saudi-Arabien ist ein Kulturland mit langer Tradition. Die Nabatäer-Grabstädte im Norden, in direkter Tradition der legendären jordanischen Ruinenstätte von Petra, werden derzeit zu Touristen-Hotspots ausgebaut. Hegra etwa, 20 Kilometer nördlich von AlUla, liegt an der Weihrauchstraße und ist erstes Unesco-Weltkulturerbe Saudi-Arabiens. Mittlerweile sind fast alle Sights dort rundum blickdicht eingezäunt und nur mehr mittels online gebuchter Touren zugänglich, die oft über Wochen ausgebucht sind. Doch Visitor Centre oder Souvenirshops gibt es immer noch keine, bloß eine schicke Flaniermeile in der Lehmstadt Alt-AlUla, die ohne Tawakallna – die offizielle Covid-Tracing-App des Landes – nicht betreten werden darf.

Andere historische Stätten hat sich der Wüstensand längst zurückgeholt, wie die meisten der verfallenen Bahnstationen der Hedschas-Bahn, die – 1908 eröffnet – in osmanischen Zeiten Damaskus und Mekka verbinden sollte. Über Medina ist sie nicht hinausgekommen: Die Wirren des Ersten Weltkriegs haben das gewaltige Bahnprojekt, das über 1.000 Kilometer Länge aufweisen sollte, bald beendet – auch unter Mithilfe von Laurence von Arabien, wie es heißt. Mehr als gelegentliche Ruinen und rostige, entgleiste Waggons sind selten zu finden. Information dazu gibt es keine, denn das offizielle Saudi-Arabien liebt neuen Glanz und Glitter mehr als alte Scherben und Rost.

Bloß in Mada‘in Saleh, 400 Kilometer nördlich von Medina und Teil des Hegra-Areals, wurde ein Eisenbahnmuseum eingerichtet – dort stehen neue, im Kolonialstil gehaltene Replicas der ursprünglichen Bahnhofsgebäude und eine importierte alte Zugsgarnitur mit einer Dampflok, die nie auf arabischen Schienen gefahren ist, dafür aber makellos frisch gestrichen ist.
Es gibt viel zu wundern im Wüstenwunderland, das so gerne ein Touristenziel werden will.